#FavelasOnline: Wie eine Twitter-Debatte funktionieren kann

Facebook-Proteste, FavelaPride und Twittern bei Stromausfällen und Schießereien: Am Mittwoch haben wir in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin einen Vortrag über den Wandel der Favelas vor WM und Olympia und die Rolle des Internets gehalten: #favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

“Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren. Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.”

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Auch Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben mitdiskutiert – via Twitter aus Rio de Janeiro “zugeschaltet”. Im Vorfeld hatten wir überlegt, wie sich die Cariocas am besten beteiligen können.

Mitdebattieren via Twitter

Mitdebattieren via Twitter

  • Mit Skype-Live-Interviews haben wir in der Vergangenheit eher negative Erfahrungen gemacht. Bei Workshops waren die Personen auf dem Bildschirm kaum zu verstehen, es kam immer wieder zu technischen Pannen.
  • Eine Debatte über Open Pads wäre auch denkbar gewesen, durch die unterschiedlichen Farben hätte man auch die Stimmgeber unterscheiden können – allerdings nicht durch Fotos gekennzeichnet. Und Pads stürzen ja gerne immer dann ab, wenn man sie gerade richtig dringend braucht.
  • Bei Chats wäre die Live-Debatte geschlossener, nach der Debatte nicht mehr öffentlich gewesen.
  • Twitter ist zwar ein sehr verkürztes Format mit nur 140 Zeichen, entspricht aber der Lebenswelt der Jugendlichen, die Twitter auch im Alltag nutzen, die Debatte ist prinzipiell offen und kann auch nach der Veranstaltung im Netz (weiter-)verfolgt werden. Außerdem können auch Zuschauer die Jugendlichen antwittern.

Die Idee, dass die Jugendlichen in die Böll-Stiftung in Rio de Janeiro kommen, dort einen Live-Stream aus Berlin sehen und dazu twittern, ließ sich leider nicht realisieren – ihre Favelas liegen zerstreut in Rio, und sie hatten nicht die Zeit, ins Zentrum zu fahren, wollten lieber live aus der Favela twittern.

Koordination zwischen Vortrag, Debatte in Berlin und Twitter-Diskussion

Damit die Jugendlichen wissen, was in Berlin passiert, und der Input der Jugendlichen sich nicht zu sehr zerstreut, hat unsere brasilianische Twitter-Diskussionsleiterin, “Head of Twitter” Julia Maria mit unserem Account @buzzingcities auf Brasilianisch übersetzt, was wir rund um die Präsentation und auf der Podiumsdiskussion erzählt haben und gleichzeitig Fragen an die Jugendlichen gestellt. Die haben ihre Meinungen mit Hashtag #favelasonline gewittert, ihre Antworten wurden wiederum auf Twitter ins Deutsche übersetzt.

Moderator Thomas Fatheuer, der ehemalige Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, und wir hatten auf der Bühne immer einen kleinen Bildschirm vor Augen, auf dem die Twitter-Beiträge liefen. Die Zuschauer konnten die Twitterwall parallel auf Großleinwand verfolgen. In der Debatte haben wir uns immer wieder auf die Meinungen der Jugendlichen bezogen, Thomas Fatheuer hat zwischendurch zusammengefasst, was auf Twitter passiert.

Die Jugendlichen haben interessante Punkte und Perspektiven getwittert und in 140 Zeichen sehr präzise Beiträge geliefert.

  • Michel Silva, Favelareporter aus der Favela Rocinha und Gründer des Onlinemediums “Viva Rocinha” hat sich sogar kurz selbst in einem Video vorgestellt (mit deutschen Untertiteln):
  • Marina Moreira, 21, aus dem Viertel Oswaldo Cruz, ist kurzfristig eingesprungen, weil Bruno Duarte aus der Favela Morro da Providencia doch nicht an der Twitter-Debatte teilnehmen konnte:
Marina Moreira (Foto: privat)

Marina Moreira: “Wir erfinden neue Formen der Politik” (Foto: privat)

      • Tiago Bastos ist Favelareporter und Fotograf – mit ihm sind wir schon öfter durch die Siedlungen des Complexo do Alemão spaziert.
Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

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Auch das Publikum twitterte zum Teil mit.

