Proteste in São Paulo: Randale nach WM-Spiel

In São Paulo haben Protestierende die Scheiben eines Autohauses eingeschlagen, Luxusautos mit Baseballschlägern und Feuerlöschern demoliert und damit wieder medienwirksame Fotos produziert – auf vielen Bildern, die in den Medien und sozialen Netzwerken zirkulieren, ist zu sehen, wie eine Meute von Fotografen einen Kreis um einen Randalierer bildet, der gerade ein Auto einschlägt.

Dabei setzen die meisten brasilianischen Proteste gerade nicht auf Gewalt, sondern auf Argumente – und davon gibt es genug. Lehrer und Beamte protestieren für Gehaltserhöhungen, für eine bessere Ausstattung von Schulen, Favelabewohner für ein Abwassersystem oder gegen Polizeigewalt, andere protestieren gezielt gegen FIFA und die Milliardenverschwendung für die WM.

Die Proteste in São Paulo sollten an die erfolgreichen Proteste gegen die Fahrpreiserhöhungen vor einem Jahr erinnern und verliefen anfangs friedlich. Erst als vermummte Randalierer begannen, Gebäude zu demolieren kam es wieder zu Straßenschlachtszenen, auch die Polizei setzte wieder Tränengas ein.

Immer wieder kommt es zu Protesten in ganz Brasilien, doch die Demos sind kleiner und fragmentierter geworden, sie ziehen nicht mehr viele Tausende Menschen an wie bei den Sozialprotesten vor einem Jahr. In São Paulo sollen es heute etwa 1300 bis 2000 gewesen sein, die auf die Straße gingen.

WM-Auftakt: Friedliche Favela, Stress auf den Straßen

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Die WM in Brasilien startete mit einem Eigentor – und liefert den Chronisten der WM, die über Milliardenausgaben, Proteste und das die brasilianische WM begleitende Chaos schreiben, damit eine Metapher, die sich treffender nicht erfinden ließe. In der Favela Rocinha begann die WM trotzdem mit allem, was ein schönes Fußballfest haben muss: gute Stimmung, treue Fans, die ihre Seleção anfeuern, Tröten, viel Bier, Churrasco am Straßenrand, und – very Favelalike – Feuerwerke.

Keine Fanmeile, stattdessen Hunderte von Mini-Partys in der Favela

Die meisten kleineren Läden blieben am ersten Tag der WM geschlossen, einige Fans hatten sich entschieden, das Spiel beim Public-Viewing an der Copacabana anzusehen, viele Favelabewohner hatten es sich mit Familie und Freunden im Wohnzimmer vor dem Fernseher oder auf den Hausdächern gemütlich gemacht, so dass die Rocinha in manchen Gebieten ungewohnt verwaist aussah.

In der Rocinha verteilten sich die öffentlichen WM-Partys auf die kleinen Bars an der Hauptstraße und in den Gassen zwischen den Ziegelhäusern. Viele bauten einfach ein paar Plastiktische an, oder stellten Stühle mitten auf die Straße. Wir sind während des Spiels von ganz oben am Berg bis an den Fuß der Favela getourt, und haben uns die Stimmung in mehreren Bars angesehen.

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Kein Herumgegröle, stattdessen nette, kleine Runden, mit denen das WM-Gucken Spaß gemacht hat. Nur ein Böller hat uns während eines Interviews fast einen Hörsturz beschert. Julia war mit dem kanariengelben Neymar-Trikot im Favela-Look – viele trugen Fußball-T-Shirts, inklusive zahlreicher Mini-Neymars.
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Tränengas zum WM-Auftakt

Während das erste WM-Spiel innerhalb der Favela und auch in der Fanfest-Arena eine friedliche Feier war, kam es bei den Anti-WM-Protesten an der Copacabana und in der Lapa wieder zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden.

