Polizei als Zielscheibe: Die Drohungen der Drogengangs

Waffen, die auf Polizisten zielen: Auch soziale Netzwerke sind Schauplatz des Drogenkriegs. Auf Whatsapp, Facebook & Twitter narren die brasilianischen Gangs die Polizei. 

Waffen im Anschlag, gerichtet auf die Rücken von zwei Polizisten, die auf Motorrädern an einer roten Ampel stehen: Auf Whatsapp und Facebook zirkuliert ein Foto, auf dem drei Kriminelle ihre Macht demonstrieren. Es ist nur ein Symbolbild, doch es zeigt, wie verletzlich die Sicherheitskräfte in Rio de Janeiro jederzeit sind. Aufgenommen wurde das Foto in der Straße Rua Estácio de Sáo, in der Nähe einer Favela, im Norden von Rio.

Der Drogenkrieg ist längst auch digital, soziale Netzwerke machen die Gewalt der Gangs in Brasilien sichtbar, wie Julia auch für Spiegel Online analysiert hatte:

“Es sind grauenvolle Szenen, die aus Brasilien durch die sozialen Netzwerke zirkulieren. Bilder von Mord und Totschlag, die alltägliche Realität sind in den Armenvierteln, dort, wo Drogenbanden herrschen und ein eigenes Rechtssystem geschaffen haben. Lange galt: Was in der Favela geschieht, bleibt in der Favela. Doch dank Handys und sozialen Medien wird jetzt sichtbar, welche Gewaltherrschaft die Drogengangs ausüben.”

Immer wieder machen sich die Gangs über die Hilflosigkeit der Polizei lustig: Nehmen Fotos auf, in denen sie patrouillierenden Sicherheitskräften den Mittelfinger zeigen. Im Februar diesen Jahres filmten sich junge Männer dabei, wie sie bewaffnet in einem Auto an einem Quartier der Militärpolizei vorbeifuhren und dabei Beleidigungen brüllen, die Waffen zeigen. “Du wirst eine Kugel abbekommen, Scheisspolizist”, ruft einer der Jugendlichen in die Kamera. “Du wirst sterben, Hurensohn.”

Den Drohungen folgen Taten. In Rio de Janeiro sind allein in diesem Jahr mehr als 50 Polizisten gestorben, immer wieder werden Sicherheitskräfte angeschossen.

Zertrümmerte Einrichtung: Megaoperation im Complexo do Alemão

Mit einer Megarazzia sind die brasilianischen Sicherheitskräfte am Mittwoch gegen die Drogengang im Complexo do Alemão vorgegangen. 300 Polizisten und 150 Militärs sollten im Rahmen der „Operacão Germania” per Haftbefehl gesuchte Kriminelle aus den Favelas des Complexo do Alemão festnehmen.

Seit August vergangenen Jahres hatten Polizisten die Favelas infiltriert, und per Videoüberwachung Aktivitäten der Mitglieder der Drogengang gefilmt. Auch mehrere Führungsmitglieder des Comando Vermelho, der im Alemão dominierenden Drogengang, waren so identifiziert worden. Zehn Kriminelle wurden bei der Razzia festgenommen.

Nach den andauernden Schießereien in den vergangenen Tagen brachte die Mega-Operation aber auch erneut Aufruhr in die Favelas. Bei der Aktion haben die Sicherheitskräfte Whatsapp-Beschwerden zufolge auch mindestens ein Haus verwüstet: Ein Favelabewohner postete ein Foto von seiner Wohnung nach der Razzia, in der die Möbel zertrümmert waren und die Gegenstände chaotisch herumliegen. “Ich bin Arbeiterin und zahle meine Rechnungen jeden Tag – ich habe das nicht verdient”, beschwerte sich die Bewohnerin. “In der Südzone wäre die Polizei niemals so vorgegangen”, kommentierte ein anderer Favelabewohner.

Olympiade der digitalen Blockaden: Whatsapp-Crackdowns in Brasilien

Brasilien ist inzwischen weltweit bekannt für das ungewöhnlich harte Vorgehen gegen den Messenger-Dienst Whatsapp – schon zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten  wurde Whatsapp in Brasilien landesweit gesperrt. Schlagartig waren hundert Millionen Brasilianer, etwa die Hälfte der brasilianischen Gesamtbevölkerung, auf „ZapZap“-Entzug.

