Deutschlandradio Kultur über Favelas Online

Schon wieder im Radio: Reporter Matthias Finger vom Deutschlandradio Kultur hat uns für die Sendung “Breitband” über den digitalen Wandel der Favelas interviewt.

“Seit ein Datenskandal die nächste Lanz-Petition jagt, ist für manche das Ende des Internets nahe. In anderen Gegenden der Welt entdecken aber viele gerade erst mal die unendlichen Möglichkeiten des Netzes. Besonders erstaunlich: In den Armenvierteln Brasiliens, den Favelas von Rio de Janeiro, wo es an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder einer Müllabfuhr mangelt, entdecken die Menschen gerade das globale Netz für sich.

Und die Möglichkeiten, die es ihnen eröffnet: Zum Beispiel zur politischen Teilhabe. Den digitalen Wandel vor Ort haben die Berliner Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderlin ihrem Blog buzzingcities.net dokumentiert. Matthias Finger hat sie kennengelernt.”

HIER ONLINE REINHÖREN

Eine Sendung, die einen kompakten Einblick in die Digitalisierung der Favelas liefert. Nur dass es gar keinen Breitbandanschluß bzw. WLAN in Favelas gibt, stimmt nicht ganz – denn immer mehr WLAN-Anbieter entdecken die Favelas als Geschäft und immer mehr Favelabewohner surfen auch mit ihrem Laptop oder Computer im eigenen Haus. 

Favelas Online: Wir bei der Breitband-Sendung

Favelas Online: Wir bei der Breitband-Sendung

#FavelasOnline: Wie eine Twitter-Debatte funktionieren kann

Facebook-Proteste, FavelaPride und Twittern bei Stromausfällen und Schießereien: Am Mittwoch haben wir in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin einen Vortrag über den Wandel der Favelas vor WM und Olympia und die Rolle des Internets gehalten: #favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

“Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren. Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.”

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Auch Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben mitdiskutiert – via Twitter aus Rio de Janeiro “zugeschaltet”. Im Vorfeld hatten wir überlegt, wie sich die Cariocas am besten beteiligen können.

Mitdebattieren via Twitter

Mitdebattieren via Twitter

  • Mit Skype-Live-Interviews haben wir in der Vergangenheit eher negative Erfahrungen gemacht. Bei Workshops waren die Personen auf dem Bildschirm kaum zu verstehen, es kam immer wieder zu technischen Pannen.
  • Eine Debatte über Open Pads wäre auch denkbar gewesen, durch die unterschiedlichen Farben hätte man auch die Stimmgeber unterscheiden können – allerdings nicht durch Fotos gekennzeichnet. Und Pads stürzen ja gerne immer dann ab, wenn man sie gerade richtig dringend braucht.
  • Bei Chats wäre die Live-Debatte geschlossener, nach der Debatte nicht mehr öffentlich gewesen.
  • Twitter ist zwar ein sehr verkürztes Format mit nur 140 Zeichen, entspricht aber der Lebenswelt der Jugendlichen, die Twitter auch im Alltag nutzen, die Debatte ist prinzipiell offen und kann auch nach der Veranstaltung im Netz (weiter-)verfolgt werden. Außerdem können auch Zuschauer die Jugendlichen antwittern.

Die Idee, dass die Jugendlichen in die Böll-Stiftung in Rio de Janeiro kommen, dort einen Live-Stream aus Berlin sehen und dazu twittern, ließ sich leider nicht realisieren – ihre Favelas liegen zerstreut in Rio, und sie hatten nicht die Zeit, ins Zentrum zu fahren, wollten lieber live aus der Favela twittern.

Koordination zwischen Vortrag, Debatte in Berlin und Twitter-Diskussion

Damit die Jugendlichen wissen, was in Berlin passiert, und der Input der Jugendlichen sich nicht zu sehr zerstreut, hat unsere brasilianische Twitter-Diskussionsleiterin, “Head of Twitter” Julia Maria mit unserem Account @buzzingcities auf Brasilianisch übersetzt, was wir rund um die Präsentation und auf der Podiumsdiskussion erzählt haben und gleichzeitig Fragen an die Jugendlichen gestellt. Die haben ihre Meinungen mit Hashtag #favelasonline gewittert, ihre Antworten wurden wiederum auf Twitter ins Deutsche übersetzt.

