Neue Proteste gegen teure Tickets

An der Ticketpreiserhöhung im Nahverkehr haben sich in Brasilien erneut Proteste entzündet – in Städten wie São Paulo, aber auch Rio und Belo Horizonte sind die Brasilianer auf die Straßen gegangen. An diesem Samstag sind die Ticketpreise für Busse, Metro und Nahverkehrszüge von 3,50 auf 3,80 Reais gestiegen.

Gerade für Brasilianer, die nur ein geringes Monatseinkommen haben, machen die paar Cents mehr pro Ticket im Monat tatsächlich einen eklatanten Unterschied im Budget aus. Zudem sind die Ticketpreise ein Symbol für den harten Sparkurs während der Krise auch im sozialen Bereich – während Millionen in die Großereignisse WM und Olympia geflossen sind und ein politischer Korruptionsskandal das Land erschüttert.

Die Größe der Sozialproteste 2013 erreichten die neuen Proteste allerdings nicht. In São Paulo wurden 17 Protestierende von der Polizei festgenommen. Wie auch bei Protesten in der Vergangenheit kam es zu Zusammenstössen zwischen einigen Protestierenden und Polizisten. Busse brannten, einige Banken wurden beschädigt. Videos, die Aktivisten auf Facebook hochgeladen haben, zeigen aber auch, wie die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Demonstrierende einsetzt.

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“Das Filter”-Interview: „Politik, Polizei und Drogengangs sind miteinander verflochten“

Das Kulturmagazin “Das Filter” hat uns interviewt, über die Favelas, die Besetzung, und popkulturelle Trends, die aus der Favela kommen:

“Die WM in Brasilien ist im vollen Gange. Frenetische Fans und beste Samba-Laune markieren die hiesige Berichterstattung. Zwar wird ab und dann oberflächlich über Proteste abseits der Großveranstaltung berichtet, aber was passiert genau in den Favelas? Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl berichten live aus den noch immer von Drogengangs beherrschten Gebieten Brasiliens. Sie zeigen, dass Gewalt auch während des Turniers ein alltägliches Thema ist. Erst gestern starben bei blutigen Schießereien im Complexo do Alemão zwei Teenager und ein Polizist. Die großen Medien berichteten bisher nichts vom Tod der beiden Jungen. Wie die Stimmung in Brasilien wirklich ist und ob die Favelas durch mehr Polizeipräsenz wirklich sicherer geworden sind, erklären sie uns in diesem ausführlichen Interview. Sie zeigen aber auch, dass Favelas mehr sind als Drogen, Kampf und Gewalt. Denn, und das wissen nur wenige: Hier entstehen auch die wahren Trends der brasilianischen Popkultur.”

Das Filter

Schießereien in der Favela, Proteste im Zentrum 

Es klang, als ob Häuser am Hang abrutschen oder wie ein Steinschlag – doch es waren Salven verschiedener Kaliber, die ohne Pause durch die Favela hallten. An mehreren Orten in der Rocinha  wie Valão, Cachopa, Boiadeiro, Rua 2, Rua 4, vermutlich auch Vila Verde kam es heute Nacht wiederholt zu längeren Schießereien, so heftig wie schon lange nicht mehr.

Im Valão am Fuß der Rocinha sind die Straßen und Gassen wie leergefegt, dort fanden die heftigsten Schusswechsel statt. Informationen aus den sozialen Netzwerken zufolge waren Soldaten der Spezialeinheit BOPE dort etwa vor einer Stunde unterwegs und haben sich dann Richtung Rua 4 hochbewegt.

Da die Schusswechsel an mehreren Orten gleichzeitig stattfanden,  und Polizisten der UPP zufolge von Drogendealern überrascht wurden, scheint es eine abgestimmte Operation der Drogengang gewesen zu sein.

Proteste im Zentrum
Auch in der Lapa in der Innenstadt war die Stimmung angespannt, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Zum Jahrestag der Sozialproteste vom vergangenen Jahr hatten heute in Rio Beobachtern zufolge etwa 1000 Menschen protestiert und sich unter die Touristen und Feiernden gemischt, die auf der Partymeile unterwegs waren.