Mindestens elf Personen wurden festgenommen, der Polizei zufolge mindestens fünf verletzt, davon vier Polizisten. Soziale Netzwerke berichten von mehreren verletzten Demonstrierenden, von denen einer ins Krankenhaus transportiert werden musste. Die Polizei hat wieder Tränengas und Gummigeschosse gegen die Demonstrierenden eingesetzt. Auch der Favelareporter Betinhoo Casas Novas, der die Proteste fotografiert hat, wurde im Getümmel verletzt, konnte aber danach weiterfotografieren.

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Kein Opium fürs Volk

Selbst die WM wird die fußballbegeisterten Brasilianer diesmal nicht besänftigen – im Gegenteil. Eine Woche vor dem Mega-Fußballevent streiken in Rio de Janeiro die Angestellten des öffentlichen Wasser- und Abwasserversorgers CEDAE und haben mit ihrem Protest vor dem Gouverneurspalast Palácio Guanabara eine der wichtigsten Straßen des Stadtteils Laranjeiras sowie den Tunnel Santa Bárbara blockiert. In São Paulo wollen Beschäftigte der U-Bahn mit einem unbefristeten Streik eine Lohnerhöhung erreichen.

Auch für den Rest des Großereignisses sind Streiks und Proteste vorprogrammiert. In der Nähe des Stadions in São Paulo, wo die WM angepfiffen wird, campen etwa 4.000 Familien, die aus ihren Häusern vertrieben worden sind. Sie drohen, die WM zu stören, wenn die Regierung ihnen keine Sozialwohnungen zur Verfügung stellt.

Wohnungslose, Beamte, Lehrer, Favelabewohner und andere Unzufriedene haben erkannt, dass das Megaevent auch eine Plattform ist, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Wenn sie die Chance haben, sich durchzusetzen, dann jetzt – wenn die Welt auf Brasilien blickt und Präsidentin Dilma Rousseff auch wegen der im Herbst anstehenden Wahlen zu Zugeständnissen gezwungen werden kann.

Die hat zwar angekündigt, hart zu bleiben, und nicht zuzulassen, dass “eine Minderheit” die WM stören werde – die Frage ist, wie energisch und brutal sie Militär und Polizei bei Demos gegen die Bevölkerung vorgehen lässt, wieviel Gewalt sie toleriert. Amnesty International prangert in einem aktuellen Bericht das übermäßig brutale Vorgehen der Polizei gegen Protestierende an:

“The police response to the wave of protests in 2013 was, in many instances, violent and abusive. Military police units used tear gas indiscriminately agai nst protesters in one case even inside a hospital fired rubber bullets at people who posed no threat and beat people with hand held batons. Hundreds were injured, including a photographer who lost his eye after being hit by a rubber bullet. Hundreds more were indiscriminately rounded up and detained, some under laws targeting organized crime, without any indication that they were involved in criminal activity.”

Die Menschenrechtsorganisation kritisiert auch die aktuellen Gesetzentwürfe zu Straftatbeständen wie “Terrorismus” und “Unruhestiftung”, die dem Kongress vorliegen – und die missbraucht werden können um Protestierende zu kriminalisieren und ein hartes Eingreifen zu rechtfertigen. „Die Regierung muss öffentlich versichern, keine exzessive Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden und Missbrauchsfälle zu untersuchen”, fordert Amnesty.

 

Polizeigewalt: Erneut junger Mann erschossen

Am Rande von Protesten in einer Siedlung des Complexo do Alemão im Norden von Rio ist erneut ein junger Mann erschossen worden. Wie Favelabewohner berichten, hat ein scheinbar überforderter Polizist in die Menge geschossen. Dabei wurde Caio, ein junger Mototaxifahrer, in die Brust geschossen und starb an den Verletzungen.

Erst vor wenigen Wochen war im Complexo do Alemão bei einer Auseinandersetzung zwischen Polizei und Drogengangs eine ältere Frau angeschossen worden, die ihren Enkel mit ihrem Körper decken wollte und starb.

Caio (Screenshot Facebook)

Caio (Screenshot Facebook)

Debatte vor der WM: Medien International Brasilien

Helena Ferro de Gouveia, Projektmanagerin für Lateinamerika der DW Akademie, die brasilianische Journalistin Luciana Rangel (Veja, O Globo), und Julia haben heute auf Einladung von DW Akademie und ARD-Hauptstadtstudio die Situation in Brasilien, die Arbeitsbedingungen für Journalisten, die politischen Entwicklungen rund um die WM, Proteste und die Entstehung neuer Medienformate diskutiert.