Moderator Thomas Fatheuer, der ehemalige Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, und wir hatten auf der Bühne immer einen kleinen Bildschirm vor Augen, auf dem die Twitter-Beiträge liefen. Die Zuschauer konnten die Twitterwall parallel auf Großleinwand verfolgen. In der Debatte haben wir uns immer wieder auf die Meinungen der Jugendlichen bezogen, Thomas Fatheuer hat zwischendurch zusammengefasst, was auf Twitter passiert.

Die Jugendlichen haben interessante Punkte und Perspektiven getwittert und in 140 Zeichen sehr präzise Beiträge geliefert.

  • Michel Silva, Favelareporter aus der Favela Rocinha und Gründer des Onlinemediums “Viva Rocinha” hat sich sogar kurz selbst in einem Video vorgestellt (mit deutschen Untertiteln):
  • Marina Moreira, 21, aus dem Viertel Oswaldo Cruz, ist kurzfristig eingesprungen, weil Bruno Duarte aus der Favela Morro da Providencia doch nicht an der Twitter-Debatte teilnehmen konnte:
Marina Moreira (Foto: privat)

Marina Moreira: “Wir erfinden neue Formen der Politik” (Foto: privat)

      • Tiago Bastos ist Favelareporter und Fotograf – mit ihm sind wir schon öfter durch die Siedlungen des Complexo do Alemão spaziert.
Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

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Auch das Publikum twitterte zum Teil mit.

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Rainer Milzkott (urbanPR Trend) hat auf seinem Blog einen längeren Bericht über die Veranstaltung verfasst.

#favelasonline: Die Neuvermessung der Stadt

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„Stell dir vor, du lebst in einer Siedlung mit mehr als 20.000 Menschen, aber sie erscheint auf keiner Karte“, schreibt die NGO AfroReggae. „Im Fall von Parada de Lucas war es lange genau so – mit Hilfe der Bewohner ändert sich das jetzt.” Die Favela Parada de Lucas liegt im ärmlichen Norden der Strandmetropole Rio de Janeiro, dort, wo sich zahlreiche Wohnviertel der unteren Mittelschicht erstrecken und Armenviertel aus Hunderttausenden Ziegelhäusern, wohin sich kaum ein Tourist oder wohlhabender Brasilianer verirrt.

Mit der Initiative „Tá no mapa“, „Es ist auf der Karte“ von AfroReggae haben junge Favelabewohner nun selbst eine virtuelle Karte ihres Viertels erstellt, die auf Läden, Restaurants, Plätze, Kirchen oder Sehenswürdigkeiten aufmerksam macht. „Eine Karte ist mehr als eine Karte – sie ist auch ein Existenzbeweis“, so AfroReggae.

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Im Internet verschaffen Favelabewohner ihren Vierteln mehr Sichtbarkeit, berichten in Blogs und sozialen Netzwerken über das Geschehen in den Favelas oder vermessen die Stadt mit kollaborativen Online-Karten wie „Tá no mapa“ neu, um auch die positiven Seiten der Armenviertel zu zeigen.

Wie Legosteine aufeinandergestapelte Ziegelhäuschen, Labyrinthe aus schmalen Gassen, Straßen ohne Namen, Territorien, in denen Drogenbanden mit Maschinengewehren patrouillieren, Städte in der Stadt: Jahrzehntelang waren die brasilianischen Favelas unzugängliche Siedlungen, in denen eigene Gesetze herrschen.  Synonyme für Armut, Gewalt und Kriminalität – manche Favelas nur ein paar Schritte von den Vierteln der Wohlhabenden entfernt, viele so abgelegen, dass sich ihre Existenz verdrängen lässt.

Allein in Rio de Janeiro gibt es mehr als 1.000 Favelas, in denen etwa ein Viertel der Bewohner Rios lebt. Doch als Schandflecken wurden die Siedlungen von den offiziellen Stadtkarten verbannt, sogar von Google Maps.


Von Google Maps gelöscht
Als Google die Armenviertel im Internet anzeigte, war das für viele Brasilianer ein Schock: Auf der virtuellen Karte von Rio de Janeiro poppten überall Favelas auf, sie lenkten optisch von den etablierten Stadtvierteln und Sehenswürdigkeiten wie der Christusstatue oder dem Zuckerhut ab. Seit 2009 betrieben der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, und die städtische Tourismusagentur Riotur deshalb Lobbyarbeit – und setzten tatsächlich durch, dass der Begriff „Favela“ in Rio größtenteils von Google Maps gelöscht wird.

