Schießereien: Erneut Verletzte im Complexo do Alemão

Bei heftigen Schießereien am vergangenen Freitag wurden in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio erneut mehrere Menschen angeschossen. Den ganzen Tag waren immer wieder Salven in verschiedenen Teilen des Favela-Komplexes zu hören, Anwohner versuchten sich in sozialen Netzwerken vor den Schießereien zu warnen.

Zwei Männer, wohl Mitglieder der Drogengang, wurden in der Alvorada bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Drogengang in der „Rua Sem Saída“ (Straße ohne Ausgang) angeschossen. Ein siebenjähriger Junge wurde beim Spielen in der Favela Bulufa von zwei Querschlägern ins Bein getroffen — er lief mitten in eine Schießerei hinein, als er seinem Ball nachrennen wollte. Auch ein Soldat traf eine Kugel ins Bein. Ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Drogengang wurde mit einer Kugel im Bein festgenommen.

Ein Jugendlicher wurde mit einem Kreislaufstillstand in der Krankenversorgungsstelle eingeliefert — er hatte sich wohl vor den Schießereien gefürchtet. Am frühen Morgen wurde ein weiterer Polizist bei einem Schusswechsel in der Favela Nova Brasília von einem Streifschuss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Rio 2016: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Julia hat für das E + Z-Magazin ein Olympia-Wrapup geschrieben, das nun veröffentlicht wurde. Das aktuelle politische Chaos ist zwar noch nicht inklusive, der Artikel gibt aber einen Überblick über all das, was Rio de Janeiro sich vor den Megaevents Fußball-WM 2014 und Olympische Spiele 2016 vorgenommen hatte – und was davon übrig geblieben ist. Immerhin: “Auch wenn sich die Hoffnungen auf Frieden in den Favelas und fundamentalen Wandel durch die Megaevents nicht erfüllt haben, haben die Großereignisse den Blick der Stadt auf sich selbst verändert.”

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Blutiger Drogenkrieg in Rios ältester Favela

Morro da Providência, die älteste Favela Rios, die direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und eigentlich von der Polizei befriedet werden sollte, ist zum blutigen Schauplatz des Drogenkrieges geworden: Mitglieder der lokalen Drogengang hatten am Donnerstagnachmittag das Feuer auf ein Undercover-Aufklärungsfahrzeug der Bope-Spezialtruppe eröffnet und es mit 15 Schüssen durchlöchert. Ein Soldat starb, zwei Soldaten wurden angeschossen. Bei darauffolgenden Schusswechseln wurden auch fünf Favelabewohner getötet, der Polizei zufolge Kriminelle.

„Wenn wir eine Operation mit Toten haben ist das nichts Gutes. Die Menschen, die auf die Polizisten geschossen haben, werden dann auch Schüsse abbekommen“, rechtfertigte Rios Sicherheitsminister José Mariano Beltrame bei der Beerdigung des erschossenen Soldaten den Vergeltungsschlag.

Es ist ein Krieg, bei dem alle Seiten nur verlieren können.

Die Atmosphäre in der Providência ist angespannt, die beiden Schulen der Favela und die zwei Kindergärten wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Soldat, der in der Providência erschossen wurde, hatte sich mit seiner Tätigkeit als Bope sein Studium finanziert — und hatte seiner Familie zufolge geplant, nach Studiumsabschluss als Soldat aufzuhören, weil er ihm zu gefährlich war.

Als die Favela besetzt wurde, hatten Polizei und Bewohner die Hoffnung, das ein neues Verhältnis möglich wird (siehe Video). Doch die Gewaltspirale scheint sich doch jetzt wieder zurückzudrehen.

BuzzingCities Lab #rpTEN Talk: Die Waffen der Favelas

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Tausende Besucher, rund 800 Speaker und Speakerinnen, ein Forum für alle Facetten digitalen Lebens: Innerhalb von zehn Jahren ist die re:publica vom Klassentreffen der Berliner Netzcommmunity zur Riesen-Digitalkonferenz herangewachsen.

Julia hat bei ihrem Talk auf der rpTEN berichtet, wie die Situation der Favelas im Olympiajahr 2016 aussieht und warum Social Media zum Gamechanger wird. Was früher in den Favelas geschah, blieb unsichtbar – jetzt dokumentieren Favelabewohner mit Smartphones und sozialen Netzwerken Schießereien und Polizeigewalt.

