Schießereien: Erneut Verletzte im Complexo do Alemão

Bei heftigen Schießereien am vergangenen Freitag wurden in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio erneut mehrere Menschen angeschossen. Den ganzen Tag waren immer wieder Salven in verschiedenen Teilen des Favela-Komplexes zu hören, Anwohner versuchten sich in sozialen Netzwerken vor den Schießereien zu warnen.

Zwei Männer, wohl Mitglieder der Drogengang, wurden in der Alvorada bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Drogengang in der „Rua Sem Saída“ (Straße ohne Ausgang) angeschossen. Ein siebenjähriger Junge wurde beim Spielen in der Favela Bulufa von zwei Querschlägern ins Bein getroffen — er lief mitten in eine Schießerei hinein, als er seinem Ball nachrennen wollte. Auch ein Soldat traf eine Kugel ins Bein. Ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Drogengang wurde mit einer Kugel im Bein festgenommen.

Ein Jugendlicher wurde mit einem Kreislaufstillstand in der Krankenversorgungsstelle eingeliefert — er hatte sich wohl vor den Schießereien gefürchtet. Am frühen Morgen wurde ein weiterer Polizist bei einem Schusswechsel in der Favela Nova Brasília von einem Streifschuss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Advertisements

Schießereien in der Rocinha verunsichern Anwohner der Reichenviertel

Heftige Schießereien in der Favela Rocinha haben Studenten der naheliegenden Privat-Uni PUC erschrocken. Die Studenten wurden angewiesen, in der Universität zu bleiben. Die Schießereien waren in vielen Teilen der Favela zu hören.

Ein führendes Mitglied der lokalen Anwohnervereinigung des wohlhabenden Viertels Leblon meldete sich daraufhin in den Medien zu Wort: Es sei erschreckend, wieviele Schüsse sie in Leblon von ihrem Haus aus hören müsse.

Nur: Wieviele Schießereien hören die Bewohner der Rocinha immer wieder und müssen diese auch durchleben? Was für die Bewohner der Reichenviertel vielleicht eine Lärmbelästigung ist, bedeutet für die Favelabewohner lebensgefährlichen Alltag. In sozialen Netzwerken wie Facebook äußerten Bewohner der Favela Rocinha ihren Ärger.

Rio im Olympiajahr: Erneut sechs Tote – an einem Wochenende

Allein am vergangenen Wochenende sind erneut sechs Menschen in Rio de Janeiro getötet worden.

Kein Sonderfall: Dem brasilianischen Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge sterben im Bundesstaat Rio jeden Tag durchschnittlich sechzehn Menschen.

Mehrere Menschen starben bei Raubüberfällen oder -versuchen. Im Complexo do Alemão wurde die 34-jährige Elaine Cristina de Souza, Mutter von drei Kindern, bei einer Schießererein angeschossen und starb an den Verletzungen. Auch ein 27-jähriger Polizist wurde im Complexo do Alemão durch einen Kopfschuss getötet, als er und sein Kollege auf dem Weg zur Arbeit von Drogengangstern angegriffen wurden.

Jugendliche im Complexo haben daraufhin in der Favela einen nächtlichen Sit-In veranstaltet, und diskutiert, wie die Gewalt, aber auch die Potentiale der Favela besser sichtbar gemacht werden können.

Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Karnevalsparty in Rio endet in Gewalt und Schießereien

Brasilien ist im Karnevalsfieber: Alkohol, Hitze und viel Samba – das sind nicht nur Voraussetzungen für gute Partys, sondern auch für heftige Auseinandersetzungen.

Im Complexo do Alemão ist es bei einer Straßenparty in der Nacht zum Dienstag zu Schießereien gekommen. Feiernde sollen in Streit geraten seien, daraufhin hatte die Polizei den Sound ausgedreht. Es kam zu Streit und Stress zwischen den Feiernden selbst und der Polizei.

Die Polizisten setzten Tränengas ein, es wurden Schüsse von beiden Seiten abgegeben. Die Bewohner berichten von chaotischen Zuständen: “Geschrei, Schüsse und Gasbomben – es war der reinste Krieg“, sagt etwa ein Anwohner.