Die Polizei hat wieder Tränengas eingesetzt, mehrere Personen wurden festgenommen. Einige Bars haben die Türen mit den Gästen im Inneren abgesperrt.

In den sozialen Netzwerken wurde heute auch an Rafael Vieira erinnert, den einzigen, der bei den Sozialprotesten im vergangenen Jahr festgenommen wurde – und der bis heute im Gefängnis sitzt. Dem 25-jährigen warfen die Sicherheitskräfte vor, brennbare Reinigungsmittel dabeigehabt zu haben, die sich zu Sprengstoff umfunktionieren lassen.

Im Gefängnis seit einem Jahr: Rafael Vieira

Im Gefängnis seit einem Jahr: Rafael Vieira

Die Kritik an der Festnahme von Vieira war immer wieder, dass er nur wegen seines Aussehens und sozialen Status im Gefängnis landete: ein schwarzer, junger Mann, crackabhängig.

Was in den Favelas von Rio im WM-Jahr 2014 wichtig wird

Proteste und Projekte, Besetzung, Massaker, Folterskandal: Für die Favelabewohner von Rio de Janeiro war das vergangene Jahr ein veränderungsreiches, oft auch dramatisches Jahr – und viele Ereignisse werden das WM-Jahr 2014 beeinflussen.

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe "Onde está Amarildo?")

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe “Onde está Amarildo?”)

#Amarildo

Niemals zuvor hat das Verschwinden eines Favelabewohners ein solches Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst. Niemals zuvor hatte ein Verbrechen an einem Favelabewohner solche Folgen. Ein Maurer aus der Favela Rocinha wurde 2013 zum Gesicht aller, die in der Vergangenheit spurlos verschwunden sind.

Am 14. Juli nahmen Polizisten der Befriedungspolizei UPP Amarildo de Souza am Tag einer Großrazzia in der Favela fest – er tauchte nie wieder auf. Mit der internationalen Social-Media-Kampagne “Cadê o Amarildo?”, aber auch bei Protesten innerhalb und außerhalb der Favelas forderten Favelabewohner und Unterstützer die Aufklärung des Falles. Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass Amarildo zu Tode gefoltert worden war, weil die Polizei sich Informationen über den Drogenhandel in der Rocinha von ihm erhofft hatte. Dann ließen sie seine Leiche verschwinden.

25 Polizisten wurden wegen Folter mit Todesfolge angeklagt, auch der Kommandant der UPP der Rocinha, Major Edson Santos, und sein Subkommandant Luiz Felipe de Medeiros wurden verhaftet. Das Phänomen der Verschwundenen wurde in Brasilien erstmals breit diskutiert. Und die Befriedungspolizei UPP kämpft seit dem Amarildo-Skandal nicht nur in der Favela Rocinha mit einem schweren Imageschaden – den Drogengangs und Kritikern der Besetzung hat der Fall in die Hände gespielt.

#Besetzung

Nachhaltige Sicherheits- und Städtepolitik oder Make-Up für die WM? Im WM-Jahr 2014 wird Rio de Janeiro im Rampenlicht der internationalen Medienöffentlichkeit stehen – Zeit, um eine Bilanz zum Erfolg oder Misserfolg der sogenannten Befriedungspolizei UPP zu ziehen.

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

Seit 2008 sind in Favelas von Rio 36 UPP-Einheiten präsent, die bisher etwa 170 Favelas erreichen und die Armensiedlungen und die Gebiete um sie herum sicherer machen sollen. Während die besetzten Favelas teils von sinnvollen Infrastrukturmaßnahmen und Programmen profitieren, und einige kleinere Favelas tatsächlich ruhig sind, treten in größeren Siedlungen wie der Favela Rocinha zahlreiche Probleme auf, wie Schießereien zwischen Drogengang und Polizei. Dazu kommen Probleme wie Polizeigewalt, teils auch Korruption. Und überall sind die Bewohner enttäuscht, dass der Wandel nicht so schnell eintritt, wie erhofft. Wir beobachten auf BuzzingCities.net, wie es weitergeht.

