Proteste in São Paulo: Polizisten schlagen mit Skateboard zu

Die brasilianische Polizei verwechselt Proteste immer noch mit einem urbanen Krieg. Bei Demonstrationen in São Paulo am Freitag ist es erneut zu brutalen Attacken gekommen. Mit Schlagstöcken prügelten mehrere Polizisten auf einen bereits am Boden liegenden Mann ein, einer der Polizisten schlug ihm mit einem Skateboard ins Gesicht. Der brasilianische Sender TV Record hat die Gewaltarie gefilmt (unten auf der Seite).

Die Proteste in São Paulo hatten sich wieder gegen Fahrpreiserhöhungen in São Paulo gewandt – es war bereits der vierte Protest seit Monatsbeginn, den die Bewegung MPL (Movimento Passe Livre) organisiert hatte. Etwa 3000 Personen nahmen an dem Protestzug teil.

Die Demonstrierenden liefen etwa drei Stunden friedlich durch die Stadt, dann eskalierte die Gewalt. Mindestens sechs Personen wurden festgenommen, ein Reporter der Zeitung Estado de S. Paulo wurde von einem Gummigeschoss der Polizei am Bein verletzt. Randalierer beschädigten vier Bankfilialen.

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Favela in Flammen

In São Paulo steht nun innerhalb von nur zehn Tagen die dritte Favela in Flammen. Etwa 50 Häuser auf einer Fläche von 5000 Quadratkilometern wurden der Feuerwehr zufolge von den Flammen erfasst. 20 Feuerwehr-Teams sind im Einsatz, um das Feuer zu löschen. Die Ursache des Brandes ist noch unbekannt, die Straße Rua 21 de Abril musste gesperrt werden. Über mögliche Verletzte oder Tote gibt es noch keine Informationen.

Am vergangenen Donnerstag brannten in einer Favela beim Jardim Rodolfo Pirani in São Paulo 35 Häuser, eine Person starb. Ein großes Feuer war vor wenigen Tagen auch in einer Favela in Fazenda da Juta ausgebrochen.

Brandstiftung – oder 1001 andere Gründe

Zu Bränden in Favelas kommt es immer wieder. In einigen Fällen haben Favelabewohner vermutet, dass Brände gelegt wurden, um die Bewohner aus den Favelas zu vertreiben, damit die Fläche von Staat oder Privatinvestoren neu bebaut werden kann.

Doch mögliche Brandursachen lassen sich in den teils abenteuerlich improvisierten Favelas zahlreiche finden, auch in der Rocinha haben wir mehrmals Brände erlebt. Zum Teil halbdefekte Stromkabel hängen in Knäueln offen über der Straße, Gasleitungen bestehen manchmal nur aus dünnen Plastikschläuchen, die direkt an der Häuserwand entlanggeleitet werden, die meisten Haushalte kochen mit Gasofen, die Küchenausstattung ist oft nicht besonders neu. Dazu sind die Favelas so eng bebaut und die Häuser mehrere Stockwerke hoch übereinandergestapelt, so dass ein Feuer sich schnell ausbreiten kann.

Die Feuerwehr steht jedes Mal vor einer Herausforderung: Als in der Favela Rocinha ein Häuschen in einer schmalen Gasse brannte, hatten sie etwa keinen Zugang mit dem Löschfahrzeug, das auf der Hauptstraße stehen bleiben musste. Als die abenteuerlichen Stromkabel Feuer fingen, stand die Feuerwehr erst auf der einzigen Hauptstraße der Favela im Stau, so dass sie erst eintrafen, als das Feuer sich schon meterweit ausgebreitet hatte – unter den brennenden Kabeln, die wie Leuchtketten auf die Straße hingen, fuhren währenddessen weiter Favelabewohner auf Motorrädern nach Hause.

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Proteste in São Paulo: Randale nach WM-Spiel

In São Paulo haben Protestierende die Scheiben eines Autohauses eingeschlagen, Luxusautos mit Baseballschlägern und Feuerlöschern demoliert und damit wieder medienwirksame Fotos produziert – auf vielen Bildern, die in den Medien und sozialen Netzwerken zirkulieren, ist zu sehen, wie eine Meute von Fotografen einen Kreis um einen Randalierer bildet, der gerade ein Auto einschlägt.

Dabei setzen die meisten brasilianischen Proteste gerade nicht auf Gewalt, sondern auf Argumente – und davon gibt es genug. Lehrer und Beamte protestieren für Gehaltserhöhungen, für eine bessere Ausstattung von Schulen, Favelabewohner für ein Abwassersystem oder gegen Polizeigewalt, andere protestieren gezielt gegen FIFA und die Milliardenverschwendung für die WM.