Die meisten Favelas werden nur noch mit ihrem Namen angezeigt, oder mit dem Begriff „Morro“ davor, Hügel – ein brasilianisches Synonym für Favela, das aber kaum ein Ausländer versteht. Und viele sind nur Farbkleckse auf Google Maps, weil online höchstens Hauptstraßen angezeigt werden. Die kleineren Straßen und Gassen, die in Favelas vorherrschen, bleiben unsichtbar.

In einem Google-Forum beschwert sich ein Nutzer namens  “Boctok” darüber, dass die Armenviertel in anderen brasilianischen Städten wie Recife, Fortaleza, Maceió oder João Pessoa immer noch explizit gekennzeichnet werden. Er wünscht sich, dass die Armenviertel von der Karte verschwinden – wie in Rio de Janeiro.

„Die virtuelle Löschung ist Teil des städtischen Projekts, das Armut und die Armen verstecken soll – sowohl virtuell als auch real, wie mit Zwangsumsiedelungen”, kritisiert dagegen das Comite Popular von Rio, eine Vereinigung von NGOs und Sozialaktivisten.


Mit dem Mobiltelefon die Favela kartieren
Auch die 23-jährige Suellen Casticini aus der Favela Morro Agudo findet, dass es ein Grundrecht ist, auf einer Karte verzeichnet zu sein. Sie hat 2013 bei der Initiative „Wikimapa“ gearbeitet – und mit dem Mobiltelefon Orte in der Favela fotografiert und auf eine virtuelle Karte  hochgeladen. In den Medien werde höchstens von Kriminalität in den an die Favela Morro Agudo angrenzenden Vierteln berichtet, sagt sie. Niemand wisse, dass es in der Favela auch Schönes gebe, wie Wasserfälle oder Feste.

Die Wikimapa-Karten verschaffen einen Überblick über Sehenswürdigkeiten, Kirchen, Krankenhäuser, Schulen, Sportzentren, Organisationen, Restaurants, Bars, Bushaltestellen, Läden und Straßen in Favelasiedlungen wie Complexo da Maré, Cidade de Deus, Santa Marta, Pavão Pavãozinho und Complexo do Alemão in Rio – und ständig fügen die Reporter neue Favelas hinzu.

Hinter dem Projekt „Wikimapa“ steht die NGO Rede Jovem, die seit dem Jahr 2000 versucht, den Wandel der Favelas mit Internet und Mobiltechnologie voranzutreiben. 16 feste Wikireporter und Freiwillige haben inzwischen an der virtuellen Verortung der Favelas mitgearbeitet.


Virtuelle Karten
Die Wikireporter sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, internetaffine Jugendliche und junge Erwachsene, die in einer Favela leben und sich dort gut auskennen. Nach einem dreitägigen Workshop lernen sie mit dem Handy Fotos aufzunehmen und Videos zu produzieren, mit der Wikimapa-Webseite und der App umzugehen, mit der sie Fotos und Informationen verorten.

Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken vieles, was sie selbst noch nicht kannten – und manche Geschäftsinhaber hoffen, dass der Eintrag kostenlose Werbung für sie ist.

„Ich glaube, dass solche Initiativen helfen, Vorurteile zu brechen“, so Wikireporterin Casticini. Mit der Internetpräsenz allein werden sich die Favelas zwar nicht in normale Stadtviertel mit ausreichender Infrastruktur verwandeln. Aber die virtuelle Sichtbarkeit kann dazu beitragen, dass auch abgelegene Favelas wie Morro Agudo oder Parada de Lucas als Teil von Rio de Janeiro wahrgenommen werden, stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Der Artikel ist als Gastbeitrag auf dem Debattenforum VOCER veröffentlicht worden. 

Was in den Favelas von Rio im WM-Jahr 2014 wichtig wird

Proteste und Projekte, Besetzung, Massaker, Folterskandal: Für die Favelabewohner von Rio de Janeiro war das vergangene Jahr ein veränderungsreiches, oft auch dramatisches Jahr – und viele Ereignisse werden das WM-Jahr 2014 beeinflussen.

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe "Onde está Amarildo?")

Performance für die Verschwundenen (Foto: Facebook-Gruppe “Onde está Amarildo?”)

