BuzzingCities Lab #rpTEN Talk: Die Waffen der Favelas

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Tausende Besucher, rund 800 Speaker und Speakerinnen, ein Forum für alle Facetten digitalen Lebens: Innerhalb von zehn Jahren ist die re:publica vom Klassentreffen der Berliner Netzcommmunity zur Riesen-Digitalkonferenz herangewachsen.

Julia hat bei ihrem Talk auf der rpTEN berichtet, wie die Situation der Favelas im Olympiajahr 2016 aussieht und warum Social Media zum Gamechanger wird. Was früher in den Favelas geschah, blieb unsichtbar – jetzt dokumentieren Favelabewohner mit Smartphones und sozialen Netzwerken Schießereien und Polizeigewalt.

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Olympia-Countdown: Rio de Janeiro am Limit

Favelabeat (Foto: BuzzingCities)

Rio im Olympiajahr (Foto: BuzzingCities)

Ein bisschen weniger als 100 Tage sind es noch, bis Rio de Janeiro zum Schauplatz der Olympischen Spiele wird. Die Olympische Fackel ist schon auf dem Weg, doch die Stadt ist mit unzähligen Problemen statt mit sportlicher Euphorie beschäftigt. Die politische Krise weitet sich immer stärker aus, Dilmas Gegner treiben den Sturz der Präsidentin voran, Proteste und Gegenproteste finden statt und Meinungsunterschiede werden mittlerweile auch handgreiflich ausgetragen. Die Gesellschaft war noch nie so gespalten wie im Olympiajahr.

Rio ist auch geschockt vom Einsturz des Fahrradweges Ende April, durch den zwei Menschen gestorben sind – ein Prestigeprojekt, das zum Drama wurde, weil Risiken wie der hohe Wellengang am Strand offenbar nicht mitkalkuliert worden waren. Der Unfall ist zum Symbol für schlechte Planung und Pfusch rund um die Megaevents geworden. Auch der Prüfbesuch vom Koordinationsstab des Olympischen Komitee (IOC) in der vergangenen Woche setzt die Stadtregierung unter Druck. Fazit: “Es gibt Tausende Details, die noch gemanaged werden müssen“. Die großen Ziele wie die Wasserreinigung und eine funktionierende Kanalisation, die die Stadt auch über die sportlichen Großereignisse hinaus nachhaltig verändern hätten können, bleiben ohnehin Utopie.

Dazu kommen Budgetkürzungen im Kontext der Wirtschaftskrise – sie wirken sich auch auf Rios Favelas aus. Die UPP-Befriedungspolizei ist überfordert, zu schlecht ausgebildete Teams mit zu wenig Personal operieren am Limit und stärken so auch den Kreislauf der Gewalt. Amnesty International zufolge sind von Januar bis März 2016 bei Polizeieinsätzen zehn Prozent mehr Menschen getötet worden als im Vergleichszeitraum 2015. Allein in den ersten drei Aprilwochen wurden mindestens elf Menschen getötet.

BuzzingCities Lab auf der re:publica TEN

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Digitale Gesellschaft, Empowerment und Überwachung, Big Data, Medienwandel, Algorythmen, internationale Tech-Trends: Am 2. Mai 2016 feiert die re:publica, die wichtigste deutsche Digitalkonferenz, ihren 10-jährigen Geburtstag. 1001 Vertreter der weltweiten Netzgemeinde werden sich rund um die drei Konferenztage wieder in Berlin versammeln.

Im vergangenen Jahr haben wir einen Talk über den digitalen Wandel in Rios Favelas gehalten – diesmal erklärt Julia in einem Lightening Talk, wie Social Media für die junge Favela-Generation zur Waffe gegen die Gewalt wird.

Das vielfältige Programm findet sich hier.

Schon wieder ein Jahr her: 2015 auf der re:publica

Schon wieder ein Jahr her: 2015 auf der re:publica

 

“Social Media als Waffe”

Mehr als Chit Chat: Social Media als Waffe gegen Gewalt, Rassismus und Hass — “Young and Restless”-Vorträge im Telefonica Basecamp in Berlin — mit BuzzingCities Lab und anderen Crowdsourcing-Initiativen wie Straßengezwitscher.

Polizeigewalt: Folter und Vergewaltigungen in Rio de Janeiro

Von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigte Frauen und Teenager mit brutalen Wunden am ganzen Körper, nackt auf der Straße zurückgelassen: Neue Skandale erschüttern das Vertrauen in Rio de Janeiros Polizei.

