Das brasilianische Gesicht des Snowden-Teams

David Miranda mit Julia (Foto: BuzzingCities)

David Miranda mit Julia in Rio de Janeiro (Foto: BuzzingCities)

In Brasilien wird David Miranda behandelt, als hätte er den Oscar für “Citizenfour” gewonnen. Für den Rest der Welt ist der junge Brasilianer das unbekannteste Gesicht im Netzwerk um den NSA-Whistleblower Edward Snowden.

Als Ehemann des Journalisten Glenn Greenwald hat David Miranda erlebt, was es bedeutet, mit Überwachung zu leben. Im November 2014 transportierte er Tausende von verschlüsselten Snowden-Daten auf der Strecke Brasilien – Berlin, wo er sich mit Filmemacherin Laura Poitras getroffen hatte. Auf dem Flughafen London-Heathrow wurde Miranda neun Stunden lang festgehalten und verhört, sein Mobiltelefon und sein Laptop wurden beschlagnahmt.

Warum wir David Miranda auf dem Favelawatchblog vorstellen? Er ist in einer Favela aufgewachsen, im Jacarezinho im Norden von Rio de Janeiro.

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Selfies als Verbrechen

Das Bildungsministerium hat angekündigt, die sozialen Netzwerke zu überwachen – um verbotene Selfies aufzuspüren. Denn an diesem Wochenende finden in Brasilien die entscheidenden Prüfungen statt, mit denen Schüler sich für ein Studium an einer Universität qualifizieren können – das sogenannte “Exame Nacional do Ensino Médio” (Enem).

Da die Brasilianer wichtige Lebensereignisse gern mit einem Selfie dokumentieren, ist zu erwarten, dass Tausende sich vor, während oder nach der Prüfung ablichten werden. Auch bei den Wahlen hatten Millionen von Brasilianern sich an der Urne abgelichtet und die Fotos in sozialen Netzwerken gepostet – obwohl das als Verbrechen gilt.

Bei den Prüfungen will das Bildungsministerium jetzt solche Regelverstöße verhindern: Smartphones und elektronische Geräte sind sowieso verboten – und alle, die ein Selfie oder irgendein anderes Fotos knipsen, sollen sofort von der Prüfung ausgeschlossen werden.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten

Wahlwahnsinn in Brasilien: #EleiçõesLimpas

Brasilien hat gewählt, Berge von Flyern und Postern überschwemmen jetzt die Straßen. Mit dem Hashtag #EleiçõesLimpas, “Saubere Wahlen”, dokumentieren Brasilianer online den Dreck, den die Kandidaten und ihre Teams hinterlassen haben – auch in Rios Favelas.

Wahlwahnsinn

Ganz sauber sind die Wahlen auch inhaltlich nicht verlaufen. Noch am Morgen der Wahl verteilten Helfer von Abgeordneten etwa im Bundesstaat Maranhão Beutelchen mit kleineren Summen, um Wähler kurz vor dem Gang zur Urne zu beeinflussen.

Stimmenkauf hat auch in den Favelas eine lange Tradition. Kriminelle Gruppen kontrollieren, wer in den bevölkerungsreichen Armenvierteln Wahlwerbung betreiben darf und die Stimmen erhält. So wurden auch diesmal mehrere Politiker im Vorfeld der Wahlen daran gehindert in Favelas wie der Rocinha Wahlplakate aufzuhängen oder Wahlkampfveranstaltungen abzuhalten.

Ernüchterung für Marina Silva

Präsidentin Dilma Roussef konnte im ersten Wahldurchgang etwa 41 Prozent der Stimmen holen. Überraschend tritt sie bei der Stichwahl am 26. Oktober aber nicht gegen die Herausfordererin Marina Silva an, der im Vorfeld große Chancen eingeräumt wurden, sondern gegen Aécio Neves. Der Ökonom, Senator, Ex-Gouverneur und Zögling einer Politikerfamilie lag in den Umfragen während des Wahlkampfes weit zurück, erreichte aber bei der Wahl 34 Prozent der Stimmen.

Marina Silva überzeugte zwar mit ihrer Vergangenheit, dem Aufstieg von der Kautschukpflückerin und dem Hausmädchen zur engagierten Umweltpolitikerin. Doch ihr fehlten eine starke Partei im Rücken und politische Inhalte – zahlreiche Standpunkte wechselte sie so radikal, das sie zuletzt wenig glaubwürdig erschien.

