BuzzingCities Lab im RadioEins Medienmagazin: Polarisierte Gesellschaft und digitaler Schlagabtausch

Ein Präsidentschaftskandidat, der sich mit Livestreams an die Bevölkerung wendet, Desinformationskampagnen auf WhatsApp und ein zerrissenes Land. Der Wahlkampf 2018 hat Brasilien gespalten – das Radioeins Medienmagazin hatte uns über den Wahlkampf interviewt.

Der Podcast der Sendung ist jetzt online nachzuhören.

Brasilien

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BuzzingCities Lab bei Breitband: Eine neue Netzöffentlichkeit in Brasilien?

Jair Bolsonaro kündigte „Säuberungen“ für den Fall seines Wahlsieges an. Nun hat er die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Bringt er jetzt auch die Kritik in sozialen Netzwerken zum Schweigen? Breitband vom Deutschlandfunk Kultur hat uns zum Onlinewahlkampf, der Rolle von Whatsapp und der Zukunft der digitalen Öffentlichkeit in Brasilien interviewt.

Breitband

Der neue brasilianische Präsident Jair Bolsonaro ist ein Politiker, dessen Positionen man durchaus als rechtsradikal beschreiben kann. So verhalf ihm vor allem sein Onlinewahlkampf zum Erfolg: Hetze, Fake News und gezielte Online-Attacken wurden vor allem auf Whatsapp zu viralen Kampagnen. Für den zu Facebook gehörenden Messenger ist Brasilien einer der größten Märkte weltweit, rund 120 Millionen Menschen nutzen den Dienst. Gleichzeitig ist das Vertrauen in traditionelle Medieninstitutionen zutiefst erschüttert.

Wie wird sich nach der Wahl die Medien- und Netzöffentlichkeit in Brasilien verändern? Werden Falschmeldungen und Kampagnen gegen politische Gegner weiter zunehmen oder bilden sich neue zivilgesellschaftliche und netzpolitische Initiativen heraus?

Die Breitband-Sendung kann hier online nachgehört werden. 

Wahlen in Brasilien: 57 % für Bolsonaro vs. 43 % Haddad

Das Meinungsforschungsinstitut Ibope hat neue Daten zur Wahlabsicht für die entscheidende Stichwahl für das Präsidentschaftsamt am 28. Oktober veröffentlicht.

Der Trend hat sich nur leicht verändert, der Rechtspopulist Bolsonaro liegt immer noch vorn. 57 Prozent Bolsonaro der Befragten würden Bolsonaro wählen und nur 43 Prozent seinen Rivalen Fernando Haddad von der linksgerichteten Arbeiterpartei PT.

Bolsonaro haben auch die Skandale der letzten Tage nicht geschadet – im Gegenteil. Seine Anhänger verteidigen ihn nur noch vehementer und bezeichnen jeden Vorwurf als “Fakenews”. So ermitteln Wahlbehörde und Polizei aktuell wegen möglicher Wahlmanipulation, weil Bolsonaro-Anhänger Whatsapp massenhaft mit gekauften Pro-Bolsonaro-Propaganda geflutet haben. Auch Bolsonaros Sohn Eduardo hatte eine Skandal ausgelöst, als er sagte, es genüge “ein Unteroffizier und ein Soldat”, um die Wahlbehörde STF zu schließen. Er sei noch jung und habe einen Fehler gemacht, verteidigte ihn sein Vater.

Bolsonaro (Screenshot Youtube)

Bolsonaro (Screenshot Youtube)

Polizei als Zielscheibe: Die Drohungen der Drogengangs

Waffen, die auf Polizisten zielen: Auch soziale Netzwerke sind Schauplatz des Drogenkriegs. Auf Whatsapp, Facebook & Twitter narren die brasilianischen Gangs die Polizei. 

Waffen im Anschlag, gerichtet auf die Rücken von zwei Polizisten, die auf Motorrädern an einer roten Ampel stehen: Auf Whatsapp und Facebook zirkuliert ein Foto, auf dem drei Kriminelle ihre Macht demonstrieren. Es ist nur ein Symbolbild, doch es zeigt, wie verletzlich die Sicherheitskräfte in Rio de Janeiro jederzeit sind. Aufgenommen wurde das Foto in der Straße Rua Estácio de Sáo, in der Nähe einer Favela, im Norden von Rio.

Der Drogenkrieg ist längst auch digital, soziale Netzwerke machen die Gewalt der Gangs in Brasilien sichtbar, wie Julia auch für Spiegel Online analysiert hatte:

“Es sind grauenvolle Szenen, die aus Brasilien durch die sozialen Netzwerke zirkulieren. Bilder von Mord und Totschlag, die alltägliche Realität sind in den Armenvierteln, dort, wo Drogenbanden herrschen und ein eigenes Rechtssystem geschaffen haben. Lange galt: Was in der Favela geschieht, bleibt in der Favela. Doch dank Handys und sozialen Medien wird jetzt sichtbar, welche Gewaltherrschaft die Drogengangs ausüben.”