#Amarildo

Niemals zuvor hat das Verschwinden eines Favelabewohners ein solches Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst. Niemals zuvor hatte ein Verbrechen an einem Favelabewohner solche Folgen. Ein Maurer aus der Favela Rocinha wurde 2013 zum Gesicht aller, die in der Vergangenheit spurlos verschwunden sind.

Am 14. Juli nahmen Polizisten der Befriedungspolizei UPP Amarildo de Souza am Tag einer Großrazzia in der Favela fest – er tauchte nie wieder auf. Mit der internationalen Social-Media-Kampagne “Cadê o Amarildo?”, aber auch bei Protesten innerhalb und außerhalb der Favelas forderten Favelabewohner und Unterstützer die Aufklärung des Falles. Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass Amarildo zu Tode gefoltert worden war, weil die Polizei sich Informationen über den Drogenhandel in der Rocinha von ihm erhofft hatte. Dann ließen sie seine Leiche verschwinden.

25 Polizisten wurden wegen Folter mit Todesfolge angeklagt, auch der Kommandant der UPP der Rocinha, Major Edson Santos, und sein Subkommandant Luiz Felipe de Medeiros wurden verhaftet. Das Phänomen der Verschwundenen wurde in Brasilien erstmals breit diskutiert. Und die Befriedungspolizei UPP kämpft seit dem Amarildo-Skandal nicht nur in der Favela Rocinha mit einem schweren Imageschaden – den Drogengangs und Kritikern der Besetzung hat der Fall in die Hände gespielt.

#Besetzung

Nachhaltige Sicherheits- und Städtepolitik oder Make-Up für die WM? Im WM-Jahr 2014 wird Rio de Janeiro im Rampenlicht der internationalen Medienöffentlichkeit stehen – Zeit, um eine Bilanz zum Erfolg oder Misserfolg der sogenannten Befriedungspolizei UPP zu ziehen.

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

Seit 2008 sind in Favelas von Rio 36 UPP-Einheiten präsent, die bisher etwa 170 Favelas erreichen und die Armensiedlungen und die Gebiete um sie herum sicherer machen sollen. Während die besetzten Favelas teils von sinnvollen Infrastrukturmaßnahmen und Programmen profitieren, und einige kleinere Favelas tatsächlich ruhig sind, treten in größeren Siedlungen wie der Favela Rocinha zahlreiche Probleme auf, wie Schießereien zwischen Drogengang und Polizei. Dazu kommen Probleme wie Polizeigewalt, teils auch Korruption. Und überall sind die Bewohner enttäuscht, dass der Wandel nicht so schnell eintritt, wie erhofft. Wir beobachten auf BuzzingCities.net, wie es weitergeht.

Vor der WM sollen noch die Siedlungen des Complexo da Maré mit den mehr als 130.000 Einwohnern besetzt werden – ein schwieriges Unterfangen. Rivalisierende Drogengangs bekämpfen sich dort, doch auch die Polizei ist unbeliebt. Am 24. Juni 2013 kamen dort bei einer Polizei-Aktion zehn Favelabewohner ums Leben.

#Favela-Pride

In den Favelas von Rio de Janeiro entsteht ein neues Selbstbewusstsein. In der Vergangenheit verschwiegen Favelabewohner bei Bewerbungen ihre Adresse, inzwischen zeigen viele ganz offen ihren Stolz und die Liebe zu “ihrer” Favela. Auch wenn die Vorurteile gegen die Armenviertel und ihre Bewohner in der brasilianischen Gesellschaft immer noch tief verankert sind, setzt langsam ein Umdenken ein. Selbst die klassischen Medien entdecken die positiven Seiten der Favelas: wie die Kreativität, die Gastronomie, die Kultur.

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#Gentrifizierung

Verdrängung ist die Schattenseite der Neuentdeckung der Favelas. Mit der UPP sicherer gewordene Favelas wie die Favela Vidigal über dem Strand von Leblon werden von Ausländern geflutet – Mieten steigen, und Alteingesessene haben Angst, dass sie sich bald keine Wohnung dort mehr leisten können. Auch Investoren zeigen sich an Südzonenfavelas interessiert, die keinerlei Verbindungen zur Community haben.

#Hoffnung

Im Widerstand gegen Umsiedelungen vor den Großereignissen WM und Olympia für Infrastrukturprojekte sind zahlreiche politische Initiativen entstanden. Die Favela Vila Autódromo, wo Rio de Janeiro etwa 300 der 600 Familien umsiedeln will, um für die Olympischen Spiele zu bauen, hat einen Unterstützerkreis gegründet, einen Dialog mit der Stadt begonnen und einen Alternativplan zur Zukunft des Viertels vorgelegt. Sie konnten einen Teilsieg erringen und die Umsiedelung erstmal stoppen.

