“Das Filter”-Interview: „Politik, Polizei und Drogengangs sind miteinander verflochten“

Das Kulturmagazin “Das Filter” hat uns interviewt, über die Favelas, die Besetzung, und popkulturelle Trends, die aus der Favela kommen:

“Die WM in Brasilien ist im vollen Gange. Frenetische Fans und beste Samba-Laune markieren die hiesige Berichterstattung. Zwar wird ab und dann oberflächlich über Proteste abseits der Großveranstaltung berichtet, aber was passiert genau in den Favelas? Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl berichten live aus den noch immer von Drogengangs beherrschten Gebieten Brasiliens. Sie zeigen, dass Gewalt auch während des Turniers ein alltägliches Thema ist. Erst gestern starben bei blutigen Schießereien im Complexo do Alemão zwei Teenager und ein Polizist. Die großen Medien berichteten bisher nichts vom Tod der beiden Jungen. Wie die Stimmung in Brasilien wirklich ist und ob die Favelas durch mehr Polizeipräsenz wirklich sicherer geworden sind, erklären sie uns in diesem ausführlichen Interview. Sie zeigen aber auch, dass Favelas mehr sind als Drogen, Kampf und Gewalt. Denn, und das wissen nur wenige: Hier entstehen auch die wahren Trends der brasilianischen Popkultur.”

Das Filter

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Stromausfall zum WM-Spiel

Tröten, bemalte Kinder, gelbe Trikots, Fans vor den Bars – die WM-Gleichgültigkeit der letzten Tage war verflogen, als Brasiliens Seleção gestern wieder auf dem Spielfeld stand. Ein paar Minuten fieberten die Favelabewohner mit – dann wurden die Bildschirme schwarz, die Fans saßen in den Bars im Dunklen.

Ein Raunen ging durch die Favela. Der Kabelbrand am Nachmittag hatte den Strom im oberen Teil des Hügels abgekappt, nur ein paar Minuten nach Abpfiff. An den Stromsäulen bastelten dann tatsächlich auch Mitarbeiter der Energiefirma.

Geduldiges Warten - trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Geduldiges Warten – trotz Stromausfall bei WM-Spiel

Improvisationstalent rettete die Favela-WM: Einige setzten sich in ihre Autos und hörten dem Spiel im Radio zu, andere beschallten mit ihren aufgemotzten Autos gleich die ganze Nachbarschaft: offener Kofferraum, Anlage an. Goooool. Anstatt zu meckern oder grölen, nutzte jeder, was ihm zur Verfügung stand- oder wartete einfach ab.

An der Favela-Hauptstraße ballerten ein paar junge Männer Feuerwerkskörper unter die fahrenden Minibusse. Gleich kamen die UPP-Polizisten mit gezückten Gewehren anmarschiert. Nach den Schießereien in den vergangenen Tagen ist die Stimmung unter den Polizisten angeheizt – mit Waffen im Anschlag marschierten sie durch die Straßen und sausten im Polizeiauto durch die Favela.

Halbzeit-Hopping diesmal zum Public-Viewing am wohlhabenden Fuß des Berges, außerhalb der Favela, im Viertel Gavea, in einem Open-Air-Club. Dort waren die Gäste allerdings mehr aneinander interessiert als an der WM. Als Brasilien mit 4:1 das Spiel gewann, jubelten trotzdem alle. Unten am Berg und auf dem Berg.

 

 

Kabelbrand in der Rocinha

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Die dicken Stromkabelbündel, die überall über der Rocinha hängen, haben heute oben auf dem Berg Feuer gefangen. Das Feuer hat sich auf mehrere Knotenpunkte der maroden Stromnetze ausgebreitet. Immer wieder krachten Kabel auf die Straße, die Auffahrtsstraße wurde von der Feuerwehr gesperrt, allerdings liefen trotzdem einige Bewohner unter der Brandstelle durch.

