re:publica17: Wired Drug War

Drohnen für Drogentransporte, soziale Netzwerke als Schauplatz im Drogenkrieg: Bei der größten Digitalkonferenz Europas re:publica haben wir einen Vortrag über den “Wired Drug War” gehalten – und wie Gangs und Kartelle Internet und High Tech nutzen.

Wie verändert Technologie den Drogenkrieg? Welche Plattformen und welche Technologien werden von kriminellen Organisationen genutzt? Wie kann man prüfen, ob hinter Social Media-Profilen tatsächlich Kriminelle stecken? Wie bewege ich mich sicher im Netz und erstelle mir ein unauffälliges Fake-Profil für die Recherche? Welche Tools eignen sich zur Visualisierung von Netzwerken und Recherchen?

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Polizei als Zielscheibe: Die Drohungen der Drogengangs

Waffen, die auf Polizisten zielen: Auch soziale Netzwerke sind Schauplatz des Drogenkriegs. Auf Whatsapp, Facebook & Twitter narren die brasilianischen Gangs die Polizei. 

Waffen im Anschlag, gerichtet auf die Rücken von zwei Polizisten, die auf Motorrädern an einer roten Ampel stehen: Auf Whatsapp und Facebook zirkuliert ein Foto, auf dem drei Kriminelle ihre Macht demonstrieren. Es ist nur ein Symbolbild, doch es zeigt, wie verletzlich die Sicherheitskräfte in Rio de Janeiro jederzeit sind. Aufgenommen wurde das Foto in der Straße Rua Estácio de Sáo, in der Nähe einer Favela, im Norden von Rio.

Der Drogenkrieg ist längst auch digital, soziale Netzwerke machen die Gewalt der Gangs in Brasilien sichtbar, wie Julia auch für Spiegel Online analysiert hatte:

“Es sind grauenvolle Szenen, die aus Brasilien durch die sozialen Netzwerke zirkulieren. Bilder von Mord und Totschlag, die alltägliche Realität sind in den Armenvierteln, dort, wo Drogenbanden herrschen und ein eigenes Rechtssystem geschaffen haben. Lange galt: Was in der Favela geschieht, bleibt in der Favela. Doch dank Handys und sozialen Medien wird jetzt sichtbar, welche Gewaltherrschaft die Drogengangs ausüben.”

Immer wieder machen sich die Gangs über die Hilflosigkeit der Polizei lustig: Nehmen Fotos auf, in denen sie patrouillierenden Sicherheitskräften den Mittelfinger zeigen. Im Februar diesen Jahres filmten sich junge Männer dabei, wie sie bewaffnet in einem Auto an einem Quartier der Militärpolizei vorbeifuhren und dabei Beleidigungen brüllen, die Waffen zeigen. “Du wirst eine Kugel abbekommen, Scheisspolizist”, ruft einer der Jugendlichen in die Kamera. “Du wirst sterben, Hurensohn.”

Den Drohungen folgen Taten. In Rio de Janeiro sind allein in diesem Jahr mehr als 50 Polizisten gestorben, immer wieder werden Sicherheitskräfte angeschossen.

Olympiade der digitalen Blockaden: Whatsapp-Crackdowns in Brasilien

Brasilien ist inzwischen weltweit bekannt für das ungewöhnlich harte Vorgehen gegen den Messenger-Dienst Whatsapp – schon zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten  wurde Whatsapp in Brasilien landesweit gesperrt. Schlagartig waren hundert Millionen Brasilianer, etwa die Hälfte der brasilianischen Gesamtbevölkerung, auf „ZapZap“-Entzug.

Foto: BuzzingCities

Auf richterliche Anweisung hin mussten brasilianische Telekommunikationsfirmen den Dienst ab 14 Uhr am vergangenen Montag blockieren. Mit den Crackdowns sollte das Tochterunternehmen von Facebook gezwungen werden Nutzerdaten herauszugeben, die als Beweismaterial in einem Drogenhandels-Verfahren dienen sollen. Um den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen, war im März 2016 sogar der für Lateinamerika zuständige Facebook Manager Diego Dzodan festgenommen worden.

