Warum Wahl-Selfies den Milizen helfen

Fotos aus der Wahlkabine sind in Brasilien verboten – doch das kümmert Brasilianer kaum. Dass es kaum Kontrollen gibt, führt zur massenhaften Verbreitung von Wahl-Selfies in sozialen Netzwerken, hilft aber auch Kriminellen, die mit Stimmen handeln.

Celso Athayde, ein Unternehmer, der aus einer Favela in Rio kommt, hat seine Stimmabgabe bei den Präsidentschaftswahlen fotografiert: als Beweis, dass die Foto-Kontrolle bei der Wahl nicht durchgesetzt wird.

“Jeder kann seine Stimmabgabe fotografieren oder filmen. Es ist also offensichtlich, dass die Wahlfreiheit und die Demokratie gefährdet sind.”
(Celso Athayde auf Twitter)

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Das Problem: Milizen und andere kriminelle Gruppen versuchen in Brasilien die Abstimmungen zu beeinflussen und bedrohen in den Favelas Wähler oder entlohnen sie finanziell, damit diese für die Wunschkandidaten der kriminellen Organisationen abstimmen.

Die Fotos aus der Wahlkabine, die sie sich von den Wählern schicken lassen, dienen auch ihnen als Beweis, dass die Strohpuppen-Wähler nach Anweisung abgestimmt haben. Wahlgeheimnis und Wahlfreiheit werden so ausgehebelt.

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Wahltag in der Favela Rocinha: Werbung bis zur letzten Minute

Handzettel, Flaggen und Plakate: Die ganze Favela Rocinha war voller Wahlwerbung, obwohl politische Kampagnen am Wahltag verboten sind. Politiker und Kampagnenhelfer haben versucht, Wechselwähler bis zum letztem Moment zu überzeugen.

Wahlhelfer standen auf der Brücke zur Rocinha und haben aggressiv Werbung für Kandidaten gemacht: “Wir stehen quasi mit einem Fuß im Gefängnis”, so ein Helfer eines Wahlkampfteams. Dass die Praxis illegal ist, störte allerdings keinen. Die Polizeipräsenz war ohnehin minimal – in der größten Favela von Rio sind die Drogengangs längst wieder die eigentliche Macht, die Polizei zieht sich zunehmend zurück. Gerade einmal eine Handvoll von Polizisten sicherte zentrale Punkte in der größten Favela von Rio.

Die Schlangen zur Abstimmung waren auch in der Rocinha lang. Die Präsidentschaftswahlen zerreissen nicht nur das Land – sondern auch Familien und Paare aus der Favela. Eine junge Frau, deren Freund Bolsonaro gewählt hat, hat aus Protest eine ungültige Stimme abgegeben. Ihre Lösung für den privaten Frieden: “Wir diskutieren nicht über Politik.”

Auch Wähler aus der Favela haben für Bolsonaro gestimmt, obwohl er nicht die Interessen der Armen verfolgt – sie wollen daran glauben, dass der rechte Hardliner durchgreifen, für Sicherheit sorgen wird und setzen wie er auf traditionelle Werte. Andere haben Bolsonaro aus Protest gewählt, weil sie der Arbeiterpartei PT misstrauen.

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Wahltag in Rio, Gewalt in Rios Favelas

Auch in Rio de Janeiros Favelas mobilisieren junge Leute für Kandidaten oder unterstützen die Wahlen als Freiwillige. Doch von dem Glauben, dass auch auf die Armen im Land eine bessere Zukunft wartet, ist Post-Olympia nicht viel geblieben – und Schießereien und Polizeioperationen sind gerade in Rios großen Favelas wieder zum Alltag geworden.

Die Fotos von Bruno Itan, einem jungen Fotografen aus einer Favela im Complexo do Alemão in der Nordzone von Rio de Janeiro dokumentieren die Spuren von Schießereien. Auch am Wahltag waren frühmorgens im Complexo do Alemão wieder die Spezialeinheit BOPE und Militärs unterwegs.