Die Initiative Plano Popular Vila Autódromo wurde auch beim Deutsche Bank Urban Age Award mit 80.000 US-Dollar ausgezeichnet – von dem Preisgeld möchten die Bewohner von Vila Autódromo nun erstmal einen Kindergarten bauen.

Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben zahlreiche kreative Projekte und Initiativen gestartet – und verändern das schlechte Image, das die brasilianische Mehrheitsgesellschaft von jungen Favelabewohnern hat.

#Internet

Immer mehr Favelabewohner haben Zugang zum Internet – und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, aber auch Favela-Medien publizieren sie ihre Perspektive, auf die Besetzung, auf Politiker und Politik, Stadt und die Großereignisse. Die sozialen Medien beflügelten auch die brasilianischen Sozialproteste. Rio de Janeiro wird es schwer haben, wenn die Stadt zur WM nur ihre Hochglanzseite präsentieren will.

#Passinho

Er hat Youtube-Stars herausgebracht und füllt mittlerweile auch Megaevents: der neue Favela-Tanztrend Passinho. Die eigenwillige Mischung aus Breakdance, Samba-Elementen und Freestyle-Moves soll in der Favela Jacarezinho in Rio entstanden sein – auch über Youtube und Social Media-Plattformen hat sich Passinho in ganz Rio verbreitet. Unser Passinho-Video war mit mehr als 1000 Klicks nicht das beste, aber meistgesehene Video, das wir in den Favelas gemacht haben. Die traditionelle Musik der Favelas, der Funk, musste allerdings Rückschläge einstecken: Die legendären Baile Funk-Partys wurden in den von der Polizei besetzten Favelas teilweise verboten.

#Sozialproteste

2013 war das Jahr, in dem Brasilien wieder politisch wurde – und Millionen von Brasilianern auf die Straße gingen und im Internet debattierten, darunter auch Favelabewohner. Es zeigte sich aber auch, dass es ein Luxus, bleibt, zu protestieren: Vielen Favelabewohnern war der Weg ins Zentrum zu weit, und nicht jeder kann wochenlang protestieren, der arbeiten muss. Manche Favelas, wie die Rocinha, haben deswegen eigene Proteste, direkt am Fuß der Favela organisiert. Für das WM-Jahr sind neue Proteste vorprogrammiert – und in der Favela Metro-Mangueira hat das Jahr schon mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen Favelabewohnern und Polizei begonnen.

#WM

Das Ereignis des Jahres: Die meisten Favelabewohner werden sich die WM-Spiele zuhause oder in einer der zahlreichen Favela-Bars im Fernsehen anschauen – weil die Tickets viel zu teuer sind. Eine Wahrsagerin hat dem ZDF bereits geflüstert, wer gewinnen wird: Die, die es am besten können (natürlich Brasilien, die Fußballnation).

WM

#favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

Zusammen mit jungen Favelabewohnern, die per Twitter “zugeschaltet” sind, werden wir am 22.01. in der Heinrich-Böll-Stiftung über den Wandel der Favelas von Rio und die Rolle des Internets diskutieren.

Mit den bevorstehenden Großereignissen Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016 wandelt sich der Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro.

Bis zur WM möchte der Staat etwa 200 der rund 1000 Favelas in Rio polizeilich besetzen. Damit sollen die Drogenbanden, die die Armenviertel bisher beherrschten, zurückgedrängt werden. Mit der Präsenz der Befriedungspolizei UPP und Investitionen in die Infrastruktur sollen die Favelas und damit die Stadt insgesamt sicherer werden.

Doch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas bleiben Probleme wie Polizeigewalt, Korruption oder mangelnde Infrastruktur nach wie vor bestehen. Es treten dazu neue Konflikte, wie Umsiedelungen für umstrittene Projekte, etwa Seilbahnen in Favelas, auf. Manche Bewohner/innen befürworten die UPP-Strategie, andere empfinden die “Pazifizierung” als Besetzung durch einen Staat, der vor allem die Interessen der Wohlhabenden vertritt und zudem den Tourismus fördern will.

Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren.

Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.

Im Rahmen der Veranstaltung möchten wir die Potentiale und Grenzen des Mediums Internet für die gesellschaftliche und politische Partizipation sowie deren Qualität diskutieren.

