Blutiger Drogenkrieg in Rios ältester Favela

Morro da Providência, die älteste Favela Rios, die direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und eigentlich von der Polizei befriedet werden sollte, ist zum blutigen Schauplatz des Drogenkrieges geworden: Mitglieder der lokalen Drogengang hatten am Donnerstagnachmittag das Feuer auf ein Undercover-Aufklärungsfahrzeug der Bope-Spezialtruppe eröffnet und es mit 15 Schüssen durchlöchert. Ein Soldat starb, zwei Soldaten wurden angeschossen. Bei darauffolgenden Schusswechseln wurden auch fünf Favelabewohner getötet, der Polizei zufolge Kriminelle.

„Wenn wir eine Operation mit Toten haben ist das nichts Gutes. Die Menschen, die auf die Polizisten geschossen haben, werden dann auch Schüsse abbekommen“, rechtfertigte Rios Sicherheitsminister José Mariano Beltrame bei der Beerdigung des erschossenen Soldaten den Vergeltungsschlag.

Es ist ein Krieg, bei dem alle Seiten nur verlieren können.

Die Atmosphäre in der Providência ist angespannt, die beiden Schulen der Favela und die zwei Kindergärten wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Soldat, der in der Providência erschossen wurde, hatte sich mit seiner Tätigkeit als Bope sein Studium finanziert — und hatte seiner Familie zufolge geplant, nach Studiumsabschluss als Soldat aufzuhören, weil er ihm zu gefährlich war.

Als die Favela besetzt wurde, hatten Polizei und Bewohner die Hoffnung, das ein neues Verhältnis möglich wird (siehe Video). Doch die Gewaltspirale scheint sich doch jetzt wieder zurückzudrehen.

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Drogenkrieg in Rio und Internet: Aufflammende Gewalt fordert Opfer auf allen Seiten

In den Favelas von Rio de Janeiro explodiert die Gewalt. Polizei und Drogenbanden liefern sich heftige Gefechte, wie immer gerät die Bevölkerung zwischen die Fronten. Die aktuelle Bilanz der brasilianischen UPP-Strategie: Gescheiterte Projekte, ein erheblicher Imageverlust der Polizei, verlorene Hoffnung bei der Bevölkerung auf eine Zeitenwende — und dramatische Opfer auf allen Seiten.

Junge Opfer des Drogenkriegs (Screenshot Facebook)

Ende September wurde Caio Cesar Ignacio Cardoso de Melo bei einer Attacke in einer Favela erschosssen — er wurde nur 27 Jahre alt. Kein Einzelfall, aber ein Fall der bekannt wurde, weil Caio Cesar auch die brasilianische Stimme von Harry Potter war. Hauptberuflich arbeitete er inzwischen als Polizist, in einer UPP-Einheit im Complexo do Alemão.

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

In Rio de Janeiro eskaliert die Gewalt, immer wieder werden Polizisten erschossen: Fast 50 Polizisten wurden allein in Rio seit Anfang des Jahres bis Juli 2015 getötet, 126 weitere Polizeibeamte wurden innerhalb oder außerhalb von Einsätzen angeschossen. Ein Polizist wurde etwa in einer Favela durch Mitglieder der Drogenbanden gefoltert, getötet und dann an ein Pferd gebunden, dass durch die Favela gejagt wurde – die Leiche des toten Polizisten wurde hinterhergeschleift. Dieser hatte seinen Bruder besucht und in seinem Fahrzeug die Polizeiuniform dabeigehabt – für die Gang Grund genug, ihn zu ermorden.

Zweifelhafte Selbstverteidigung

Auf der anderen Seite haben Polizisten in Rio Hunderte von Menschen getötet oder verletzt. Dem Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge wurden allein von Januar bis August 459 Tote registriert, die als “Auto de resistência” (Selbstverteidigung) deklariert sind, also Verdächtige, die die Polizei in Gegenwehr erschossen hat. Mit dieser Kategorie werden aber häufig auch Tötungen von Unschuldigen verschleiert — und dann nicht mehr untersucht. In mehreren Fällen hatten Polizisten Kriminelle in Favelas, die sich bereits ergeben hatten oder unbewaffnet und verletzt waren, exekutiert.

