Big Brother Brasil: Neue Folge im brasilianischen Polizeiskandal

Big Brother Brasil versetzt Brasilien in Aufruhr. Die Kandidaten sind nun in das BBB15-Haus eingezogen, einige Bewohner und Bewohnerinnen aus den Favelas von Rio ärgern sich, dass sie es nicht selbst in die Endauswahl geschafft haben – und zahlreiche schreiben sich zumindest auf der Onlineplattform „BigBrother Fake“ als Kandidaten ein.

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Überraschend hat sich Big Brother Brasil aber auch in eine neue Folge des brasilianischen Polizeiskandals verwandelt. Der 23-jährige Kandidat Luan Patrício hatte kurz nach seinem Einzug vor laufender Kamera erzählt, dass er während seiner Zeit als Soldat im Favela-Komplex Complexo do Alemão einen Minderjährigen erschossen hatte.

„Ich glaube, dass er jünger war als ich, ich war 19, er muss ungefähr 16 gewesen sein“, so Luan. „Mein Vorgesetzer hat mich angesehen und gesagt: “Entweder du oder er.” Das brasilianische Militär will nichts davon wissen, dass Luans Einheit einen Favelabewohner erschossen hat. Es wäre nicht das erste Mal, dass staatliche Sicherheitskräfte in den Favelas einen Menschen getötet hätten, der Mord aber vertuscht wurde. Das Geständnis hat Folgen: Luan erwartet in Kürze Polizeibesuch im Big Brother Haus – er soll zu dem Vorfall befragt werden.

BBB15-Kandidat Luan

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5 Gründe warum heute in Brasilien alles passieren kann

Wer wird Brasilien in Zukunft regieren? Alles ist möglich an diesem Wahlsonntag in Brasilien, an dem die entscheidende Stichwahl für das Präsidentenamt stattfinden wird: Die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff der Arbeiterpartei PT und der sozialdemokratische Herausforderer Aécio Neves (PSDB) liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Bei den Wahlen 2014 handelt es sich um eine der unerwartetsten und spannendsten Wahlen der brasilianischen Geschichte. Doch warum ist die Entscheidung selbst für Experten so unvorhersehbar?

Kopf an Kopf rennen: Aecio holt auf den letzten Metern leicht auf

Kopf-an-Kopf-Rennen: Aécio hat auf den letzten Metern nochmal aufgeholt

1. Die Wahl ist knapp, verdammt knapp. 

Aécio Neves konnte in den letzten Tagen vor der Wahl nochmals zulegen – die beiden Kandidaten liegen nur wenige Prozentpunkte auseinander.

2. Das Marina-Phänomen: Medien und Marktforschungsunternehmen gestalten den Wahlkampf mit – und können weit danebenliegen.

Schon der erste Wahldurchgang Anfang Oktober war eine Überraschung. Niemand hätte geglaubt, dass Aécio Neves überhaupt den ersten Durchgang übersteht. In den Umfragen lag er weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. Stattdessen hatte sich ein Frauen-Duell um die Macht im Land abgezeichnet: zwischen Dilma Rousseff und der ehemaligen Umweltministerin Marina Silva, der im Vorfeld große Chancen eingeräumt wurden. Silva selbst war erst durch einen Schicksalsschlag zur Kandidatin geworden – als Eduardo Campos, der eigentliche Kandidat der Sozialistischen Partei Brasiliens (PSB) bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Doch es war Marina Silva, die ehemalige Kautschukpflückerin, die zwar eine Geschichte, aber keine konsistenten politischen Ideen präsentieren konnte, die ausschied – Aécio Neves konnte unerwartet mit 34 Prozent der Stimmen punkten, während Rousseff etwa 41 Prozent auf sich vereinte. Marina Silva war auch ein mediengemachtes Phänomen: Vor allem von internationalen Medien wurde sie zur Hoffnung Brasiliens hochgeschrieben: obwohl es viel Kritik an Silva gab, die im Wahlkampf ihre ehemaligen politischen Meinungen aufgab, für viele zu wenig politische Erfahrung aufwies, von der man nicht wusste, für welche Politik sie eigentlich steht.