Podiumsdiskussion im ARD-Hauptstadtstudio (Foto: Sonja Peteranderl)

Podiumsdiskussion im ARD-Hauptstadtstudio (Foto: Sonja Peteranderl)

Die Deutsche Welle hat die Debatte hier zusammengefasst – and there`s also an English article covering the debate on “Powerful media companies and alternative media”.

“Als schwierig schätzt auch Julia Jaroschewski die Sicherheitslage für Journalisten in Brasilien ein. “Gefährlich ist es allerdings nur da, wo man sich nicht auskennt.” Die Journalistin berichtete bereits mehrfach aus Brasilien und lebte während ihrer Aufenthalte in einer Favela. “Ich selbst trage – anders als viele brasilianische Kollegen – keine Schutzweste.” Wenn Journalisten derart aufträten, sei dies aus ihrer Sicht eher eine Provokation als ein Schutz. “Mir ist es wichtig, dass ich das Vertrauen der Menschen gewinne. Das gelingt mir nicht, wenn ich mich von ihnen abgrenze.”

ARD HSB

Sorry, Neymar: Der inoffizielle WM-Song

Katerstimmung vor der Fußball-WM in Brasilien: Der Frust vieler Brasilianer ist groß, Datafolha zufolge lehnen 80 Prozent der Befragten die Fußball-WM in Brasilien gerade ab – vor allem, weil Milliarden in Stadien und andere WM-Vorbereitungen fließen, während das Geld im Bildungs- und Gesundheitssektor, bei der Sanierung der Favelas oder im öffentlichen Transport fehlt.

Der Musiker Edu Krieger hat dieses Gefühl nun in seinem Song “Desculpe Neymar” (Tut mir leid, Neymar) beschrieben, der jetzt schon ein inoffizieller WM-Titelsong ist und sich über soziale Netzwerke rasant verbreitet. Am Anfang des Tracks wird eine Begrüßung des brasilianischen Superkickers Neymar eingespielt, der die Welt in Brasilien zur WM willkommen heißt  – Edu Krieger besingt danach die Gründe, warum er diesmal nicht für Neymar (und die WM) applaudieren wird.

That would also be the conclusion drawn from a song released by respected Rio musician Edu Krieger, which has become an internet success. In Desculpe Neymar (sorry Neymar), Krieger expresses that on this occasion he will not be cheering on Brazil’s poster boy and his team-mates. “We can’t be real champions,” he sings, “spending more than 10 billion…we have beautiful and monumental stadiums while schools and hospitals are on the verge of collapse.”

Accompanied just by his guitar, the song is rooted in sorrow rather than anger. “I’ve always been a fan of the national team,” he explained in an interview, “but I don’t feel comfortable supporting the side this time.

“I think the way we’ve organised the World Cup could not have been worse, especially bearing in mind what was promised and what has in fact been done. This song is a lament that I don’t feel the enthusiasm I’d like to have in relation to the event.”
Read more at http://www.worldsoccer.com/world-cup-3/brazil-world-cup-discontent#lsDgPqRs0pt0MwcT.99

That would also be the conclusion drawn from a song released by respected Rio musician Edu Krieger, which has become an internet success. In Desculpe Neymar (sorry Neymar), Krieger expresses that on this occasion he will not be cheering on Brazil’s poster boy and his team-mates. “We can’t be real champions,” he sings, “spending more than 10 billion…we have beautiful and monumental stadiums while schools and hospitals are on the verge of collapse.”

Accompanied just by his guitar, the song is rooted in sorrow rather than anger. “I’ve always been a fan of the national team,” he explained in an interview, “but I don’t feel comfortable supporting the side this time.