Die Ghana-Lobby

9:2, eindeutig. In der Favela-Bar, in der wir uns heute das Spiel angesehen haben, standen alle Gäste auf Ghanas Seite. Das ist gut so – aber überraschend. Ein Bekannter hatte sich beim Public-Viewing an der Copacabana vor kurzem gewundert, warum die Brasilianer kaum für afrikanische Mannschaften klatschen – obwohl Brasilien ein Land mit einem hohen Anteil schwarzer Bevölkerung und afro-brasilianischer Kultur ist.

Deutschland gegen Ghana: die Rocinha auf der Seite der afrikanischen Mannschaft

Deutschland gegen Ghana: die Rocinha auf der Seite der afrikanischen Mannschaft

Brasilien ist entgegen den Klischees von der harmonischen Mischung der Farben ein ziemlich rassistisches Land. Rassismus existiert auch in den Favelas – innerhalb der Rocinha sehen die (weißen) Einwanderer aus dem Nordosten Brasiliens oft auf die schwarzen Favelabewohner herab.

Afros werden geglättet, Beinhäarchen blondiert, Schönheitsidole sind die blonden Frauen aus der Vorabendserie, die nur ein Ausschnitt Brasiliens sind. Mit der jungen Favelageneration ändert sich das langsam – in manchen Favelas sind Afro-Frisuren der neue Trend, die Jugendlichen entdecken und interpretieren ihre Wurzeln neu.

Da Ghana ein schnelles und gutes Spiel abgeliefert hat: viel Jubel in der Bar. Als Jogi die alte Wunderwaffe Schweinsteiger (Kommentator: “Schweinsteiger sabe tudo”, “Schweinsteiger weiß alles/hat es drauf”) dann einwechselte: betrübte Mienen.

Am Ende hatte dann doch noch einer der Zuschauer Mitleid mit uns, wechselte die Seite und feuerte plötzlich Deutschland laut an. “Unglücklicherweise hat Deutschland nicht gewonnen”, bedauerte er nach Spielende. “Für Euch hätte ich mir gewünscht, dass Deutschland gewinnt.” Wir finden, dass heute alle gewonnen haben.

Jogi in der Favela

Deutschland gewinnt 4:0 – und kaum jemand sieht zu. Zumindest in der Favela Rocinha. Ein Streifzug durch die größte Favela von Rio am Tag des WM-Deutschlandspiels.

Vielleicht lag es auch an der ungünstigen Zeit, aber das Spiel Deutschland gegen Portugal hat in der Favela fast heute niemand interessiert – außer uns. Im Favela-Restaurant lief das Spiel als Hintergrundgeräusch beim Essen, und sogar in der Rua Um, einer kleinen, lebendigen Gasse, in denen die meisten Bars normalerweise schon ab mittags brummen, war alles ruhig.
Während auf dem Bildschirm das ganz große WM-Drama ablief – verletzte Spieler, Fouls, Tore, Elfmeter, selbst Wunderwaffe Cristiano Ronaldo versagte in Serie, eindeutiger Sieg für Deutschland – putzten die Besitzer der Bar, in der wir die einzigen Gäste waren, erstmal durch.

Die beiden haben das Spiel dann eher mit uns angesehen, als umgekehrt – weil sie es spannend fanden, dass zwei Deutsche hier in ihrer Bar sitzen, die auch noch in der Favela wohnen. Morgen, beim Spiel Brasilien gegen Mexiko werde es voller sein, versicherten sie. Wir sollten doch vorbeikommen.

Danach: Polit-Debatte an der Bar – und auch die Barfrau kennt die innere Zerrissenheit, der wir hier immer wieder begegnen. Einerseits: Die WM schafft neue Probleme und kostet zuviel Geld, das etwa in der Rocinha besser investiert wäre. Andererseits: Fußball eben. Natürlich feuert sie die brasilianische Mannschaft an – sie sei ja Brasilianerin.