Die Wahlurnen mussten mit Militärs und Polizei als Bodyguards in Rio de Janeiros Favelas eskortiert werden, um Urnenraub oder Blockaden zu gewährleisten. Die Stimmen der Favelabewohner haben Gewicht – denn Millionen von Menschen in Brasilien wohnen in Armensiedlungen, allein in Rio sind es 1,7 Millionen.

Zu seinen Fotos zitiert Bruno Itan einen Songtext der Band Legião Urbana:

“Nas favelas, no Senado, Sujeira pra todo lado. Ninguém respeita a Constituição. Mas todos acreditam no futuro da nação. Que país é esse?”

(In den Favelas, im Senat, überall Schweinereien. Keiner akzeptiert die Verfassung. Aber alle vertrauen auf die Zukunft der Nation. Was ist das für ein Land?”

Songtext Legião Urbana

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Live aus der Favela: Best of 2014

Fußball, Proteste, Schießereien, Wahlen: Beste, schönste und schwierigste Momente aus den Favelas von Rio de Janeiro im Jahr der Fußball-WM.

Der beste Moment

Fast hätten wir das WM-Finale verpasst. Rund um das Maracanã-Stadion war die ganze Stadt gesperrt und wir steckten stundenlang im Verkehr fest, und konnten das Jubeln und Gröhlen im Stadion nur im Radio verfolgen. Irgendwie haben wir es doch noch in die Favela Mangueira geschafft, und mit den Favelabewohnern gefeiert – mit Blick von oben auf das Maracanã-Stadion.

(Fotos: BuzzingCities)

WM-Finale: Feiern mit den Bewohnern der Favela Mangueira (Fotos: BuzzingCities)

Der Tiefpunkt

Ein loses Rohr, zuviel zu Tragen, ein falscher Tritt, und schon kann alles vorbei sein. Julia ist in Brasilien gestürzt und musste sich dann erstmal zwei Monate im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem irgendwie positiv: Der Perspektivenwechsel, durch den wir verdammt viel lernen konnten – auch wie weit es noch bis zur Barrierefreiheit ist.

Most scary moment

Marode Stromleitungen als explosive Mischung: Auf einmal brannten die Stromknäuel auf der Straße, die zu unserer Wohnung hinaufführt, und brachen auf die Straße hinunter. Auch Mülltonnen schmolzen im Feuer – und niemand wusste, wie weit sich das Feuer über die Leitungen ausbreiten würde.

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Wenn es in der Favela brennt, muss die Feuerwehr sich aber erst durch den Stau auf der Hauptstraße schlängeln – immerhin wurde dann der Kabelsalat an der Brandstelle Stunden später von Elektrikern notdürftig zusammengeflickt. Verletzt wurde niemand, nur ein WM-Spiel verpassten die Bewohner von Laboriaux oben auf dem Berg bei dem Stromausfall.

Der stressigste Moment

Noch nie war eine Wahl selbst bis kurz vor Ende so knapp wie in diesem Herbst bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen. Erst stürzte der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat mit dem Flugzeug ab und kam ums Leben, die hochgejubelte Kandidatin Marina Silva, der einige Medien sogar Erfolgschancen auf das Amt vorausgesagt hatten, schied schon bei den Vorwahlen aus. Und das folgende überraschende Duell zwischen Dilma Rousseff und Aecio Neves spaltete das ganze Land, begleitet von Schlammschlachten und extremen Populismus und Gerüchten auf allen Seiten – und blieb bis zum Schluss nervenaufreibend unentschieden.

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Persönlichkeit des Jahres

Das Jahr der Fußball-WM war auch ein erfolgreiches Jahr für Suélen – sie hat einen Jiu-Jitsu-Pokal nach dem anderen abgeräumt. Als die Befriedungspolizei UPP vor der Fußball-WM die Favelas besetzte, begann sie im Sportprogramm der Polizei zu trainieren, gerade sie, die aus einer Familie kommt, für die die Polizei früher der Feind war. Inzwischen trainiert sie selbst jüngere Kinder – und kann sich vorstellen, Profisportlerin zu werden. Rock on!