“I think the way we’ve organised the World Cup could not have been worse, especially bearing in mind what was promised and what has in fact been done. This song is a lament that I don’t feel the enthusiasm I’d like to have in relation to the event.”
Read more at http://www.worldsoccer.com/world-cup-3/brazil-world-cup-discontent#lsDgPqRs0pt0MwcT.99

Cyberattacken zur WM

Hacker des internationalen “Anonymous”-Kollektivs haben Cyberattacken angekündigt: als Protest gegen die Fußball-WM. Ziele könnten FIFA, Regierungswebseiten sowie Onlinepräsenzen von Unternehmen sein, die als WM-Sponsoren auftreten. 2012 hatte “Anonymous” während der Operation #OpWeekPayment Webseiten brasilianischer Banken lahmgelegt. Während der brasilianischen Massenproteste im vergangenen Sommer hatten digitale Aktivisten auch Regierungsseiten attackiert.

Die WM ist selbst im fußballverrückten Brasilien umstritten und wird von vielen als Millionenverschwendung betrachtet, von der nur wenige profitieren. Immer wieder kommt es zu Protesten, bei denen Fahrpreiserhöhungen, Korruption, Budgetmangel im Bildungs- und Gesundheitssektor, die soziale Kluft sowie die prekäre Situation in den Favelas und die Polizeigewalt kritisiert werden.

Digitale Angriffe

Brasilien muss sich zur WM-Zeit sowohl auf Proteste auf den Straßen als auch auf digitale Angriffe vorbereiten. 2011 hat die Regierung das militärische Cyberabwehrzentrum “Centro de Defesa Cibernética (CDCyber)” eingerichtet. Etwa 100 Experten der brasilianischen Streitkräfte beschäftigen sich im Cyberzentrum in Brasília mit Cybersicherheit und spielen Cyberwar-Szenarien durch.

Wir bloggen nur - Hacker setzen zur WM auf digitale Attacken (Foto: BuzzingCities)

Wir bloggen nur – Hacker setzen zur WM auf digitale Attacken (Foto: BuzzingCities)

Zum Einsatz kamen die Experten erstmals als Überwachungsteam beim UN-Gipfel Rio+20 im Juni 2012, sie sollen auch die digitale Sicherheit während Großveranstaltungen wie der Fußball-WM in Brasilien 2014 und Olympia 2016 garantieren und Hackerangriffe auf Regierungsbehörden abwehren.

“Brasilien hat viel getan, um die Cybersicherheit für die WM zu verbessern – aber hinsichtlich Cybersicherheit kann es nie genug Maßnahmen geben”, sagt Dmitry Bestuzhev, der Lateinamerika-Experte der IT-Sicherheitsberatung Kaspersky. Und selbst wenn die Regierung gut genug vorbereitet sei, bedeute dies noch nicht, dass alle Privatfirmen ausreichend gerüstet seien.

Imageschäden zur Fußball-WM

Der IT-Experte hält das Risiko für erfolgreiche Cyberattacken für “sehr hoch”. “Viele werden DDos-Angriffe sein, die Webseiten blockieren”, so Bestuzhev. Wenn Unternehmenswebseiten den Kunden nicht zur Verfügung stehen, kann das zu Unzufriedenheit und erheblichen Imageschäden führen, gerade zur WM.

Auch andere Hackangriffe und Defacing-Attacken, bei denen die Angreifer Webseiten verändern und dort etwa eigene Botschaften platzieren, können die Reputation von Unternehmen gefährden – vor allem bei Firmen, die ihren Kunden und WM-Besuchern während des Großereignisses höchste Sicherheit versprechen.

Metrô-Mangueira: Proteste gegen Favela-Zerstörung

Rio de Janeiro versucht seit 2010 die Bewohner der Favela Metrô-Mangueira in der Nähe des Maracanã-Stadions umzusiedeln – doch in leerstehende Häuser sind längst neue Familien nachgezogen. Die kämpfen jetzt mit einer Blockade der Metro-Strecke und Protesten gegen die Vertreibung aus der Favela.


