Rio im Olympiajahr: Erneut sechs Tote – an einem Wochenende

Allein am vergangenen Wochenende sind erneut sechs Menschen in Rio de Janeiro getötet worden.

Kein Sonderfall: Dem brasilianischen Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge sterben im Bundesstaat Rio jeden Tag durchschnittlich sechzehn Menschen.

Mehrere Menschen starben bei Raubüberfällen oder -versuchen. Im Complexo do Alemão wurde die 34-jährige Elaine Cristina de Souza, Mutter von drei Kindern, bei einer Schießererein angeschossen und starb an den Verletzungen. Auch ein 27-jähriger Polizist wurde im Complexo do Alemão durch einen Kopfschuss getötet, als er und sein Kollege auf dem Weg zur Arbeit von Drogengangstern angegriffen wurden.

Jugendliche im Complexo haben daraufhin in der Favela einen nächtlichen Sit-In veranstaltet, und diskutiert, wie die Gewalt, aber auch die Potentiale der Favela besser sichtbar gemacht werden können.

Razzia in Vorzeigefavela Santa Marta

Bei einer Razzia in der Favela Santa Marta hat die Polizei Drogen und Munition sichergestellt. Einen Tag zuvor war bei einem Schusswechsel mit der Polizei ein Krimineller erschossen worden – für die kleine Favela Santa Marta, die als Vorzeigefavela gilt und 2008 als erste Armensiedlung von der Polizei eingenommen wurde, ein besonderer Fall.

Favela Santa Marta in Rio de Janeiro (Foto: BuzzingCities.net)

Favela Santa Marta (Foto: BuzzingCities)

Zwei weitere Verdächtige wurden bei der darauf folgenden Operation in der Favela festgenommen, außerdem zwei Revolver, zwei Pistolen, zwei Magazine, fast 1000 Kugeln, Verpackungsmaterial für Drogen, 112 Kokainkapseln, sechs Kilos Marihuana, 298 Marihuanapäckchen, 328 Cracksteine und 291 Crack-Paketchen.

Im Vergleich zu sonstigen Beschlagnahmungen eher Mini-Mengen — für eine kleine Favela wie die Santa Marta, die nur per Fuß zugänglich ist, dennoch ein Zeichen dafür, dass der Drogenhandel auch in der Santa Marta trotz Polizei-Präsenz weiterläuft.

Die lokalen Sicherheitskräfte wurden nun von anderen UPP-Einheiten und den Schocktruppen verstärkt. Seit dem vergangenen Donnerstag war es in der Favela immer wieder zu Schießereien gekommen.

Polizei vor Gericht: Hohe Strafen im Folterfall Amarildo

Der Folter-Fall Amarildo ist ein Präzedenzfall für Polizeigewalt in Rios Favelas: Polizisten der Befriedungspolizei UPP hatten am 14. Juli 2013 einen Bewohner der Favela Rocinha im UPP-Hauptquartier zu Tode gefoltert, die Leiche verschwinden lassen. Sie hatten den Maurergehilfen verdächtigt, Handlanger der Drogengang der Rocinha zu sein.

Doch diesmal wurde das Verbrechen öffentlich — und es folgen rechtliche Konsequenzen für die beteiligten Polizisten. Acht Polizisten wurden in dieser Woche aufgrund von Folter mit Todesfolge verurteilt, sowie für das Verschwindenlassen des Körpers sowie die Fälschung von Beweismaterial. Sie hatten etwa Überwachungskameras manipuliert, um das Verbrechen zu verschleiern.

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UPP-Hauptquartier in der Rocinha: Hier wurde Amarildo zu Tode gefoltert (Foto: BuzzingCities)

Die höchste Strafe erhielt Edson dos Santos, der damalige Kommandant der Befriedungspolizei-Einheit in der Rocinha: Dreizehn Jahre und sieben Monate Gefängnisstrafe. “Amarildo wurde zu Tode gefoltert. Nach seinem Tod ordnete Major Edson an, dass alle Polizisten, die sich in den UPP-Containern aufhielten, sie schnell verlassen sollten”, so das Gericht – um möglichst wenige Zeugen des Geschehens zu haben. Die Leiche wurde in einem Auto der Spezialtruppe BOPE heimlich abtransportiert.

Amarildo ist seit mehr als zwei Wochen verschwunden

Bis heute verschwunden: Amarildo

Sein Stellvertreter, der Subkommandant Luiz Felipe de Medeiros, wurde zu elf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Es sind ungewöhnlich hohe Strafen für Polizisten, die in Rios Favelas wegen Gewalt verurteilt werden — in den meisten Fällen bleiben Vergehen folgenlos.

Das Gericht wollte ein deutliches Zeichen gegen den Missbrauch staatlicher Gewalt setzen.