Soundtrack des Jahres

Mit seinem Knast-Tattoo, einer Träne am Auge, und Videoclips, in denen er Yachten, schnelle Autos und BlingBling feiert, ist MC Guimê nicht gerade das ideale Vorbild für die Favelajugend und umstrittener Protagonist des Funk Ostentação. Mit seinem sanften Hit “País do Futebol” (Land des Fußballs), in dem es auch um die Bedeutung von Fußball in der Favela geht, hat er aber 2014 einen inoffiziellen WM-Sound geliefert, der innerhalb von 24 Stunden mehr als eine Million Mal auf Youtube geklickt wurde und zu den zehn meistverkauften iTunes-Hits in Brasilien aufstieg.

Das beste Foto

Sie konnten es nicht lassen: In Brasilien haben Tausende Wähler beim diesjährigen Wahlmarathon ihre Entscheidung auch fotografisch dokumentiert: mit Selfies von der (in Brasilien elektronischen) Wahlurne. Das ist illegal – aber hat zu viel Wahlbegeisterung in den sozialen Netzwerken geführt und politische Debatten angeregt.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten

Film des Jahres

Kirchliche Hetze gegen Homosexualität, brasilianisches Machotum: In Brasilien LGBT zu sein und sich dazu bekennen, kann schwierig, immer wieder auch lebensgefährlich sein – in Favelas wie an anderen Orten auch. Der Dokumentarfilm “Favela Gay” begleitet elf queere Favelabewohner. Den Filmemacher Rodrigo Felha haben wir kennengelernt – bei der Party auf einem Wagen der riesigen Gay-Parade des Complexo do Alemao.

Auf der LGBT-Parade (Foto: Buzzingcities)

Auf der LGBT-Parade im Complexo do Alemao (Foto: Buzzingcities)

 

Bestes Projekt

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Skateboards, lange Accessoires der wohlhabenderen urbanen Elite, haben inzwischen auch die Favelas von Rio eingenommen. Schon die Kleinsten skaten mit waghalsigen Stunt alles, was am entferntesten an ein Skateboard erinnert. Im Complexo da Maré skaten Favelabewohner zusammen in der Gruppe „Maré Longboard“ und veranstalten Wettbewerbe in der Favela. Zusammen erobern sie auch die Stadt – und versuchen sich mit den Hipstern vom „Asfalto“ in den Skateparks von Rio an neuen Tricks. Oder skaten wie alle anderen Stadtbewohner sonntags an der Strandpromenade von Ipanema entlang.

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Das schlafloseste Wochenende

Keine Zeit, den Jetlag wegzuschlafen: Rio, Brasilia, Paris, Berlin, mit dem Zug nach Hamburg und kaum aus dem Zug gestiegen, begann der Dreh mit dem ARD-Nachtmagazin. Dann ein Wochenende voller Talks und Diskussionen bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche – wir haben über die Digitalisierung der Favelas gesprochen und wie Gangs und Kartelle soziale Netzwerke nutzen. Zurück nach Rio, zur Fußball-WM.

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Social Media-Kampagne des Jahres

Hilfeschrei aus der Favela: Kurz nach der WM explodierte die Gewalt im Complexo do Alemao erneut – Drogengangs und Polizei bekämpften sich wieder offensiv, zahlreiche Menschen starben im Kreuzfeuer. Mit einer Social Media-Kampagne haben die Bewohner des Complexo darauf aufmerksam gemacht, was passiert.

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Beste Idee

Bücher sind in den Favelas von Rio seltener als Mobiltelefone. Inzwischen gibt es mit der neuen Bibliothek in der Rocinha endlich einen Raum für Bücher und ein bisschen Ruhe, um sie zu lesen – und ganz oben bei uns auf dem Berg steht seit neuestem eine Straßen-Bibliothek. Wir wollten schon länger eine Give-Box in der Favela einrichten, jetzt wurde zumindest eine Buch-Box in Laboriaux etabliert. Bücher bringen, leihen, tauschen, im Vorbeigehen.

