#GuerranoRio: 12-stündige Operation, Complexo do Alemão unter Dauerfeuer

Stundenlange Schusswechsel, gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favelas rollen: Im Complexo do Alemão, einem Favelakomplex im Norden von Rio de Janeiro, läuft seit heute Morgen eine Mega-Operation – und Anwohner beschweren sich über Polizeigewalt.

Um sechs Uhr morgen begann die Mega-Operation. Spezialeinheiten und Militärpolizei durchkämmten Favelas, durchsuchten Häuser, lieferten sich Schusswechsel mit der Drogengang des Alemão. Immer wieder dröhnten schwere Schusswechsel durch die Siedlungen.

GUERRA COM ARMAS PESADAS!!

A SITUAÇÃO NO COMPLEXO DO ALEMÃO É ASSUSTADORA.

OLHA A RAJADA DOS TIROS DADOS COM ARMAS DE GUERRA DURANTE MAIS DE 12H DE OPERAÇÃO NO COMPLEXO DO ALEMÃO#GUERRANORIO #GUERRANOALEMAO pic.twitter.com/HdUtOFa2KB

 

“Wie kann es ein, dass die Polizeioperation sich immer genau dann intensiviert, wenn auch die Bewegung der Favelabewohner am größten ist”, beschwert sich ein Favelabewohner am frühen Abend auf Twitter. Auf Twitter postete er auch Nachrichten von Favelabewohnern, die von Übergriffen erzählten: Ein Bewohner, dessen Haus von der Polizei durchsucht wurde, erzählt, er habe die Sicherheitskräfte freundlich nach dem Grund gefragt. Einer antwortete darauf: “Weil ich es will.”

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Gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favela rollen (Foto: Raul Santiago)

Aufwachen im Krieg: Gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favela rollen (Foto: Raul Santiago)

Das Ergebnis der Mega-Operation, die Hunderte von Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat, scheint bisher eher mau: Zwei Personen wurden bisher festgenommen. In der Favela Fazendinha haben Polizisten 19 Pakete mit Marihuana á jeweils etwa zwei Kilo festgenommen.

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Erschossen, weil er einen Regenschirm hielt

Rodrigo Alexandre da Silva Serrano wartete an einer Bushaltestelle auf seine Frau. Er hatte einen Regenschirm in der Hand, doch Polizisten hielten das Objekt offenbar für eine Waffe – und erschossen ihn.

Schuss in die Brust, ein Schuss ins Bein: Der 26-Jährige lebte nicht mehr, als er im Krankenhaus eingeliefert wurde. Der zusammengeklappte Regenschirm wurde zu seinem Todesurteil. Bewohner der Favela Chapéu-Mangueira in Leme in der Südzone von Rio de Janeiro zufolge soll der Ort, an dem Rodrigo getötet wurde, schlecht beleuchtet gewesen sein.

Regenschirm als Todesurteil? (Foto: Facebook)

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Medienberichten zufolge war Rodrigo früher zu einer Haftstrafe wegen Raub und auch im Zusammenhang mit Drogenhandel verurteilt worden,  war aber mittlerweile wieder frei und hatte einen Job. Er hinterlässt zwei kleine Söhne. Als schwarzer junger Mann aus einer Favela gehört er einer Gruppe an, die keine Haftstrafen braucht, um sich verdächtig zu machen und jederzeit Gefahr läuft, anlasslos erschossen zu werden – in Brasilien sterben jährlich Tausende junge Männer an Polizeikugeln.

In Brasilien stirbt alle 23 Minuten ein schwarzer Jugendlicher zwischen 15 und 29 Jahren, 23.100 jedes Jahr, so das Ergebnis einer Arbeitsgruppe des Senats in der Hauptstadt Brasília. Doch während in den USA Tausende Menschen der „Black lives matters“-Bewegung auf die Straße gehen, um gegen Gewalt und Ermordungen der schwarzen Bevölkerung zu demons­trieren, kommt der Aufschrei hier von nur wenigen.

Ermittelt wird selten bei Polizeigewalt. Da der Tod von Rodrigo aufgrund der vermeintlichen Bedrohung durch die “Regenschirm-Waffe” als Akt der Selbstverteidigung ad acta gelegt wird, wird sein Tod nicht einmal als Mord registriert.

Am falschen Ort, zur falschen Zeit: Immer wieder werden in Rios Favelas Menschen erschossen, die ins Kreuzfeuer geraten oder bei Polizei-.Operationen mit Kriminellen verwechselt werden. Polizisten schießen im Zweifelsfall, bevor sie selbst erschossen werden – und immer wieder gibt es Fälle exzessiver Polizeigewalt.

Favela journalism: Police violence against the Press

Deleted material, violence, detentions: In Brazil, police and other security forces are increasingly responsable for violations of press freedom. An interview with Mariana Rielli, legal expert at the NGO Artigo 19 in Rio de Janeiro.

Policemen forced us to delete camera material. Is it a common incident that the Brazilian police deletes material of journalists, who are filming incidents in public, at protests or other situations? And do you regard favelas especially sensitive areas, where journalists are even more at risk to be suppressed?

Looking at ARTICLE 19’s ongoing monitoring of police violence against protesters and against the press in general it is possible to assert that this has become a relatively common occurence in Brazil. Last year, for example, we observed many instances where communicators were in some way prevented from filming police activity. The same can also be applied to lawyers and demonstrators, for example, since such restraints are usually employed when people try to record episodes of violence or disregard to public freedoms and human rights by the police.

Regarding protests, for example, there have been several examples of people who had been recording police misconduct and had their cameras or cellphones broken or confiscated. Many have been arrested and/or made to delete content for the same reason.