Neue Proteste gegen teure Tickets

An der Ticketpreiserhöhung im Nahverkehr haben sich in Brasilien erneut Proteste entzündet – in Städten wie São Paulo, aber auch Rio und Belo Horizonte sind die Brasilianer auf die Straßen gegangen. An diesem Samstag sind die Ticketpreise für Busse, Metro und Nahverkehrszüge von 3,50 auf 3,80 Reais gestiegen.

Gerade für Brasilianer, die nur ein geringes Monatseinkommen haben, machen die paar Cents mehr pro Ticket im Monat tatsächlich einen eklatanten Unterschied im Budget aus. Zudem sind die Ticketpreise ein Symbol für den harten Sparkurs während der Krise auch im sozialen Bereich – während Millionen in die Großereignisse WM und Olympia geflossen sind und ein politischer Korruptionsskandal das Land erschüttert.

Die Größe der Sozialproteste 2013 erreichten die neuen Proteste allerdings nicht. In São Paulo wurden 17 Protestierende von der Polizei festgenommen. Wie auch bei Protesten in der Vergangenheit kam es zu Zusammenstössen zwischen einigen Protestierenden und Polizisten. Busse brannten, einige Banken wurden beschädigt. Videos, die Aktivisten auf Facebook hochgeladen haben, zeigen aber auch, wie die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Demonstrierende einsetzt.

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Schüsse an Weihnachten

In der Favela Rocinha hat der erste Weihnachtsfeiertag mit einer Schießerei begonnen. Ein 49-jähriger Verkäufer wurde erschossen, vier weitere Menschen durch Schüsse verletzt.

Ausgelöst wurde die Schießerei Bewohnern zufolge durch einen Streit auf einem Fest: Auf einem Platz in dem Viertel Roupa Suja feierten etwa 200 Personen. Die Gegend ist eine der ärmsten innerhalb der Favela Rocinha, mit hoher Präsenz der Drogengang.

Eine Gruppe Favelabewohner soll dann zwei Polizisten, die an der Brücke am Eingang der Favela Rocinha patrouillierten, mit Steinen beworfen haben. Spezialkräfte der Bope kamen zur Verstärkung – es ist unklar, ob sie sich einen Schusswechsel mit Kriminellen lieferten, die die eintreffenden Sicherheitskräfte beschossen, oder das Feuer von sich aus eröffneten.

Die Schnellstraße, die an der Favela Rocinha vorbeiführt, wurde nach der Schießerei geschlossen, der Verkehr umgeleitet.

Drogengangs verjagen Polizei im Complexo do Alemão – Querschläger töten Frau

Das Complexo do Alemão steht vor einem Kollaps. Kaum ein Tag vergeht ohne Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden. Bei unserem Besuch am Sonntag lieferten sich beide Seiten am frühen Nachmittag die ersten Gefechte.
ComplexoDie Drogenbanden haben ihre Macht zurückerlangt, die Polizei hält mit ihrer Präsenz nur noch eine Fassade aufrecht. Die Kontrolle über die Favelas haben die staatlichen Sicherheitskräfte dort schon lange verloren. Die Drogenbanden bestimmen, wer sich wann, wie und wo aufhält.

Die Soldaten der UPP wurden aus ihrem Container – der ihnen als Basis diente – vertrieben. Außerdem haben die Banden eine Demarkationslinie geschaffen, an die sich die Polizisten halten müssen. Wenn sie sie überqueren sollten, drohen die Gangs den Polizisten mit Mord.

Anstatt in ihrem improvisierten Container stehen die Polizisten nun in einer Garage, mit Ventilator und Radio, abgeschlossen vom eigentlichen Geschehen und immer mit der Angst umzingelt und angegriffen zu werden.

Polizei verschanzt sich in Schule

Zum Teil versuchen sie sich in öffentlichen Gebäuden wie einer Schule zu verschanzen, was zu extrem gefährlichen Situationen für Unbeteiligte führt. Bilder zeigen zerschossene Schulen.

Complexo do Alemao: Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Complexo do Alemao: Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Am Mittwoch starb bei den Schießereien zwischen Polizei nicht nur ein Mitglied der Drogenbanden, sondern auch eine Frau und deren Tochter. Die Querschläger trafen die beiden in ihrer Wohnung. Die 41-jährige Frau erlag nach dem Schuss in den Rücken noch im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre 15-jährige Tochter wurde am Arm getroffen.

Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Anwohner demonstrieren nach Tod von Frau
Für Mittwoch planen Anwohner eine Demonstration vor dem Regierungspalast des Gouverneurs, um die anhaltende Gewalt im Complexo do Alemão zu kritisieren.

