Brasilien vor der WM: Geteilte Meinung

Ob Brasilianer die WM in ihrem Land nun wollen oder nicht? Unentschieden. Zumindest einer Umfrage des brasilianischen Statistikinstituts IBOPE zufolge: 51 Prozent der 2000 Befragten finden es gut, das Brasilien in diesem Jahr WM-Gastgeber ist, 42 Prozent sind dagegen.

Das sind immer noch ziemlich viele WM-Skeptiker im Fußballland Brasilien. Einer anderen Umfrage von Datafolha zufolge lehnten sogar 80 Prozent die Fußball-WM ab. Natürlich kommt es immer darauf an, wen man fragt. Und während die einen dem Großereignis WM an sich nicht viel abgewinnen können, glauben andere, das die WM nur im Moment die falsche Entscheidung für Brasilien ist – weil Geld verschwendet wird, das an anderer Stelle viel dringender benötigt werden würde.

Gegen die WM zu sein bedeutet nicht, dass die Brasilianer dem Fußball an sich jetzt ihre Liebe entziehen. Mit ihrer Nationalmannschaft wird die Mehrheit trotzdem mitfiebern – 59 Prozent glauben an ihre Seleção.

Stattfinden wird die WM nun sowieso, die Frage ist eher, wie. Wir sind gespannt und werden natürlich beobachten, was vor sich geht – live aus der Favela, auf dem Favelawatchblog und via Twitter @buzzingcities.

Brasilien vor der WM: Geteilte Meinung (Foto: BuzzingCities/Julia Jaroschewski)

Brasilien vor der WM: Geteilte Meinung (Foto: BuzzingCities/Julia Jaroschewski)

 

 

Sorry, Neymar: Der inoffizielle WM-Song

Katerstimmung vor der Fußball-WM in Brasilien: Der Frust vieler Brasilianer ist groß, Datafolha zufolge lehnen 80 Prozent der Befragten die Fußball-WM in Brasilien gerade ab – vor allem, weil Milliarden in Stadien und andere WM-Vorbereitungen fließen, während das Geld im Bildungs- und Gesundheitssektor, bei der Sanierung der Favelas oder im öffentlichen Transport fehlt.

Der Musiker Edu Krieger hat dieses Gefühl nun in seinem Song “Desculpe Neymar” (Tut mir leid, Neymar) beschrieben, der jetzt schon ein inoffizieller WM-Titelsong ist und sich über soziale Netzwerke rasant verbreitet. Am Anfang des Tracks wird eine Begrüßung des brasilianischen Superkickers Neymar eingespielt, der die Welt in Brasilien zur WM willkommen heißt  – Edu Krieger besingt danach die Gründe, warum er diesmal nicht für Neymar (und die WM) applaudieren wird.

That would also be the conclusion drawn from a song released by respected Rio musician Edu Krieger, which has become an internet success. In Desculpe Neymar (sorry Neymar), Krieger expresses that on this occasion he will not be cheering on Brazil’s poster boy and his team-mates. “We can’t be real champions,” he sings, “spending more than 10 billion…we have beautiful and monumental stadiums while schools and hospitals are on the verge of collapse.”

Accompanied just by his guitar, the song is rooted in sorrow rather than anger. “I’ve always been a fan of the national team,” he explained in an interview, “but I don’t feel comfortable supporting the side this time.

“I think the way we’ve organised the World Cup could not have been worse, especially bearing in mind what was promised and what has in fact been done. This song is a lament that I don’t feel the enthusiasm I’d like to have in relation to the event.”
Read more at http://www.worldsoccer.com/world-cup-3/brazil-world-cup-discontent#lsDgPqRs0pt0MwcT.99

That would also be the conclusion drawn from a song released by respected Rio musician Edu Krieger, which has become an internet success. In Desculpe Neymar (sorry Neymar), Krieger expresses that on this occasion he will not be cheering on Brazil’s poster boy and his team-mates. “We can’t be real champions,” he sings, “spending more than 10 billion…we have beautiful and monumental stadiums while schools and hospitals are on the verge of collapse.”

Accompanied just by his guitar, the song is rooted in sorrow rather than anger. “I’ve always been a fan of the national team,” he explained in an interview, “but I don’t feel comfortable supporting the side this time.