WhatsApp entgegnete in einer Stellungnahme, dass das Unternehmen bereits innerhalb seiner Möglichkeiten vollständig kooperiert habe — und dass ständig die Herausgabe von Daten gefordert werde würde, über die das Unternehmen gar nicht verfüge.

Am Dienstag wurde die für 72-Stunden anberaumte Sperre dann von einem anderen Richter wieder aufgehoben. Die Brasilianer machten sich zwar mit Memes über die Whatsapp-Sperre lustig, viele wichen auch auf den Alternativdienstleister Telegram aus, der sich erneut über mehr als eine Million brasilianische Neukunden freien durfte, oder griffen auf VPN-Dienste zurück.

Dennoch zeigen die wiederholten Sperren, wie schnell ein ganzes Land top-down von einem zentralen Kommunikationsdienst abgeschnitten werden kann. Zahlreiche Unternehmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen über Whatsapp vermarkten, trafen die Verdienstausfälle hart. Über WhatsApp informieren sich normalerweise auch Favelabewohner über aktuelle Schießereien — Informationen, die lebenswichtig sein können. Ein wirklich dezentraler Dienst, der sich nicht so leicht sperren lässt, hat sich in Brasilien trotz der Crackdowns noch nicht als Mainstream durchgesetzt. Vielleicht könnte das aber zumindest ein positiver Nebeneffekt der brasilianischen Blockaden sein, wenn diese weiter anhalten sollten.

Drogenkrieg in Rio und Internet: Aufflammende Gewalt fordert Opfer auf allen Seiten

In den Favelas von Rio de Janeiro explodiert die Gewalt. Polizei und Drogenbanden liefern sich heftige Gefechte, wie immer gerät die Bevölkerung zwischen die Fronten. Die aktuelle Bilanz der brasilianischen UPP-Strategie: Gescheiterte Projekte, ein erheblicher Imageverlust der Polizei, verlorene Hoffnung bei der Bevölkerung auf eine Zeitenwende — und dramatische Opfer auf allen Seiten.

Junge Opfer des Drogenkriegs (Screenshot Facebook)

Ende September wurde Caio Cesar Ignacio Cardoso de Melo bei einer Attacke in einer Favela erschosssen — er wurde nur 27 Jahre alt. Kein Einzelfall, aber ein Fall der bekannt wurde, weil Caio Cesar auch die brasilianische Stimme von Harry Potter war. Hauptberuflich arbeitete er inzwischen als Polizist, in einer UPP-Einheit im Complexo do Alemão.

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

In Rio de Janeiro eskaliert die Gewalt, immer wieder werden Polizisten erschossen: Fast 50 Polizisten wurden allein in Rio seit Anfang des Jahres bis Juli 2015 getötet, 126 weitere Polizeibeamte wurden innerhalb oder außerhalb von Einsätzen angeschossen. Ein Polizist wurde etwa in einer Favela durch Mitglieder der Drogenbanden gefoltert, getötet und dann an ein Pferd gebunden, dass durch die Favela gejagt wurde – die Leiche des toten Polizisten wurde hinterhergeschleift. Dieser hatte seinen Bruder besucht und in seinem Fahrzeug die Polizeiuniform dabeigehabt – für die Gang Grund genug, ihn zu ermorden.

Zweifelhafte Selbstverteidigung

Auf der anderen Seite haben Polizisten in Rio Hunderte von Menschen getötet oder verletzt. Dem Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge wurden allein von Januar bis August 459 Tote registriert, die als “Auto de resistência” (Selbstverteidigung) deklariert sind, also Verdächtige, die die Polizei in Gegenwehr erschossen hat. Mit dieser Kategorie werden aber häufig auch Tötungen von Unschuldigen verschleiert — und dann nicht mehr untersucht. In mehreren Fällen hatten Polizisten Kriminelle in Favelas, die sich bereits ergeben hatten oder unbewaffnet und verletzt waren, exekutiert.