Immer wieder machen sich die Gangs über die Hilflosigkeit der Polizei lustig: Nehmen Fotos auf, in denen sie patrouillierenden Sicherheitskräften den Mittelfinger zeigen. Im Februar diesen Jahres filmten sich junge Männer dabei, wie sie bewaffnet in einem Auto an einem Quartier der Militärpolizei vorbeifuhren und dabei Beleidigungen brüllen, die Waffen zeigen. “Du wirst eine Kugel abbekommen, Scheisspolizist”, ruft einer der Jugendlichen in die Kamera. “Du wirst sterben, Hurensohn.”

Den Drohungen folgen Taten. In Rio de Janeiro sind allein in diesem Jahr mehr als 50 Polizisten gestorben, immer wieder werden Sicherheitskräfte angeschossen.

Zertrümmerte Einrichtung: Megaoperation im Complexo do Alemão

Mit einer Megarazzia sind die brasilianischen Sicherheitskräfte am Mittwoch gegen die Drogengang im Complexo do Alemão vorgegangen. 300 Polizisten und 150 Militärs sollten im Rahmen der „Operacão Germania” per Haftbefehl gesuchte Kriminelle aus den Favelas des Complexo do Alemão festnehmen.

Seit August vergangenen Jahres hatten Polizisten die Favelas infiltriert, und per Videoüberwachung Aktivitäten der Mitglieder der Drogengang gefilmt. Auch mehrere Führungsmitglieder des Comando Vermelho, der im Alemão dominierenden Drogengang, waren so identifiziert worden. Zehn Kriminelle wurden bei der Razzia festgenommen.

Nach den andauernden Schießereien in den vergangenen Tagen brachte die Mega-Operation aber auch erneut Aufruhr in die Favelas. Bei der Aktion haben die Sicherheitskräfte Whatsapp-Beschwerden zufolge auch mindestens ein Haus verwüstet: Ein Favelabewohner postete ein Foto von seiner Wohnung nach der Razzia, in der die Möbel zertrümmert waren und die Gegenstände chaotisch herumliegen. “Ich bin Arbeiterin und zahle meine Rechnungen jeden Tag – ich habe das nicht verdient”, beschwerte sich die Bewohnerin. “In der Südzone wäre die Polizei niemals so vorgegangen”, kommentierte ein anderer Favelabewohner.

Olympiade der digitalen Blockaden: Whatsapp-Crackdowns in Brasilien

Brasilien ist inzwischen weltweit bekannt für das ungewöhnlich harte Vorgehen gegen den Messenger-Dienst Whatsapp – schon zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten  wurde Whatsapp in Brasilien landesweit gesperrt. Schlagartig waren hundert Millionen Brasilianer, etwa die Hälfte der brasilianischen Gesamtbevölkerung, auf „ZapZap“-Entzug.

Foto: BuzzingCities

Auf richterliche Anweisung hin mussten brasilianische Telekommunikationsfirmen den Dienst ab 14 Uhr am vergangenen Montag blockieren. Mit den Crackdowns sollte das Tochterunternehmen von Facebook gezwungen werden Nutzerdaten herauszugeben, die als Beweismaterial in einem Drogenhandels-Verfahren dienen sollen. Um den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen, war im März 2016 sogar der für Lateinamerika zuständige Facebook Manager Diego Dzodan festgenommen worden.

WhatsApp entgegnete in einer Stellungnahme, dass das Unternehmen bereits innerhalb seiner Möglichkeiten vollständig kooperiert habe — und dass ständig die Herausgabe von Daten gefordert werde würde, über die das Unternehmen gar nicht verfüge.

Am Dienstag wurde die für 72-Stunden anberaumte Sperre dann von einem anderen Richter wieder aufgehoben. Die Brasilianer machten sich zwar mit Memes über die Whatsapp-Sperre lustig, viele wichen auch auf den Alternativdienstleister Telegram aus, der sich erneut über mehr als eine Million brasilianische Neukunden freien durfte, oder griffen auf VPN-Dienste zurück.

Dennoch zeigen die wiederholten Sperren, wie schnell ein ganzes Land top-down von einem zentralen Kommunikationsdienst abgeschnitten werden kann. Zahlreiche Unternehmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen über Whatsapp vermarkten, trafen die Verdienstausfälle hart. Über WhatsApp informieren sich normalerweise auch Favelabewohner über aktuelle Schießereien — Informationen, die lebenswichtig sein können. Ein wirklich dezentraler Dienst, der sich nicht so leicht sperren lässt, hat sich in Brasilien trotz der Crackdowns noch nicht als Mainstream durchgesetzt. Vielleicht könnte das aber zumindest ein positiver Nebeneffekt der brasilianischen Blockaden sein, wenn diese weiter anhalten sollten.