Dazu kommen die Toten und Verletzten in der unbeteiligten Bevölkerung, die etwa bei Schusswechseln in Rios Favelas oft zwischen die Fronten geraten. Die Dunkelziffer ist hoch — die Vorfälle werden nicht alle festgehalten und angezeigt, die realen Zahlen sind daher nicht öffentlich zugänglich.

Zeugen der Gewalt

Zwei Fälle haben in Rio de Janeiro in den vergangenen Wochen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen: der Tod des elfjährigen Lukas aus dem Complexo da Maré und des 17-jährigen Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia.

Der elfjährige Lukas starb bei einem Einsatz der Spezialkräfte und gilt als neuer Eduardo. Eduardo, ein 10-Jähriger Junge aus dem Complexo do Alemao war im April 2015 versehentlich von der Polizei erschossen worden, als er kurz vor die Tür seines Hauses ging — dank Smartphones und sozialen Netzwerken, die den Tod des Jungen festhielten und bekannt machten, wurde Eduardo zum Gesicht der Polizeigewalt in Rios Favelas.

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Eduardo Ferreira Calei — Gesicht der Polizeigewalt (Foto: Kinho Buttered)

Im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken, wird fast bei allen Opfern die Perspektive auf die Tötung ausgehandelt: Wie bei Eduardo kursierten auf Facebook auch bei dem jetzt erschossenen Lukas Gerüchte und angebliche Fotos des Jungen, die beweisen sollten, dass er Mitglied der Drogenbanden war. Informationen, Bilder und Videos online können sowohl zur Kriminalisierung von getöteten Jugendlichen beitragen als auch zur Aufklärung und Strafverfolgung der Tötungen.

Morde werden mit Handyvideos sichtbar

Auch der 17-jährige Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia starb durch die Kugeln von Polizisten. Den Tod des Jungend verwandelte erst ein Video in einen Skandal: Es zeigt Polizisten dabei, wie sie dem schon toten und in einer Blutlache liegenden Jugendlichen die Waffe in die Hand legen und abdrücken — um so ein angebliches Gefecht zu fingieren.

Falsche Beweise (Screenshot Video)

Mit dem Handy festgehalten: Falsche Beweise (Screenshot Video)

So sollte der exekutierte Teenager zu einem weiteren Fall der Selbstverteidigung werden. Doch Anwohner filmten die Manipulation des Tatorts aus einem Fenster mit dem Mobiltelefon mit.

Das mobile Beweismaterial dokumentiert ein Fehlverhalten der Polizei, das der Favela-Befriedungspolizei UPP und auch anderen staatlichen Sicherheitskräften immer wieder vorgeworfen wird. Es bestätigt die Kritiker, die sagen, die UPP sei korrupt, würde ausschließlich zum Töten in die Favela kommen und die arme Bevölkerung von vorneherein kriminalisieren. 65 Prozent der Bewohner von Rios Favelas haben dem Marktforschungsinstitut Data Favela zufolge in ihren Siedlungen Angst, zum Opfer von Polizeigewalt und Machtmissbrauch zu werden.

Streit um die Deutungshoheit: Drogengangster oder unschuldige Zivilisten

Wie nach solchen Morden üblich protestierten Favelabewohner gegen die Hinrichtung unschuldiger Favelabewohner und vor allem junger Männer, die grundsätzlich potentiell als Täter eingestuft werden. Wenige Tage nach dem Mord an Eduardo Felipe verbreitete sich ein Video in den Netzwerken, dass den 17-Jährigen tatsächlich beim Dealen von Drogen zeigte.