Dazu kommen die Toten und Verletzten in der unbeteiligten Bevölkerung, die etwa bei Schusswechseln in Rios Favelas oft zwischen die Fronten geraten. Die Dunkelziffer ist hoch — die Vorfälle werden nicht alle festgehalten und angezeigt, die realen Zahlen sind daher nicht öffentlich zugänglich.

Zeugen der Gewalt

Zwei Fälle haben in Rio de Janeiro in den vergangenen Wochen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen: der Tod des elfjährigen Lukas aus dem Complexo da Maré und des 17-jährigen Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia.

Der elfjährige Lukas starb bei einem Einsatz der Spezialkräfte und gilt als neuer Eduardo. Eduardo, ein 10-Jähriger Junge aus dem Complexo do Alemao war im April 2015 versehentlich von der Polizei erschossen worden, als er kurz vor die Tür seines Hauses ging — dank Smartphones und sozialen Netzwerken, die den Tod des Jungen festhielten und bekannt machten, wurde Eduardo zum Gesicht der Polizeigewalt in Rios Favelas.

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Eduardo Ferreira Calei — Gesicht der Polizeigewalt (Foto: Kinho Buttered)

Im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken, wird fast bei allen Opfern die Perspektive auf die Tötung ausgehandelt: Wie bei Eduardo kursierten auf Facebook auch bei dem jetzt erschossenen Lukas Gerüchte und angebliche Fotos des Jungen, die beweisen sollten, dass er Mitglied der Drogenbanden war. Informationen, Bilder und Videos online können sowohl zur Kriminalisierung von getöteten Jugendlichen beitragen als auch zur Aufklärung und Strafverfolgung der Tötungen.

Morde werden mit Handyvideos sichtbar

Auch der 17-jährige Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia starb durch die Kugeln von Polizisten. Den Tod des Jungend verwandelte erst ein Video in einen Skandal: Es zeigt Polizisten dabei, wie sie dem schon toten und in einer Blutlache liegenden Jugendlichen die Waffe in die Hand legen und abdrücken — um so ein angebliches Gefecht zu fingieren.

Falsche Beweise (Screenshot Video)

Mit dem Handy festgehalten: Falsche Beweise (Screenshot Video)

So sollte der exekutierte Teenager zu einem weiteren Fall der Selbstverteidigung werden. Doch Anwohner filmten die Manipulation des Tatorts aus einem Fenster mit dem Mobiltelefon mit.

Das mobile Beweismaterial dokumentiert ein Fehlverhalten der Polizei, das der Favela-Befriedungspolizei UPP und auch anderen staatlichen Sicherheitskräften immer wieder vorgeworfen wird. Es bestätigt die Kritiker, die sagen, die UPP sei korrupt, würde ausschließlich zum Töten in die Favela kommen und die arme Bevölkerung von vorneherein kriminalisieren. 65 Prozent der Bewohner von Rios Favelas haben dem Marktforschungsinstitut Data Favela zufolge in ihren Siedlungen Angst, zum Opfer von Polizeigewalt und Machtmissbrauch zu werden.

Streit um die Deutungshoheit: Drogengangster oder unschuldige Zivilisten

Wie nach solchen Morden üblich protestierten Favelabewohner gegen die Hinrichtung unschuldiger Favelabewohner und vor allem junger Männer, die grundsätzlich potentiell als Täter eingestuft werden. Wenige Tage nach dem Mord an Eduardo Felipe verbreitete sich ein Video in den Netzwerken, dass den 17-Jährigen tatsächlich beim Dealen von Drogen zeigte.