Neben Präsidentschaftswahl und Parlament wurden auch die Gouverneure der 27 Bundesstaaten und ein Drittel der Senatoren bestimmt. In Rio de Janeiro wird der amtierende Gouverneur Luiz Fernando Pezão (PMDB), der 40,57 Prozent der Stimmen erhielt, bei der Stichwahl Ende Oktober gegen Marcello Crivella (20,26 Prozent) antreten.

#FavelasOnline: BuzzingCities bei der Social Media Week

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Bei der Social Media Week Berlin haben wir darüber gesprochen, wie die Digitalisierung die Favelas und politische Partizipation und Protest verändert.

“Mit Social Media wie Facebook, Twitter und Blogs wird transparenter, was in den Favelas geschieht. Das Netz erleichtert Bewohnern die Verbreitung und den Zugang zu Informationen und die Mobilisierung, etwa zu Protesten. Auch die Besetzung von knapp 200 Favelas vor den Großereignissen WM und Olympia durch die Polizei wird kontrovers diskutiert – und Favelabewohner warnen sich in den sozialen Netzwerken vor Schießereien zwischen Drogengangs und Polizei, suchen nach Verschwundenen oder denunzieren Menschenrechtsverletzungen, Kriminalität oder riskante Baustellen und Löcher in den Straßen.

Die Veranstaltung soll vermitteln wie informelle Siedlungen wie Favelas mit sozialen Medien eine stärkere Präsenz im urbanen Raum und auch einen größeren Einfluss auf politische Entscheidungen erreichen können. Die Auslandsreporterinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl haben für das Multimedia-Projekt BuzzingCities seit 2011 zahlreiche Interviews in den Favelas von Rio geführt. Sie leben und arbeiten immer wieder in der Favela Rocinha, der größten Favela von Rio, bloggen und twittern live aus der Favela und haben mit dem Favelawatchblog (@buzzingcities) auch das Geschehen in Rios Favelas vor und während der Fußball-WM verfolgt.”

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Netzwerk Recherche: Digitalisierung der Favelas

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Bei der Netzwerk Recherche-Konferenz haben wir von Alltag und Arbeit in den Favelas von Rio, der militärischen Besetzung und Befriedungsstrategie vor der WM und der Digitalisierung der Favelas berichtet.

Quentin Lichtblau und Theresa Möbus haben die Veranstaltung in dem Text “”Die “Stadt in der Stadt” geht online” dokumentiert. Und Ofelia Harms Arruti hat uns interviewt und für die Deutsche Welle darüber geschrieben, wie Favelas ins Internet kommen (“Wie kommt der Slum ins Internet?”).

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Costa Ricas Fußballwunder im Radio

Es war ein Fußball-Krimi. Das kleine Costa Rica spielte gegen Griechenland. Ausgleich in der Nachspielzeit, Verlängerung und dann Elfmeter-Schießen. Und wir hatten weder Fernseher noch ausreichend schnelles Internet hier in unserer Favelawohnung in der Rocinha.

Deswegen setzten wir auf unser Oldschool-Radio – wie das klingt, seht Ihr hier:

“Das Filter”-Interview: „Politik, Polizei und Drogengangs sind miteinander verflochten“

Das Kulturmagazin “Das Filter” hat uns interviewt, über die Favelas, die Besetzung, und popkulturelle Trends, die aus der Favela kommen:

“Die WM in Brasilien ist im vollen Gange. Frenetische Fans und beste Samba-Laune markieren die hiesige Berichterstattung. Zwar wird ab und dann oberflächlich über Proteste abseits der Großveranstaltung berichtet, aber was passiert genau in den Favelas? Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl berichten live aus den noch immer von Drogengangs beherrschten Gebieten Brasiliens. Sie zeigen, dass Gewalt auch während des Turniers ein alltägliches Thema ist. Erst gestern starben bei blutigen Schießereien im Complexo do Alemão zwei Teenager und ein Polizist. Die großen Medien berichteten bisher nichts vom Tod der beiden Jungen. Wie die Stimmung in Brasilien wirklich ist und ob die Favelas durch mehr Polizeipräsenz wirklich sicherer geworden sind, erklären sie uns in diesem ausführlichen Interview. Sie zeigen aber auch, dass Favelas mehr sind als Drogen, Kampf und Gewalt. Denn, und das wissen nur wenige: Hier entstehen auch die wahren Trends der brasilianischen Popkultur.”

Das Filter