Massaker bei BOPE-Einsatz im Complexo do Alemão

Mitten in der Coronakrise wurden im Complexo do Alemão bei einer Operation der Spezialkräfte zehn Menschen erschossen. Favela-Fotograf Bruno Itan hat das Geschehen dokumentiert.

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Eine Operation der berüchtigten Spezialkräfte-Einheit Batalhão de Operações Especiais (BOPE) in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro hat am Freitag mindestens zehn Personen  das Leben gekostet, zwei Personen wurden verletzt.

Der Favela-Fotograf Bruno Itan bezeichnet die Operation als “Massaker”, als eine “Todesstrafe durch den Staat” – “Es ist üblich, dass der Staat an diesem Ort durch seinen bewaffneten Arm präsent ist, der überall, wo er vorbeigeht, seine Spuren hinterlässt”, so Itan. Familienangehörige und Freunde der Getöteten mussten die Toten von den Tatorten, die Opfer haben sie dabei improvisiert in Decken eingewickelt.

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Die BOPE-Kräfte sind für ihr brutales Vorgehen bekannt. In den Favelas des Complexo do Alemão geraten auch unbeteiligte Bürger bei Operationen oder Patrouillen immer wieder ins Kreuzfeuer und werden erschossen oder verletzt. Continue reading

UPP-Bilanz: 8000 Schießereien in 5 Jahren

Vier Schießereien pro Tag: So viele Auseinandersetzungen mussten Favelas in Rio de Janeiro 2017 erleben, die von der Befriedungspolizei UPP besetzt worden waren – die eigentlich als Stabilisator gedacht war. Jetzt geht die Zahl der Auseinandersetzungen zurück, doch dahinter steckt kein positives Phänomen.

Insgesamt 8.175 Mal lieferten sich UPP-Einheiten von Januar 2014 (dem Beginn des Fußball-WM Jahres) bis September 2018 Schusswechsel mit Kriminellen, wie ein Polizeidokument belegt, das EXTRA vorliegt. Die meisten Schießereien wurden in Nova Brasília im Complexo do Alemão registriert, einem Favela-Komplex im Norden von Rio de Janeiro. Allein im April 2014 war die dortige UPP-Einheit etwa in 36 Schießereien involviert. An zweiter Stelle des fragwürdigen Rankings: die berüchtigte Armensiedlung Cidade de Deus (“City of God”) – dort war schon während Olympia abzusehen, dass die Befriedungspolizei die Auseinandersetzung mit den Drogengangs verloren hat. Mittlerweile wurde die UPP dort abgezogen.

2017 war das konfliktreichste Jahr der gesamten Geschichte der Befriedungspolizei, die seit 2008 in ausgewählten Favelas von Rio de Janeiro stationiert worden war, um für Polizeipräsenz und Sicherheit in und um die Armensiedlungen herum zu sorgen. Insgesamt 2.142 Schießereien, also durchschnittlich eine Schießerei alle vier Stunden – wurden registriert. Die registrierten Schusswechsel haben sich von 2014 bis 2017 mehr als verdoppelt. In diesem Jahr sind die Auseinandersetzungen leicht zurückgegangen – allerdings nur, weil die UPP-Einheiten weniger auf Konfrontation setzen, ihre Präsenz stark abgenommen hat oder die Einheiten in mehreren Favelas komplett aufgelöst worden sind.

Zehn Jahre nach der Einführung eines Sicherheits-Experiments, das auf eine Polizei der Nähe und soziale Investitionen setzen wollte, ist die UPP am Ende – und der Staat kapituliert vor den Drogengangs, aber auch vor der komplexen sozialen Gemengelage in Rios Favelas und der gesellschaftlichen Ungleichheit, die im Lauf der Jahrzehnte dazu geführt hat, dass ganze Städte in der Stadt dem staatlichen Zugriff entzogen worden sind. Unter der Bolsonaro-Administration, die zum Jahresbeginn 2019 startet, ist die vollständige Rückkehr zur klassischen, militarisierten Politik der harten Hand zu erwarten.

Polizei und Militärs in Rios Favelas (Foto: BuzzingCities Lab)

Polizei und Militärs in Rios Favelas (Foto: BuzzingCities Lab)

Sieben Tote bei Polizeioperation in Caju

In der Favela Caju wurden bei einer Operation der Schocktruppe (Batalhão de Choque) am Wochenende sieben Menschen getötet und elf Verdächtige festgenommen.

Rivalisierende Banden, die um die Favela Caju kämpfen, hatten in den vergangenen Wochen immer wieder die Bewohner mit langen Schusswechseln in Angst versetzt. Am Wochenende hat die Spezialeinheit (Batalhão de Choque) eine Operation in der Favela durchgeführt, um den Gangkrieg zu entschärfen. Bei den Schusswechseln wurde auch ein sechsjähriges Kind verletzt, offenbar von Gangmitgliedern.

