Karnevalsparty in Rio endet in Gewalt und Schießereien

Brasilien ist im Karnevalsfieber: Alkohol, Hitze und viel Samba – das sind nicht nur Voraussetzungen für gute Partys, sondern auch für heftige Auseinandersetzungen.

Im Complexo do Alemão ist es bei einer Straßenparty in der Nacht zum Dienstag zu Schießereien gekommen. Feiernde sollen in Streit geraten seien, daraufhin hatte die Polizei den Sound ausgedreht. Es kam zu Streit und Stress zwischen den Feiernden selbst und der Polizei.

Die Polizisten setzten Tränengas ein, es wurden Schüsse von beiden Seiten abgegeben. Die Bewohner berichten von chaotischen Zuständen: “Geschrei, Schüsse und Gasbomben – es war der reinste Krieg“, sagt etwa ein Anwohner.

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Einige der Bewohner schimpfen über die Brutalität der Polizei: “Da waren Kinder, der Polizei ist das egal, dann stirbt wieder ein Junge und alle schreien”, sagt eine Anwohnerin und wird unterstützt: “In der Südzone würde die Polizei auch nicht gleich schießen, wenn ein paar Jugendliche etwas über die Stränge schlagen,” meint J.P.

Jugendliche mit Drogen und Pistole

Wie immer gehen die Meinungen der Anwesenden auseinander: “Als ich dort war, gab es Musik, die Gewalt verherrlicht, kiffende Personen, eine aufgebrachte Menge und ich habe einen Jugendlichen mit einer Pistole gesehen. Erst als die Polizisten beworfen wurden, haben diese eingegriffen”, erzählt Anwohner W.A. Continue reading

Schulfrei bei Schießereien

Aus dem Complexo da Maré im Norden von Rio twitterten vor ein paar Monaten 10-jährige Schüler Fotos von sich, wie sie sich im Klassenzimmer auf den Boden drängten – während sich Drogengangs und Polizei draußen vor der Schule ein Gefecht lieferten.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen beeinflussen die Bildungschancen in Rios Favelas – deren Schulen sowieso bereits an schlechter Ausstattung und Lehrermangel leiden. Schüler in Rios Favelas haben immer wieder schulfrei. Der Unterricht fällt bei Schießereien häufig aus, weil die Schüler ins Kreuzfeuer geraten könnten oder Lehrer nicht zu den Schulen gelangen.

Haartattoo

Aufgrund einer Attacke von Mitgliedern einer Drogengang auf die Befriedungspolizei UPP mussten in der vergangenen Woche mindestens vier Schulen, ein Kindergarten und ein Kinderbetreuungszentrum in der Favela Morro dos Macacos in Vila Isabel schließen. Etwa 1.173 Schüler waren betroffen. Von den Konflikten sind besonders häufig Favelas mit Polizeipräsenz der UPP betroffen, da Drogengangs und Polizei sich dort immer wieder beschießen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Lernatmosphäre nicht gerade förderlich für gute Noten ist – Joanna Monteiro von der Getulio Vargas Stiftung und Rudi Rocha haben am Beispiel von Matheprüfungen erstmals wissenschaftlich erforscht, wie sich Gewalt in den brasilianischen Favelas und in deren Nähe auf den Schulerfolg auswirkt. „Die Wirkung von Gewalt steigt mit der Intensität, Dauer und der Nähe zum Prüfungsdatum“, so das Fazit. „Sie nimmt mit zunehmender Distanz zwischen Schule und dem Ort des Konflikts ab.“ Schüler aus Konfliktgebieten schneiden bei Prüfungen signifikant schlechter ab als in ruhigen Gebieten – allerdings ist es auch in einer Favela ohne Schießerei schwierig zu lernen, weil Familien oft dichtgedrängt auf engem Raum leben, es kaum Privatsphäre und Ruhe gibt, überall dröhnt Musik, Kinderschreien, Hundegebell.

Mega-Operation in der Rocinha

In der Favela Rocinha hat die Woche mit einer Mega-Operation begonnen: Militärhubschrauber dröhnten über der Favela, immer wieder kam es zu Schusswechseln in verschiedenen Gebieten der Favela. Die Gangs sollten besonders in “Brennpunkten” der Favela zurückgedrängt werden, in denen sie besonders präsent sind und Drogenverkaufsstellen betreiben, darunter in der Cachopa, im Valao, Rua 4, Roupa Suja und “unserem” Laboriaux.

Insgesamt 300 Sicherheitskräfte, darunter 100 Soldaten der Spezialeinheit BOPE, haben die Favela durchkämmt, um die Drogengangs zu bekämpfen, die gerade mit neuem Selbstbewusstsein um ihr Territorium kämpfen und immer wieder die Patrouillen der Befriedungspolizei UPP attackieren.