“Journalists and mediactivists working in favelas not only are more frequent victims of violations, but also suffer from more intense and serious violations in general.”

In that sense, it is very reasonable to conclude that favelas are particularly sensitive areas due to their high levels of police brutality and state negligence and the now common practice of recording such episodes. Journalists and mediactivists working in favelas not only are more frequent victims of violations, but also suffer from more intense and serious violations in general.

What would you recommend journalists to do in such situations, how should they react when police forces threaten them?

It is vital that journalists and communicators in general are always aware of their rights, which include the right to film police activity without being subject to any sort of violence or impediment. However, it is also important to have the aforementioned context in mind in order to assess the risks in certain situations where filming can be a complicated issue.

“An interesting tactic that has been used by mediactivists in Brazil is to connect one’s filming device to an online cloud, if possible, so as to not lose your recordings if they are physically deleted or confiscated.”

In that sense, when violence or arrest are imminent, the most important thing is to keep calm, contact a lawyer and comply with law enforcement. Continue reading

Brutales Vorgehen der Polizei: Mädchen schämt sich für entstelltes Gesicht

Brasiliens Polizei ist eine der brutalsten weltweit und schreckt bei Protesten nicht vor Gewalt zurück. Bei einem Räumungseinsatz schossen Sicherheitskräfte einer 14-Jährigen aus anderthalb Metern Entfernung mit Gummigkugeln ins Gesicht – das Mädchen verlor sechs Zähne und musste operiert werden.

Bei dem Einsatz in Minas Gerais hatte eine Gruppe von Anwohnern, Aktivisten und Menschenrechtlern gegen die Räumung eines besetzten Gebietes protestiert. Zahlreiche Familien der linken Bewegung “Movimento de Luta nos Bairros, Vilas e Favelas” hatten die Gegend Tage zuvor für sich eingenommen und dort ihre Zelte aufgebaut.

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Ein Video zeigt: Menschenrechtler sprechen sich am Tag der Räumung gegen das gewaltsame Vorgehen der Polizei aus und bitten um Verständnis und Rücksicht. Doch die Sicherheitskräfte rücken in die besetzen Häuser und Zelte vor. Weil die anwesenden Menschen weiter protestieren, greifen die Polizisten zu härteren Maßnahmen, schlagen und schießen mit Gummigeschossen auf die Gruppe.

Das 14-jährige Mädchen Gabriela wird aus nur anderthalb Metern getroffen. Sie hatte lautstark gegen die Räumung protestiert. “Ich schäme mich für mein entstelltes Gesicht”, sagt sie der Folha de São Paulo. Doch sie sei auch froh, denn hätte die Kugel sie weiter oben getroffen, wäre sie blind, weiter unten, vielleicht tot. Gabriela lebt selbst in einer besetzten Siedlung und engagiert sich seit langem für die Belange der Menschen ohne festen Wohnsitz.

"Ich schäme mich für mein Aussehen", sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

“Ich schäme mich für mein Aussehen”, sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

Die Polizei geht bei den Räumungen oftmals brutal und gewalttätig vor – in diesem Fall lautet das Statement der Polizei, Gabriela hätte mit Steinen geworfen und sei daraufhin bei dem notwendigem Einsatz verletzt worden.

Livestreaming bei Räumung: Favelareporter festgenommen

Die beiden Favelareporter Rene Silva, Chefredakteur der Favela-Plattform “Voz da Comunidade”, und Renato Moura, Fotograf, sind bei einer Räumung festgenommen worden. Die beiden hatten mit Livestreaming berichtet. 

Räumung der Favela

In der Favelinha da Skol im Complexo do Alemão im Norden von Rio hatten Bewohner versucht, eine bereits geräumte Siedlung neu zu besetzen – aus Unzufriedenheit darüber, dass die Regierung das Versprechen auf neuen Wohnraum seit Jahren nicht eingelöst hatte. Bei der erneuten Räumung durch die Polizei gingen die Polizisten offenbar auch mit Pfefferspray gegen die Favelabewohner vor.

Die beiden Favelareporter Rene Silva und Renato Moura interviewten die Anwohner – und streamten und filmten mit ihren Smartphones. Sie wurden von der Polizei aufgefordert aufzuhören und das Gelände zu verlassen. Als sie sich weigerten, wurden sie von den Polizisten festgenommen, ihren wurde Widerstand gegen die Beamten vorgeworfen.

Während Rene Silva bereits von einem Polizisten festgehalten wurde, sprühte ihm ein zweiter Polizist Pfefferspray ins Gesicht, sagt er. “Wir hätten nicht gedacht, dass das passieren könnte.” Inzwischen wurden die beiden wieder freigelassen.

Fackel mit Blutspuren: Polizeigewalt in Rio de Janeiros Favelas

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In Brasilien stirbt alle 23 Minuten ein schwarzer Jugendlicher zwischen 15 und 29 Jahren, 23.100 jedes Jahr, so das Ergebnis einer Arbeitsgruppe des Senats in der Hauptstadt Brasília. Doch während in den USA Tausende Menschen der „Black lives matters“-Bewegung auf die Straße gehen, um gegen Gewalt und Ermordungen der schwarzen Bevölkerung zu demons­trieren, kommt der Aufschrei hier von nur wenigen.

Julia hat für die Wochenendausgabe der Taz einen Artikel über die Situation im Complexo do Alemao in Rio de Janeiro geschrieben, wie die Militarisierung für die Großereignisse die Gewaltspirale anheizt – und wie neue Stimmen und digitale Tools die Gewalt in die Öffentlichkeit tragen, die lange unsichtbar war.