Zwischen Gangs und Polizei: Webdoku über den Drogenkrieg in Rio

Immer wieder Schießereien, Bewohner im Kreuzfeuer von Sicherheitskräften und Drogengangs: Für Y-Kollektiv haben wir in Rio eine Webdoku über den Drogenkrieg gedreht und mit Favelabewohnern, Sicherheitskräften und Jugendlichen, die für die Drogengangs gearbeitet haben oder deren Innenleben kennen, über die Gewalt gesprochen – und welche Lösungen es geben könnte.

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Kugelhagel an Weihnachten

Selbst während der Weihnachtsfeiertage erschüttern immer wieder Schießereien die Rocinha, Rios größte Favela. 

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

“Ich war mit meinem vier Monate alten Baby zuhause in der Rua 2, wir haben versucht uns in der Küche vor dem Bad vor den Schüssen zu schützen, und meine Wohnung wurde von Kugeln getroffen – die Fotos sind vom Bad und vom Balkon”, berichtet die Bewohnerin Mariana der Facebookseite Rocinha em Foco, auf der sich Bewohner gegenseitig vor Schießereien warnen.

Die Rua 2 sei extrem, kommentiert auch Valéria: “Wer nicht zuhause ist, weiss nie, wo in dieser Straße die nächste Schießerei stattfindet – diese unendlichen Schießereien zerstören die Häuser und die Familien haben weder zuhause noch außerhalb ihrer Häuser einen Moment der Ruhe.”

Während der Weihnachtsfeiertage gab es immer wieder Schießereien in der Rocinha. Fast jeden Tag finden Operationen der Spezialeinheiten statt. Am Mittwoch haben Sicherheitskräfte bei einer Razzia erneut Kokain, Granaten und Munition sichergestellt. Die Spezialeinheit Bope hat auf dem Instagram-Account der Truppe düstere Weihnachtsgrüße hinterlassen. Munition werde verschwendet und die Kugeln würden meistens die falschen Häuser treffen, beschwert sich eine Bewohnerin.

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Am 16. Dezember 2017 wurde ein Jugendlicher bei einem Fußballplatz in der Rocinha getötet. Die Sicherheitskräfte geben an, dass der 15-Jährige im Drogenhandel gewesen sei, und auch ein Gewehr in der Nähe gefunden wurde. Die Version der Familie allerdings lautet anders: Sie sagt, dass die Sicherheitskräfte von einer Terrasse aus auf Jugendliche geschossen hätte, die gerade Fußball spielten.

Schießereien: Erneut Verletzte im Complexo do Alemão

Bei heftigen Schießereien am vergangenen Freitag wurden in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio erneut mehrere Menschen angeschossen. Den ganzen Tag waren immer wieder Salven in verschiedenen Teilen des Favela-Komplexes zu hören, Anwohner versuchten sich in sozialen Netzwerken vor den Schießereien zu warnen.

Zwei Männer, wohl Mitglieder der Drogengang, wurden in der Alvorada bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Drogengang in der „Rua Sem Saída“ (Straße ohne Ausgang) angeschossen. Ein siebenjähriger Junge wurde beim Spielen in der Favela Bulufa von zwei Querschlägern ins Bein getroffen — er lief mitten in eine Schießerei hinein, als er seinem Ball nachrennen wollte. Auch ein Soldat traf eine Kugel ins Bein. Ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Drogengang wurde mit einer Kugel im Bein festgenommen.

Ein Jugendlicher wurde mit einem Kreislaufstillstand in der Krankenversorgungsstelle eingeliefert — er hatte sich wohl vor den Schießereien gefürchtet. Am frühen Morgen wurde ein weiterer Polizist bei einem Schusswechsel in der Favela Nova Brasília von einem Streifschuss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Schießereien in der Rocinha verunsichern Anwohner der Reichenviertel

Heftige Schießereien in der Favela Rocinha haben Studenten der naheliegenden Privat-Uni PUC erschrocken. Die Studenten wurden angewiesen, in der Universität zu bleiben. Die Schießereien waren in vielen Teilen der Favela zu hören.

Ein führendes Mitglied der lokalen Anwohnervereinigung des wohlhabenden Viertels Leblon meldete sich daraufhin in den Medien zu Wort: Es sei erschreckend, wieviele Schüsse sie in Leblon von ihrem Haus aus hören müsse.

Nur: Wieviele Schießereien hören die Bewohner der Rocinha immer wieder und müssen diese auch durchleben? Was für die Bewohner der Reichenviertel vielleicht eine Lärmbelästigung ist, bedeutet für die Favelabewohner lebensgefährlichen Alltag. In sozialen Netzwerken wie Facebook äußerten Bewohner der Favela Rocinha ihren Ärger.

Rio im Olympiajahr: Erneut sechs Tote – an einem Wochenende

Allein am vergangenen Wochenende sind erneut sechs Menschen in Rio de Janeiro getötet worden.

Kein Sonderfall: Dem brasilianischen Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge sterben im Bundesstaat Rio jeden Tag durchschnittlich sechzehn Menschen.

Mehrere Menschen starben bei Raubüberfällen oder -versuchen. Im Complexo do Alemão wurde die 34-jährige Elaine Cristina de Souza, Mutter von drei Kindern, bei einer Schießererein angeschossen und starb an den Verletzungen. Auch ein 27-jähriger Polizist wurde im Complexo do Alemão durch einen Kopfschuss getötet, als er und sein Kollege auf dem Weg zur Arbeit von Drogengangstern angegriffen wurden.

Jugendliche im Complexo haben daraufhin in der Favela einen nächtlichen Sit-In veranstaltet, und diskutiert, wie die Gewalt, aber auch die Potentiale der Favela besser sichtbar gemacht werden können.

Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Karnevalsparty in Rio endet in Gewalt und Schießereien

Brasilien ist im Karnevalsfieber: Alkohol, Hitze und viel Samba – das sind nicht nur Voraussetzungen für gute Partys, sondern auch für heftige Auseinandersetzungen.

Im Complexo do Alemão ist es bei einer Straßenparty in der Nacht zum Dienstag zu Schießereien gekommen. Feiernde sollen in Streit geraten seien, daraufhin hatte die Polizei den Sound ausgedreht. Es kam zu Streit und Stress zwischen den Feiernden selbst und der Polizei.

Die Polizisten setzten Tränengas ein, es wurden Schüsse von beiden Seiten abgegeben. Die Bewohner berichten von chaotischen Zuständen: “Geschrei, Schüsse und Gasbomben – es war der reinste Krieg“, sagt etwa ein Anwohner.

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Einige der Bewohner schimpfen über die Brutalität der Polizei: “Da waren Kinder, der Polizei ist das egal, dann stirbt wieder ein Junge und alle schreien”, sagt eine Anwohnerin und wird unterstützt: “In der Südzone würde die Polizei auch nicht gleich schießen, wenn ein paar Jugendliche etwas über die Stränge schlagen,” meint J.P.

Jugendliche mit Drogen und Pistole

Wie immer gehen die Meinungen der Anwesenden auseinander: “Als ich dort war, gab es Musik, die Gewalt verherrlicht, kiffende Personen, eine aufgebrachte Menge und ich habe einen Jugendlichen mit einer Pistole gesehen. Erst als die Polizisten beworfen wurden, haben diese eingegriffen”, erzählt Anwohner W.A. Continue reading