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Olympia-Countdown: Rio de Janeiro am Limit

Favelabeat (Foto: BuzzingCities)

Rio im Olympiajahr (Foto: BuzzingCities)

Ein bisschen weniger als 100 Tage sind es noch, bis Rio de Janeiro zum Schauplatz der Olympischen Spiele wird. Die Olympische Fackel ist schon auf dem Weg, doch die Stadt ist mit unzähligen Problemen statt mit sportlicher Euphorie beschäftigt. Die politische Krise weitet sich immer stärker aus, Dilmas Gegner treiben den Sturz der Präsidentin voran, Proteste und Gegenproteste finden statt und Meinungsunterschiede werden mittlerweile auch handgreiflich ausgetragen. Die Gesellschaft war noch nie so gespalten wie im Olympiajahr.

Rio ist auch geschockt vom Einsturz des Fahrradweges Ende April, durch den zwei Menschen gestorben sind – ein Prestigeprojekt, das zum Drama wurde, weil Risiken wie der hohe Wellengang am Strand offenbar nicht mitkalkuliert worden waren. Der Unfall ist zum Symbol für schlechte Planung und Pfusch rund um die Megaevents geworden. Auch der Prüfbesuch vom Koordinationsstab des Olympischen Komitee (IOC) in der vergangenen Woche setzt die Stadtregierung unter Druck. Fazit: “Es gibt Tausende Details, die noch gemanaged werden müssen“. Die großen Ziele wie die Wasserreinigung und eine funktionierende Kanalisation, die die Stadt auch über die sportlichen Großereignisse hinaus nachhaltig verändern hätten können, bleiben ohnehin Utopie.

Dazu kommen Budgetkürzungen im Kontext der Wirtschaftskrise – sie wirken sich auch auf Rios Favelas aus. Die UPP-Befriedungspolizei ist überfordert, zu schlecht ausgebildete Teams mit zu wenig Personal operieren am Limit und stärken so auch den Kreislauf der Gewalt. Amnesty International zufolge sind von Januar bis März 2016 bei Polizeieinsätzen zehn Prozent mehr Menschen getötet worden als im Vergleichszeitraum 2015. Allein in den ersten drei Aprilwochen wurden mindestens elf Menschen getötet.

Sturzfluten in Rio de Janeiro

Ausnahmezustand in Rio: Das Wasser steht meterhoch in den Straßen, mehrere Straßen wurden für den Verkehr gesperrt. In der Favela Rocinha reissen die Fluten Geröll, Dreck, sogar Motorräder mit. Social Media Videos von Favelabewohnern dokumentieren gefährliche Rettungsaktionen, bei denen die Helfer fast selbst vom Wasser mitgerissen werden. Die Straßen können nicht mehr passiert werden. Müll und die offenen Abwasserkanäle ergiessen sich über die Favela — hochinfektiös. Auch ohnehin abgesturzgefährdete Häuser am Hang könnten durch die Wassermassen und den erodierenden Boden abrutschen. 38 Favelas, vor allem in Tijuca, in der Südzone und im Zentrum wurden in den Alarmzustand versetzt. Neben der Favela Vidigal ist die Rocinha am zweitstärksten von Regen betroffen.

Update: Ein 60-jähriger Mann aus der Favela Rocinha wurde von den Wassermassen mitgerissen, bis zum Morgen wurde nach ihm gesucht. Inzwischen wurde eine Leiche gefunden, vermutlich handelt es sich um den Vermissten.

Bildschirmfoto 2016-03-14 um 00.46.47.pngBildschirmfoto 2016-03-14 um 00.46.08.pngBildschirmfoto 2016-03-14 um 00.45.50.pngBildschirmfoto 2016-03-14 um 00.47.14.pngFotos: Rocinha em Foco

Razzia in Vorzeigefavela Santa Marta

Bei einer Razzia in der Favela Santa Marta hat die Polizei Drogen und Munition sichergestellt. Einen Tag zuvor war bei einem Schusswechsel mit der Polizei ein Krimineller erschossen worden – für die kleine Favela Santa Marta, die als Vorzeigefavela gilt und 2008 als erste Armensiedlung von der Polizei eingenommen wurde, ein besonderer Fall.