Immer wieder kam es in den vergangenen Tagen zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Favelabewohnern. Am Dienstagmorgen drangen Polizisten in die Favela Metrô-Mangueira ein und zerstörten ein Dutzend Häuser, in denen sich teilweise noch der Besitz und die Möbel der Bewohner befunden haben sollen. Alle Bewohner sollen nun endgültig umgesiedelt, die gesamte Favela zerstört werden, wie die Stadt ankündigte. Die Favela Metrô-Mangueira liegt zwischen der Metro-Linie und einer Schnellstraße, unweit des Maracanã-Stadions – auf dem geräumten Gebiet soll eine Autofabrik entstehen, auch eine Schule und ein Skatepark sind geplant.

Seit Dienstagnachmittag protestieren die Favelabewohner gegen die Vertreibung, mit Müll auf den Schienen haben sie den Betrieb der Metrolinie 2 unterbrochen, haben Barrikaden aufgebaut, den Verkehr auf der Schnellstraße Avenida Radial Oeste gestoppt, Gegenstände angezündet. Die Polizei schoss mit Tränengas, ging hart gegen die Bewohner vor, die warfen wiederum mit Steinen und Flaschen auf die Polizei.

Die ewige Umsiedelung

Die Stadt hatte bereits im Jahr 2010 begonnen, die nach offizieller Zählung 662 Familien, die damals in der Favela Metrô-Mangueira lebten, umzusiedeln. Im Rahmen des Programms “Minha Casa, Minha Vida” konnte die Mehrheit der Favelabewohner neue Apartments in Sozialwohnblöcken beziehen. Doch in die leerstehenden Favelahäuser sind in der Zwischenzeit neue Familien eingezogen, die noch ärmer sind als die ursprünglichen Bewohner der Armensiedlung. NGOs wie “Rio on Watch” werfen der Stadtverwaltung Versäumnisse vor:

“The current situation is a direct result of the City’s gross negligence and mismanagement. Having evicted long-time residents to public housing units without any public consultation over the use of land–required by local legislation–the City left the land and houses to be occupied by those in most desperate need of public housing. Public housing is in theory specifically destined for the poorest and most in need, and not workers with consolidated homes as was the case of former Metrô residents. And now, the extremely vulnerable families currently living in Metrô seem set to receive nothing.”

Etwa 40 Familien sind von der aktuellen Vertreibung betroffen. Zwar wurde ihnen vor ein paar Wochen zugesichert, dass sie alternative Wohnungen zur Verfügung gestellt bekommen, doch die aktuelle Räumaktion der Favela kam dennoch überraschend – und sie wissen nicht, wohin.

Was in den Favelas von Rio im WM-Jahr 2014 wichtig wird

Proteste und Projekte, Besetzung, Massaker, Folterskandal: Für die Favelabewohner von Rio de Janeiro war das vergangene Jahr ein veränderungsreiches, oft auch dramatisches Jahr – und viele Ereignisse werden das WM-Jahr 2014 beeinflussen.

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe "Onde está Amarildo?")

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe “Onde está Amarildo?”)

#Amarildo

Niemals zuvor hat das Verschwinden eines Favelabewohners ein solches Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst. Niemals zuvor hatte ein Verbrechen an einem Favelabewohner solche Folgen. Ein Maurer aus der Favela Rocinha wurde 2013 zum Gesicht aller, die in der Vergangenheit spurlos verschwunden sind.

Am 14. Juli nahmen Polizisten der Befriedungspolizei UPP Amarildo de Souza am Tag einer Großrazzia in der Favela fest – er tauchte nie wieder auf. Mit der internationalen Social-Media-Kampagne “Cadê o Amarildo?”, aber auch bei Protesten innerhalb und außerhalb der Favelas forderten Favelabewohner und Unterstützer die Aufklärung des Falles. Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass Amarildo zu Tode gefoltert worden war, weil die Polizei sich Informationen über den Drogenhandel in der Rocinha von ihm erhofft hatte. Dann ließen sie seine Leiche verschwinden.