Die Proteste in São Paulo sollten an die erfolgreichen Proteste gegen die Fahrpreiserhöhungen vor einem Jahr erinnern und verliefen anfangs friedlich. Erst als vermummte Randalierer begannen, Gebäude zu demolieren kam es wieder zu Straßenschlachtszenen, auch die Polizei setzte wieder Tränengas ein.

Immer wieder kommt es zu Protesten in ganz Brasilien, doch die Demos sind kleiner und fragmentierter geworden, sie ziehen nicht mehr viele Tausende Menschen an wie bei den Sozialprotesten vor einem Jahr. In São Paulo sollen es heute etwa 1300 bis 2000 gewesen sein, die auf die Straße gingen.

Kein Opium fürs Volk

Selbst die WM wird die fußballbegeisterten Brasilianer diesmal nicht besänftigen – im Gegenteil. Eine Woche vor dem Mega-Fußballevent streiken in Rio de Janeiro die Angestellten des öffentlichen Wasser- und Abwasserversorgers CEDAE und haben mit ihrem Protest vor dem Gouverneurspalast Palácio Guanabara eine der wichtigsten Straßen des Stadtteils Laranjeiras sowie den Tunnel Santa Bárbara blockiert. In São Paulo wollen Beschäftigte der U-Bahn mit einem unbefristeten Streik eine Lohnerhöhung erreichen.

Auch für den Rest des Großereignisses sind Streiks und Proteste vorprogrammiert. In der Nähe des Stadions in São Paulo, wo die WM angepfiffen wird, campen etwa 4.000 Familien, die aus ihren Häusern vertrieben worden sind. Sie drohen, die WM zu stören, wenn die Regierung ihnen keine Sozialwohnungen zur Verfügung stellt.

Wohnungslose, Beamte, Lehrer, Favelabewohner und andere Unzufriedene haben erkannt, dass das Megaevent auch eine Plattform ist, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Wenn sie die Chance haben, sich durchzusetzen, dann jetzt – wenn die Welt auf Brasilien blickt und Präsidentin Dilma Rousseff auch wegen der im Herbst anstehenden Wahlen zu Zugeständnissen gezwungen werden kann.

Die hat zwar angekündigt, hart zu bleiben, und nicht zuzulassen, dass “eine Minderheit” die WM stören werde – die Frage ist, wie energisch und brutal sie Militär und Polizei bei Demos gegen die Bevölkerung vorgehen lässt, wieviel Gewalt sie toleriert. Amnesty International prangert in einem aktuellen Bericht das übermäßig brutale Vorgehen der Polizei gegen Protestierende an:

“The police response to the wave of protests in 2013 was, in many instances, violent and abusive. Military police units used tear gas indiscriminately agai nst protesters in one case even inside a hospital fired rubber bullets at people who posed no threat and beat people with hand held batons. Hundreds were injured, including a photographer who lost his eye after being hit by a rubber bullet. Hundreds more were indiscriminately rounded up and detained, some under laws targeting organized crime, without any indication that they were involved in criminal activity.”

Die Menschenrechtsorganisation kritisiert auch die aktuellen Gesetzentwürfe zu Straftatbeständen wie “Terrorismus” und “Unruhestiftung”, die dem Kongress vorliegen – und die missbraucht werden können um Protestierende zu kriminalisieren und ein hartes Eingreifen zu rechtfertigen. „Die Regierung muss öffentlich versichern, keine exzessive Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden und Missbrauchsfälle zu untersuchen”, fordert Amnesty.

 

Justin Bieber beschmiert Rio de Janeiro

Popstar Justin Bieber macht wieder mal auf cooler Macker – und lässt sich von seinen Bodyguards aus dem Hotel eskortieren, um ein bisschen Graffiti-Sprayen zu üben.



Wahrscheinlich hat ihn beim Blick aus dem Hotelzimmer die Lust gepackt, mal etwas “echtes” Rio zu erleben, mal etwas richtig Gewagtes zu tun. So ließ Justin Bieber sich von seinen Bodyguards im Stadtteil São Conrado in die Nähe der Favela Rocinha eskortieren und schmierte ein Graffiti an die Wand.

Die Fotos der Aktion kursieren natürlich schon im Netz, manche finden es “legal”, “cool”, obwohl sich die Sprayer von Rio wahrscheinlich gerade über Bieber lustig machen und der mutmaßliche Bär alles andere als ein Kunstwerk geworden ist – allein in der Rocinha gibt es Dutzende begabtere Graffiti-Künstler.