Favela Santa Marta in Rio de Janeiro (Foto: BuzzingCities.net)

Favela Santa Marta (Foto: BuzzingCities)

Zwei weitere Verdächtige wurden bei der darauf folgenden Operation in der Favela festgenommen, außerdem zwei Revolver, zwei Pistolen, zwei Magazine, fast 1000 Kugeln, Verpackungsmaterial für Drogen, 112 Kokainkapseln, sechs Kilos Marihuana, 298 Marihuanapäckchen, 328 Cracksteine und 291 Crack-Paketchen.

Im Vergleich zu sonstigen Beschlagnahmungen eher Mini-Mengen — für eine kleine Favela wie die Santa Marta, die nur per Fuß zugänglich ist, dennoch ein Zeichen dafür, dass der Drogenhandel auch in der Santa Marta trotz Polizei-Präsenz weiterläuft.

Die lokalen Sicherheitskräfte wurden nun von anderen UPP-Einheiten und den Schocktruppen verstärkt. Seit dem vergangenen Donnerstag war es in der Favela immer wieder zu Schießereien gekommen.

Schüsse an Weihnachten

In der Favela Rocinha hat der erste Weihnachtsfeiertag mit einer Schießerei begonnen. Ein 49-jähriger Verkäufer wurde erschossen, vier weitere Menschen durch Schüsse verletzt.

Ausgelöst wurde die Schießerei Bewohnern zufolge durch einen Streit auf einem Fest: Auf einem Platz in dem Viertel Roupa Suja feierten etwa 200 Personen. Die Gegend ist eine der ärmsten innerhalb der Favela Rocinha, mit hoher Präsenz der Drogengang.

Eine Gruppe Favelabewohner soll dann zwei Polizisten, die an der Brücke am Eingang der Favela Rocinha patrouillierten, mit Steinen beworfen haben. Spezialkräfte der Bope kamen zur Verstärkung – es ist unklar, ob sie sich einen Schusswechsel mit Kriminellen lieferten, die die eintreffenden Sicherheitskräfte beschossen, oder das Feuer von sich aus eröffneten.

Die Schnellstraße, die an der Favela Rocinha vorbeiführt, wurde nach der Schießerei geschlossen, der Verkehr umgeleitet.

Polizei exekutiert fünf Jugendliche

Rios Polizei sollte zur Vorzeigetruppe werden, doch anstatt mehr Sicherheit zu schaffen, tötet sie Menschen aus den Favelas – viele von ihnen sind Jugendliche, meist junge, schwarze Männer.

Es ist eine Nachricht, die große Wellen schlägt in Rio: Vier Polizisten erschießen fünf Jugendliche in einem Auto – mit mehr als 100 Patronen. 81 Schüsse vom Gewehr, weitere 30 gehen von einer Pistole aus. Die Polizisten sagen später, sie hielten die jungen Männer für Drogengangster. Die Familien sagen, die Polizisten agierten willkürlich und ermordeten die Jugendlichen, weil sie aus der Favela kamen.

Die fünf getöteten Jugendlichen (Screenshot Facebook)

Die fünf getöteten Jugendlichen (Screenshot Facebook)

Es war ein lauer Abend in Costa Barros, einer Favela in der Nordzone Rios. Fünf Freunde zwischen 16 und 25 Jahren fuhren mit dem Kleinwagen in ein Shoppingcenter, trafen sich im Anschluss mit weiteren Kumpels in einem Park, um das erste Gehalt des 16-jährigen Roberto S. zu feiern. Er arbeitete seit kurzem in einem Supermarkt und wollte seine Freude mit den Freunden teilen. Auf dem Rückweg gegen 1 Uhr morgens wurden die Jugendlichen von Polizisten angehalten, die das Auto nach eigenen Angaben mit dem von Gangstern verwechselten. Anschließend kam es zur heftigen Schießerei, die mit dem Tod der fünf jungen Männer endete.

Als Grund gaben die Polizisten Selbtverteidigung an – sie behaupten, sie seien von den Jugendlichen angegriffen worden. Neben dem Auto hatte man Pistolen gefunden. Beobachter der Szene berichten jedoch, dass die Polizisten diese Pistolen neben dem Auto platziert haben, um ihre Tat zu vertuschen, denn die fünf jungen Männer trugen gar keine Waffen mit sich. Continue reading