Rio 2016 auf Periscope: BuzzingCities Lab live aus Rio

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Von den Protesten gegen den neuen brasilianischen Übergangspräsidenten Michel Temer bis zum Besuch in der Wirtschaftsredaktion des größten brasilianischen Medienkonzerns “O Globo”: Julia berichtet ab sofort immer wieder live aus Rio de Janeiro. Echtzeit-Updates via Periscope – oder auf Twitter.

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Netzwerk Recherche Jahreskonferenz 2015: Sicherheit und Favelas

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Investigativjournalismus, sichere Kommunikation, Datenanalyse und internationale Zusammenarbeit: Auch bei der Jahreskonferenz 2015 des investigativen Journalistenvereins Netzwerk Recherche beim NDR in Hamburg waren wir wieder Teil des vielfältigen Programms.

In unserem Talk “Riskanter Job – Journalistinnen in Rios Favelas” haben wir über unserere Erfahungen als Favela-Reporterinnen berichtet, über die Öffentliche Sicherheit in Rio und die Polizeistrategie, unsere aktuellen Projekte und wie sich Risiken bei der journalistischen Arbeit in den Favelas zumindest vermindern lassen.

“Eine Bilanz nach der WM, vor Olympia: Wie hat sich die Sicherheitslage in Rios Favelas in den vergangenen Jahren verändert? Welche journalistischen Herausforderungen bringt die Arbeit in Favelas mit sich? Und welche Rolle spielt Social Media für die Sicherheit?”

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Teilweise wurden Sessions der Konferenz in Text und Videos festgehalten.

Wir crowdfunden – Endspurt!!!!!

Wir wollen auch nach der Fußball-WM weiter recherchieren, was in den Favelas von Rio de Janeiro passiert. Dafür brauchen wir Eure Unterstützung.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr Lust habt, uns bei der Crowdfunding-Plattform Startnext zu unterstützen, damit wir unsere Arbeit weiter verfolgen können – und das Material, das wir gesammelt haben, auch in eine Kurz-Doku zu verwandeln. Weitersagen, Twittern, Facebooken und Verteilen über sonstige Kanäle hilft natürlich auch.

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Was wir so tun und vorhaben, ein paar gute Gründe uns zu unterstützen und was mit dem Geld bei erfolgreichem Crowdfunding passieren soll, könnt Ihr bei Startnext nachlesen.

Bei den Freischreibern

Brafus 2014

Brafus 2014

Gestern bei den Freischreibern gewesen, und mit dem Brafus-Team und anderen freien Journalisten über Multimediaprojekte, Recherche in Brasilien und die Medienbranche gesprochen. Fazit: Wenn die Verlage blockieren, selbst losziehen und sich alternative Finanzierungsmodelle überlegen.

Favelareporter Michel Silva: “Heute läuft alles über das Internet”

Drogengangs, Armut, Kriminalität: Die Armenviertel von Rio de Janeiro galten lange nur als Orte der Gewalt. Das Internet macht die Stimmen der Favelabewohner sichtbar: auf Webportalen, Blogs, oder sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Im Interview erzählt der 19-jährige Favelareporter Michel Silva, wie er mit seinem Nachrichtenportal „Viva Rocinha“ gegen Probleme anschreibt – wie das schlechte Image der Favela und Löcher in den Straßen.

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Du lebst in Rios größter Favela – die Rocinha hat etwa 200.000 Einwohner, ist eine Stadt in der Stadt. Wie behältst du dort als Favelareporter den Überblick?

Ich wache morgens mit dem Telefon neben mir auf, aktualisiere etwas, laufe durch die Favela, gehe zur Schule – und nach der Schule geht es dann weiter, bis Mitternacht. Ich bin mehr auf der Straße als zuhause, ich spaziere durch die Straßen und Gassen, und wenn mir etwas Komisches oder Interessantes auffällt, mache ich ein Foto und veröffentliche es sofort auf meinem Onlineportal „Viva Rocinha“. Ich nutze auch Twitter, am meisten Facebook. Auf Facebook habe ich schon 15.000 Likes.

