Schießereien: Erneut Verletzte im Complexo do Alemão

Bei heftigen Schießereien am vergangenen Freitag wurden in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio erneut mehrere Menschen angeschossen. Den ganzen Tag waren immer wieder Salven in verschiedenen Teilen des Favela-Komplexes zu hören, Anwohner versuchten sich in sozialen Netzwerken vor den Schießereien zu warnen.

Zwei Männer, wohl Mitglieder der Drogengang, wurden in der Alvorada bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Drogengang in der „Rua Sem Saída“ (Straße ohne Ausgang) angeschossen. Ein siebenjähriger Junge wurde beim Spielen in der Favela Bulufa von zwei Querschlägern ins Bein getroffen — er lief mitten in eine Schießerei hinein, als er seinem Ball nachrennen wollte. Auch ein Soldat traf eine Kugel ins Bein. Ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Drogengang wurde mit einer Kugel im Bein festgenommen.

Ein Jugendlicher wurde mit einem Kreislaufstillstand in der Krankenversorgungsstelle eingeliefert — er hatte sich wohl vor den Schießereien gefürchtet. Am frühen Morgen wurde ein weiterer Polizist bei einem Schusswechsel in der Favela Nova Brasília von einem Streifschuss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Blutiger Drogenkrieg in Rios ältester Favela

Morro da Providência, die älteste Favela Rios, die direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und eigentlich von der Polizei befriedet werden sollte, ist zum blutigen Schauplatz des Drogenkrieges geworden: Mitglieder der lokalen Drogengang hatten am Donnerstagnachmittag das Feuer auf ein Undercover-Aufklärungsfahrzeug der Bope-Spezialtruppe eröffnet und es mit 15 Schüssen durchlöchert. Ein Soldat starb, zwei Soldaten wurden angeschossen. Bei darauffolgenden Schusswechseln wurden auch fünf Favelabewohner getötet, der Polizei zufolge Kriminelle.

„Wenn wir eine Operation mit Toten haben ist das nichts Gutes. Die Menschen, die auf die Polizisten geschossen haben, werden dann auch Schüsse abbekommen“, rechtfertigte Rios Sicherheitsminister José Mariano Beltrame bei der Beerdigung des erschossenen Soldaten den Vergeltungsschlag.

Es ist ein Krieg, bei dem alle Seiten nur verlieren können.

Die Atmosphäre in der Providência ist angespannt, die beiden Schulen der Favela und die zwei Kindergärten wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Soldat, der in der Providência erschossen wurde, hatte sich mit seiner Tätigkeit als Bope sein Studium finanziert — und hatte seiner Familie zufolge geplant, nach Studiumsabschluss als Soldat aufzuhören, weil er ihm zu gefährlich war.

Als die Favela besetzt wurde, hatten Polizei und Bewohner die Hoffnung, das ein neues Verhältnis möglich wird (siehe Video). Doch die Gewaltspirale scheint sich doch jetzt wieder zurückzudrehen.

Ostertragödie: Vierjähriger in Favela erschossen

Erneut wurde in Rio de Janeiro ein Kind in einer Favela bei einer Schießerei getötet. Der vierjährige Ryan Gabriel wurde am Ostersonntag in der Favela Morro do Cajueiro  in der Nordzone angeschossen, während er vor dem Haus seiner Großeltern spielte. „Ich habe nicht gesehen, woher die Schüsse kamen, mein Enkel ist einfach auf den Boden gefallen“, erzählte der Großvater brasilianischen Medien. „Es trifft immer nur Unschuldige.“

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Der Junge geriet offenbar ins Kreuzfeuer zweier Gangs: eine rivalisierende Gang aus der Favela Morro da Serrinha war in die Favela Morro do Cajueiro eingedrungen, um die lokale Gang herauszufordern. Der Schuss traf den Vierjährigen in die Brust, er wurde noch ins Krankenhaus gebracht, starb aber dort an den Verletzungen.

 

Drogenkrieg in Rio: Disput in der Mangueira

Mangueira: Gewalteskalation nach der WM (Foto: BuzzingCities)

Mangueira: Gewalteskalation nach der WM (Foto: BuzzingCities)

Nach dem Ende der WM hat die Gewalt in mehreren besetzten Favelas erneut zugenommen – durch Konflikte zwischen rivalisierenden Gangs und Zusammenstöße mit der Polizei. In der Favela Mangueira im Norden von Rio de Janeiro bekriegen sich drei Banden. Die Bewohner haben Angst, auf der Straße bei Schießereien verletzt zu werden.