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Einige Schulen und Kindergärten wurden vorübergehend geschlossen, etwa 30 Lehrer trauten sich aufgrund der Schießereien nicht den Berg der Rocinha zu den Schulen hinauf. Auch der Busverkehr wurde unterbrochen. Auf Facebook zirkulierten Informationen, dass eine Jugendliche angeschossen wurde, von offizieller Seite wurde nichts bestätigt.

Drogenkrieg in Rio: Disput in der Mangueira

Mangueira: Gewalteskalation nach der WM (Foto: BuzzingCities)

Mangueira: Gewalteskalation nach der WM (Foto: BuzzingCities)

Nach dem Ende der WM hat die Gewalt in mehreren besetzten Favelas erneut zugenommen – durch Konflikte zwischen rivalisierenden Gangs und Zusammenstöße mit der Polizei. In der Favela Mangueira im Norden von Rio de Janeiro bekriegen sich drei Banden. Die Bewohner haben Angst, auf der Straße bei Schießereien verletzt zu werden.

Startschuss für den Drogenkrieg war die Ermordung eines Ex-Drogenchefs, Francisco Paulo Testas alias “Tuchinha”. Der 50-Jährige war Anfang September von Killern auf einem Motorrad exekutiert wurden, vermutlich war “Tuchinha” in einen Hinterhalt gelockt worden.

31 Jahre Haft, erst drei Jahre in Freiheit

Er war früher Drogenboss der Mangueira gewesen, einem wichtigen Drogenumschlagsplatz in Rio, in der Nähe des Maracanã. “Tuchinha” wurde verhaftet und verbrachte 21 Jahre im Gefängnis. Seit er vor drei Jahren entlassen wurde, kümmerte er sich um andere Ex-Dealer, die aus dem Drogenhandel aussteigen wollten und vermittelte bei Konflikten.

Er engagierte sich auch in der Anwohnervereinigung der Favela, die die Interessen der Anwohner vertreten soll, aber oftmals von den Drogengangs unterwandert ist. Unklar ist, ob “Tuchinha” selbst wieder im Drogenhandel tätig war. Anlass des Mordes könnten auch Streitigkeiten zwischen ihm und seinem Bruder sowie einem inhaftierten Drogengangster gewesen sein.

Massive Polizeipräsenz

Seit seinem Tod kommt es verstärkt zu Konflikten zwischen den Banden, aber auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Mangueira ist seit 2011 besetzt. Als wir mit den Bewohnern das WM-Finale angesehen haben, war die Polizeipräsenz massiv – unter anderem mit mehreren Straßensperren und -kontrollen innerhalb der Favela.

Polizeisperre in der Favela (Foto: BuzzingCities)

Polizeisperre in der Favela (Foto: BuzzingCities)

In der vergangenen Woche wurde bei einer Schießerei mit Drogengangstern ein Polizist erschossen, ein weiterer angeschossen. Bei einer Polizeioperation am Dienstag wurden in einem Haus in der Mangueira kartonweise Drogen wie Kokapaste oder Ecstasy, ein Sturmgewehr, Munition, Militäruniformen und eine Handgranate sichergestellt.

Von Kugeln durchschlagene Fensterscheiben

Aufgeplatzte Wände, von Kugeln durchschlagene Fensterscheiben, Favelabewohner, die Behälter voller Patronen präsentieren: Videos und Fotos aus den sozialen Netzwerken dokumentieren die heftigen Spuren der Schießereien, die heute in der Favela Rocinha stattgefunden haben.

Gegen 6.30 Uhr morgens begann die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Mitgliedern der Drogengang – die Polizei war angerückt, da sie Hinweise erhalten hatten, dass sich in der Rua 2 in der Rocinha ein hochrangiges Mitglied der Gang aufhalten soll. Das Gefecht hinterließ durchsiebte Häuserwände. Ein grünes Haus wurde besonders schwer beschädigt – offensichtlich hatte sich hier der Gesuchte verschanzt. Über der Rocinha stieg auch eine schwarze Rauchwolke auf, weil ein Motorrad Feuer gefangen hatte. Verletzt wurde niemand.

Die Polizei konnte den gesuchten Gangster nicht festnehmen. Sie brach die Operation trotzdem ab, auch weil der Gouverneur von Rio de Janeiro, Luiz Fernando Pezão, mittags zu einem Termin in der Rocinha erwartet wurde. Die nächsten Schießereien werden in Kürze folgen – die Polizei hat angekündigt, die Suche nach dem untergetauchten Kriminellen noch in dieser Woche fortzusetzen.