Vor der WM sollen noch die Siedlungen des Complexo da Maré mit den mehr als 130.000 Einwohnern besetzt werden – ein schwieriges Unterfangen. Rivalisierende Drogengangs bekämpfen sich dort, doch auch die Polizei ist unbeliebt. Am 24. Juni 2013 kamen dort bei einer Polizei-Aktion zehn Favelabewohner ums Leben.

#Favela-Pride

In den Favelas von Rio de Janeiro entsteht ein neues Selbstbewusstsein. In der Vergangenheit verschwiegen Favelabewohner bei Bewerbungen ihre Adresse, inzwischen zeigen viele ganz offen ihren Stolz und die Liebe zu “ihrer” Favela. Auch wenn die Vorurteile gegen die Armenviertel und ihre Bewohner in der brasilianischen Gesellschaft immer noch tief verankert sind, setzt langsam ein Umdenken ein. Selbst die klassischen Medien entdecken die positiven Seiten der Favelas: wie die Kreativität, die Gastronomie, die Kultur.

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#Gentrifizierung

Verdrängung ist die Schattenseite der Neuentdeckung der Favelas. Mit der UPP sicherer gewordene Favelas wie die Favela Vidigal über dem Strand von Leblon werden von Ausländern geflutet – Mieten steigen, und Alteingesessene haben Angst, dass sie sich bald keine Wohnung dort mehr leisten können. Auch Investoren zeigen sich an Südzonenfavelas interessiert, die keinerlei Verbindungen zur Community haben.

#Hoffnung

Im Widerstand gegen Umsiedelungen vor den Großereignissen WM und Olympia für Infrastrukturprojekte sind zahlreiche politische Initiativen entstanden. Die Favela Vila Autódromo, wo Rio de Janeiro etwa 300 der 600 Familien umsiedeln will, um für die Olympischen Spiele zu bauen, hat einen Unterstützerkreis gegründet, einen Dialog mit der Stadt begonnen und einen Alternativplan zur Zukunft des Viertels vorgelegt. Sie konnten einen Teilsieg erringen und die Umsiedelung erstmal stoppen.

Die Initiative Plano Popular Vila Autódromo wurde auch beim Deutsche Bank Urban Age Award mit 80.000 US-Dollar ausgezeichnet – von dem Preisgeld möchten die Bewohner von Vila Autódromo nun erstmal einen Kindergarten bauen.

Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben zahlreiche kreative Projekte und Initiativen gestartet – und verändern das schlechte Image, das die brasilianische Mehrheitsgesellschaft von jungen Favelabewohnern hat.

#Internet

Immer mehr Favelabewohner haben Zugang zum Internet – und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, aber auch Favela-Medien publizieren sie ihre Perspektive, auf die Besetzung, auf Politiker und Politik, Stadt und die Großereignisse. Die sozialen Medien beflügelten auch die brasilianischen Sozialproteste. Rio de Janeiro wird es schwer haben, wenn die Stadt zur WM nur ihre Hochglanzseite präsentieren will.

#Passinho

Er hat Youtube-Stars herausgebracht und füllt mittlerweile auch Megaevents: der neue Favela-Tanztrend Passinho. Die eigenwillige Mischung aus Breakdance, Samba-Elementen und Freestyle-Moves soll in der Favela Jacarezinho in Rio entstanden sein – auch über Youtube und Social Media-Plattformen hat sich Passinho in ganz Rio verbreitet. Unser Passinho-Video war mit mehr als 1000 Klicks nicht das beste, aber meistgesehene Video, das wir in den Favelas gemacht haben. Die traditionelle Musik der Favelas, der Funk, musste allerdings Rückschläge einstecken: Die legendären Baile Funk-Partys wurden in den von der Polizei besetzten Favelas teilweise verboten.