Startschuss für den Drogenkrieg war die Ermordung eines Ex-Drogenchefs, Francisco Paulo Testas alias “Tuchinha”. Der 50-Jährige war Anfang September von Killern auf einem Motorrad exekutiert wurden, vermutlich war “Tuchinha” in einen Hinterhalt gelockt worden.

31 Jahre Haft, erst drei Jahre in Freiheit

Er war früher Drogenboss der Mangueira gewesen, einem wichtigen Drogenumschlagsplatz in Rio, in der Nähe des Maracanã. “Tuchinha” wurde verhaftet und verbrachte 21 Jahre im Gefängnis. Seit er vor drei Jahren entlassen wurde, kümmerte er sich um andere Ex-Dealer, die aus dem Drogenhandel aussteigen wollten und vermittelte bei Konflikten.

Er engagierte sich auch in der Anwohnervereinigung der Favela, die die Interessen der Anwohner vertreten soll, aber oftmals von den Drogengangs unterwandert ist. Unklar ist, ob “Tuchinha” selbst wieder im Drogenhandel tätig war. Anlass des Mordes könnten auch Streitigkeiten zwischen ihm und seinem Bruder sowie einem inhaftierten Drogengangster gewesen sein.

Massive Polizeipräsenz

Seit seinem Tod kommt es verstärkt zu Konflikten zwischen den Banden, aber auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Mangueira ist seit 2011 besetzt. Als wir mit den Bewohnern das WM-Finale angesehen haben, war die Polizeipräsenz massiv – unter anderem mit mehreren Straßensperren und -kontrollen innerhalb der Favela.

Polizeisperre in der Favela (Foto: BuzzingCities)

Polizeisperre in der Favela (Foto: BuzzingCities)

In der vergangenen Woche wurde bei einer Schießerei mit Drogengangstern ein Polizist erschossen, ein weiterer angeschossen. Bei einer Polizeioperation am Dienstag wurden in einem Haus in der Mangueira kartonweise Drogen wie Kokapaste oder Ecstasy, ein Sturmgewehr, Munition, Militäruniformen und eine Handgranate sichergestellt.

Verkehrschaos durch Drogenkrieg

Eine Auseinandersetzung zwischen den rivalisierenden Drogengangs Amigos dos Amigos und Terceiro Comando Puro hat Autofahrer und die Favelabewohner des Complexo da Maré im Norden von Rio in Angst und Schrecken versetzt.

Der Drogenkrieg löste auf der wichtigen Verkehrsader Avenida Brasil, die direkt an die Favelasiedlung grenzt, Chaos aus. Autos und Busse standen kreuz und quer auf der Straße, Menschen versuchten in Deckung zu gehen, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.

Das Militär rollte mit Panzern auf die Straße, auch sie lieferten sich Schusswechsel mit den Gangs. Für etwa eine halbe Stunde legten die Soldaten den Verkehr lahm. Drogengangster versuchten auch auf das Gelände der Stiftung Fundação Oswaldo Cruz, kurz “Fiocruz”, zu gelangen – normalerweise eine grüne, ruhige Oase mit Forschungseinrichtungen und Museen, die direkt gegenüber des Eingangs des Complexo da Maré liegt. Ein bisher nicht identifizierter 18-Jähriger wurde nach dem Gefecht tot aufgefunden.

Im Complexo da Maré kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Drogengangs, aber auch Gangs und staatlichen Sicherheitskräften. Kurz vor der WM war das Complexo da Maré mit einem immensen Aufgebot von Militär und Polizei besetzt worden – das Gebiet gilt als eines der konfliktreichsten von Rios besetzten Favelas. Für Die Welt hatte Julia aufgeschrieben, warum das Maré eine besonders schwierige Herausforderung ist – und nicht nur mit Waffengewalt befriedet werden kann. 

Verlorene Weihnachtskugeln: Schießereien in Rios Favelas

Julia hat für die WELT aufgeschrieben, wie wenig friedlich die Feiertage in einigen Favelas von Rio de Janeiro verlaufen sind, in denen Bewohner immer wieder zwischen die Fronten von Drogenbanden und Polizei geraten:

“In den Favelas weit ab der Zona Sul, der Gegend, in der sich die Touristen aufhalten, sterben jede Woche Menschen in Schusswechseln. In der Nacht vor Weihnachten traf es eine Zwölfjährige. Polizisten waren auf der Suche nach Drogengangstern, drangen in das Haus der Familie ein und schossen dem Mädchen, das Fernsehen schaute, in den Kopf. Sie starb im Krankenhaus.”