Auch die brasilianischen Medien mischten im Wahlkampf mit, sie schrieben Kandidaten hoch und herunter, lancierten Gerüchte im Vorfeld der Wahlen – so grub eine Zeitung in Archiven ein älteres Interview mit dem jungen Aécio aus, der sagte, er habe sein Bett noch nie selbst gemacht. Auch die Zahlen der politischen Marktforschungsunternehmen sind mit Vorsicht zu genießen: Die Washington Post kritisiert, dass bei nur vier brasilianischen Instituten, die die Wahlumfragen erstellen, ein “gesunder Wettbewerb” fehlt, der Verzerrungen verhindert. 

3. Den Wunschkandidaten gibt es nicht. 

Viele werden an diesem Sonntag nicht ihren Wunschkandidaten, sondern das kleinere Übel wählen. Denn der Wunsch nach Wandel ist groß, doch es ist unklar, wer das Land tatsächlich positiv verändern kann. Die Beliebtheit von Dilma Rousseff in Brasilien ist durch die WM, aber auch durch die Wirtschaftsentwicklung, die Inflationsrate in den letzten Jahren gesunken – zudem ist von ihr, der amtierenden Präsidentin, der große Wandel eher nicht zu erwarten. Ihre Arbeiterpartei PT ist inzwischen zwölf lange Jahre an der Macht.

Selbst Brasiliens Arme, die eine wichtige Wählermasse darstellen, sind gespalten: Auch Favelabewohner wünschen sich Veränderung. Andererseits: Aécio Neves, Sohn einer Mehrgenerationen-Politikerfamilie und Playboy, verkörpert eher das Establishment und Unternehmerinteressen als die Verringerung sozialer Ungleichheit. Brasiliens ist sich uneins: Die Fronten ziehen sich quer durch Familien, auch quer durch die Favelas.

 4. Jede Partei hat versucht, den Herausforderer als das größere Übel darzustellen – mit einer politischen Schlammschlacht. Selbst Nazi-Vergleiche fehlten nicht.

Beide Lager, inklusive der Medien, haben sich vor allem in den letzten Tagen eine Schlammschlacht geliefert. Das brasilianische Magazin “Veja” hatte am Freitag vor der letzten öffentlichen TV-Duell den Vorwurf lanciert, dass Dilma Rousseff über Korruption und Geldwäsche beim staatlichen Energiekonzern Petrobras Bescheid gewusst haben soll.

Aécio Neves wurde zuvor als Kokser dargestellt. Ex-Präsident Lula, der Dilma Rousseff unterstützt, verglich die politischen Angriffe von Aécio Neves und seiner Anhänger im Nordosten mit dem “intoleranten” Vorgehen der Nazis im Zweiten Weltkrieg – Aécio Neves erinnerte der Wahlkampf der Arbeiterpartei PT an die Propaganda von Joseph Goebbels im nationalsozialistischen Deutschland.

5. Brasilianer müssen wählen – doch Protestwähler und gekaufte Stimmen verzerren das Ergebnis.

In Brasilien ist Wählen Pflicht – und bei 143 Millionen stimmberechtigten Brasilianern wird es wieder eine Vielzahl ungültiger Stimmabgaben geben, sowie gekaufte Stimmen. Am Tag des ersten Wahldurchgangs Anfang Oktober hatten Helfer von Abgeordneten etwa im Bundesstaat Maranhão Beutelchen mit kleineren Summen verteilt, um Wähler kurz vor dem Gang zur Urne zu beeinflussen.

Stimmenkauf hat auch in den Favelas eine lange Tradition. Kriminelle Gruppen kontrollieren, wer in den bevölkerungsreichen Armenvierteln Wahlwerbung betreiben darf und die Stimmen erhält. So wurden auch mehrere Politiker im Vorfeld des ersten Wahldurchgangs daran gehindert in Favelas wie der Rocinha Wahlplakate aufzuhängen oder Wahlkampfveranstaltungen abzuhalten.