“I think the way we’ve organised the World Cup could not have been worse, especially bearing in mind what was promised and what has in fact been done. This song is a lament that I don’t feel the enthusiasm I’d like to have in relation to the event.”
Read more at http://www.worldsoccer.com/world-cup-3/brazil-world-cup-discontent#lsDgPqRs0pt0MwcT.99

Kein Wifi während der WM

Selfies im Fußballstadion machen und mal schnell über Twitter und Facebook in die Welt streuen – das wird während der WM in Brasilien nicht bei allen Spielen möglich sein, zumindest nicht mit dem offiziellen WM-Wifi. An einigen brasilianischen WM-Schauplätzen gibt es Probleme mit dem Wifi-Zugang, wie der Kommunikationsminister Paulo Bernardo am Mittwoch zugeben musste.

Nur in der Hälfte der Städte funktioniert das Netz: “In sechs Stadien wird der Service verfügbar sein, in den anderen nicht. Auch wenn nun Verträge zur Einrichtung von drahtlosen Internetzugang unterzeichnet werden, reicht die Zeit nicht aus, um eine gute Servicequalität zu gewährleisten”, so der Minister.

Fußballfans müssen etwa im Itaquerão in São Paulo, in dem das Eröffnungsspiel stattfinden wird, aber auch in den Städten Curitiba und Belo Horizonte (eine Stadt, die sich als das neue Silicon Valley Brasiliens präsentieren möchte) auf Wifi im Stadion verzichten.

Twitter

Fußballjubel trotz Schießereien

In der Fußballnation Brasilien sind die Favelados besonders verrückt nach dem runden Leder – in der Favela Rocinha konnten am Mittwoch selbst Schießereien der Leidenschaft der Fans nichts anhaben.

Fußball ist Religion in Brasilien. Jetzt trägt selbst der Christus, das Wahrzeichen der Stadt, ein schwarz-rotes Trikot – zumindest auf Fotos, die seit Mittwoch massenweise in den sozialen Netzwerken zirkulieren. Es sind die Farben des populären Fußballclubs Flamengo, der jetzt noch beliebter ist: Am Mittwoch hat Flamengo sich bei der “Copa do Brasil 2013” den Titel des brasilianischen Meisters geholt.

Cristo - Fußball ist Gott und Jesus trägt ein Flamengo-Trikot (Screenshot Facebook)

Cristo – Fußball ist Gott und Jesus trägt ein Flamengo-Trikot (Screenshot Facebook)

In der Favela sind 99,9 % der Bewohner Flamengo-Fans und die ganze Favela fieberte vor dem Fernseher mit – entweder zuhause, oder in einer der unzähligen Mini-Bars in den Gassen und Straßen der Favela, in die, egal wie klein sie sind, immer noch ein Fernseher passt (die Flachbildschirmfernseher sind oft das modernste in den Bars). Schon Nachmittags wurden die ersten Raketen abgeschossen, um auf das Spiel einzustimmen, nach dem Anpfiff knallte es ständig.

An Tagen wie diesen gehören die Raketen zum Grundrauschen des Soundteppichs in der Favela, man gewöhnt sich daran, blendet es aus. Bis das Knallen Mittwochnacht auf einmal keine Raketen mehr waren, sondern Maschinengewehre. Mitten während des Fußballspiels lieferten sich Mitglieder der Drogengang, die gerade um die Macht in der Rocinha kämpfen, einen Schusswechsel.

Die Bewohner, die sich in den offenen Bars am Straßenrand das Spiel ansahen, brachen in Panik aus. Nach etwa einer halben Stunde, in der sich die Gassen rasant geleert hatten, wurde es wieder ruhig. Da das Spiel weiterlief, zog ihre Leidenschaft die Fußball-Fans trotz Angst schnell wieder auf die Straßen zurück. Mit Tröten und Geschrei verfolgten sie das Spiel zwischen Flamengo und Atlético-PR, Jubel und Buhrufe liefen wellenförmig über den ganzen Hügel der Favela hinweg. Für blinde Fußball-Kommentatoren wäre die Favela ein idealer Seismograph gewesen: Man konnte den Spielverlauf erahnen, ohne hinzusehen.

Als Flamengo das 2:0 schoss, rastete der ganze Hügel aus, nach dem Abpfiff schien die Favela vor lauter Raketen zu explodieren, Leuchten überall. Wir haben leider nur einen kleinen Ausschnitt aufgenommen, der nicht besonders spektakulär ist:

Gleichzeitig wurden Facebook und Twitter mit einer Lawine von Fanliebe überschwemmt – Herzchen, Fotos von Fans in Trikots, Banner mit Sprüchen, Videos, der Christus im Trikot.