Auch in der Rocinha kam es bereits am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertags zu einem Zusammenstoß von Polizei und Bandenmitgliedern und einer darauffolgenden Auseinandersetzung um einen Rucksack voller Drogen – daraufhin warfen Bewohner mit Gläsern und anderen Gegenständen, ein Polizist wurde verletzt, gab einen Schuss ab, der einen 21-Jährigen am Gesicht traf. Auch ein Polizeiauto wurde demoliert. Verschiedene Varianten kursieren, was genau passiert ist. Den Gegnern der Besetzungsstrategie dürfte der Vorfall neuen Argumentationsstoff liefern.

Demoliertes Polizeiauto (Foto: Michel Silva)

Demoliertes Polizeiauto (Foto: Michel Silva)

Jugendliche aus der Rocinha überfallen

Sie wurden wohl für Spione gehalten: Drei Jugendliche aus der Rocinha wurden gestern von Drogendealern einer rivalisierenden Fraktion angehalten, zusammengeschlagen, ein Mädchen vergewaltigt.

 

Ein 18-Jähriger, ein 16-Jähriger und ein 14-jähriges Mädchen wollten sich in der Favela Morro do Banco in Barra da Tijuca nach eigenen Angaben gerade Wasser holen, als sie von fünf Drogendealern gestoppt wurden. Da die Jugendlichen aus der Favela Rocinha kommen, die von den “Amigos dos Amigos” (ADA) beherrscht wird, und die Drogendealer einer anderen Fraktion angehörten, begannen diese, die Jugendlichen zu beschimpfen, mit dem Tod zu bedrohen.

Sie schlugen die Jugendlichen zusammen, brachen dem 16-Jährigen dabei beide Arme und vergewaltigten das 14-jährige Mädchen, das im zweiten Monat schwanger war, vor den Augen der anderen. Es gelang den Jugendlichen, zu entkommen – der 16-Jährige konnte flüchten, stieg in einen Bus, als Polizisten zustiegen, erzählte er ihnen, was passiert war, so dass sie die beiden anderen Jugendlichen suchen konnten.

Die Jugendlichen aus der Rocinha waren vor zwei Monaten mit zwei weiteren Freunden in ein Haus in der Favela Morro do Banco gezogen – bisher hätten sie keine Probleme dort gehabt, es sei ruhig gewesen. Polizeiangaben zufolge sollen die Drogendealer, die die Jugendlichen angegriffen haben, eigentlich aus dem Complexo do Lins stammen – und nach der Besetzung der Favelasiedlungen durch die Polizei vor kurzem in die Favela Morro do Banco geflüchtet sein. Wenn Favelas von Militär und Polizei eingenommen werden, migrieren Kriminelle teilweise und lassen sich in anderen Favelas nieder – so verwandeln sich manchmal bisher ruhige Favelas, in denen es noch keine Polizeipräsenz gibt, in neue Brennpunkte des Drogenkriegs.

Drogenkrieg in der Rocinha

In der Rocinha läuft der Drogenhandel weiter, obwohl die Befriedungspolizei (UPP) in der Favela präsent ist und der Boss “Nem” 2011 verhaftet wurde – eine Polizeioperation am Wochenende hat zu mehr als 30 Festnahmen geführt und will ein “Blutbad” verhindert haben.

Antônio Francisco Bonfim Lopes, von allen nur “Nem” genannt, wurde im November 2011 festgenommen, als er versuchte im Kofferraum eines Autos versteckt aus der Rocinha zu flüchten – doch der Drogenboss der Rocinha, der der Gang “Amigos dos Amigos” angehört, wurde bei einer Polizeikontrolle entdeckt und verhaftet. Jetzt steuert er die Geschäfte vom Gefängnis aus.

Der Drogenhandel in der Rocinha läuft weiter, obwohl Polizisten der Befriedungspolizei (UPP) seit der Besetzung der Rocinha Ende 2011 dauerhaft in der Favela stationiert sind. Am Samstag gegen 22.00 Uhr drangen nun 300 Polizisten und UPPs im Rahmen der Operation “Paz Armada” in die Rocinha ein, um 58 Verdächtige festzunehmen. Der Polizei zufolge waren die am Drogenhandel beteiligten Zielpersonen durch telefonische Überwachung und das Monitoring sozialer Netzwerke identifiziert worden – zudem sollte mit der Operation ein “Blutbad” innerhalb der Rocinha verhindert werden. Continue reading