Das Complexo do Alemão wurde 2010 vom Militär besetzt und erhielt 2012 seine erste UPP-Einheit.

Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Polizist in Rocinha angeschossen

Die Polizeipräsenz ist in der Rocinha zur Zeit enorm. Polizisten stehen am Eingang der Rua 1 Wache, direkt vor unserer Haustür hat eine ganze Einheit in der Gasse Stellung bezogen, so dass wir uns jeden Tag durch ein Dutzend Polizisten mit Pistolen und Sturmgewehren drängeln müssen, wenn wir die Hauptstraße erreichen wollen. Nachts rauschen die Walkie-Talkies so laut, dass man mithören kann.

Am Samstagmorgen wurde ein Polizist der Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) bei einem Schusswechsel mit der Drogengang angeschossen. Eine Einheit war auf Patrouille durch ein Viertel der Rocinha, als sie auf Drogengangster stießen. Danach wurde die UPP erneut verstärkt.

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Tod durch Querschläger

Kaum ist das Jahr der WM in Brasilien vorbei, überschlagen sich die schlechten Nachrichten. In Rio de Janeiro sind schon im Januar dieses Jahres viele Menschen durch Querschläger ums Leben gekommen. Die Zahl der Toten allein in diesem Monat hat die Hälfte der Toten insgesamt von 2013 in Rio erreicht, gab das Institut für öffentliche Sicherheit heraus.

Bopes bei der Besetzung der Rocinha (Credits: BuzzingCities)

Bopes bei der Besetzung der Rocinha (Credits: BuzzingCities)

Die 21-jährige Adrienne N. starb in der Rocinha durch eine Kugel, als sie ihren einjährigen Sohn auf dem Arm trug. In Bangu im Norden Rios starb eine Vierjährige durch eine Kugel in den Kopf. Zwei Tage später wurde ein neun Jahre alter Junge beim Aussteigen aus einem Schwimmbecken in Guadalupe, ebenfalls im Norden Rios, getötet. Der 16-jährige Rafael S. erlitt einen Schulterschuss, während er einen Drachen steigen liess. Er liegt mit seinen Verletzungen noch im Krankenhaus in Penha.

Seit 2008 führt das Sekretariat für Sicherheit Statistiken über Tote und Verletze durch Querschläger. Bis 2013 zählte die Behörde 891 getroffene Personen, von denen 62 starben.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden werden häufig Unbeteiligte getroffen. In den Gassen der Favelas ist das Risiko, von einer solchen Kugel getroffen zu werden, groß.

Polizistin hat zwei Drogenbosse in der Familie

Rios Polizei ist für ihre korrupten Beamten berüchtigt. Jetzt flog eine Polizistin aus der Truppe, weil sie Verwandte – zwei lang gesuchte Drogenbosse – verschwieg

Der Kampf von Polizei und Drogenbanden in den Favelas ist nicht nur wegen der Brutalität beider Seiten gefährlich. Oftmals treffen sich die Wege von Sicherheitskräften und Kriminellen schon im Familienkreis und der Wohngegend. Für die Polizisten ist es schwierig, weil sie nicht wissen, wer von ihren Kollegen anfällig für Korruption und Schmiergelder ist.

Für die Bewohner der Favelas ist es kompliziert, weil sie nicht wissen, ob sie Polizisten trauen und tatsächlich Vergehen von Mitgliedern der Banden etwa melden können, ohne dass die Anzeigen in die falschen Hände geraten. Für die Drogenbanden sind Kontakte in die Sicherheitsbehörden wertvoll, weil sie so an Informationen, Unterstützer oder sogar Waffen kommen.

Rocinha: Ein Labyrinth aus Gassen (Foto: BuzzingCities Lab)

Rocinha: Ein Labyrinth aus Gassen (Foto: BuzzingCities Lab)

Nun wurde eine Polizistin in Rio aus der Truppe entlassen, weil sie bei ihrem Arbeitgeber nicht angab, dass ihre Schwestern engsten Kontakt zu Drogenbanden haben. Sie hatte die Halbschwestern bei der Bewerbung 2010 sogar ganz verschwiegen. Doch jetzt kam heraus, dass zwei der Schwestern mit oberen Drogenbossen einer Favela im Zentrum Rios verheiratet sind. Beide Männer sind wegen diverser Delikte angeklagt, saßen im Gefängnis und werden seit ihrer Flucht von der Polizei gesucht.

Die Polizistin beschwichtigte, dass sie die Männer ihrer Halb-Schwestern nicht als wirkliche Verwandte bezeichnen würde und sie außerdem seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hätten. Die Polizei sah das anders und fand zudem Fotos von Geburtstagsfeiern, auf denen die Polizistin kürzlich an der Seite ihrer Familienmitglieder zu sehen ist. Continue reading