 

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Complexo do Alemão: Zwei Teenager erschossen

Von “Befriedung” kann man im von der Polizei besetzten Favelakomplex Complexo do Alemão im Norden von Rio nicht sprechen. Heute Abend kam es erneut zu Schießereien.

In den sozialen Netzwerken schicken Favelabewohner Traueranzeigen der getöteten Jugendlichen (Screenshot: Facebook)

In den sozialen Netzwerken schicken sich Favelabewohner Traueranzeigen der getöteten Jugendlichen zu (Screenshot: Facebook)

Bei einer Patrouille kurz vor acht Uhr stießen Polizisten auf Mitglieder der Drogengang, bei dem Schusswechsel wurde ein Polizist in den Kopf geschossen. Er befindet sich mit schweren Verletzungen im Krankenhaus wie das Nachrichtenportal G1 berichtet.

Favelabewohnern zufolge sind heute Abend aber auch zwei Teenager von der Polizei erschossen worden. Einer der Jungen wurde in einem Imbiss getötet, in einer Gegend, in der sich die Drogenbanden häufig aufhalten. Die großen Medien berichten bisher nichts vom Tod der Jugendlichen.

Erst in der vergangenen Woche war ein Jugendlicher von der Polizei erschossen worden. Seit Jahresbeginn ist es zwischen Polizei und Mitgliedern der Drogengang im Complexo do Alemão zu mehr als 80 Zusammenstössen gekommen.

Blutige Nacht mit drei Toten

Update: Der verletzte Polizist, der bald seinen 31. Geburtstag gefeiert hätte, ist im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Die beiden erschossenen Jugendlichen wurden nur 15 beziehungsweise 17 Jahre alt. Das Nachrichtenportal “O Globo” hat inzwischen mit einem Artikel nachgezogen. Ein weiterer junger Mann wurde angeschossen, ebenso ein weiterer Polizist verletzt. “O Globo” spricht in Bezug auf die beiden Jugendlichen von “Verdächtigen”, Familie und Freunde dementieren in den sozialen Netzwerken, dass sie Verbindungen zu den Drogengangs hatten. Die Favelabewohner diskutieren das Geschehen kontrovers. “Unabhängig davon, wer oder was sie waren, es sind trei Tote mehr! Ein sinnloser Krieg ohne Ende…”, so eine Favelabewohnerin.

Debatte vor der WM: Medien International Brasilien

Helena Ferro de Gouveia, Projektmanagerin für Lateinamerika der DW Akademie, die brasilianische Journalistin Luciana Rangel (Veja, O Globo), und Julia haben heute auf Einladung von DW Akademie und ARD-Hauptstadtstudio die Situation in Brasilien, die Arbeitsbedingungen für Journalisten, die politischen Entwicklungen rund um die WM, Proteste und die Entstehung neuer Medienformate diskutiert.

Podiumsdiskussion im ARD-Hauptstadtstudio (Foto: Sonja Peteranderl)

Podiumsdiskussion im ARD-Hauptstadtstudio (Foto: Sonja Peteranderl)

Die Deutsche Welle hat die Debatte hier zusammengefasst – and there`s also an English article covering the debate on “Powerful media companies and alternative media”.

“Als schwierig schätzt auch Julia Jaroschewski die Sicherheitslage für Journalisten in Brasilien ein. “Gefährlich ist es allerdings nur da, wo man sich nicht auskennt.” Die Journalistin berichtete bereits mehrfach aus Brasilien und lebte während ihrer Aufenthalte in einer Favela. “Ich selbst trage – anders als viele brasilianische Kollegen – keine Schutzweste.” Wenn Journalisten derart aufträten, sei dies aus ihrer Sicht eher eine Provokation als ein Schutz. “Mir ist es wichtig, dass ich das Vertrauen der Menschen gewinne. Das gelingt mir nicht, wenn ich mich von ihnen abgrenze.”

ARD HSB

Interview: Favelawatchblog bei Funkhaus Europa

Marius Zekri von Funkhaus Europa hat Julia zur Veränderung der Favelas in Rio vor der Fußball-WM interviewt.