#Sozialproteste

2013 war das Jahr, in dem Brasilien wieder politisch wurde – und Millionen von Brasilianern auf die Straße gingen und im Internet debattierten, darunter auch Favelabewohner. Es zeigte sich aber auch, dass es ein Luxus, bleibt, zu protestieren: Vielen Favelabewohnern war der Weg ins Zentrum zu weit, und nicht jeder kann wochenlang protestieren, der arbeiten muss. Manche Favelas, wie die Rocinha, haben deswegen eigene Proteste, direkt am Fuß der Favela organisiert. Für das WM-Jahr sind neue Proteste vorprogrammiert – und in der Favela Metro-Mangueira hat das Jahr schon mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen Favelabewohnern und Polizei begonnen.

#WM

Das Ereignis des Jahres: Die meisten Favelabewohner werden sich die WM-Spiele zuhause oder in einer der zahlreichen Favela-Bars im Fernsehen anschauen – weil die Tickets viel zu teuer sind. Eine Wahrsagerin hat dem ZDF bereits geflüstert, wer gewinnen wird: Die, die es am besten können (natürlich Brasilien, die Fußballnation).

WM

#favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

Zusammen mit jungen Favelabewohnern, die per Twitter “zugeschaltet” sind, werden wir am 22.01. in der Heinrich-Böll-Stiftung über den Wandel der Favelas von Rio und die Rolle des Internets diskutieren.

Mit den bevorstehenden Großereignissen Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016 wandelt sich der Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro.

Bis zur WM möchte der Staat etwa 200 der rund 1000 Favelas in Rio polizeilich besetzen. Damit sollen die Drogenbanden, die die Armenviertel bisher beherrschten, zurückgedrängt werden. Mit der Präsenz der Befriedungspolizei UPP und Investitionen in die Infrastruktur sollen die Favelas und damit die Stadt insgesamt sicherer werden.

Doch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas bleiben Probleme wie Polizeigewalt, Korruption oder mangelnde Infrastruktur nach wie vor bestehen. Es treten dazu neue Konflikte, wie Umsiedelungen für umstrittene Projekte, etwa Seilbahnen in Favelas, auf. Manche Bewohner/innen befürworten die UPP-Strategie, andere empfinden die “Pazifizierung” als Besetzung durch einen Staat, der vor allem die Interessen der Wohlhabenden vertritt und zudem den Tourismus fördern will.

Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren.

Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.

Im Rahmen der Veranstaltung möchten wir die Potentiale und Grenzen des Mediums Internet für die gesellschaftliche und politische Partizipation sowie deren Qualität diskutieren.

Die Favelabewohner/innen Tiago Bastos, Carol Lima, Bruno F. Duarte und Michel Silva, die sich in ihren Communities engagieren, bringen sich während der Veranstaltung über Social Media wie Twitter ein.

Vorab können Sie Fragen per Twitter @buzzingcities (Hashtag der Veranstaltung: #favelasonline), Facebook oder E-Mail zusenden. Die Referentinnen werden die Fragen digital beantworten oder im Rahmen der Veranstaltung aufgreifen.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl haben für das Multi-Media-ProjektBuzzingCities seit 2011 zahlreiche Interviews in den Favelas von Rio geführt, selbst in der Favela Rocinha gewohnt und live aus der Favela gebloggt.

Mit:
Sonja Peteranderl Journalistin, Berlin
Julia Jaroschewski Journalistin, Berlin

Live-Chat aus Rio de Janeiro
Michel Silva, Favela Rocinha
Carol Lima, Favela Complexo do Alemão
Tiago Bastos, Favela Complexo do Alemão
Bruno F. Duarte, Favela Morro da Providência

Moderation:
Thomas Fatheuer, ehemaliger Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Information:
Ines Thomssen
Heinrich-Böll-Stiftung
Projektbearbeitung Lateinamerika
thomssen@boell.de
Telefon 030 285 34 324

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