Die Favelabewohner/innen Tiago Bastos, Carol Lima, Bruno F. Duarte und Michel Silva, die sich in ihren Communities engagieren, bringen sich während der Veranstaltung über Social Media wie Twitter ein.

Vorab können Sie Fragen per Twitter @buzzingcities (Hashtag der Veranstaltung: #favelasonline), Facebook oder E-Mail zusenden. Die Referentinnen werden die Fragen digital beantworten oder im Rahmen der Veranstaltung aufgreifen.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl haben für das Multi-Media-ProjektBuzzingCities seit 2011 zahlreiche Interviews in den Favelas von Rio geführt, selbst in der Favela Rocinha gewohnt und live aus der Favela gebloggt.

Mit:
Sonja Peteranderl Journalistin, Berlin
Julia Jaroschewski Journalistin, Berlin

Live-Chat aus Rio de Janeiro
Michel Silva, Favela Rocinha
Carol Lima, Favela Complexo do Alemão
Tiago Bastos, Favela Complexo do Alemão
Bruno F. Duarte, Favela Morro da Providência

Moderation:
Thomas Fatheuer, ehemaliger Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Information:
Ines Thomssen
Heinrich-Böll-Stiftung
Projektbearbeitung Lateinamerika
thomssen@boell.de
Telefon 030 285 34 324

Kalender der Heinrich-Böll-Stiftung

WLAN für die Favela

Matrix Telecom (Foto: BuzzingCities)

Matrix Telecom (Foto: BuzzingCities)

Immer mehr Favelabewohner bestellen sich Internet für zuhause: Ellen, 31, und Ana Beatriz, 20, arbeiten bei einer Niederlassung von “Matrix Telecom” in der Rocinha. Die beiden beantworten Anfragen, koordinieren die Verlegung der WLAN-Anschlüsse. In dem kahlen Mini-Büro direkt an der Hauptstraße stehen nur ein Schreibtisch, Computer, Stühle, Telefon.

Seit zwei Jahren gibt es die Favela-Filiale von “Matrix Telecom” in der Rocinha – also erst seitdem die Polizei in der Favela präsent ist. Die Mitarbeiterinnen sagen nach einem Blick in die Excel-Tabelle, dass sie inzwischen “889 Klienten” in ihrer Kundenliste hätten. Das klinge zwar erstmal nicht nach viel – “aber es gibt ja auch viele andere Internet-Anbieter in der Rocinha”. Ein Geschäftsmann hat sogar sein Internetcafé dichtgemacht und in einen WLAN-Anbieter verwandelt. Auch wenn die Mehrheit der Favelabewohner immer noch auf dem Mobiltelefon surft und viele die günstigen Internetpakete der Telefonanbieter nutzen, steigt die Nachfrage nach WLAN-Anschlüssen.

Die Kunden haben die Wahl zwischen verschiedenen Geschwindigkeiten, zwischen “1 Mega” bis zu “20 Mega” – bei unbegrenzter Downloadmenge. Die Mehrheit entscheidet sich für die zweitgünstigste und mittelschnelle Lösung von “2 Mega”, die monatlich 49,90 Reais, etwa 15 Euro kostet. Der Finanzstatus der Kunden ist keine Barriere, wie die Firma auf dem Werbeflyer betont: Internet könne beantragt werden, ohne dass die Kreditwürdigkeit durch eine SPC- und SERASA-Abfrage (analog der deutschen Schufa-Auskunft) nachgewiesen werden muss.

Konkurrenz für Internetcafés (Foto: BuzzingCities)

WLAN-Anbieter als Konkurrenz für Internetcafés (Foto: BuzzingCities)

Geflutete Favelas

Manche hatten gerade ihre Häuser von den Wasserschäden des letzten Gewitters in Rio befreit, als starker Regen heute erneut Teile von Rio flutete. Straßen wie die Avenida Brasil und Häuser standen unter Wasser, im Bundesstaat Rio de Janeiro mussten etwa 2000 Menschen ihre Häuser verlassen, drei Menschen kamen ums Leben.

In 49 besonders von Regen und dem Abrutschen von Häusern gefährdeten Favelas war der Ausnahmezustand ausgerufen worden, in zahlreichen Favelas lief das Wasser in die Häuser hinein, einige Familie haben ihre Einrichtungen, manche sogar ihre Häuser verloren. In den sozialen Netzwerken rufen Favelabewohner jetzt zur Hilfe und zu Spenden für die Betroffenen auf.