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Rainer Milzkott (urbanPR Trend) hat auf seinem Blog einen längeren Bericht über die Veranstaltung verfasst.

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Was in den Favelas von Rio im WM-Jahr 2014 wichtig wird

Proteste und Projekte, Besetzung, Massaker, Folterskandal: Für die Favelabewohner von Rio de Janeiro war das vergangene Jahr ein veränderungsreiches, oft auch dramatisches Jahr – und viele Ereignisse werden das WM-Jahr 2014 beeinflussen.

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe "Onde está Amarildo?")

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe “Onde está Amarildo?”)

#Amarildo

Niemals zuvor hat das Verschwinden eines Favelabewohners ein solches Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst. Niemals zuvor hatte ein Verbrechen an einem Favelabewohner solche Folgen. Ein Maurer aus der Favela Rocinha wurde 2013 zum Gesicht aller, die in der Vergangenheit spurlos verschwunden sind.

Am 14. Juli nahmen Polizisten der Befriedungspolizei UPP Amarildo de Souza am Tag einer Großrazzia in der Favela fest – er tauchte nie wieder auf. Mit der internationalen Social-Media-Kampagne “Cadê o Amarildo?”, aber auch bei Protesten innerhalb und außerhalb der Favelas forderten Favelabewohner und Unterstützer die Aufklärung des Falles. Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass Amarildo zu Tode gefoltert worden war, weil die Polizei sich Informationen über den Drogenhandel in der Rocinha von ihm erhofft hatte. Dann ließen sie seine Leiche verschwinden.

25 Polizisten wurden wegen Folter mit Todesfolge angeklagt, auch der Kommandant der UPP der Rocinha, Major Edson Santos, und sein Subkommandant Luiz Felipe de Medeiros wurden verhaftet. Das Phänomen der Verschwundenen wurde in Brasilien erstmals breit diskutiert. Und die Befriedungspolizei UPP kämpft seit dem Amarildo-Skandal nicht nur in der Favela Rocinha mit einem schweren Imageschaden – den Drogengangs und Kritikern der Besetzung hat der Fall in die Hände gespielt.

#Besetzung

Nachhaltige Sicherheits- und Städtepolitik oder Make-Up für die WM? Im WM-Jahr 2014 wird Rio de Janeiro im Rampenlicht der internationalen Medienöffentlichkeit stehen – Zeit, um eine Bilanz zum Erfolg oder Misserfolg der sogenannten Befriedungspolizei UPP zu ziehen.

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

Seit 2008 sind in Favelas von Rio 36 UPP-Einheiten präsent, die bisher etwa 170 Favelas erreichen und die Armensiedlungen und die Gebiete um sie herum sicherer machen sollen. Während die besetzten Favelas teils von sinnvollen Infrastrukturmaßnahmen und Programmen profitieren, und einige kleinere Favelas tatsächlich ruhig sind, treten in größeren Siedlungen wie der Favela Rocinha zahlreiche Probleme auf, wie Schießereien zwischen Drogengang und Polizei. Dazu kommen Probleme wie Polizeigewalt, teils auch Korruption. Und überall sind die Bewohner enttäuscht, dass der Wandel nicht so schnell eintritt, wie erhofft. Wir beobachten auf BuzzingCities.net, wie es weitergeht.

Vor der WM sollen noch die Siedlungen des Complexo da Maré mit den mehr als 130.000 Einwohnern besetzt werden – ein schwieriges Unterfangen. Rivalisierende Drogengangs bekämpfen sich dort, doch auch die Polizei ist unbeliebt. Am 24. Juni 2013 kamen dort bei einer Polizei-Aktion zehn Favelabewohner ums Leben.

#Favela-Pride

In den Favelas von Rio de Janeiro entsteht ein neues Selbstbewusstsein. In der Vergangenheit verschwiegen Favelabewohner bei Bewerbungen ihre Adresse, inzwischen zeigen viele ganz offen ihren Stolz und die Liebe zu “ihrer” Favela. Auch wenn die Vorurteile gegen die Armenviertel und ihre Bewohner in der brasilianischen Gesellschaft immer noch tief verankert sind, setzt langsam ein Umdenken ein. Selbst die klassischen Medien entdecken die positiven Seiten der Favelas: wie die Kreativität, die Gastronomie, die Kultur.