Becher voller Patronen (Screenshot: Facebook)

Zerschossenes Fenster (Foto: Facebook)

Zerschossenes Fenster Screenshot: Video)

Durchsiebte Wände in der Rua 2 (Foto: Facebook)

Durchsiebte Wände in der Rua 2 (Screenshot: Video)

Complexo do Alemão: Zwei Polizisten angeschossen

Im Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro dreht sich die Gewaltspirale seit dem Ende der WM in neuer Intensitität: Operationen von Militär und Polizei wechseln sich mit heftigen Attacken der Drogengang ab. Bei einem erneuten Schusswechsel zwischen Gangmitgliedern und staatlichen Sicherheitskräften wurden am Donnerstag zwei Polizisten der Befriedungspolizei UPP angeschossen.

Gegen 21 Uhr ereigneten sich die ersten Schießereien zwischen Polizei und Drogengang, die Gefechte zogen sich länger hin.

Auch am Tag zuvor, am Mittwochnachmittag, war es bereits zu Schießereien gekommen. Gegen 16 Uhr waren Polizisten bei einer Patrouille in der Favela Nova Brasília des Complexo do Alemão auf bewaffnete Mitglieder der Drogengangs gestossen. Der kurze Schusswechsel löste Panik bei den Bewohnern aus.

Wandbild im Complexo do Alemao: Ordnung und Fortschritt? (Foto: BuzzingCities)

Wandbild im Complexo do Alemao: “Ordnung und Fortschritt”? (Foto: BuzzingCities)

Anfang des Monats beschossen Mitglieder der Drogengang die UPP-Polizeistation Itacorá, die aus einem mobilen Containersystem besteht. Ein Polizist, der im Büro arbeitete, wurde am Bein von Kugeln getroffen. Am Vortag dieser Attacke war es ebenfalls zu Schießereien zwischen Gang und Polizei gekommen, Polizisten hatten dabei einen jungen Mann angeschossen.

Als eine der größten von Sicherheitskräften besetzten Favelasiedlungen gilt der Complexo do Alemão wie die Favela Rocinha als einer der Brennpunkte unter den UPP-Favelas. Im Complexo do Alemão wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Polizisten angeschossen und getötet – auch die staatlichen Sicherheitskräfte haben mehrere Mitglieder der Drogengang erschossen, aber auch unbeteiligte Bewohner getötet.

Antonio: “Es gibt immer wieder Schießereien”

Blümchendecke, Saucen auf dem Tisch, Brasilienflagge: Antonio hat sich am Straßenrand seinen Imbiss aufgebaut – Entrepreneurship a la Favela. Er wohnt seit 32 Jahren in der Favela Rocinha, sein Mini-Restaurant liegt unterhalb des Quartiers der Befriedungspolizei UPP.

“Es ist nicht besser geworden, seit die Polizei hier ist”, sagt Antonio. “Es gibt immer wieder Schießereien.” Nach der WM, glaubt er, würde die Polizei sich sowieso wieder zurückziehen.

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Complexo do Alemão: Zwei Teenager erschossen

Von “Befriedung” kann man im von der Polizei besetzten Favelakomplex Complexo do Alemão im Norden von Rio nicht sprechen. Heute Abend kam es erneut zu Schießereien.

In den sozialen Netzwerken schicken Favelabewohner Traueranzeigen der getöteten Jugendlichen (Screenshot: Facebook)

In den sozialen Netzwerken schicken sich Favelabewohner Traueranzeigen der getöteten Jugendlichen zu (Screenshot: Facebook)

Bei einer Patrouille kurz vor acht Uhr stießen Polizisten auf Mitglieder der Drogengang, bei dem Schusswechsel wurde ein Polizist in den Kopf geschossen. Er befindet sich mit schweren Verletzungen im Krankenhaus wie das Nachrichtenportal G1 berichtet.

Favelabewohnern zufolge sind heute Abend aber auch zwei Teenager von der Polizei erschossen worden. Einer der Jungen wurde in einem Imbiss getötet, in einer Gegend, in der sich die Drogenbanden häufig aufhalten. Die großen Medien berichten bisher nichts vom Tod der Jugendlichen.

Erst in der vergangenen Woche war ein Jugendlicher von der Polizei erschossen worden. Seit Jahresbeginn ist es zwischen Polizei und Mitgliedern der Drogengang im Complexo do Alemão zu mehr als 80 Zusammenstössen gekommen.