Foto: BuzzingCities

Auf richterliche Anweisung hin mussten brasilianische Telekommunikationsfirmen den Dienst ab 14 Uhr am vergangenen Montag blockieren. Mit den Crackdowns sollte das Tochterunternehmen von Facebook gezwungen werden Nutzerdaten herauszugeben, die als Beweismaterial in einem Drogenhandels-Verfahren dienen sollen. Um den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen, war im März 2016 sogar der für Lateinamerika zuständige Facebook Manager Diego Dzodan festgenommen worden.

WhatsApp entgegnete in einer Stellungnahme, dass das Unternehmen bereits innerhalb seiner Möglichkeiten vollständig kooperiert habe — und dass ständig die Herausgabe von Daten gefordert werde würde, über die das Unternehmen gar nicht verfüge.

Am Dienstag wurde die für 72-Stunden anberaumte Sperre dann von einem anderen Richter wieder aufgehoben. Die Brasilianer machten sich zwar mit Memes über die Whatsapp-Sperre lustig, viele wichen auch auf den Alternativdienstleister Telegram aus, der sich erneut über mehr als eine Million brasilianische Neukunden freien durfte, oder griffen auf VPN-Dienste zurück.

Dennoch zeigen die wiederholten Sperren, wie schnell ein ganzes Land top-down von einem zentralen Kommunikationsdienst abgeschnitten werden kann. Zahlreiche Unternehmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen über Whatsapp vermarkten, trafen die Verdienstausfälle hart. Über WhatsApp informieren sich normalerweise auch Favelabewohner über aktuelle Schießereien — Informationen, die lebenswichtig sein können. Ein wirklich dezentraler Dienst, der sich nicht so leicht sperren lässt, hat sich in Brasilien trotz der Crackdowns noch nicht als Mainstream durchgesetzt. Vielleicht könnte das aber zumindest ein positiver Nebeneffekt der brasilianischen Blockaden sein, wenn diese weiter anhalten sollten.

Landesweite WhatsApp-Blockade: Warum die Sperre für Brasilien wichtig war

Foto: WhatsApp Press Image

Foto: WhatsApp Press Image

48 Stunden ohne WhatsApp: Als die landesweite Blockade des Messenger-Dienstes in Brasilien angekündigt wurde, war sie in den sozialen Netzwerken sofort das wichtigste Thema: „Ich frage mich, wieviele Menschen jetzt Selbstmord begehen“, schrieb ein Brasilianer aus einer Favela in Rio. “Lasst uns für WhatsApp beten”, twitterte ein anderer Nutzer. Mit Hashtags wie #eusemwhatsapp (“Ich ohne WhatsApp) und #nessas48euvou (“In den nächsten 48 Stunden werde ich…”) entwarf die brasilianische Netzgemeinschaft ihr Leben ohne den Messenger.

Ein Leben ohne WhatsApp war für viele Brasilianer bisher unvorstellbar. WhatsApp ist in Brasilien der meistgenutzte Messengerdienst. 93 Millionen Menschen kommunizieren in Brasilien über den Messenger. Auch in Rios Favelas hat sich “ZapZap” bei vielen als zentraler Kommunikationskanal durchgesetzt, um mit Freunden zu chatten – als kostenlose Alternative zur klassischen SMS.

# Die Blockade hat auch Brasilianern, die sich nicht für Netzpolitik interessieren, begreifbar gemacht, was passiert, wenn ein Staat einen wichtigen Kommunikationsdienst einfach abstellen kann.

Die Nutzer wurden erst kurz vor der Sperrung informiert. Brasilianische Telekommunikationsunternehmen wie Oi, TIM, Vivo und Claro wurden angewiesen, den Zugang zu WhatsApp zu blockieren. Die drastische Maßnahme sollte den Dienst zur Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden und der Herausgabe von Daten zwingen. WhatsApp war einem Gerichtsbeschluss vom 23. Juli nicht nachgekommen, der das Unternehmen dazu aufforderte, die Kommunikationsdaten eines Mitgliedes des PCC, einer der großen kriminellen Organisationen Brasiliens, herauszugeben. Internetaktivisten und netzpolitische Organisationen kritisierten die Sperre als überzogen und als Angriff auf das freie Internet. Auch der Richter, der die Blockade nach 14 Stunden wieder aufhob, folgte dieser Argumentation: Die Maßnahme sei unverhältnismäßig, da sie Millionen von Nutzern treffe. Immerhin: So wurde auch Millionen von Nutzern anschaulich demonstriert, welche Wirkung der staatliche Zugriff auf zentralisierte Dienste haben kann.

# Brasilien verfolgt in punkto Netzpolitik einen harten Kurs: Anonymität und Datenschutz werden kriminalisiert — die Blockade könnte die netzpolitische Debatten in Brasilien fördern.

