Stromausfall zum WM-Spiel

Tröten, bemalte Kinder, gelbe Trikots, Fans vor den Bars – die WM-Gleichgültigkeit der letzten Tage war verflogen, als Brasiliens Seleção gestern wieder auf dem Spielfeld stand. Ein paar Minuten fieberten die Favelabewohner mit – dann wurden die Bildschirme schwarz, die Fans saßen in den Bars im Dunklen.

Ein Raunen ging durch die Favela. Der Kabelbrand am Nachmittag hatte den Strom im oberen Teil des Hügels abgekappt, nur ein paar Minuten nach Abpfiff. An den Stromsäulen bastelten dann tatsächlich auch Mitarbeiter der Energiefirma.

Geduldiges Warten - trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Geduldiges Warten – trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Improvisationstalent rettete die Favela-WM: Einige setzten sich in ihre Autos und hörten dem Spiel im Radio zu, andere beschallten mit ihren aufgemotzten Autos gleich die ganze Nachbarschaft: offener Kofferraum, Anlage an. Goooool. Anstatt zu meckern oder grölen, nutzte jeder, was ihm zur Verfügung stand- oder wartete einfach ab.

An der Favela-Hauptstraße ballerten ein paar junge Männer Feuerwerkskörper unter die fahrenden Minibusse. Gleich kamen die UPP-Polizisten mit gezückten Gewehren anmarschiert. Nach den Schießereien in den vergangenen Tagen ist die Stimmung unter den Polizisten angeheizt – mit Waffen im Anschlag marschierten sie durch die Straßen und sausten im Polizeiauto durch die Favela.

Halbzeit-Hopping diesmal zum Public-Viewing am wohlhabenden Fuß des Berges, außerhalb der Favela, im Viertel Gavea, in einem Open-Air-Club. Dort waren die Gäste allerdings mehr aneinander interessiert als an der WM. Als Brasilien mit 4:1 das Spiel gewann, jubelten trotzdem alle. Unten am Berg und auf dem Berg.

 

 

Stromausfall in der Favela

Und plötzlich ist der ganze Berg, auf dem die Favela Rocinha liegt, düster – wieder einmal Stromausfall. Immer wieder kommt es in den Favelas von Rio zu Stromausfällen. In der Favela Santa Marta in Rios Innenstadt waren deswegen vor ein paar Monaten sogar einige Personen in einem Aufzug gefangen, der die Favelabewohner den Berg hochtransportiert.

Und eigentlich ist es ein Wunder, dass die Viertel nicht täglich im Dunkeln liegen. Die Häuser sind über die “Gatos” ans Stromnetz angeschlossen, dicke, verschlungene, marode Kabelbündel, die sich krakenartig durch die Gassen den Berg hinunterziehen, sich immer wieder verzweigen. Früher haben die meisten Favelabewohner sich illegal Strom abgezapft – inzwischen zahlen fast alle Bewohner für ihren Strom.

Manchmal legen auch die Drogengangs die Leitungen in bestimmten Gebieten lahm, um ihre Macht zu demonstrieren, ein Zeichen zu setzen oder sich unentdeckt durch die Favela bewegen können. Im vergangenen Jahr gab es eine Phase, in der erst der Strom ausfiel – und kurze Zeit danach begannen die Schusswechsel zwischen Drogengangs und Polizei.