Warum braucht ein Armenviertel ein Onlinemagazin?

Ich versuche, Information zu demokratisieren. Viele Menschen haben hier keinen Zugang zu gedruckter Information, viele lesen keine Zeitung. Deswegen ist das Internet ein wichtiges Kommunikationsmittel. Vor „Viva Rocinha“ gab es in der Rocinha kein Medium, das ständig aktualisiert wurde – deswegen habe ich im November 2011 das Projekt gegründet.

Funktioniert eine Internetplattform besser als ein gedrucktes Magazin?

Ja, wenn ich eine Reportage online stelle, kann sie jeder sofort lesen – es ist viel effizienter. Ich erreiche die jüngeren Leute hier, aber auch die Älteren. Ich glaube sogar, dass mehr Ältere „Viva Rocinha“ lesen – und sie kommentieren auch mehr.

Der Staat soll in einigen Favelas wie der Rocinha WLAN-Netze eingerichtet haben, damit alle Bewohner kostenlos Zugang zum Internet haben.

Das staatliche Netz „Rocinha Digital“ ist schlecht, das benutzt keiner. Es gibt nur zwei Gebiete, in denen es funktioniert. Ich habe Internet zu Hause und surfe auch auf meinem Mobiltelefon. Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, kann ich mich an manchen Orten in der Rocinha mit dem Telefon in offene Netze einloggen. Ich bin ständig online.

Über was schreibst du?

Ich möchte nicht über den Drogenhandel, die Polizei schreiben, es gibt so viele tolle Sachen, Projekte, die Bewohner – von Ihnen will ich erzählen. Mein Fokus ist Kultur: Für mich sind das auch die Geschichten der Favelabewohner, Musik, die Geschichte der Favela. Die Rocina ist voller Kultur der „Nordestinos“, der Einwanderer aus dem Nordosten. Es gibt viele spannende Leute hier, interessante Geschichten.

Die großen Medien zeigen nur die schlechten Seiten der Favelas. Die Rocinha hat seit den 80er Jahren ein schlechtes Image. Die, die nicht hier wohnen, denken an Drogenabhängige, Kriminelle, Dealer. Jetzt kommen zwar mehr Touristen in die Favela – manche gehen vielleicht durch die Hauptstraße, dann gehen sie aber wieder. Es ist immer noch ein sehr vorurteilsbehafteter Blick.

Rocinha (Foto: BuzzingCities)

Michel Silva: “Die Rocinha hat seit den 80er Jahren ein schlechtes Image” (Foto: BuzzingCities)

Aber Probleme gehören doch auch zum Favela-Alltag?

Klar. Ich schreibe auch darüber, wenn Straßen kaputt sind, Häuser einstürzen, wenn jemand mit dem Nachbarshund Probleme hat, wenn jemand krank ist, Hilfe braucht. Ich versuche, bei vielen Sachen zu helfen.

Funktioniert das?

Wenn ich etwas online stelle, ruft mich oft gleich jemand vom Rathaus oder vom Staat an oder Medien wie „O Globo“ oder „Record“, die kommen und einen Bericht machen. Ich wende mich direkt an den Staat, weil die lokale Anwohnervertretung der Favela nichts löst – obwohl sie von allen Seiten Geld bekommt. In meiner Straße gab es ein Loch, ich habe ein Foto davon ins Internet gestellt und zwei Tage später wurde es repariert.

Es erreicht sogar Menschen in den USA, wenn die New York Times darüber berichtet, was die Leute in der Rocinha machen. Die Leute lesen, was ich schreibe. Wir werden auch eher gehört, weil wir in der Südzone liegen – Favelas wie Rocinha, Santa Marta oder Cantagalo. Wir erreichen eher, was wir möchten, man kann einiges verändern.

Was ist das größte Problem?

Es fehlt der Dialog zwischen Bürgern und Staat. Hätte uns der Staat früher angehört, wäre es niemals so weit gekommen, mit offenen Abwasserkanälen, schwer bewaffneten Drogenbanden. Das war ein Riesenfehler der Regierung.