Am 14. Januar 2016 wurden acht Militärpolizisten der UPP-Polizeieinheit für die Favelas Coroa, Fallet und Fogueteiro im Stadtteil Santa Teresa festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, vier Jugendliche zwischen 13 und 23 Jahren brutal gefoltert und dann ohne Kleidung auf einer Straße zurückgelassen zu haben.

Die Jugendlichen waren an Weihnachten gegen vier Uhr morgens auf dem Heimweg von einer Party gewesen, als sie von den Polizisten gestoppt wurden, die sie festhielten — und sie beschuldigten, Kriminelle zu sein. Mit einem Schnittmesser und einem Feuerzeug quälten die Polizisten die Jugendlichen und fügten ihnen Wunden an den Armen, Beinen, im Gesicht und einem der Jugendlichen auch an den Hoden zu. Mit dem Feuerzeug fackelten sie ihnen Haare ab.Bildschirmfoto 2016-01-18 um 18.16.51

Sie zwangen die Teenager zum gegenseitigen Oralsex und filmten die Szene. „Wir haben gebettelt, dass sie aufhören“, sagte einer der Jugendlichen zu einem brasilianischen Nachrichtenportal. „Sie haben dann noch härter zugeschlagen.“ Die Polizisten zwangen die Teenager, sich auszuziehen und ließen sie nackt auf der Straße stehen. Sie sollen den Jugendlichen auch mehr als 400 Reais, ihre Kappen und Sandalen gestohlen haben.

Als die Jugendlichen die Folter anzeigen wollten, trafen sie auf der Polizeistation erneut auf ihre Peiniger: Sie bedrohten sie, keine Anzeige aufzugeben.

Für die Befriedungspolizei UPP, die ein neues Vertrauensverhältnis zu den Favelabewohnern herstellen sollte, sind die Skandale ein erneuter Rückschlag – die Staatsgewalt, die eigentlich nach der langjährigen Herrschaft der Drogengangs für Justiz in den Favelas sorgen sollte, wird ad absurdum geführt. Ein neues Phänomen ist allerdings, dass Polizisten überhaupt belangt werden – in der Vergangenheit konnten sie sich ungestört und ohne juristische Konsequenzen an den Favelabewohnern vergreifen.

In der Favela Rocinha hat eine 30-jährige Studentin zwei Soldaten der Bope-Spezialeinheit nach ihrer Vergewaltigung angezeigt. Auch sie kam am 25. Dezember gegen sechs Uhr nachhause, als sie auf dem Weg an einem angeschossenen Mann vorbeikam. Die anwesenden Polizisten schickten sie in eine enge Gasse hinein, einer der Männer hielt sie an den Haaren fest und vergewaltigte sie. Die Frau glaubt, dass es noch mehrere Fälle wie ihren gibt – aber dass sich kaum jemand traut, sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen anzuzeigen. “Ich habe Angst, weil ich nicht glaube, dass so für Gerechtigkeit gesorgt wird, wie es sein müsste”, sagte sie.

Netzwerk Recherche Jahreskonferenz 2015: Sicherheit und Favelas

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Investigativjournalismus, sichere Kommunikation, Datenanalyse und internationale Zusammenarbeit: Auch bei der Jahreskonferenz 2015 des investigativen Journalistenvereins Netzwerk Recherche beim NDR in Hamburg waren wir wieder Teil des vielfältigen Programms.

In unserem Talk “Riskanter Job – Journalistinnen in Rios Favelas” haben wir über unserere Erfahungen als Favela-Reporterinnen berichtet, über die Öffentliche Sicherheit in Rio und die Polizeistrategie, unsere aktuellen Projekte und wie sich Risiken bei der journalistischen Arbeit in den Favelas zumindest vermindern lassen.

“Eine Bilanz nach der WM, vor Olympia: Wie hat sich die Sicherheitslage in Rios Favelas in den vergangenen Jahren verändert? Welche journalistischen Herausforderungen bringt die Arbeit in Favelas mit sich? Und welche Rolle spielt Social Media für die Sicherheit?”

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Teilweise wurden Sessions der Konferenz in Text und Videos festgehalten.

Post in der Favela Rocinha II: “Internationales haben wir hier selten”

Trotz Email, Instagram und Facebook möchte man manchmal gute alte Postkarten verschicken. Man kann die Dauer ihres Weges nicht abschätzen, nicht mal wissen, ob sie überhaupt ankommen, wenn sie in Rio aufgegeben werden. Aber es war das Ziel, mehr als ein Dutzend Karten aus der Favela Rocinha abzuschicken, an Freunde des Crowdfundingprojekts.