Funkhaus Europa

“Brasilien schmückt sich für die größte Fußball-Party der Welt. Unterdessen eskaliert in den Armenvierteln Brasiliens, den Favelas, in denen Millionen Brasilianer leben, weiterhin die Gewalt. Die Journalistin Julia Jaroschewski hat in einer Favela in Rio gelebt und darüber einen Blog geschrieben.”

 

Favelareporter Michel Silva: “Heute läuft alles über das Internet”

Drogengangs, Armut, Kriminalität: Die Armenviertel von Rio de Janeiro galten lange nur als Orte der Gewalt. Das Internet macht die Stimmen der Favelabewohner sichtbar: auf Webportalen, Blogs, oder sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Im Interview erzählt der 19-jährige Favelareporter Michel Silva, wie er mit seinem Nachrichtenportal „Viva Rocinha“ gegen Probleme anschreibt – wie das schlechte Image der Favela und Löcher in den Straßen.

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Du lebst in Rios größter Favela – die Rocinha hat etwa 200.000 Einwohner, ist eine Stadt in der Stadt. Wie behältst du dort als Favelareporter den Überblick?

Ich wache morgens mit dem Telefon neben mir auf, aktualisiere etwas, laufe durch die Favela, gehe zur Schule – und nach der Schule geht es dann weiter, bis Mitternacht. Ich bin mehr auf der Straße als zuhause, ich spaziere durch die Straßen und Gassen, und wenn mir etwas Komisches oder Interessantes auffällt, mache ich ein Foto und veröffentliche es sofort auf meinem Onlineportal „Viva Rocinha“. Ich nutze auch Twitter, am meisten Facebook. Auf Facebook habe ich schon 15.000 Likes.

Warum braucht ein Armenviertel ein Onlinemagazin?

Ich versuche, Information zu demokratisieren. Viele Menschen haben hier keinen Zugang zu gedruckter Information, viele lesen keine Zeitung. Deswegen ist das Internet ein wichtiges Kommunikationsmittel. Vor „Viva Rocinha“ gab es in der Rocinha kein Medium, das ständig aktualisiert wurde – deswegen habe ich im November 2011 das Projekt gegründet.

Funktioniert eine Internetplattform besser als ein gedrucktes Magazin?

Ja, wenn ich eine Reportage online stelle, kann sie jeder sofort lesen – es ist viel effizienter. Ich erreiche die jüngeren Leute hier, aber auch die Älteren. Ich glaube sogar, dass mehr Ältere „Viva Rocinha“ lesen – und sie kommentieren auch mehr.

Der Staat soll in einigen Favelas wie der Rocinha WLAN-Netze eingerichtet haben, damit alle Bewohner kostenlos Zugang zum Internet haben.

Das staatliche Netz „Rocinha Digital“ ist schlecht, das benutzt keiner. Es gibt nur zwei Gebiete, in denen es funktioniert. Ich habe Internet zu Hause und surfe auch auf meinem Mobiltelefon. Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, kann ich mich an manchen Orten in der Rocinha mit dem Telefon in offene Netze einloggen. Ich bin ständig online.

Über was schreibst du?

Ich möchte nicht über den Drogenhandel, die Polizei schreiben, es gibt so viele tolle Sachen, Projekte, die Bewohner – von Ihnen will ich erzählen. Mein Fokus ist Kultur: Für mich sind das auch die Geschichten der Favelabewohner, Musik, die Geschichte der Favela. Die Rocina ist voller Kultur der „Nordestinos“, der Einwanderer aus dem Nordosten. Es gibt viele spannende Leute hier, interessante Geschichten.

Die großen Medien zeigen nur die schlechten Seiten der Favelas. Die Rocinha hat seit den 80er Jahren ein schlechtes Image. Die, die nicht hier wohnen, denken an Drogenabhängige, Kriminelle, Dealer. Jetzt kommen zwar mehr Touristen in die Favela – manche gehen vielleicht durch die Hauptstraße, dann gehen sie aber wieder. Es ist immer noch ein sehr vorurteilsbehafteter Blick.

