Tödliche Gewalt: Proteste gegen Polizistenmorde

Drei Polizisten wurden innerhalb der vergangenen 24 Stunden allein in der Baixada Fluminense, der Metropolregion von Rio de Janeiro, im Dienst erschossen: Zwei der getöteten Polizisten werden an diesem Mittwoch bestattet. 

Der 47-jährige Sérgio Cordeiro da Silva, 47, war in Belford Roxo bei einer Durchsuchung von Kriminellen getötet worden. Nach einer Schießerei mit einer Drogengang in Japeri starb der 25-jährige Gilberto Guimarães Pereira Corrêa an den Schusswunden. Ein dritter Polizist, Anselmo Alves Junior, war in Queimados getötet worden, als Kriminelle bei einer Verkehrskontrolle das Feuer auf die Ermittler eröffneten.

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Alltägliche Schlagzeilen: Tödliche Gewalt (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Immer wieder werden Sicherheitskräfte bei Schießereien mit Kriminellen getötet oder gezielt ermordet. Am Dienstag hatten Familienangehörige, Mitglieder und Unterstützer der Sicherheitskräfte im Zentrum von Rio mit roten Farbspritzern auf den Gesichtern gegen das tödliche Berufsrisiko protestiert. Denn der Job, bei dem die Polizisten oft ohne ausreichende Ressourcen und zum Teil mangelndes Training im urbanen Krieg eingesetzt werden, ist riskant: In Rio de Janeiro wird durchschnittlich alle zwei Tage ein Polizist getötet. In diesem Jahr wurden bereits 50 Polizisten erschossen.

Die Gewaltspirale trifft die Sicherheitskräfte, oft aber auch unbeteiligte Bürger, die ins Kreuzfeuer der Auseinandersetzungen geraten. Schauplatz der Gewalt sind vor allem Rio de Janeiros Favelas: Allein in den ersten beiden Monaten des Jahres wurden mehr als 187 Menschen in Favelas, mehrheitlich schwarze junge Männer, unter Beteiligung von Polizisten getötet. Die NGO Justiça Global hat aufgrund von außergerichtlichen Tötungen durch die Polizei sowie die hohe Opferzahl bei Schusswechseln von Polizei und Drogengangs Beschwerde bei den UN eingelegt.

Mann erschossen, toter Tourist: Schlaglicht auf die Gewalt

Immer wieder verirren sich Autofahrer und Passanten in Rios Favelas – für manche werden die Siedlungen zur tödlichen Falle. Die Skandale werfen ein Schlaglicht auf das alltägliche Sicherheitsproblem. 

Ein 66-jähriger wurde von Drogengangstern erschossen, als er aus Versehen in eine Favela in Rio fuhr – und offenbar dem Befehl der lokalen Drogengang nicht gehorchte, anzuhalten. Die Kriminellen, die die Favela Vila Vintém kontrollieren, eröffneten das Feuer auf ihn, er starb im Krankenhaus an den Verletzungen.

Erst vor einer Woche wurde der italienische Tourist und Motorradfahrer Roberto Bardella getötet, als er mit seinem Cousin in der Innenstadtfavela Morro dos Prazeres im Stadtviertel Santa Teresa landete. Die Kriminellen hielten ihn und seinen Begleiter für Polizisten und schossen auf Bardella, als sie an seinem Helm eine Kamera entdeckten.

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Vorfälle wie diese Geschehen immer wieder, denn die von Drogengangs beherrschten mehr als 1000 Favelas von Rio sind über die ganze Stadt verteilt. Im Herbst 2015 führte ein digitaler Irrtum ein älteres Ehepaar in eine tödliche Falle – die Navi-App Waze landete sie statt zu ihrem Ziel in eine Favela in Niteroi, wo die Frau erschossen wurde.

Der eigentliche Skandal sind allerdings nicht die Einzelfälle, sondern das Problem, auf das sie ein Schlaglicht werfen: Zahlreiche Regionen in Rio de Janeiro werden von Kriminellen territorial kontrolliert, regiert und terrorisiert – auch nach der Fußball-WM und den Olympischen Spielen mit der massiven Polizeipräsenz und einer neuen Polizeistrategie, die auch die Sicherheit in einigen Favelas herstellen sollte.

Stattdessen tobt die Gewalt, immer wieder sterben Menschen. Die, die am meisten von der Gewalt und den Konflikten betroffen sind, sind zudem nicht Touristen oder Brasilianer, die sich manchmal mit tödlichem Ausgang in die Viertel verirren, sondern die Bewohner der Favelas. Immer wieder werden Bewohner erschossen, geraten ins Kreuzfeuer von Polizei und Drogengangs. Das Sicherheitsrisiko ist für sie Alltag.