25 Polizisten wurden wegen Folter mit Todesfolge angeklagt, auch der Kommandant der UPP der Rocinha, Major Edson Santos, und sein Subkommandant Luiz Felipe de Medeiros wurden verhaftet. Das Phänomen der Verschwundenen wurde in Brasilien erstmals breit diskutiert. Und die Befriedungspolizei UPP kämpft seit dem Amarildo-Skandal nicht nur in der Favela Rocinha mit einem schweren Imageschaden – den Drogengangs und Kritikern der Besetzung hat der Fall in die Hände gespielt.

#Besetzung

Nachhaltige Sicherheits- und Städtepolitik oder Make-Up für die WM? Im WM-Jahr 2014 wird Rio de Janeiro im Rampenlicht der internationalen Medienöffentlichkeit stehen – Zeit, um eine Bilanz zum Erfolg oder Misserfolg der sogenannten Befriedungspolizei UPP zu ziehen.

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

Seit 2008 sind in Favelas von Rio 36 UPP-Einheiten präsent, die bisher etwa 170 Favelas erreichen und die Armensiedlungen und die Gebiete um sie herum sicherer machen sollen. Während die besetzten Favelas teils von sinnvollen Infrastrukturmaßnahmen und Programmen profitieren, und einige kleinere Favelas tatsächlich ruhig sind, treten in größeren Siedlungen wie der Favela Rocinha zahlreiche Probleme auf, wie Schießereien zwischen Drogengang und Polizei. Dazu kommen Probleme wie Polizeigewalt, teils auch Korruption. Und überall sind die Bewohner enttäuscht, dass der Wandel nicht so schnell eintritt, wie erhofft. Wir beobachten auf BuzzingCities.net, wie es weitergeht.

Vor der WM sollen noch die Siedlungen des Complexo da Maré mit den mehr als 130.000 Einwohnern besetzt werden – ein schwieriges Unterfangen. Rivalisierende Drogengangs bekämpfen sich dort, doch auch die Polizei ist unbeliebt. Am 24. Juni 2013 kamen dort bei einer Polizei-Aktion zehn Favelabewohner ums Leben.

#Favela-Pride

In den Favelas von Rio de Janeiro entsteht ein neues Selbstbewusstsein. In der Vergangenheit verschwiegen Favelabewohner bei Bewerbungen ihre Adresse, inzwischen zeigen viele ganz offen ihren Stolz und die Liebe zu “ihrer” Favela. Auch wenn die Vorurteile gegen die Armenviertel und ihre Bewohner in der brasilianischen Gesellschaft immer noch tief verankert sind, setzt langsam ein Umdenken ein. Selbst die klassischen Medien entdecken die positiven Seiten der Favelas: wie die Kreativität, die Gastronomie, die Kultur.

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#Gentrifizierung

Verdrängung ist die Schattenseite der Neuentdeckung der Favelas. Mit der UPP sicherer gewordene Favelas wie die Favela Vidigal über dem Strand von Leblon werden von Ausländern geflutet – Mieten steigen, und Alteingesessene haben Angst, dass sie sich bald keine Wohnung dort mehr leisten können. Auch Investoren zeigen sich an Südzonenfavelas interessiert, die keinerlei Verbindungen zur Community haben.

#Hoffnung

Im Widerstand gegen Umsiedelungen vor den Großereignissen WM und Olympia für Infrastrukturprojekte sind zahlreiche politische Initiativen entstanden. Die Favela Vila Autódromo, wo Rio de Janeiro etwa 300 der 600 Familien umsiedeln will, um für die Olympischen Spiele zu bauen, hat einen Unterstützerkreis gegründet, einen Dialog mit der Stadt begonnen und einen Alternativplan zur Zukunft des Viertels vorgelegt. Sie konnten einen Teilsieg erringen und die Umsiedelung erstmal stoppen.

Die Initiative Plano Popular Vila Autódromo wurde auch beim Deutsche Bank Urban Age Award mit 80.000 US-Dollar ausgezeichnet – von dem Preisgeld möchten die Bewohner von Vila Autódromo nun erstmal einen Kindergarten bauen.

Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben zahlreiche kreative Projekte und Initiativen gestartet – und verändern das schlechte Image, das die brasilianische Mehrheitsgesellschaft von jungen Favelabewohnern hat.

