Hausdurchsuchungen und Schießereien

Polizisten durchkämmen die Rocinha, um Tatverdächtige im Mordfall an der Restaurantbesitzerin aufzuspüren, die am Donnerstag in der Gavea erschossen wurde. Favelabewohner berichten, dass heute Morgen verschiedene Häuser durchsucht worden sind, Polizisten auch nach bestimmten Personen gefragt haben.

Eine Favelabewohnerin, deren Haus durchsucht wurde, machte sich darüber lustig, dass die Polizisten anscheinend nicht mehr als den Namen des Tatverdächtigen wissen – und dass es eine unkluge Strategie sei, überall an die Türen zu klopfen.

Heute Morgen und am Vormittag gab es mehrmals Schießereien in der Rocinha, wohl im Zusammenhang mit den Durchsuchungen und den verstärkten Polizeioperationen in der Rocinha, die die Drogenbanden stören.

Gestern stand ein ganzes Batallion von Autos der Mordkomission an der Favela-Hauptstraße Estrada da Gavea, eine Traube von Polizisten scharrte sich gerade um eine Haustür, und brachen in die Tür ein.

Allerdings ist die Situation allgemein aufgeheizt – auch in den Nächten vor dem Mordfall kam es immer wieder zu ausgedehnten Schießereien zwischen Polizei und Drogengangs.

Restaurantbesitzerin bei Raubüberfall erschossen

Überall Fernsehkameras vor dem Einkaufszentrum im Stadtviertel Gávea unterhalb der Rocinha: Die Restaurantbesitzerin Maria Cristina Bittencourt Mascarenhas ist heute bei einem Raubüberfall erschossen worden.

Die 66-Jährige hatte gerade 13.000 Reais, knapp 4300 Euro, von einer Bank im Einkaufszentrum abgehoben, um ihre Angestellten zu bezahlen. Ihr Restaurant “Guimas” liegt nur wenige Meter entfernt.

Als sie bei einem Straßenverkäufer stehenblieb, kamen zwei Männer auf einem Motorrad angefahren und versuchten ihr die Tasche zu entreissen – da sie reflexartig versuchte, die Tasche festzuhalten, schoss ihr einer der Räuber in den Kopf, dann flüchteten die Männer mit der Tasche.

Die Täter müssen die Restaurantbesitzerin entweder beim Abheben des Geldes beobachtet haben – oder sie kannten deren Routinen. Die Polizei wertet die Überwachungskameras des Einkaufszentrums aus. Der Fahrer des Motorrads trug zwar einen Helm, der Mann, der hinten auf dem Motorrad sass und den tödlichen Schuss abgegeben hat, aber nicht.

Stromausfall zum WM-Spiel

Tröten, bemalte Kinder, gelbe Trikots, Fans vor den Bars – die WM-Gleichgültigkeit der letzten Tage war verflogen, als Brasiliens Seleção gestern wieder auf dem Spielfeld stand. Ein paar Minuten fieberten die Favelabewohner mit – dann wurden die Bildschirme schwarz, die Fans saßen in den Bars im Dunklen.

Ein Raunen ging durch die Favela. Der Kabelbrand am Nachmittag hatte den Strom im oberen Teil des Hügels abgekappt, nur ein paar Minuten nach Abpfiff. An den Stromsäulen bastelten dann tatsächlich auch Mitarbeiter der Energiefirma.

Geduldiges Warten - trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Geduldiges Warten – trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Improvisationstalent rettete die Favela-WM: Einige setzten sich in ihre Autos und hörten dem Spiel im Radio zu, andere beschallten mit ihren aufgemotzten Autos gleich die ganze Nachbarschaft: offener Kofferraum, Anlage an. Goooool. Anstatt zu meckern oder grölen, nutzte jeder, was ihm zur Verfügung stand- oder wartete einfach ab.

An der Favela-Hauptstraße ballerten ein paar junge Männer Feuerwerkskörper unter die fahrenden Minibusse. Gleich kamen die UPP-Polizisten mit gezückten Gewehren anmarschiert. Nach den Schießereien in den vergangenen Tagen ist die Stimmung unter den Polizisten angeheizt – mit Waffen im Anschlag marschierten sie durch die Straßen und sausten im Polizeiauto durch die Favela.

Halbzeit-Hopping diesmal zum Public-Viewing am wohlhabenden Fuß des Berges, außerhalb der Favela, im Viertel Gavea, in einem Open-Air-Club. Dort waren die Gäste allerdings mehr aneinander interessiert als an der WM. Als Brasilien mit 4:1 das Spiel gewann, jubelten trotzdem alle. Unten am Berg und auf dem Berg.