Ende der UPP: Zahl der Toten bei Auseinandersetzungen so hoch wie nie

Der schleichende Rückzug der UPP aus den Favelas in Rio de Janeiro geht einher mit einer steigenden Anzahl von Toten. Bei Einsätzen der sogenannten Befriedungspolizei sind im Jahr 2018 so viele Menschen erschossen worden wie nie zuvor seit ihrer Einführung im Jahr 2008, und das, obwohl die Truppen der UPP insgesamt reduziert wurden.

Rio 2016 UPP Rocinha

Laut dem Institut für öffentliche Sicherheit ISP in Rio ist im Durchschnitt jeden zweiten Tag eine Person bei einer Operation erschossen worden, ein Teil davon deklariert als “Selbstverteidigung” der Sicherheitskräfte. Die Zeitung extra geht von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Morde aus, weil Personen, die bei Schießereien mit der Polizei verletzt wurden, und im Nachhinein durch die Verletzungen gestorben sind, oftmals nicht mitgezählt wurden.

Außerdem ist die Zahl der Toten durch Sicherheitskräfte in den Regionen, aus denen die UPP abgezogen wurde, angestiegen. Continue reading

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Polizei exekutiert fünf Jugendliche

Rios Polizei sollte zur Vorzeigetruppe werden, doch anstatt mehr Sicherheit zu schaffen, tötet sie Menschen aus den Favelas – viele von ihnen sind Jugendliche, meist junge, schwarze Männer.

Es ist eine Nachricht, die große Wellen schlägt in Rio: Vier Polizisten erschießen fünf Jugendliche in einem Auto – mit mehr als 100 Patronen. 81 Schüsse vom Gewehr, weitere 30 gehen von einer Pistole aus. Die Polizisten sagen später, sie hielten die jungen Männer für Drogengangster. Die Familien sagen, die Polizisten agierten willkürlich und ermordeten die Jugendlichen, weil sie aus der Favela kamen.

Die fünf getöteten Jugendlichen (Screenshot Facebook)

Die fünf getöteten Jugendlichen (Screenshot Facebook)

Es war ein lauer Abend in Costa Barros, einer Favela in der Nordzone Rios. Fünf Freunde zwischen 16 und 25 Jahren fuhren mit dem Kleinwagen in ein Shoppingcenter, trafen sich im Anschluss mit weiteren Kumpels in einem Park, um das erste Gehalt des 16-jährigen Roberto S. zu feiern. Er arbeitete seit kurzem in einem Supermarkt und wollte seine Freude mit den Freunden teilen. Auf dem Rückweg gegen 1 Uhr morgens wurden die Jugendlichen von Polizisten angehalten, die das Auto nach eigenen Angaben mit dem von Gangstern verwechselten. Anschließend kam es zur heftigen Schießerei, die mit dem Tod der fünf jungen Männer endete.

Als Grund gaben die Polizisten Selbtverteidigung an – sie behaupten, sie seien von den Jugendlichen angegriffen worden. Neben dem Auto hatte man Pistolen gefunden. Beobachter der Szene berichten jedoch, dass die Polizisten diese Pistolen neben dem Auto platziert haben, um ihre Tat zu vertuschen, denn die fünf jungen Männer trugen gar keine Waffen mit sich. Continue reading

Polizeigewalt: Sechs Tote pro Tag

Es ist keine Neuigkeit, dass Brasilien ein Gewaltproblem hat – doch die jetzt veröffentlichten Daten des Brasilianischen Forums zur Öffentlichen Sicherheit sind drastisch. In den vergangenen fünf Jahren sind insgesamt 11.197 Menschen von der brasilianischen Polizei getötet worden. Das bedeutet im Durchschnitt: Sechs Tote pro Tag.

Wandbild im Complexo do Alemao: Ordnung und Fortschritt? (Foto: BuzzingCities)

Wandbild im Complexo do Alemao: Ordnung und Fortschritt? (Foto: BuzzingCities)

Damit ist die Todes-Statistik im Polizeieinsatz deutlich höher als in den USA, die auch kein Vorbild ist. 11.090 Menschen wurden in den USA durch Polizisten getötet, allerdings in einem Zeitraum von 30 Jahren statt wie in Brasilien innerhalb von nur fünf Jahren.

Die Daten zeigen, dass Brasilien dringend einer Polizeireform und neuer Antworten im Umgang mit Gewalt und Kriminalität bedarf. Es handelt sich nicht nur um ein Fehlverhalten einzelner Polizisten, die vielleicht in Risikosituationen aus Versehen zu schnell zur Waffe greifen – sondern um ein strukturelles Problem. Die Kultur der Polizei ist von einem militärischen Selbstverständnis geprägt, sich im Krieg zu befinden, das Auftreten ist oft sehr autoritär. Zudem werden viele Morde im Polizeieinsatz nicht korrekt untersucht, selten verfolgt – gerade in Favelas werden Tote meistens als Selbstverteidigung deklariert, dafür in einigen Fällen auch Beweise verfälscht.

Andererseits ist die Polizei in Brasilien auch selbst häufig mit bewaffneten Kriminellen konfrontiert, unter anderem in den von Drogengangs beherrschten Favelas. Auch die Zahl der getöteten Polizisten ist hoch. Im vergangenen Jahr sind 490 Polizisten getötet worden, 43 mehr als 2012. Seit dem Jahr 2009 sind 1.170 Polizisten getötet worden, durchschnittlich 1,34 pro Tag. Rio de Janeiro ist für brasilianische Polizisten der gefährlichste Einsatzort.