#Internet

Immer mehr Favelabewohner haben Zugang zum Internet – und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, aber auch Favela-Medien publizieren sie ihre Perspektive, auf die Besetzung, auf Politiker und Politik, Stadt und die Großereignisse. Die sozialen Medien beflügelten auch die brasilianischen Sozialproteste. Rio de Janeiro wird es schwer haben, wenn die Stadt zur WM nur ihre Hochglanzseite präsentieren will.

#Passinho

Er hat Youtube-Stars herausgebracht und füllt mittlerweile auch Megaevents: der neue Favela-Tanztrend Passinho. Die eigenwillige Mischung aus Breakdance, Samba-Elementen und Freestyle-Moves soll in der Favela Jacarezinho in Rio entstanden sein – auch über Youtube und Social Media-Plattformen hat sich Passinho in ganz Rio verbreitet. Unser Passinho-Video war mit mehr als 1000 Klicks nicht das beste, aber meistgesehene Video, das wir in den Favelas gemacht haben. Die traditionelle Musik der Favelas, der Funk, musste allerdings Rückschläge einstecken: Die legendären Baile Funk-Partys wurden in den von der Polizei besetzten Favelas teilweise verboten.

#Sozialproteste

2013 war das Jahr, in dem Brasilien wieder politisch wurde – und Millionen von Brasilianern auf die Straße gingen und im Internet debattierten, darunter auch Favelabewohner. Es zeigte sich aber auch, dass es ein Luxus, bleibt, zu protestieren: Vielen Favelabewohnern war der Weg ins Zentrum zu weit, und nicht jeder kann wochenlang protestieren, der arbeiten muss. Manche Favelas, wie die Rocinha, haben deswegen eigene Proteste, direkt am Fuß der Favela organisiert. Für das WM-Jahr sind neue Proteste vorprogrammiert – und in der Favela Metro-Mangueira hat das Jahr schon mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen Favelabewohnern und Polizei begonnen.

#WM

Das Ereignis des Jahres: Die meisten Favelabewohner werden sich die WM-Spiele zuhause oder in einer der zahlreichen Favela-Bars im Fernsehen anschauen – weil die Tickets viel zu teuer sind. Eine Wahrsagerin hat dem ZDF bereits geflüstert, wer gewinnen wird: Die, die es am besten können (natürlich Brasilien, die Fußballnation).

WM

Rocinha is a rainforest today

Der Nebel hat das Meer verschluckt, die Ränder der Rocinha weichgezeichnet, der Wald ist satt und dunkelgrün und Regen legt sich über den Geräuschteppich, der sonst so typisch Favela ist. Bei einem Blick aus dem Fenster fühlen wir uns, als säßen wir mitten im Regenwald. Vögel zwitschern, alles ist sanft und die Lehrerproteste, die in einer Straßenschlacht zwischen Polizei und Randalierern endeten und die Innenstadt verwüsteten, sind hier weit, weit weg. Von wegen Kampfzone Favela.

Rechtzeitig, bevor der Regen kam, haben unsere Nachbarn innerhalb von wenigen Stunden direkt vor unserem Fenster ein Haus aufgebaut – man konnte der Favela beim Wachsen zusehen. Gestern Abend stand dort noch eine Ruine, gerade mal der Grundriss, Balken, ein paar übriggebliebene Ziegelsteine, überwuchert von Pflanzen, Müll, am Nachmittag lagen dort noch die Kampfhunde unseres Nachbarn auf einer dreckigen Matratze herum, zwei gemütliche Riesen.

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Dann rückten Familie und Freunde an, hämmerten die ganze Nacht, Kinder schleppten Ziegel heran und Bauschutt weg, pfiffen dabei brasilianische Lieder, und heute morgen ist die Favela wieder ein Stück weiter in den Regenwald gewachsen. Sogar die Satellitenschüssel ist schon auf dem Wellblechdach installiert. Nur einer hämmert noch ein bisschen herum, die anderen sind wohl schlafen – oder zu ihren regulären Jobs arbeiten – gegangen.