Die Hardliner-Politik gegen WhatsApp ist in Brasilien kein Einzelfall: Bereits im Februar hatte ein Richter eine landesweite Blockade angeordnet. Damals wurde die Blockade jedoch noch gerichtlich verhindert und in der Berufung zurückgewiesen. Damals ging es um die Herausgabe von Daten in Zusammenhang mit einem Pädophilie-Fall. Brasilien hat einerseits mit dem Marco Civil die „erste Internetverfassung der Welt“ (https://netzpolitik.org/2014/marco-civil-da-internet-die-erste-internet-verfassung-der-welt-halt-viele-tolle-sachen-aber-auch-schlechte/) verabschiedet, an der zivilgesellschaftliche Organisationen mitgewirkt haben — doch in den vergangenen Jahren hat sich auch der Trend zu stärkerer Überwachung und digitalen Kontrolle durchgesetzt. Brasilianer, die sich auf Facebook für die Sozialproteste engagierten, wurden ausspioniert, Anonymität und Datenschutz wird in der öffentlichen Debatte immer wieder kriminalisiert. Die brasilianischen Behörden gingen 2014 auch gegen die Geheimnis-App “Secret” vor, die anonyme Nachrichten erlaubt. Die Staatsanwaltschaft hielt sie für verfassungswidrig, da sie auch Mobbing erlaube – und veranlasste die Verbannung der App und die nachträgliche Löschung von den Geräten der Nutzer.

# Es kann ein Leben ohne WhatsApp geben: Die Blockade hat Messenger-Alternativen und Kommunikationssicherheit beworben.

Die WhatsApp-Sperre hat Millionen Nutzer gezwungen, sich mit Alternativen zu WhatsApp auseinanderzusetzen. Der größte Profiteur: der rivalisierende Messenger-Dienst Telegram, der 5 Millionen neue Nutzer gewonnen hat. In sozialen Netzwerken, aber auch in den brasilianischen Medien zirkulierten auch Anleitungen, wie sich die Blockade mit VPN-Diensten umgehen lassen.

Selbst wenn Millionen jetzt wie gewohnt zu ihrem Lieblings-Messenger zurückkehren sollen, war die Sperre also ein Einblick in die Abgründe netzpolitischer Entscheidungen — aber auch ein Crashkurs, der zeigt, warum dezentrale Open-Source-Alternativen und Tools wie VPN sinnvoll sind.

Mögliches WhatsApp-Ende schockiert Brasilien

Wenig hat in Brasilien eine vergleichbare Panik ausgelöst wie die Ankündigung, den Messenger WhatsApp zu blockieren. Zur Freude alternativer Angebote: Konkurrenzprogramme wie „Telegram“ oder „Viber“ boomten mit Millionendownloads.

Bei den kommunikationsfreudigen Brasilianern schlug die Nachricht über die potentielle Schließung des Nachrichtendienstes WhatsApp ein wie eine digitale Bombe. Auf sozialen Netzwerken überschlugen sich Entsetzen, Chaos und die Kommentare, wie man seine Hunderten Kontakte, Nachrichten und Bilder sichern sollte, wie schnell ein solches Verbot eintreten könnte.

WhatsApp vor dem Aus? (Screenshot WhatsApp)

WhatsApp vor dem Aus? (Screenshot WhatsApp)

Grund für dieses digitale Lauffeuer ist die Ankündigung des brasilianischen Richters Luiz de Moura Correia, WhatsApp in Brasilien zu blockieren. Der Richter aus dem Nordosten Brasiliens war mit dem Dienst unzufrieden. Wiederholt hatten die Behörden im Bundesstaat Piauí Kooperation bei Verfahren gegen Kriminelle gefordert. WhatsApp hatte aber auf die Anfragen nicht zufriedenstellend reagiert und das geforderte Beweismaterial nicht zugänglich gemacht. Weil das Unternehmen keinen Sitz in Brasilien habe, sehe es sich nicht dazu verpflichtet, mit der Polizei zu kooperieren, so der Richter.

 Zurück zum “Telegram”

Bei den Nutzern schlug die Panik bald in Humor um: „Telegram“ wurde zum neuen Codewort. Denn der Messenger profitierte von der WhatsApp-Angst: Innerhalb von 24 Stunden stieg der Download des Dienstes in Brasilien auf 2, 5 Millionen. Dieser Boom führte zeitweise zu einem kleinen Kollaps des Systems.

Leichter hatte es „Viber“, ein Nachrichtendienst, der in Brasilien schon zahlreiche Nutzer hat. Er konnte „Telegram“ mit 3,5 Millionen Downloads noch toppen  Continue reading