Vor der Fußball-WM 2014 wurden etwa 170 Favelas der mehr als 1000 Favelas in Rio von der Befriedungspolizei UPP besetzt. In der Rocinha sind zwei Jahre seit der Besetzung vergangen – was hat sich seitdem geändert?

Es ist eine militärische Besetzung, keine Befriedung. Es ist gefährlicher geworden als früher. Jetzt gibt es hier die Gesetzes des Staates, aber die Gesetze gelten nicht. Der Drogenhandel geht überall weiter, wie in ganz Rio, auf der ganzen Welt. Die Rocinha ist sehr groß, schwer zu kontrollieren. Und ganz oben patroulliert die Polizei nicht, weil es ein Risiko ist.

Es gibt gute und schlechte Sachen an der UPP, es haben sich in den letzten zwei Jahren sehr viele Sachen verändert. Aber die Polizisten haben viele Fehler. Sie missbrauchen ihre Macht, sind ziemlich arrogant, die Art wie sie handeln, ist schlecht. Und weil die Polizei kein gutes Image mehr hat, werden sie nicht mehr so stark eingreifen.

Mit der UPP sollte ein neues Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei möglich werden – doch in der Rocinha haben Polizisten 2013 den Favelabewohner Amarildo zu Tode gefoltert, mehrere Polizisten wurden verhaftet. Wie sieht es jetzt aus?

Das Verhältnis ist schlechter geworden, auch wegen Amarildo. Viele haben Angst vor der Polizei, einige Bewohner haben auch Freunde oder Geschwister, die für die Drogengang arbeiten. Die Leute gehen nicht dorthin, wo die UPP ist. Sie haben das Quartier an einem schlechten Ort, im Ökologischen Park, platziert – sie hätten die UPP in die Mitte hineinsetzen müssen, nicht so versteckt im Wald. Niemand würde mehr nachts in den Wald gehen, wenn etwas passiert. Und der Ökopark ist schön, aber niemand nutzt ihn.

Andere Infrastrukturprojekte werden besser angenommen, wie die neue Bibliothek, das Sportzentrum. Auch eine umstrittene Seilbahn, die Besucher und Favelabewohner in der Rocinha den Berg hochtransportieren soll, ist geplant.

Es gibt jetzt Sport, es gibt die Schule, das Krankenhaus, neue Restaurants und viele Sachen, die man machen kann. Gegen die Seilbahn sind aber die meisten Favelabewohner. Es gefällt ihnen nicht, es ist eher eine Sache für Touristen, die profitieren davon. Viele Favelabewohner hier kämpfen gegen die Seilbahn, weil viel Geld verschwindet wird, während wir weiter über Löcher in der Straße und offene Abwasserkanäle laufen.

Der Protest dagegen ist sehr groß, es gibt Versammlungen, über die ich auch schreibe. Aber ich versuche objektiv zu bleiben, selbst keine Seite einzunehmen, die Meinungen der anderen Bewohner darzustellen. In Labouriaux, einem Teil der Rocinha, sollten auch viele Häuser abgerissen werden, aber die Einwohner haben sich dagegen gewehrt und der Abriss fand nie statt. Ich glaube, dass sie es zeitlich gar nicht mehr schaffen, bis Juni eine Seilbahn zu bauen.

2013 fanden in Brasilien erstmals Sozialproteste von Millionen von Brasilianern statt. Haben die Proteste das Bewusstsein der Brasilianer verändert, dass sie sich mobilisieren müssen, um etwas zu verändern – auch in der Rocinha?

Nicht von allen. Nach den großen Protesten im Juni und Juli sind viele Menschen aufgewacht, aber obwohl die Bevölkerung aktiv geworden ist, hat der Staat die Probleme nicht gelöst. Aber seitdem sind die Menschen in der Rocinha politischer geworden, jeden Monat finden Bürgerversammlungen statt.

Haben viele Favelabewohner an den Massenprotesten im Zentrum teilgenommen, oder waren es Proteste der oberen Mittelschicht?