Rocinha (Foto: BuzzingCities)

Michel Silva: “Die Rocinha hat seit den 80er Jahren ein schlechtes Image” (Foto: BuzzingCities)

Aber Probleme gehören doch auch zum Favela-Alltag?

Klar. Ich schreibe auch darüber, wenn Straßen kaputt sind, Häuser einstürzen, wenn jemand mit dem Nachbarshund Probleme hat, wenn jemand krank ist, Hilfe braucht. Ich versuche, bei vielen Sachen zu helfen.

Funktioniert das?

Wenn ich etwas online stelle, ruft mich oft gleich jemand vom Rathaus oder vom Staat an oder Medien wie „O Globo“ oder „Record“, die kommen und einen Bericht machen. Ich wende mich direkt an den Staat, weil die lokale Anwohnervertretung der Favela nichts löst – obwohl sie von allen Seiten Geld bekommt. In meiner Straße gab es ein Loch, ich habe ein Foto davon ins Internet gestellt und zwei Tage später wurde es repariert.

Es erreicht sogar Menschen in den USA, wenn die New York Times darüber berichtet, was die Leute in der Rocinha machen. Die Leute lesen, was ich schreibe. Wir werden auch eher gehört, weil wir in der Südzone liegen – Favelas wie Rocinha, Santa Marta oder Cantagalo. Wir erreichen eher, was wir möchten, man kann einiges verändern.

Was ist das größte Problem?

Es fehlt der Dialog zwischen Bürgern und Staat. Hätte uns der Staat früher angehört, wäre es niemals so weit gekommen, mit offenen Abwasserkanälen, schwer bewaffneten Drogenbanden. Das war ein Riesenfehler der Regierung.

Vor der Fußball-WM 2014 wurden etwa 170 Favelas der mehr als 1000 Favelas in Rio von der Befriedungspolizei UPP besetzt. In der Rocinha sind zwei Jahre seit der Besetzung vergangen – was hat sich seitdem geändert?

Es ist eine militärische Besetzung, keine Befriedung. Es ist gefährlicher geworden als früher. Jetzt gibt es hier die Gesetzes des Staates, aber die Gesetze gelten nicht. Der Drogenhandel geht überall weiter, wie in ganz Rio, auf der ganzen Welt. Die Rocinha ist sehr groß, schwer zu kontrollieren. Und ganz oben patroulliert die Polizei nicht, weil es ein Risiko ist.

Es gibt gute und schlechte Sachen an der UPP, es haben sich in den letzten zwei Jahren sehr viele Sachen verändert. Aber die Polizisten haben viele Fehler. Sie missbrauchen ihre Macht, sind ziemlich arrogant, die Art wie sie handeln, ist schlecht. Und weil die Polizei kein gutes Image mehr hat, werden sie nicht mehr so stark eingreifen.

Mit der UPP sollte ein neues Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei möglich werden – doch in der Rocinha haben Polizisten 2013 den Favelabewohner Amarildo zu Tode gefoltert, mehrere Polizisten wurden verhaftet. Wie sieht es jetzt aus?

Das Verhältnis ist schlechter geworden, auch wegen Amarildo. Viele haben Angst vor der Polizei, einige Bewohner haben auch Freunde oder Geschwister, die für die Drogengang arbeiten. Die Leute gehen nicht dorthin, wo die UPP ist. Sie haben das Quartier an einem schlechten Ort, im Ökologischen Park, platziert – sie hätten die UPP in die Mitte hineinsetzen müssen, nicht so versteckt im Wald. Niemand würde mehr nachts in den Wald gehen, wenn etwas passiert. Und der Ökopark ist schön, aber niemand nutzt ihn.

Andere Infrastrukturprojekte werden besser angenommen, wie die neue Bibliothek, das Sportzentrum. Auch eine umstrittene Seilbahn, die Besucher und Favelabewohner in der Rocinha den Berg hochtransportieren soll, ist geplant.