Seitdem tobt ein Meinungskrieg. Die einen beschweren sich, dass das Video des dealenden Eduardo Felipe durch die Favelafeindlichen klassischen Medien und Spezialkräfte wie die Bopes lanciert und verbreitet werden würde. Einige schwanken und verurteilen die Gewalt im Allgemeinen. Andere verteidigen das harte Vorgehen der Polizei gegen Kriminelle.

Smartphones und Internet haben die Dynamik rund um die Gewalt in Rio verändert: Sie machen sichtbar, was vorher unsichtbar blieb — sei es der Machtmissbrauch der Polizei oder auch kriminelle Verbindungen von getöteten Favelabewohnern.

Im neuen WIRED Magazin: Die Zeugen der Gewalt

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Smartphones und soziale Netzwerke sind die digitalen Waffen der jungen Favelageneration: Sie machen positive Trends, aber auch die Gewalt sichtbar — und kämpfen gegen den Machtmissbrauch der Polizei an. Das Team der “Voz da Comunidade” aus dem Complexo do Alemão setzt sich seit einer Dekade für den Wandel im Complexo ein, einem der gefährlichsten Favelagebiete Rio de Janeiros.

Die neue WIRED Germany erzählt in einer Reportage vom Kampf der “Voz” gegen die Gewalt – Julia hat den Text geschrieben, Bruno Itan aus dem Complexo do Alemão fotografiert. Hier ein First Look (Auszug):

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Passend zum Jubiläum: Die “Voz da Comunidade”, die Rene Silva mit elf Jahren gegründet hat, feiert gerade ihren zehnten Geburtstag. Als wir Rene vor ein paar Jahren zum ersten Mal interviewt haben, war er noch ein schüchterner Junge, heute tritt er selbstbewusst für seine Favela ein. Chapeau!

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Netzwerk Recherche Jahreskonferenz 2015: Sicherheit und Favelas

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Investigativjournalismus, sichere Kommunikation, Datenanalyse und internationale Zusammenarbeit: Auch bei der Jahreskonferenz 2015 des investigativen Journalistenvereins Netzwerk Recherche beim NDR in Hamburg waren wir wieder Teil des vielfältigen Programms.

In unserem Talk “Riskanter Job – Journalistinnen in Rios Favelas” haben wir über unserere Erfahungen als Favela-Reporterinnen berichtet, über die Öffentliche Sicherheit in Rio und die Polizeistrategie, unsere aktuellen Projekte und wie sich Risiken bei der journalistischen Arbeit in den Favelas zumindest vermindern lassen.

“Eine Bilanz nach der WM, vor Olympia: Wie hat sich die Sicherheitslage in Rios Favelas in den vergangenen Jahren verändert? Welche journalistischen Herausforderungen bringt die Arbeit in Favelas mit sich? Und welche Rolle spielt Social Media für die Sicherheit?”

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Teilweise wurden Sessions der Konferenz in Text und Videos festgehalten.

Selfies als Verbrechen

Das Bildungsministerium hat angekündigt, die sozialen Netzwerke zu überwachen – um verbotene Selfies aufzuspüren. Denn an diesem Wochenende finden in Brasilien die entscheidenden Prüfungen statt, mit denen Schüler sich für ein Studium an einer Universität qualifizieren können – das sogenannte “Exame Nacional do Ensino Médio” (Enem).

Da die Brasilianer wichtige Lebensereignisse gern mit einem Selfie dokumentieren, ist zu erwarten, dass Tausende sich vor, während oder nach der Prüfung ablichten werden. Auch bei den Wahlen hatten Millionen von Brasilianern sich an der Urne abgelichtet und die Fotos in sozialen Netzwerken gepostet – obwohl das als Verbrechen gilt.

Bei den Prüfungen will das Bildungsministerium jetzt solche Regelverstöße verhindern: Smartphones und elektronische Geräte sind sowieso verboten – und alle, die ein Selfie oder irgendein anderes Fotos knipsen, sollen sofort von der Prüfung ausgeschlossen werden.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten