Tödliches Spielzeug: Maschinenpistolen und Milchpulver-Koks

Drogenverkaufsstelle statt Kaufladen: In Rio spielte eine Kindertruppe die Realität nach – mit Fake-Drogen und selbstgebastelten Waffen. Das Spiel offenbart den Alltag, mit dem viele Kinder aufwachsen. 

Eine ganze Mannschaft von Sicherheitskräften war ausgerückt, um die Drogengangster zu verhaften, sie hatten sich auf bewaffneten Widerstand eingestellt: Von Anwohnern waren die Polizisten alarmiert worden, dass sich in einem Wald nahe eines Shoppingzentrums in Jacarepaguá, Rio de Janeiro, Gangster mit Waffen aufhalten.

Tatsächlich trafen die Polizisten auf Waffen – allerdings nur selbstgebastelte. Fünf Kinder spielten offenbar die brasilianische Version von “Räuber und Gendarm” und hatten eine klassische Drogenverkaufsstelle nachgeahmt, von denen auch in Rios Favelas Dutzende existieren.

“Kokain” aus Milchpulver

Auf einem Tisch war die Ware ausgelegt: Die “Drogen” – etwa Fake-Kokain aus Milchpulver – waren in kleine Plastiktütchen portioniert. Die geschäftstüchtigen Kinder führten auf einem Zettel sogar Buchführung über die verkauften Drogen.

Dazu hatten sie sich mit Pistolen sowie Sturmgewehren aus Plastik und Klebeband ausgestattet, die zum Teil erschreckend realistisch wirken. Fast wie die echten Drogendealer: Das Spielzeug zeigt, wie die Realität aussieht, mit denen die Kids aufwachsen.

Spielzeugwaffen werden in Brasilien immer wieder zum tödlichen Spielzeug, wenn Polizisten sie nicht gleich als solches erkennen und schießen. Auch in Rio hatten die Kinder Glück, dass die Polizei nicht sofort das Feuer eröffneten.

Selbstgebastelte Sturmgewehre

Die Kids aus der Favela sind kreativ: Wenn sie kein Spielzeug besitzen, improvisieren sie eben. Auch Waffen. Ein DIY-Sturmgewehr, das in der Favela Santa Marta von der Polizei einkassiert wurde, zeigt wie täuschend echt eine selbstgebastelte Waffe aussehen kann – mit tödlichem Risiko.

Soldat mit Spielzeugwaffe (Screenshot Facebook)

Polizist mit einkassierter Spielzeugwaffe (Screenshot Facebook)

In Favelas, in denen sich Polizei und Gangs immer wieder Schießereien liefern, sitzt der Finger schneller am Abzug – und die Spielzeugwaffe kann im Labyrinth der Hütten, in ein paar Metern Entfernung und in der Dunkelheit mit einer echten Waffe verwechselt werden.

Tödliches Spiel

Thiago aus der Favela Santa Marta in Rio de Janeiro hat deshalb auf Facebook eine Debatte angestossen und warnt Eltern und Kinder vor dem gefährlichen Spielzeug: “Mit den Operationen und den ständigen Patrouillen in der Favela kann es ernst werden, wenn Jugendliche mit so einer Spielzeugwaffe durch die Favela laufen”, schreibt er. “Zur Selbstverteidigung und vor Schreck könnte der Polizist dann einen tödlichen Schuss abgeben und später, wenn die Tragödie passiert ist, ist es zu spät, um es ungeschehen zu machen”. Spielzeug solle etwas schönes sein – und nichts, was schlimme Konsequenzen hat.

Das Problem wurde bereits bei einem Community-Treffen in der Santa Marta diskutiert, auch bei Facebook tauschen sich nun viele Favelabewohner über das Waffenproblem aus. “Zu meiner Zeit war das noch eine Röhre mit einer Kugel”, sagt ein erstaunter Favelabewohner. Die moderne Version, das sogenannte “BOB”, das auf dem Foto abgebildet ist, orientiert sich dagegen stärker am Original – als “Patronen” dienen Bohnen, die auf den Gegner abgefeuert werden können.

Manchmal dienen aber auch Steine als Munition. Eine Frau kommentiert, dass eine Freundin von ihr beim Spielen fast blind geworden wäre.

In ganz Brasilien wird derzeit ein Verbot von Spielzeugwaffen diskutiert – weil immer wieder Plastikwaffen bei Überfällen eingesetzt werden. In Brasilia und in São Paulo wurden echt aussehende Spielzeugwaffen bereits verboten.

Der Politiker Prado, der die Initiative in São Paulo angestossen hatte, fordert sogar das Verbot von bunten Wasserpistolen, deren Einsatz bei Überfällen eher unwahrscheinlich ist. Es gehe darum, die Gewalt aus dem Alltag zu verbannen, findet er. Nur so lasse sich ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Waffen, so die Hoffnung, sollten von Kindern und Jugendlichen fernbleiben und nicht verherrlichend oder verharmlosend präsentiert werden.