Es gibt jetzt Sport, es gibt die Schule, das Krankenhaus, neue Restaurants und viele Sachen, die man machen kann. Gegen die Seilbahn sind aber die meisten Favelabewohner. Es gefällt ihnen nicht, es ist eher eine Sache für Touristen, die profitieren davon. Viele Favelabewohner hier kämpfen gegen die Seilbahn, weil viel Geld verschwindet wird, während wir weiter über Löcher in der Straße und offene Abwasserkanäle laufen.

Der Protest dagegen ist sehr groß, es gibt Versammlungen, über die ich auch schreibe. Aber ich versuche objektiv zu bleiben, selbst keine Seite einzunehmen, die Meinungen der anderen Bewohner darzustellen. In Labouriaux, einem Teil der Rocinha, sollten auch viele Häuser abgerissen werden, aber die Einwohner haben sich dagegen gewehrt und der Abriss fand nie statt. Ich glaube, dass sie es zeitlich gar nicht mehr schaffen, bis Juni eine Seilbahn zu bauen.

2013 fanden in Brasilien erstmals Sozialproteste von Millionen von Brasilianern statt. Haben die Proteste das Bewusstsein der Brasilianer verändert, dass sie sich mobilisieren müssen, um etwas zu verändern – auch in der Rocinha?

Nicht von allen. Nach den großen Protesten im Juni und Juli sind viele Menschen aufgewacht, aber obwohl die Bevölkerung aktiv geworden ist, hat der Staat die Probleme nicht gelöst. Aber seitdem sind die Menschen in der Rocinha politischer geworden, jeden Monat finden Bürgerversammlungen statt.

Haben viele Favelabewohner an den Massenprotesten im Zentrum teilgenommen, oder waren es Proteste der oberen Mittelschicht?

Es gab lokale Proteste in der Rocinha, aber ich denke, dass eher wenige Menschen aus der Rocinha an den großen Protesten im Zentrum teilgenommen haben, weil es so weit weg ist, man fast eine Stunde mit dem Bus fahren muss. Ich habe teilgenommen, weil ich es gut finde, zu protestieren, es war super.

Aber ich habe auch etwas von der Polizei abbekommen. Auch die Proteste wurden durch das Internet mobilisiert – heute läuft über das Internet. Und Journalismus hat einen Einfluss darauf, was passiert.

Glaubst du, dass sich die Polizei nach den Großereignissen aus den Favelas zurückziehen wird – wenn Brasilien nicht mehr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit steht?

Man kann nicht sagen, wie es hier in einem Jahr sein wird – weil sich die Dinge jeden Tag ändern. Ich glaube, dass die Polizei hierbleiben wird, aber dass es nicht mehr so viele sein werden. Der Ex-Milliardär Eike Batista hat dem Staat Geld für die UPP gegeben, aber er ist pleite.

Wird Rio de Janeiro sich insgesamt durch die Großereignisse stark verändern?

Es gibt viele Baustellen, wie die Sanierung der alten Schnellstraße, die aus Rio herausführt oder die Metro, die bis hierher neben die Rocinha gebaut wird – das ist positiv. Der Verkehr in Rio ist eine Katastrophe, die Metro wird deswegen helfen.

Wirst du dir die WM-Spiele ansehen?

Ich liebe Fußball, ich bin Flamengo-Fan, wie alle hier. Ich werde mir die WM zuhause im Fernsehen anschauen. Die Preise im Stadium sind teuer, fern jeder Realität. Ich war noch nie im Maracanã-Stadion – auch noch nie auf der Christus-Statue.

Warum denn noch nie auf dem Cristo – weil es zu teuer ist?

Nein, das ist eher etwas für Ausländer – wie die Favela-Seilbahn. Ich wohne hier oben in der Rocinha auf der gleichen Höhe wie die Christus-Statue und ich habe von hier aus den gleichen Ausblick, jeden Tag.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Ich gehe noch zur Schule und danach möchte ich weiter Journalismus machen, Kulturjournalismus. Die Rocinha ist meine Welt, meine Realität – ich will hier nicht weg.