In Rio de Janeiros Favelas finden derzeit immer wieder großangelegte Polizeioperationen statt, in vielen der mehr als 1000 Favelas von Rio de Janeiro kämpfen Gangs um die Vormacht, Schießereien sind vielerorts an der Tagesordung. Die Befriedungspolizei UPP ist völlig überfordert mit der Situation – wie in Caju, wo die lokale UPP die Schocktruppe zur Verstärkung rief. So wiederholt sich das alte Paradigma der brasilianischen Sicherheitskräfte: Die Favelas betreten, um zu töten, Kriminelle festzunehmen und Drogen und Waffen zu beschlagnahmen. In Caju wurden 14 Schusswaffen beschlagnahmt, sowie mehrere Granaten, eine Pistole, Munition und schussichere Westen.

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Drogenkrieg in der Rocinha: Cachorrão, rechte Hand von Rogério 157 verhaftet

Die Polizei hat eine der Schlüsselfiguren im Drogenkrieg in der Favela Rocinha festgenommen: Alberto Ribeiro Sant’anna alias “Cachorrão” wurde in der Favela Morro do Fogueteiro in Santa Teresa gefasst.

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Cachorrão auf dem Titelbild von “Meia Hora” (Foto: BuzzingCities Lab)

Auf den flüchtigen Kriminellen war ein Kopfgeld ausgesetzt, auch seine Frau wurde festgenommen. Der 35-Jährige gilt als rechte Hand von Rogério 157, dem Drogenboss, der den eigentlichen Chef der Rocinha – Nem – ablösen wollte. Nem koordiniert den Drogenhandel in der Favela aus dem Gefängnis heraus.

Rogério 157 war eingesetzt worden, um die Geschäfte der Gang vor Ort zu managen – handelte aber immer eigenmächtiger. Nem erteilte seiner ehemaligen rechten Hand daraufhin einen Platzverweis. Mittlerweile hat Rogerio 157 die Gang gewechselt, eine Kriegserklärung gegenüber dem ehemaligen Boss.

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Militär in der Rocinha (Foto: Bruno Itan)

Seit September erschüttert nun ein brutaler Krieg um die Herrschaft Rio de Janeiros größte Favela. Die Konflikte zwischen den verfeindeten Lagern führten in den vergangenen zwei Monaten zu stundenlangen Schießereien, zudem versuchen beide Fraktionen gezielt Mitglieder der rivalisierenden Gruppe auszuschalten, mehrere Gangmitglieder wurden ermordet. Aufgrund der Auseinandersetzungen rückte im September auch das Militär zeitweise in die Favela ein, um die Situation in den Griff zu bekommen. Rogério 157 befindet sich derzeit auf der Flucht.

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)

“Krieg in Rio”

Eine Lokalzeitung aus Rio hat jetzt ein Ressort, dass sich “Krieg in Rio” nennt. Die ausufernde Gewalt in der Stadt soll die Leser sensibilisieren – doch die Meinungen sind geteilt.

Bildschirmfoto 2017-08-23 um 23.41.31Ein Jahr nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schaut die Stadt auf einen Scherbenhaufen. Die Gewalt ufert aus, Korruptionsskandale reihen sich aneinander, die Polizei kämpft um ihr Gehalt und in den Favelas ist der brutale Kampf der Polizei gegen die Drogenbanden erneut entbrannt, wie vor den Großereignissen. Täglich gibt es Auseinandersetzungen, nicht nur Bewohner sterben im Kreuzfeuer, auch die Zahl der getöteten Polizisten steigt: 91 waren es allein in diesem Jahr.

Die Boulevardzeitung “Extra” hat den katastrophalen Zustand der Stadt als Anlass genommen, die neue Kategorie “Krieg in Rio” in ihrem Polizeiressort einzuführen. “Ein Kind, dass in der Schule erschossen wird” oder “ein Fötus, der im Mutterbauch angeschossen wird, ist nicht einfach nur ein Fall für die Polizei, es ist ein Symptom dafür, dass etwas Gravierendes in der Gesellschaft passiert”, schreibt die Redaktion. Deswegen würden sie nun von Krieg reden, ein Wort, das sie bisher vermieden hätten. Es sei ihre Art, Anklage zu erheben, denn: “Das ist nicht normal”. Die extreme Gewalt, die “Barbarie”, die in Rio alltäglich stattfindet, gehe weit über gewöhnliche Mordfälle und Verbrechen hinaus.

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In den sozialen Netzwerken sind die Leser geteilter Meinung: Nicht Kriegsreporter brauche es, sondern mehr Bürgerreporter, kritisiert der Favelareporter Michel Silva auf Facebook und erhält dafür viel Zustimmung.

Einer der ersten Beiträge des neuen Ressorts zeigt auf, wie stark die Macht der Organisierten Kriminalität in Rio ist. Einem als geheim eingestuften Dokument des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit zufolge, zu dem “Extra” Zugang hatte, werden 843 Gebiete in Rio von kriminellen Banden, statt von Staat und Polizei beherrscht. Darunter fallen nicht nur Favelas, sondern auch Wohnblöcke oder andere Gebäude außerhalb von den historisch von Gangs kontrollierten Favelas.

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Die zehn Gebiete mit der meisten Gewalt umfassen zusammengerechnet eine Fläche von 23 Quadratkilometern. Das Ranking der meisten Todesopfer führt die ohnehin berüchtigte Cidade de Deus an, die wir auch während der Olympischen Spiele besucht hatten (siehe Video unten). 70 Menschen starben dort allein 2016, obwohl das Gebiet seit 2009 von der Befriedungspolizei UPP besetzt ist.