Olympia-Ticket: Nichts für die Favelas

Busse in der Rocinha: Immer überladen (Foto: BuzzingCities Lab)

Busse in der Rocinha: Immer überladen (Foto: BuzzingCities Lab)

Für Touristen, die nach Rio gekommen sind, um die Olympischen Spiele zu sehen, hatte die Stadt Rio eine spezielle Zeitkarte für den öffentlichen Transport geschaffen: die „Rio Card Olimpico“ für die unbegrenzte Nutzung aller Nahverkehrsmittel für ein, drei oder sieben Tage.

Eine eigentlich gute Erfindung, denn eine solche Karte fehlte bisher in Rio. Zwar gibt es das „Bilhete Unico”, eine Karte, die dem Besitzer zweimal am Tag das Umsteigen in einen zweiten Bus ermöglicht. Eine wirkliche Zeitkarte mit unbegrenzter Nutzung ist das aber nicht – zumal gerade in den Favelas der Großteil der Bevölkerung auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist und Fahrtwege von entlegeneren Favelas in die Stadt mitunter Stunden dauern, mit mehrmaligem Umsteigen.

Zu den öffentlichen Verkehrsmitteln zählen mittlerweile auch die in Favelas weit verbreiteten „Vans“, also Minibusse, die meist von privaten Kooperativen betrieben werden, aber inzwischen von der Stadt reguliert werden – und in denen heute auch das „Bilhete Unico“ gültig ist.

Auch in der Favela Rocinha transportieren Vans viele Passagiere durch die Favela – die normalen Stadtbusse fahren viel zu selten und sind völlig überfrachtet. Die teure Zeitkarte „Rio Card Olimpico“ gilt allerdings in den Vans der Rocinha nicht, wie wir heute feststellen mussten – obwohl die Busse eigentlich längst dem offiziellen Transportsystem der Stadt angehören. So werden Favelas bei der „Rio Card Olimpico“ wieder einmal ausgenommen.

Auch mit der neuen Metrolinie, die direkt an der Favela vorbeiführt, können Favelabewohner bisher noch nicht fahren – nur mit der „Rio Card Olimpico“ und einem Ticket für die Olympischen Spiele.

Olympia jenseits vom Hochglanz: BuzzingCities Lab im Interview beim rbb Inforadio

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Olympia in Rio, jenseits vom Hochglanz: Am morgigen Sonntag ist das Interview mit uns über die Olympischen Spiele, die Sicherheitslage, Drogenkrieg und Polizeigewalt sowie Digitalisierung in Rios Favelas im Inforadio zu hören.

Vor den Großereignissen sollten Rios Favelas mit Polizeipräsenz befriedet werden — doch in größeren Favelas wie Rocinha oder Complexo do Alemao eskaliert im Olympiajahr die Gewalt. Für Favelabewohner verwandeln sich Smartphones und soziale Netzwerke in wichtige Waffen: Sie machen sichtbar, was in der Favela passiert, prangern Polizeigewalt an und warnen sich gegenseitig vor Schießereien.

Blackyva: Black Diva aus der Favela

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Schwarz, aus dem Armenviertel und transsexuell: Performance-Künstlerin „Blackyva“ aus Rio de Janeiro bringt die Zerrissenheit Brasiliens auf die Bühne. Für die Wochenendausgabe der Mittelbayerischen Zeitung hat Julia die Künstlerin portraitiert.

Kinder fangen bei ihrem Anblick an zu weinen, vor kurzem hat sie an einer Schule eine Performance vorgeführt, die Jugendlichen waren schockiert. „Wenn ich mit dem blauen Auge auf der Straße herumlaufe, erschrecken sich die Leute“, sagt Blackyva. „Es symbolisiert die alltägliche Gewalt, die ich ertragen muss, und die auch meine Mutter erlitten hat“ – Gewalt in der Familie, dazu noch dreifache Diskriminierung. Denn Blackyva ist schwarz, transsexuell, lebt in einer Favela, der Rocinha, dem größten Armenviertel von Rio de Janeiro. Das blaue Auge hat sie kämpferisch zu ihrem Markenzeichen gemacht. Heute nur noch mit Make-up.