Seitdem tobt ein Meinungskrieg. Die einen beschweren sich, dass das Video des dealenden Eduardo Felipe durch die Favelafeindlichen klassischen Medien und Spezialkräfte wie die Bopes lanciert und verbreitet werden würde. Einige schwanken und verurteilen die Gewalt im Allgemeinen. Andere verteidigen das harte Vorgehen der Polizei gegen Kriminelle.

Smartphones und Internet haben die Dynamik rund um die Gewalt in Rio verändert: Sie machen sichtbar, was vorher unsichtbar blieb — sei es der Machtmissbrauch der Polizei oder auch kriminelle Verbindungen von getöteten Favelabewohnern.

#favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

Zusammen mit jungen Favelabewohnern, die per Twitter “zugeschaltet” sind, werden wir am 22.01. in der Heinrich-Böll-Stiftung über den Wandel der Favelas von Rio und die Rolle des Internets diskutieren.

Mit den bevorstehenden Großereignissen Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016 wandelt sich der Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro.

Bis zur WM möchte der Staat etwa 200 der rund 1000 Favelas in Rio polizeilich besetzen. Damit sollen die Drogenbanden, die die Armenviertel bisher beherrschten, zurückgedrängt werden. Mit der Präsenz der Befriedungspolizei UPP und Investitionen in die Infrastruktur sollen die Favelas und damit die Stadt insgesamt sicherer werden.

Doch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas bleiben Probleme wie Polizeigewalt, Korruption oder mangelnde Infrastruktur nach wie vor bestehen. Es treten dazu neue Konflikte, wie Umsiedelungen für umstrittene Projekte, etwa Seilbahnen in Favelas, auf. Manche Bewohner/innen befürworten die UPP-Strategie, andere empfinden die “Pazifizierung” als Besetzung durch einen Staat, der vor allem die Interessen der Wohlhabenden vertritt und zudem den Tourismus fördern will.

Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren.

Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.

Im Rahmen der Veranstaltung möchten wir die Potentiale und Grenzen des Mediums Internet für die gesellschaftliche und politische Partizipation sowie deren Qualität diskutieren.

Die Favelabewohner/innen Tiago Bastos, Carol Lima, Bruno F. Duarte und Michel Silva, die sich in ihren Communities engagieren, bringen sich während der Veranstaltung über Social Media wie Twitter ein.

Vorab können Sie Fragen per Twitter @buzzingcities (Hashtag der Veranstaltung: #favelasonline), Facebook oder E-Mail zusenden. Die Referentinnen werden die Fragen digital beantworten oder im Rahmen der Veranstaltung aufgreifen.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl haben für das Multi-Media-ProjektBuzzingCities seit 2011 zahlreiche Interviews in den Favelas von Rio geführt, selbst in der Favela Rocinha gewohnt und live aus der Favela gebloggt.

Mit:
Sonja Peteranderl Journalistin, Berlin
Julia Jaroschewski Journalistin, Berlin

Live-Chat aus Rio de Janeiro
Michel Silva, Favela Rocinha
Carol Lima, Favela Complexo do Alemão
Tiago Bastos, Favela Complexo do Alemão
Bruno F. Duarte, Favela Morro da Providência

Moderation:
Thomas Fatheuer, ehemaliger Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Information:
Ines Thomssen
Heinrich-Böll-Stiftung
Projektbearbeitung Lateinamerika
thomssen@boell.de
Telefon 030 285 34 324

Kalender der Heinrich-Böll-Stiftung

The New Faces of the Favela

In the run up to the 2014 World Cup, Brazil is occupying the slums and opening new perspectives through sport, education and culture. Increasing numbers of NGOs and companies are getting involved in the favelas – and young people have an opportunity to show that they can be so much more than just members of a drug gang or employees of the rich.

For Suélen’s parents, the police were the enemy. Her mother was a drug addict, her father a dealer. Now Suélen is in a police station in the Morro da Providência favela in Rio de Janeiro fighting with rather than against the police. Together with police officer Flávio Teixeira, the 16-year-old teaches children and young people jiu-jitsu, a martial art and system of unarmed self-defence. Continue reading