Bieber

Interessant ist, dass Bieber sich nicht direkt in die Rocinha hineinkutschieren ließ – Riesenwände, auf denen bereits Street-Art und Graffitis prangen, gibt es auch hier. Und die meisten Stars haben entdeckt, dass sich mit einem Kurzbesuch in der Favela viel Aufmerksamkeit generieren lässt. Noch interessanter ist, dass auf den Fotos von Justin Bieber beim Sprayen auch ein Auto der Befriedungspolizei UPP zu sehen ist – die derzeit alles andere zu tun haben sollte, als Bieber beim Sprayen zu beobachten (gar zu begleiten?), wie etwa Präsenz in der Rocinha zu zeigen, in der es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Schießereien gekommen ist.

In Rio de Janeiro hinterlässt Bieber also dreckige Wände, in São Paulo ließ er 35.000 Fans enttäuscht zurück: Nachdem ein Fan ihm mit einer Wasserflasche das Mikro aus der Hand schleuderte, stampfte Bieber grußlos von der Bühne und reiste ohne Zugabe ab. Bei anderen Konzerten und Fan-Treffen kam er Stunden zu spät. In Rio de Janeiro musste er, verfolgt von Fotografen, mit Bettlaken Handtüchern auf dem Kopf aus einem Bordell flüchten – es scheint, als ob er sich auch in Südamerika an Mini-Skandalen abarbeitet, um an seinem Bad Boy-Image zu feilen. Was eher peinlich als authentisch wirkt, genauso wie das Sprayen.

#Favela Soundtrack: Criolo – “Knoten im Ohr” (Nó na Orelha)

Er besingt soziale Kälte, die Herausforderungen des Favelalebens, Amor e Vida: Criolo aus São Paulo hat sich mit seiner Musik nach oben gekämpft – und präsentiert sein facettenreiches Werk heute auf internationalen Bühnen.

Wie Hunderttausende Brasilianer hatten auch Kleber Gomes`Eltern auf ein besseres Leben gehofft, als sie aus dem Nordosten nach São Paulo zogen – doch es reichte nur für ein Häuschen in einer Favela der Millionenmetropole. Für Kleber Gomes alias “Criolo” wurde die Peripherie zur Inspiration: Mit elf Jahren entdeckte er den Rap als Ventil, als Medium, um den täglichen Überlebenskampf und die soziale Kluft zu thematisieren.

Mal wütend, mal poetisch skizziert er seitdem das Favelaleben in seinen anspruchsvollen Songtexten, den Alltag derjenigen, die an die Ränder der brasilianischen Gesellschaft gedrängt werden, und das Panorama sozialer Unterschiede – und ist mit seinem vielfältigen Repertoire zu einer Stimme der Favelas geworden, die inzwischen auf der ganzen Welt gehört wird. Seit er 2011 in Brasilien sein Album “Nó na Orelha” veröffentlichte, zählt der 38-Jährige zu den spannendsten brasilianischen Musiktalenten und war mehrfach international auf Tour. Continue reading

Der öffentliche Tod von MC Daleste

Favela-Funkeiros leben gefährlich – mit ihren Tracks können sie ins Visier von Drogenbanden oder Militärpolizei geraten. Am vergangenen Samstag wurde der erst 20-jährige MC Daleste bei einem Konzert erschossen.

 

Scheppernde Baile Funk Beats dröhnen, MC Daleste brüllt portugiesische HipHop-Reime ins Mikrofon, auf einmal sackt er in sich zusammen, von zwei Schüssen getroffen, die Fans schreien, Chaos bricht aus.

Am vergangenen Samstag wurde der erst 20-jährige Funkeiro bei einem Konzert in Campinas, São Paulo, erschossen und starb wenige Stunden später im Krankenhaus an den Verletzungen.

Digitale Erinnerung: Auf MC Dalestes offiziellem Fan-Facebook-Account posten Freunde Fotos von MC_Daleste (Screenshot)

Digitales Trauern: Auf MC Dalestes offiziellem Facebook-Account posten Freunde und Fans Fotos von ihm und seiner Beerdigung (Screenshot)

Es war ein öffentlicher Tod: Etwa 1000 Zuschauer waren bei dem Konzert anwesend, sie reckten die Hände in die Höhe, filmten mit dem Mobiltelefon mit – auch den Mord an dem Rapper. Das Kriminalistische Institut (IC) in São Paulo wertet aktuell Handyvideos von Augenzeugen aus, um Hinweise auf die Mörder zu finden. Continue reading