Wassereimer statt Feuerwehr: Brand in Favela in Rios Nordzone

Gefährlicher Brand: In einer Favela in der Nähe der Station Estação Vicente de Carvalho in der Nordzone von Rio hat sich ein Feuer heute gefährlich und rasant schnell ausgebreitet – durch das trockenene Gras auf der Berghöhe und die enge Bebauung des Hügels erreichte das Feuer schnell auch Strommasten und mehrere Häuser.

Fotos: BuzzingCities

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Eine Feuerwehr war nicht in Sicht – stattdessen versuchten Anwohner, neben deren Häusern das Feuer brannte, eigenständig mit Wassereimern zu löschen.

Brände in Favelas sind lebensgefährlich: Immer wieder kommen Favelabewohner ums Leben. In São Paulo haben mehrere Großbrände Hunderte Familien obdachlos gemacht, weil Feuer auf ganze Favelasiedlungen übergriffen. Die dichte Bebauung führt dazu, dass sich Feuer schnell ausbreiten. Feuerpräventionsmaßnahmen wie Brandschutzwände? Meistens Fehlanzeige. Und in vielen Favelas, in denen oft nur eine oder wenige Hauptverkehrsstrassen mit dem Auto zugänglich sind, hat die Feuerwehr gar keinen Zugang oder muss Brände zu Fuß löschen – wenn sie überhaupt (rechtzeitig) kommt.

Die marode Infrastruktur fördert die Ausbreitung der Brände – und ist mit den heruntergekommenen Leitungen selbst ein potentieller Brandherd. In vielen Favelas hängen die Stromleitungen in dicken Kabelbündeln über der Straße. In der Favela Rocinha in Rio de Janeiro standen mehrfach Stromleitungen in Brand. Die brennenden Stromkabel und -masten stürzen zum Teil ein, direkt in Gassen und Straßen.

Ein anderes Problem: In vielen Favelas verbrennen Anwohner zum Teil ihren Müll einfach vor dem Haus, manchmal nur wenige Meter neben den Häusern – selbst in der Favela Rocinha, wo es inzwischen mehrere Müllsammelplätze entlang der Hauptstraße gibt und die Müllabfuhr inzwischen auch in der Favela gut funktioniert.

Favela in Flammen

In São Paulo steht nun innerhalb von nur zehn Tagen die dritte Favela in Flammen. Etwa 50 Häuser auf einer Fläche von 5000 Quadratkilometern wurden der Feuerwehr zufolge von den Flammen erfasst. 20 Feuerwehr-Teams sind im Einsatz, um das Feuer zu löschen. Die Ursache des Brandes ist noch unbekannt, die Straße Rua 21 de Abril musste gesperrt werden. Über mögliche Verletzte oder Tote gibt es noch keine Informationen.

Am vergangenen Donnerstag brannten in einer Favela beim Jardim Rodolfo Pirani in São Paulo 35 Häuser, eine Person starb. Ein großes Feuer war vor wenigen Tagen auch in einer Favela in Fazenda da Juta ausgebrochen.

Brandstiftung – oder 1001 andere Gründe

Zu Bränden in Favelas kommt es immer wieder. In einigen Fällen haben Favelabewohner vermutet, dass Brände gelegt wurden, um die Bewohner aus den Favelas zu vertreiben, damit die Fläche von Staat oder Privatinvestoren neu bebaut werden kann.

Doch mögliche Brandursachen lassen sich in den teils abenteuerlich improvisierten Favelas zahlreiche finden, auch in der Rocinha haben wir mehrmals Brände erlebt. Zum Teil halbdefekte Stromkabel hängen in Knäueln offen über der Straße, Gasleitungen bestehen manchmal nur aus dünnen Plastikschläuchen, die direkt an der Häuserwand entlanggeleitet werden, die meisten Haushalte kochen mit Gasofen, die Küchenausstattung ist oft nicht besonders neu. Dazu sind die Favelas so eng bebaut und die Häuser mehrere Stockwerke hoch übereinandergestapelt, so dass ein Feuer sich schnell ausbreiten kann.

Die Feuerwehr steht jedes Mal vor einer Herausforderung: Als in der Favela Rocinha ein Häuschen in einer schmalen Gasse brannte, hatten sie etwa keinen Zugang mit dem Löschfahrzeug, das auf der Hauptstraße stehen bleiben musste. Als die abenteuerlichen Stromkabel Feuer fingen, stand die Feuerwehr erst auf der einzigen Hauptstraße der Favela im Stau, so dass sie erst eintrafen, als das Feuer sich schon meterweit ausgebreitet hatte – unter den brennenden Kabeln, die wie Leuchtketten auf die Straße hingen, fuhren währenddessen weiter Favelabewohner auf Motorrädern nach Hause.

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)