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Selfies als Verbrechen

Das Bildungsministerium hat angekündigt, die sozialen Netzwerke zu überwachen – um verbotene Selfies aufzuspüren. Denn an diesem Wochenende finden in Brasilien die entscheidenden Prüfungen statt, mit denen Schüler sich für ein Studium an einer Universität qualifizieren können – das sogenannte “Exame Nacional do Ensino Médio” (Enem).

Da die Brasilianer wichtige Lebensereignisse gern mit einem Selfie dokumentieren, ist zu erwarten, dass Tausende sich vor, während oder nach der Prüfung ablichten werden. Auch bei den Wahlen hatten Millionen von Brasilianern sich an der Urne abgelichtet und die Fotos in sozialen Netzwerken gepostet – obwohl das als Verbrechen gilt.

Bei den Prüfungen will das Bildungsministerium jetzt solche Regelverstöße verhindern: Smartphones und elektronische Geräte sind sowieso verboten – und alle, die ein Selfie oder irgendein anderes Fotos knipsen, sollen sofort von der Prüfung ausgeschlossen werden.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten

Wahlwahnsinn in Brasilien: #EleiçõesLimpas

Brasilien hat gewählt, Berge von Flyern und Postern überschwemmen jetzt die Straßen. Mit dem Hashtag #EleiçõesLimpas, “Saubere Wahlen”, dokumentieren Brasilianer online den Dreck, den die Kandidaten und ihre Teams hinterlassen haben – auch in Rios Favelas.

Wahlwahnsinn

Ganz sauber sind die Wahlen auch inhaltlich nicht verlaufen. Noch am Morgen der Wahl verteilten Helfer von Abgeordneten etwa im Bundesstaat Maranhão Beutelchen mit kleineren Summen, um Wähler kurz vor dem Gang zur Urne zu beeinflussen.

Stimmenkauf hat auch in den Favelas eine lange Tradition. Kriminelle Gruppen kontrollieren, wer in den bevölkerungsreichen Armenvierteln Wahlwerbung betreiben darf und die Stimmen erhält. So wurden auch diesmal mehrere Politiker im Vorfeld der Wahlen daran gehindert in Favelas wie der Rocinha Wahlplakate aufzuhängen oder Wahlkampfveranstaltungen abzuhalten.

Ernüchterung für Marina Silva

Präsidentin Dilma Roussef konnte im ersten Wahldurchgang etwa 41 Prozent der Stimmen holen. Überraschend tritt sie bei der Stichwahl am 26. Oktober aber nicht gegen die Herausfordererin Marina Silva an, der im Vorfeld große Chancen eingeräumt wurden, sondern gegen Aécio Neves. Der Ökonom, Senator, Ex-Gouverneur und Zögling einer Politikerfamilie lag in den Umfragen während des Wahlkampfes weit zurück, erreichte aber bei der Wahl 34 Prozent der Stimmen.

Marina Silva überzeugte zwar mit ihrer Vergangenheit, dem Aufstieg von der Kautschukpflückerin und dem Hausmädchen zur engagierten Umweltpolitikerin. Doch ihr fehlten eine starke Partei im Rücken und politische Inhalte – zahlreiche Standpunkte wechselte sie so radikal, das sie zuletzt wenig glaubwürdig erschien.

Neben Präsidentschaftswahl und Parlament wurden auch die Gouverneure der 27 Bundesstaaten und ein Drittel der Senatoren bestimmt. In Rio de Janeiro wird der amtierende Gouverneur Luiz Fernando Pezão (PMDB), der 40,57 Prozent der Stimmen erhielt, bei der Stichwahl Ende Oktober gegen Marcello Crivella (20,26 Prozent) antreten.