Complexo do Alemão: “Nach Olympia ist alles noch schlimmer”

Mega-Operationen, bei denen die Militärs auch in Häuser eindringen und sie zerstören, Schießereien zwischen Drogengangs und Polizei, fast tägliche Gewalt: Im Complexo do Alemão hat die Befriedungspolizei UPP keinen Frieden gebracht, im Gegenteil. Der Polizei ist es nicht gelungen, die Macht der Drogengangs zu brechen, stattdessen führt die Polizeipräsenz zu neuen Konflikten, mit den Bewohnern im Kreuzfeuer. Wir haben wieder einmal im Alemão gedreht und Update-Interviews zur Situation nach Olympia geführt.

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Complexo do Alemao: All Photo Credits BuzzingCities Lab

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Digitaler Drogenkrieg in Rio de Janeiro

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Junge Männer, die hingerichtet werden, Folter von vermeintlichen Verrätern, ein Schuss in die Hand für Diebe: In Brasilien zirkulieren brutale Handyvideos, die die Gewaltherrschaft der Drogengangs offenbaren. Julia hat für Spiegel Online analysiert, wie digitale Transformation und die Verbreitung von Mobiltelefonen den Drogenkrieg in Rio de Janeiro verändern – und zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Gewalt in Rios Favelas auch für den Rest den Landes sichtbar machen.

“Die Gangs sind die Justiz, das sogenannte „Tribunal do Tráfico” ist die Gerichtsverhandlung der Drogenbanden: Mitglieder der Gang entscheiden kollektiv, welche Strafen gegen den Beschuldigten verhängt werden. Zum Beispiel die Todesstrafe mit dem Spitznamen „Mikrowelle”. Der Delinquent wird in einen Stapel Autoreifen gesteckt, sodass er sich nicht mehr bewegen kann, und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt.” Oft sind es die Gangmitglieder selbst, die Videos der Gewalttaten online stellen – um zu protzen und Rivalen einzuschüchtern. Damit helfen sie aber auch der Justiz.

BuzzingCities Lab beim “Kino und Menschenrechte”-Festival in Resende

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Geraubte Kinder während der Argentinischen Militärdiktatur, Graffiti (pichações) als Protest, Gewalt in Rios Favelas: Beim 10. Kino und Menschenrechte-Festival (Mostra Cinema e Direitos Humanos no Mundo) in Resende haben Dokumentarfilmer, Künstler, Experten und Aktivisten internationale Herausforderungen und Lösungsansätze diskutiert und Projekte und Dokumentarfilme präsentiert.

Julia hat einen Talk über den Drogenkrieg in Rios Favelas gehalten, die brasilianische Sicherheitsstrategie, politische Herausforderungen – und wie die Digitalisierung Gewalt und andere Probleme transparenter machen kann.

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O Cineclube Quilombo dos Puris aborda, novamente, um debate atual e de muita importância em uma sociedade profundamente desigual: os direitos humanos. Integrando o Circuito Difusão da 10ª, o coletivo organizou uma programação que contará com a exibição de obras audiovisuais sobre a temática, debates e atividades culturais em um evento aberto a todo o público.

Rachefeldzug der Drogengang: Cidade de Deus im Kreuzfeuer

Schießereien, brennende Straßenblockaden, Granaten: Als Vergeltungsschlag für eine getötete Verwandte haben Kriminelle die Cidade de Deus (City of God) in einen Ausnahmezustand versetzt. Die 34-jährige Nichte von “Sam”, einem der Drogenbosse der Favela, der seit 2003 im Gefängnis sitzt, war am Morgen mit einem Schuss ins Gesicht getötet worden. Die Umstände des Mordes sind bisher unklar.

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Gangmitglieder blockierten die Hauptstraße des Viertels mit Gegenständen wie brennenden Mülltonnen oder Bettgestellen. Auch das Quartier der Befriedungspolizei UPP wurde von Kriminellen angegriffen. Spezialkräfte kamen zur Verstärkung hinzu: Die Militärpolizei von Rio war mit Panzerwagen unterwegs und suchte auch mit Helikoptern aus der Luft nach Kriminellen. Viele Bewohner waren in ihren Häusern gefangen, Buslinien, die normalerweise die Favela passieren, wurden temporär ausgesetzt. “Der Terror hat die Cidade de Deus erreicht”, schrieb ein Bewohner auf Facebook. “Ich habe keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll.”