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Einige der Bewohner schimpfen über die Brutalität der Polizei: “Da waren Kinder, der Polizei ist das egal, dann stirbt wieder ein Junge und alle schreien”, sagt eine Anwohnerin und wird unterstützt: “In der Südzone würde die Polizei auch nicht gleich schießen, wenn ein paar Jugendliche etwas über die Stränge schlagen,” meint J.P.

Jugendliche mit Drogen und Pistole

Wie immer gehen die Meinungen der Anwesenden auseinander: “Als ich dort war, gab es Musik, die Gewalt verherrlicht, kiffende Personen, eine aufgebrachte Menge und ich habe einen Jugendlichen mit einer Pistole gesehen. Erst als die Polizisten beworfen wurden, haben diese eingegriffen”, erzählt Anwohner W.A. Continue reading

Schulfrei bei Schießereien

Aus dem Complexo da Maré im Norden von Rio twitterten vor ein paar Monaten 10-jährige Schüler Fotos von sich, wie sie sich im Klassenzimmer auf den Boden drängten – während sich Drogengangs und Polizei draußen vor der Schule ein Gefecht lieferten.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen beeinflussen die Bildungschancen in Rios Favelas – deren Schulen sowieso bereits an schlechter Ausstattung und Lehrermangel leiden. Schüler in Rios Favelas haben immer wieder schulfrei. Der Unterricht fällt bei Schießereien häufig aus, weil die Schüler ins Kreuzfeuer geraten könnten oder Lehrer nicht zu den Schulen gelangen.

Haartattoo

Aufgrund einer Attacke von Mitgliedern einer Drogengang auf die Befriedungspolizei UPP mussten in der vergangenen Woche mindestens vier Schulen, ein Kindergarten und ein Kinderbetreuungszentrum in der Favela Morro dos Macacos in Vila Isabel schließen. Etwa 1.173 Schüler waren betroffen. Von den Konflikten sind besonders häufig Favelas mit Polizeipräsenz der UPP betroffen, da Drogengangs und Polizei sich dort immer wieder beschießen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Lernatmosphäre nicht gerade förderlich für gute Noten ist – Joanna Monteiro von der Getulio Vargas Stiftung und Rudi Rocha haben am Beispiel von Matheprüfungen erstmals wissenschaftlich erforscht, wie sich Gewalt in den brasilianischen Favelas und in deren Nähe auf den Schulerfolg auswirkt. „Die Wirkung von Gewalt steigt mit der Intensität, Dauer und der Nähe zum Prüfungsdatum“, so das Fazit. „Sie nimmt mit zunehmender Distanz zwischen Schule und dem Ort des Konflikts ab.“ Schüler aus Konfliktgebieten schneiden bei Prüfungen signifikant schlechter ab als in ruhigen Gebieten – allerdings ist es auch in einer Favela ohne Schießerei schwierig zu lernen, weil Familien oft dichtgedrängt auf engem Raum leben, es kaum Privatsphäre und Ruhe gibt, überall dröhnt Musik, Kinderschreien, Hundegebell.

Mega-Operation in der Rocinha

In der Favela Rocinha hat die Woche mit einer Mega-Operation begonnen: Militärhubschrauber dröhnten über der Favela, immer wieder kam es zu Schusswechseln in verschiedenen Gebieten der Favela. Die Gangs sollten besonders in “Brennpunkten” der Favela zurückgedrängt werden, in denen sie besonders präsent sind und Drogenverkaufsstellen betreiben, darunter in der Cachopa, im Valao, Rua 4, Roupa Suja und “unserem” Laboriaux.

Insgesamt 300 Sicherheitskräfte, darunter 100 Soldaten der Spezialeinheit BOPE, haben die Favela durchkämmt, um die Drogengangs zu bekämpfen, die gerade mit neuem Selbstbewusstsein um ihr Territorium kämpfen und immer wieder die Patrouillen der Befriedungspolizei UPP attackieren.

Bildschirmfoto 2014-11-04 um 13.05.29

Einige Schulen und Kindergärten wurden vorübergehend geschlossen, etwa 30 Lehrer trauten sich aufgrund der Schießereien nicht den Berg der Rocinha zu den Schulen hinauf. Auch der Busverkehr wurde unterbrochen. Auf Facebook zirkulierten Informationen, dass eine Jugendliche angeschossen wurde, von offizieller Seite wurde nichts bestätigt.