Post the old way: Karten aus der Favela Rocinha (credits:J.Jaroschewski/BuzzingCities)

Post the old way: Karten aus der Favela Rocinha (Foto: J.Jaroschewski/BuzzingCities)

Ja, es gibt sogar ein Postamt mitten in der Rocinha. Kein richtiges Amt, aber einen Raum, in dem zwischen Kisten mit Briefen und Päckchen und zwei Schaltern immer eine Postangestellte sitzt. Die alles macht: Karten annehmen, die Zahlungen für Stromrechnungen einiger Bewohner administrieren, Päckchen aushändigen.

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Nicht selten bildet sich eine kleine Schlange, die sich bis nach draußen vor die Tür drängelt. Mein erster Versuch für den “Großversand” scheiterte an der Mittagspause. Ich war ausgerechnet in der Zeit zwischen 12 und 14 Uhr gekommen. Die Öffnungszeiten des Favelapostamtes: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

Versuch II: Weniger Karten

Beim zweiten Versuch war die Schlange lang, und als ich an der Reihe war, warnte ich den Mann hinter mir, dass es etwas länger dauern könnte. “Kein Problem”, sagte der. Brasilianer sind es gewohnt zu warten: Im Vergleich dazu, wie oft und lange ich schon in brasilianischen Postämtern angestanden habe, war das Favela-Erlebnis eigentlich harmlos.

Post the old way: Karten aus der Favela Rocinha (credits:J.Jaroschewski/BuzzingCities)

Postamt Favela Rocinha (credits:J.Jaroschewski/BuzzingCities)

Post the old way: Karten aus der Favela Rocinha (credits:J.Jaroschewski/BuzzingCities)

Selbst gedruckte Karten aus der Favela Rocinha (credits: BuzzingCities)

Unsere Postkarten sind selbstgeschossene und in der Favela ausgedruckte Fotos. Das ist zum Glück kein Problem, da die Marken auch in Brasilien mittlerweile Sticker sind und auch auf Fotopapier haften. So begann die Postfrau, jede der Karten mit drei Marken zu bestücken und endete dann mit einer überraschten Miene bei Nr. 11, denn ihre Briefmarken waren aufgebraucht: “International haben wir hier eigentlich nicht oft”, sagte sie – also eigentlich gar nicht. Sie müsse dafür den Tresor öffnen, das würde aber 40 Minuten dauern.

“Den Tresor?” Continue reading

Rückzug des Militärs aus dem Maré

Das Militär zieht sich aus den ersten Favelas des Complexo da Maré im Norden von Rio de Janeiro zurück. In den beiden Favelas Praia de Ramos und Roquette Pinto des Maré sollen bald Polizisten statt Soldaten für die Präsenz des Staates sorgen. Der Polizei zufolge handelt es sich bei den beiden Favelas um die ruhigsten Favelas des Maré.

Vor einem Jahr, noch rechtzeitig vor der Fußball-WM war das Gebiet, das an der Schnellstraße vom Flughafen nach Rio liegt, vom Militär besetzt worden.

“Das Maré ist eines der brutalsten Favelagebiete in Rio de Janeiro. Dorthin waren viele der Bandenmitglieder geflüchtet, deren Favelas in den vergangenen Jahren besetzt wurden. Das führte immer häufiger zu Konfrontationen mit Todesopfern, denn im Maré trafen die drei großen Gangs Rios aufeinander. Sie lieferten sich Gefechte um Terrain und den Zugang zur Stadt. Die Armensiedlung wurde von allen Banden als Waffenlager und Drogenumschlagplatz genutzt. Das Maré zählt zu den drei großen Herausforderungen für die brasilianischen Sicherheitskräfte – neben dem angrenzenden Complexo do Alemao und der Favela Rocinha im Süden Rio de Janeiros.”

Die Besetzung von Favelas durch den Staat erfolgt in zwei Schritten: Zuerst marschiert das Militär ein und bleibt so lange dort stationiert, bis die Situation einigermaßen ruhig ist. In einem zweiten Schritt löst die Befriedungspolizei UPP das Militär ab. Dass es im Maré ein ganzes Jahr gedauert hat, bis die Polizisten der UPP das Gebiet übernehmen, offenbart bereits die schwierige Lage.