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Die 22-Jährige will Menschen schockieren, damit sie beginnen, die Dinge in Frage zu stellen. In ihren Performances verarbeitet sie eigene Probleme und Konflikte, in den persönlichen Erfahrungen spiegeln sich aber auch die großen sozialen Herausforderungen, die Brasilien bewältigen muss: die massive Einkommensschere, Rassismus, Diskriminierung, Gewalt, die Schwierigkeit, als junger, schwarzer, armer Brasilianer zu sich selbst zu finden – und zu einer Stimme.

Blackyva: Favela Rising (Foto: BuzzingCities Lab)

Blackyva (All Photo Credits: BuzzingCities)

Wassereimer statt Feuerwehr: Brand in Favela in Rios Nordzone

Gefährlicher Brand: In einer Favela in der Nähe der Station Estação Vicente de Carvalho in der Nordzone von Rio hat sich ein Feuer heute gefährlich und rasant schnell ausgebreitet – durch das trockenene Gras auf der Berghöhe und die enge Bebauung des Hügels erreichte das Feuer schnell auch Strommasten und mehrere Häuser.

Fotos: BuzzingCities

Fotos: BuzzingCities

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Eine Feuerwehr war nicht in Sicht – stattdessen versuchten Anwohner, neben deren Häusern das Feuer brannte, eigenständig mit Wassereimern zu löschen.

Brände in Favelas sind lebensgefährlich: Immer wieder kommen Favelabewohner ums Leben. In São Paulo haben mehrere Großbrände Hunderte Familien obdachlos gemacht, weil Feuer auf ganze Favelasiedlungen übergriffen. Die dichte Bebauung führt dazu, dass sich Feuer schnell ausbreiten. Feuerpräventionsmaßnahmen wie Brandschutzwände? Meistens Fehlanzeige. Und in vielen Favelas, in denen oft nur eine oder wenige Hauptverkehrsstrassen mit dem Auto zugänglich sind, hat die Feuerwehr gar keinen Zugang oder muss Brände zu Fuß löschen – wenn sie überhaupt (rechtzeitig) kommt.

Die marode Infrastruktur fördert die Ausbreitung der Brände – und ist mit den heruntergekommenen Leitungen selbst ein potentieller Brandherd. In vielen Favelas hängen die Stromleitungen in dicken Kabelbündeln über der Straße. In der Favela Rocinha in Rio de Janeiro standen mehrfach Stromleitungen in Brand. Die brennenden Stromkabel und -masten stürzen zum Teil ein, direkt in Gassen und Straßen.

Ein anderes Problem: In vielen Favelas verbrennen Anwohner zum Teil ihren Müll einfach vor dem Haus, manchmal nur wenige Meter neben den Häusern – selbst in der Favela Rocinha, wo es inzwischen mehrere Müllsammelplätze entlang der Hauptstraße gibt und die Müllabfuhr inzwischen auch in der Favela gut funktioniert.

Favela Basics: What is a Favela?

Fast ein Viertel der Stadtbevölkerung von Rio de Janeiro lebt in Favelas, alle Favelabewohner Brasiliens zusammengezählt würden von der Bevölkerungszahl her den fünftgrößen Bundesstaat ergeben und in den Siedlungen geschieht mehr als nur Drogenkrieg: Favelas und ihre Bewohner sind ein zentraler Bestandteil von Brasiliens Gesellschaft – und Ergebnis jahrzehntelanger staatlicher Vernachlässigung. Eine Mini-Einführung in die Geschichte von Rios Favelas als Video:

Polizisten als Spiderman

Wie Spiderman kleben zwei Militärpolizisten in einer Favela in Rio de Janeiro an der Häuserwand. Favelabewohner haben das Foto veröffentlicht und beschweren sich darüber, wie die Sicherheitskräfte in die Privatsphäre eindringen. Wenn die Polizei Häuser als Deckung oder als Aussichtsposten nutzen, kann das aber vor allem bei Schusswechseln mit Drogengangs wirklich gefährlich werden – immer wieder schlagen Querschläger durch die dünnen Ziegelwände in Häuser ein.

Screenshot: Facebook