Fluthilfe per Internet (Screenshot Facebook)

Fluthilfe per Internet (Screenshot Facebook)

 

Favelas online: Beschwerden über Stromausfälle

Es donnert, blitzt und stürmt, der Regen wütet. Straßen und Wege überfluten, das Wasser läuft auch in Häuser hinein. In vielen Favelas in Rio de Janeiro ist der Strom ausgefallen – in den sozialen Netzwerken hallen der Ärger und die Beschwerden der Favelabewohner wieder.

“Es ist, als würde die Welt untergehen. Kein Fernsehen, kein Internet, jetzt gibt es auch kein Licht mehr”, schreibt Alexandre Correa aus dem Complexo do Alemão. Thiago Firmino twittert, dass in der ganzen Favela Santa Marta (Dona Marta) im Stadtteil Botafogo die Lichter ausgegangen sind, alles dunkel sei. Außerdem seien zwei Kinder und eine Erwachsene in der Mini-Seilbahn in der Favela gefangen – ganz schön gruselig die Vorstellung, dort jetzt am steilen Berg zu hängen.

An den Bürgermeister twittern

Thiago Firmino hat sofort an den Energiekonzern Light, den Bürgermeister Eduardo Paes, den Gouverneur von Rio, Sérgio Cabral, an das Medien-Imperium O Globo und eine Favela-Onlineplattform getwittert, was in der Santa Marta passiert. Mit den sozialen Medien wie Twitter gelingt es, sichtbar zu machen, was in den Favelas passiert – und Druck aufzubauen, das Problem zu lösen.

Kundenservice auf Twitter (Screenshot)

Kundenservice auf Twitter (Screenshot)

Die Stromfirma Light hat alle Hände zu tun – auf dem Twitter-Account des Kundenservice treffen ständig neue Meldungen ein.

Light: Zahlreiche Beschwerden per Twitter (Screenshot)

Light: Zahlreiche Beschwerden per Twitter (Screenshot)

Nicht nur bei gewitterbedingten Stromausfällen wenden sich viele Favelabewohner inzwischen per Twitter an das Unternehmen. Sie teilen auch Fotos von erhöhten Stromrechnungen per Facebook, vergleichen untereinander die Höhe ihrer monatlichen Abrechnungen, die manchmal willkürlich festgelegt erscheint, und beschweren sich dann öffentlich beim Konzern – oft per Twitter.

Favela-Reporter Michel Silva: “Alles spielt sich heute im Internet ab”

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Favelareporter Michel Silva (Foto: BuzzingCities)

Kaputte Straßen, einstürzende Häuser, Favelakultur: Auf der Onlineplattform Viva Rocinha und auf Facebook und Twitter berichtet Michel Silva jeden Tag darüber, was in der Favela Rocinha passiert. Zusammen mit seiner Schwester Michele hat der 19-Jährige das Portal Ende 2011 gegründet. Sie wollen Probleme sichtbar machen – aber vor allem “die guten Seiten” der Favela zeigen.

Bevor er in die Schule geht, scannt er die Nachrichten, aktualisiert Beiträge, läuft dann nachmittags durch die Favela – die meisten Geschichten entdeckt er auf der Straße.

Silva: "Alles spielt sich heute im Internet ab" (Foto: BuzzingCities)

Silva: “Ich bin 19 Stunden täglich online” (Foto: BuzzingCities)

Als wir mit ihm durch die Rocinha spazieren, rasen Feuerwehrautos an uns vorbei – Michel zückt sofort sein Handy, fotografiert das Geschehen, spricht mit einem der Feuerwehrmänner.

Sekunden später erscheint die Nachricht auf der Facebookseite von “Viva Rocinha”: Der Brand war durch einen Stromadapter ausgelöst worden, das Feuer ist bereits unter Kontrolle.

Live aus der Favela (Screenshot Facebook "Viva Rocinha")

Live aus der Favela (Screenshot Facebook “Viva Rocinha”)

Falls Misstände nicht sofort behoben werden, hilft Michel Silva nach, veröffentlicht das Problem im Internet und twittert die zuständigen Behörden an: “Alles spielt sich heute im Internet ab”, sagt der Favela-Reporter.

 

In Kürze erscheinen das komplette Video und ein Interview mit Michel Silva.