Es gab lokale Proteste in der Rocinha, aber ich denke, dass eher wenige Menschen aus der Rocinha an den großen Protesten im Zentrum teilgenommen haben, weil es so weit weg ist, man fast eine Stunde mit dem Bus fahren muss. Ich habe teilgenommen, weil ich es gut finde, zu protestieren, es war super.

Aber ich habe auch etwas von der Polizei abbekommen. Auch die Proteste wurden durch das Internet mobilisiert – heute läuft über das Internet. Und Journalismus hat einen Einfluss darauf, was passiert.

Glaubst du, dass sich die Polizei nach den Großereignissen aus den Favelas zurückziehen wird – wenn Brasilien nicht mehr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit steht?

Man kann nicht sagen, wie es hier in einem Jahr sein wird – weil sich die Dinge jeden Tag ändern. Ich glaube, dass die Polizei hierbleiben wird, aber dass es nicht mehr so viele sein werden. Der Ex-Milliardär Eike Batista hat dem Staat Geld für die UPP gegeben, aber er ist pleite.

Wird Rio de Janeiro sich insgesamt durch die Großereignisse stark verändern?

Es gibt viele Baustellen, wie die Sanierung der alten Schnellstraße, die aus Rio herausführt oder die Metro, die bis hierher neben die Rocinha gebaut wird – das ist positiv. Der Verkehr in Rio ist eine Katastrophe, die Metro wird deswegen helfen.

Wirst du dir die WM-Spiele ansehen?

Ich liebe Fußball, ich bin Flamengo-Fan, wie alle hier. Ich werde mir die WM zuhause im Fernsehen anschauen. Die Preise im Stadium sind teuer, fern jeder Realität. Ich war noch nie im Maracanã-Stadion – auch noch nie auf der Christus-Statue.

Warum denn noch nie auf dem Cristo – weil es zu teuer ist?

Nein, das ist eher etwas für Ausländer – wie die Favela-Seilbahn. Ich wohne hier oben in der Rocinha auf der gleichen Höhe wie die Christus-Statue und ich habe von hier aus den gleichen Ausblick, jeden Tag.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Ich gehe noch zur Schule und danach möchte ich weiter Journalismus machen, Kulturjournalismus. Die Rocinha ist meine Welt, meine Realität – ich will hier nicht weg.

Favela-Reporter Michel Silva: “Alles spielt sich heute im Internet ab”

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Kaputte Straßen, einstürzende Häuser, Favelakultur: Auf der Onlineplattform Viva Rocinha und auf Facebook und Twitter berichtet Michel Silva jeden Tag darüber, was in der Favela Rocinha passiert. Zusammen mit seiner Schwester Michele hat der 19-Jährige das Portal Ende 2011 gegründet. Sie wollen Probleme sichtbar machen – aber vor allem “die guten Seiten” der Favela zeigen.

Bevor er in die Schule geht, scannt er die Nachrichten, aktualisiert Beiträge, läuft dann nachmittags durch die Favela – die meisten Geschichten entdeckt er auf der Straße.

Silva: "Alles spielt sich heute im Internet ab" (Foto: BuzzingCities)

Silva: “Ich bin 19 Stunden täglich online” (Foto: BuzzingCities)

Als wir mit ihm durch die Rocinha spazieren, rasen Feuerwehrautos an uns vorbei – Michel zückt sofort sein Handy, fotografiert das Geschehen, spricht mit einem der Feuerwehrmänner.

Sekunden später erscheint die Nachricht auf der Facebookseite von “Viva Rocinha”: Der Brand war durch einen Stromadapter ausgelöst worden, das Feuer ist bereits unter Kontrolle.

Live aus der Favela (Screenshot Facebook "Viva Rocinha")

Live aus der Favela (Screenshot Facebook “Viva Rocinha”)

Falls Misstände nicht sofort behoben werden, hilft Michel Silva nach, veröffentlicht das Problem im Internet und twittert die zuständigen Behörden an: “Alles spielt sich heute im Internet ab”, sagt der Favela-Reporter.

 

In Kürze erscheinen das komplette Video und ein Interview mit Michel Silva.