Blutige Nacht mit drei Toten

Update: Der verletzte Polizist, der bald seinen 31. Geburtstag gefeiert hätte, ist im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Die beiden erschossenen Jugendlichen wurden nur 15 beziehungsweise 17 Jahre alt. Das Nachrichtenportal “O Globo” hat inzwischen mit einem Artikel nachgezogen. Ein weiterer junger Mann wurde angeschossen, ebenso ein weiterer Polizist verletzt. “O Globo” spricht in Bezug auf die beiden Jugendlichen von “Verdächtigen”, Familie und Freunde dementieren in den sozialen Netzwerken, dass sie Verbindungen zu den Drogengangs hatten. Die Favelabewohner diskutieren das Geschehen kontrovers. “Unabhängig davon, wer oder was sie waren, es sind trei Tote mehr! Ein sinnloser Krieg ohne Ende…”, so eine Favelabewohnerin.

Schießereien in der Favela, Proteste im Zentrum 

Es klang, als ob Häuser am Hang abrutschen oder wie ein Steinschlag – doch es waren Salven verschiedener Kaliber, die ohne Pause durch die Favela hallten. An mehreren Orten in der Rocinha  wie Valão, Cachopa, Boiadeiro, Rua 2, Rua 4, vermutlich auch Vila Verde kam es heute Nacht wiederholt zu längeren Schießereien, so heftig wie schon lange nicht mehr.

Im Valão am Fuß der Rocinha sind die Straßen und Gassen wie leergefegt, dort fanden die heftigsten Schusswechsel statt. Informationen aus den sozialen Netzwerken zufolge waren Soldaten der Spezialeinheit BOPE dort etwa vor einer Stunde unterwegs und haben sich dann Richtung Rua 4 hochbewegt.

Da die Schusswechsel an mehreren Orten gleichzeitig stattfanden,  und Polizisten der UPP zufolge von Drogendealern überrascht wurden, scheint es eine abgestimmte Operation der Drogengang gewesen zu sein.

Proteste im Zentrum
Auch in der Lapa in der Innenstadt war die Stimmung angespannt, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Zum Jahrestag der Sozialproteste vom vergangenen Jahr hatten heute in Rio Beobachtern zufolge etwa 1000 Menschen protestiert und sich unter die Touristen und Feiernden gemischt, die auf der Partymeile unterwegs waren.

Die Polizei hat wieder Tränengas eingesetzt, mehrere Personen wurden festgenommen. Einige Bars haben die Türen mit den Gästen im Inneren abgesperrt.

In den sozialen Netzwerken wurde heute auch an Rafael Vieira erinnert, den einzigen, der bei den Sozialprotesten im vergangenen Jahr festgenommen wurde – und der bis heute im Gefängnis sitzt. Dem 25-jährigen warfen die Sicherheitskräfte vor, brennbare Reinigungsmittel dabeigehabt zu haben, die sich zu Sprengstoff umfunktionieren lassen.

Im Gefängnis seit einem Jahr: Rafael Vieira

Im Gefängnis seit einem Jahr: Rafael Vieira

Die Kritik an der Festnahme von Vieira war immer wieder, dass er nur wegen seines Aussehens und sozialen Status im Gefängnis landete: ein schwarzer, junger Mann, crackabhängig.

Favelabewohner im Kreuzfeuer

Am Samstagnachmittag ist es in der Rocinha erneut zu einer Schießerei gekommen, bei der drei Personen angeschossen wurden. Der 43-jährige Josiel Rafael Silva starb an den Verletzungen, zwei weitere Männer haben überlebt und befinden sich dem Krankenhaus zufolge in einem stabilen Zustand.

Der UPP zufolge soll es sich bei Silva um einen Kriminellen handeln, der eine Waffe bei sich trug. Die anderen sollen Vorstrafen aufgrund von Drogenbesitz beziehungsweise Drogenverkauf haben, ob sie zur Drogengang gehörten und bewaffnet waren, ist unklar. Ausgelöst wurde die Schießerei, als Polizisten bei einer Patrouille auf Mitglieder der Drogengang stießen.

Während der WM-Countdown läuft, reiht sich in der Rocinha ein Vorfall an den nächsten, regelmäßig kommt es zu Schießereien. Anfang Mai starb ein junger Dealer bei einer Konfrontation mit der Polizei, eine weitere Person wurde angeschossen. Im April wurde ein Polizist auf Patrouille ins Bein geschossen. Anfang des Jahres lieferten sich in der Rocinha UPP und Gang eine filmreife Verfolgungsjagd bis unten an die Brücke der Rocinha an der Straße, bei der vier Polizisten verletzt, ein Verdächtiger starb und ein weiterer angeschossen wurde. Die Favelabewohner befinden sich im Kreuzfeuer zwischen Polizei und Drogengang.