Am nächsten Morgen liefen Dutzende Männer und Frauen in ihren schwarz-roten Fanshirts durch die Favela, manche sogar mit den albernen Hüten, die man normalerweise nur im Stadion trägt. Ein brasilianischer Freund von uns, der als Touristenführer arbeitet, zieht sich immer ein Flamengo-Fußballshirt an, wenn er in die Favela geht, um dort Touren zu machen – er glaubt, dass dann weniger auffällt, dass er nicht aus der Favela kommt. Am Tag nach dem Spiel hätte seine Strategie tatsächlich einmal aufgehen können.

Fußballer-Freundin randaliert in Rocinha

Gezwungenermaßen verwandeln wir uns langsam in einen Boulevard-Blog: Nachdem wir endlich Justin Bieber losgeworden sind, der in Rio de Janeiro einen Skandal nach dem anderen produzierte, ist nun die nächste (B-)Prominente ausfällig geworden.

Wie die Tageszeitung Extra berichtete, hat Lucilene Pires, die Verlobte des brasilianischen Fußballers Vágner Love, bei einer Party in der Rocinha randaliert – aus Eifersucht. In der Veranstaltungshalle Acadêmicos da Rocinha kam es zu einem Handgemenge, Sicherheitskräfte schritten ein, die Braut beruhigte sich dann wieder, die Pagode-Show ging weiter.

Fußballer-Freundin randaliert (Screenshot Extra)

Der Spieler Vágner Love, dessen Markenzeichen die blauen Haare sind, macht gerade Urlaub in Brasilien – er spielt zur Zeit als Stürmer für den  chinesischen Erstligisten Shandong Luneng Taishan. Im Dezember soll die Hochzeit mit seiner Verlobten stattfinden.

Marcello Mendes: Hoch hinaus

Eine Begegnung mit einem Weltmeister aus der Favela Rocinha, der eine tragische Geschichte hat

Live aus der Favela #6: Der Fußballkopfkickweltmeister from Buzzing Cities on Vimeo.

Heute sind wir einem der Promis der Favela Rocinha begegnet. Er wollte uns unbedingt ein Autogramm geben – ohne, dass wir wussten, wer er war. In der Favela ist man auch freundlich zu Menschen, die man nicht kennt. Also zusammengeknüllten Notizzettel herausgekramt, Kuli. Und er schreibt darauf: “Für meine Fans, in Liebe. Marcelo.”

Wie er uns nach dieser Gesprächsanbahnung eröffnete, ist Marcelo Mendes Fußballweltmeister, Fußballkopfkickweltmeister genaugenommen. Gewesen. Er kann einen Fußball stundenlang mit dem Kopf in die Luft kicken, notfalls auch zwei. Und das sechs Stunden und zwei Minuten lang. Er fing gleich an, es vorzuführen und hätte auch locker noch ein paar Stunden durchgehalten – wir leider nicht.

Tanz mit dem Ball

Wir haben in der Vergangenheit zwar ehrgeizig trainiert, um unsere Futevólei-Kenntnisse zu erweitern, und den Ball wie alle Brasilianer am Strand wenigstens ein paar Mal mit Kopf oder Körper in die Höhe zu kicken – aber Zuschauen ist dann doch langweiliger, als es selbst zu tun.

Marcelo ist trotzdem freundlich geblieben und hat uns den Trick verraten, wie sich eine Halsstarre vermeiden lässt: er schaukelt die ganze Zeit mit dem Oberkörper hin- und her, als würde er tanzen.

Mit seinen Fähigkeiten hat Marcelo es sogar bis ins Guiness Buch der Rekorde geschafft – der Erfolg seines Lebens. Allerdings wurde er aufgrund eines Fehlers aus dem Buch gestrichen, obwohl er eigentlich noch Rekordhalter war. Seitdem versucht er die Welt aufzuklären, dass er immer noch der rechtmäßige Fußballkopfkickweltmeister ist und trägt ein T-Shirt mit einem Foto von sich und genauen Angaben zu seinen Rekorden. Wir drücken ihm die Daumen, dass es spätestens im kommenden Jahr klappt – immerhin das Jahr der brasilianischen Fußball-WM.

Und hier tritt Marcelo in einem Werbespot der brasilianischen Telekommunikationsfirma TIM auf. So cool ist wohl noch niemand mit dem Fußball durch die Rocinha spaziert:

PS: Wir sind übrigens auch im Guiness Buch der Rekorde, immer noch. Weil wir uns 2012 am höchsten Wasserfall von Lesotho abgeseilt haben, 200 Meter. Ungelogen.