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#Gentrifizierung

Verdrängung ist die Schattenseite der Neuentdeckung der Favelas. Mit der UPP sicherer gewordene Favelas wie die Favela Vidigal über dem Strand von Leblon werden von Ausländern geflutet – Mieten steigen, und Alteingesessene haben Angst, dass sie sich bald keine Wohnung dort mehr leisten können. Auch Investoren zeigen sich an Südzonenfavelas interessiert, die keinerlei Verbindungen zur Community haben.

#Hoffnung

Im Widerstand gegen Umsiedelungen vor den Großereignissen WM und Olympia für Infrastrukturprojekte sind zahlreiche politische Initiativen entstanden. Die Favela Vila Autódromo, wo Rio de Janeiro etwa 300 der 600 Familien umsiedeln will, um für die Olympischen Spiele zu bauen, hat einen Unterstützerkreis gegründet, einen Dialog mit der Stadt begonnen und einen Alternativplan zur Zukunft des Viertels vorgelegt. Sie konnten einen Teilsieg erringen und die Umsiedelung erstmal stoppen.

Die Initiative Plano Popular Vila Autódromo wurde auch beim Deutsche Bank Urban Age Award mit 80.000 US-Dollar ausgezeichnet – von dem Preisgeld möchten die Bewohner von Vila Autódromo nun erstmal einen Kindergarten bauen.

Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben zahlreiche kreative Projekte und Initiativen gestartet – und verändern das schlechte Image, das die brasilianische Mehrheitsgesellschaft von jungen Favelabewohnern hat.

#Internet

Immer mehr Favelabewohner haben Zugang zum Internet – und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, aber auch Favela-Medien publizieren sie ihre Perspektive, auf die Besetzung, auf Politiker und Politik, Stadt und die Großereignisse. Die sozialen Medien beflügelten auch die brasilianischen Sozialproteste. Rio de Janeiro wird es schwer haben, wenn die Stadt zur WM nur ihre Hochglanzseite präsentieren will.

#Passinho

Er hat Youtube-Stars herausgebracht und füllt mittlerweile auch Megaevents: der neue Favela-Tanztrend Passinho. Die eigenwillige Mischung aus Breakdance, Samba-Elementen und Freestyle-Moves soll in der Favela Jacarezinho in Rio entstanden sein – auch über Youtube und Social Media-Plattformen hat sich Passinho in ganz Rio verbreitet. Unser Passinho-Video war mit mehr als 1000 Klicks nicht das beste, aber meistgesehene Video, das wir in den Favelas gemacht haben. Die traditionelle Musik der Favelas, der Funk, musste allerdings Rückschläge einstecken: Die legendären Baile Funk-Partys wurden in den von der Polizei besetzten Favelas teilweise verboten.

#Sozialproteste

2013 war das Jahr, in dem Brasilien wieder politisch wurde – und Millionen von Brasilianern auf die Straße gingen und im Internet debattierten, darunter auch Favelabewohner. Es zeigte sich aber auch, dass es ein Luxus, bleibt, zu protestieren: Vielen Favelabewohnern war der Weg ins Zentrum zu weit, und nicht jeder kann wochenlang protestieren, der arbeiten muss. Manche Favelas, wie die Rocinha, haben deswegen eigene Proteste, direkt am Fuß der Favela organisiert. Für das WM-Jahr sind neue Proteste vorprogrammiert – und in der Favela Metro-Mangueira hat das Jahr schon mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen Favelabewohnern und Polizei begonnen.

#WM

Das Ereignis des Jahres: Die meisten Favelabewohner werden sich die WM-Spiele zuhause oder in einer der zahlreichen Favela-Bars im Fernsehen anschauen – weil die Tickets viel zu teuer sind. Eine Wahrsagerin hat dem ZDF bereits geflüstert, wer gewinnen wird: Die, die es am besten können (natürlich Brasilien, die Fußballnation).

WM