Immer wieder ist es seit der militärischen Besetzung zu Zusammenstößen zwischen Gangs und Militär gekommen, auch mit Todesopfern bei der Bevölkerung. Etwa 3000 Soldaten wurden im Maré eingesetzt, das mindestens 140.000 Bewohner hat. Am vergangenen Mittwoch hat nun ihr phasenweiser Rückzug begonnen. Insgesamt vier UPP-Quartiere mit 1620 UPP-Beamten sollen in Zukunft das Maré kontrollieren.

Karnevalsparty in Rio endet in Gewalt und Schießereien

Brasilien ist im Karnevalsfieber: Alkohol, Hitze und viel Samba – das sind nicht nur Voraussetzungen für gute Partys, sondern auch für heftige Auseinandersetzungen.

Im Complexo do Alemão ist es bei einer Straßenparty in der Nacht zum Dienstag zu Schießereien gekommen. Feiernde sollen in Streit geraten seien, daraufhin hatte die Polizei den Sound ausgedreht. Es kam zu Streit und Stress zwischen den Feiernden selbst und der Polizei.

Die Polizisten setzten Tränengas ein, es wurden Schüsse von beiden Seiten abgegeben. Die Bewohner berichten von chaotischen Zuständen: “Geschrei, Schüsse und Gasbomben – es war der reinste Krieg“, sagt etwa ein Anwohner.

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Einige der Bewohner schimpfen über die Brutalität der Polizei: “Da waren Kinder, der Polizei ist das egal, dann stirbt wieder ein Junge und alle schreien”, sagt eine Anwohnerin und wird unterstützt: “In der Südzone würde die Polizei auch nicht gleich schießen, wenn ein paar Jugendliche etwas über die Stränge schlagen,” meint J.P.

Jugendliche mit Drogen und Pistole

Wie immer gehen die Meinungen der Anwesenden auseinander: “Als ich dort war, gab es Musik, die Gewalt verherrlicht, kiffende Personen, eine aufgebrachte Menge und ich habe einen Jugendlichen mit einer Pistole gesehen. Erst als die Polizisten beworfen wurden, haben diese eingegriffen”, erzählt Anwohner W.A. Continue reading

Olympia 2016: Verschmutztes Meer, dreckige Strände

Rio de Janeiro: Stadt der Strände (Foto: BuzzingCities)

Rio de Janeiro: Stadt der Strände (Foto: BuzzingCities)

Rio de Janeiro ist für Strände und das Meer berühmt, doch die Stadt kämpft mit Müll und Abflüssen, die das Wasser verschmutzen und das Meer vor Postkartenidyllmotiven in einen dreckigen Schrottplatz verwandeln.


Vor Olympia 2016 wollte die Regierung die Verschmutzung nachhaltig bekämpfen und die Wasserqualität um 80 Prozent verbessern – doch dieses Ziel ist wohl eine Illusion. In der Bucht von Guanabara, wo die olympischen Segel- und Windsurfingwettbewerbe stattfinden sollen, sammelt sich der Hausmüll von Rio de Janeiro an. Selbst an der Copacabana schwimmt immer wieder Plastik im Wasser, manchmal ziehen sich Schlierenteppiche über das Meer. Noch schlimmer sehen die abgelegeneren Gewässer im Norden aus, die schwarz gefärbt und dickflüssig sind. Abflüsse aus den mehr als 1000 Favelas fließen überall in Rio de Janeiro ungefiltert ins Grundwasser und direkt ins Meer.


“80 Prozent der Verschmutzungen zu reinigen? Das wird nicht geschehen”, gab Rios neuer Umweltsekretär Andre Correa nun gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Aber: Die Olympischen Spiele würde das nicht gefährden, weil Segler kein großes Risiko hätten, sich im Wasser der Guanabara-Bucht mit Infektionskrankheiten anzustecken. Statt um die Wasserqualität sorgte sich der Umweltsekretär um herumschwimmenden Müll, der den Segelkurs beeinträchtigen könnte – weil die sogenannten “Öko-Hürden”, die den Müll filtern sollen, nicht funktionieren.


Correa schätzt, dass die Stadt ein Budget von etwa 3,8 Milliarden Dollar bräuchte, um das gesamte Stadtgebiet mit einem Abwassersystem auszustatten. Millionen sind allerdings bisher auch schon in die Pläne geflossen, das Meer zu reinigen – bisher ohne Resultat.