Digitaler Drogenkrieg in Rio de Janeiro

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Junge Männer, die hingerichtet werden, Folter von vermeintlichen Verrätern, ein Schuss in die Hand für Diebe: In Brasilien zirkulieren brutale Handyvideos, die die Gewaltherrschaft der Drogengangs offenbaren. Julia hat für Spiegel Online analysiert, wie digitale Transformation und die Verbreitung von Mobiltelefonen den Drogenkrieg in Rio de Janeiro verändern – und zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Gewalt in Rios Favelas auch für den Rest den Landes sichtbar machen.

“Die Gangs sind die Justiz, das sogenannte „Tribunal do Tráfico” ist die Gerichtsverhandlung der Drogenbanden: Mitglieder der Gang entscheiden kollektiv, welche Strafen gegen den Beschuldigten verhängt werden. Zum Beispiel die Todesstrafe mit dem Spitznamen „Mikrowelle”. Der Delinquent wird in einen Stapel Autoreifen gesteckt, sodass er sich nicht mehr bewegen kann, und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt.” Oft sind es die Gangmitglieder selbst, die Videos der Gewalttaten online stellen – um zu protzen und Rivalen einzuschüchtern. Damit helfen sie aber auch der Justiz.

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BuzzingCities Lab beim “Kino und Menschenrechte”-Festival in Resende

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Geraubte Kinder während der Argentinischen Militärdiktatur, Graffiti (pichações) als Protest, Gewalt in Rios Favelas: Beim 10. Kino und Menschenrechte-Festival (Mostra Cinema e Direitos Humanos no Mundo) in Resende haben Dokumentarfilmer, Künstler, Experten und Aktivisten internationale Herausforderungen und Lösungsansätze diskutiert und Projekte und Dokumentarfilme präsentiert.

Julia hat einen Talk über den Drogenkrieg in Rios Favelas gehalten, die brasilianische Sicherheitsstrategie, politische Herausforderungen – und wie die Digitalisierung Gewalt und andere Probleme transparenter machen kann.

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O Cineclube Quilombo dos Puris aborda, novamente, um debate atual e de muita importância em uma sociedade profundamente desigual: os direitos humanos. Integrando o Circuito Difusão da 10ª, o coletivo organizou uma programação que contará com a exibição de obras audiovisuais sobre a temática, debates e atividades culturais em um evento aberto a todo o público.

Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Mega-Operation in der Rocinha

In der Favela Rocinha hat die Woche mit einer Mega-Operation begonnen: Militärhubschrauber dröhnten über der Favela, immer wieder kam es zu Schusswechseln in verschiedenen Gebieten der Favela. Die Gangs sollten besonders in “Brennpunkten” der Favela zurückgedrängt werden, in denen sie besonders präsent sind und Drogenverkaufsstellen betreiben, darunter in der Cachopa, im Valao, Rua 4, Roupa Suja und “unserem” Laboriaux.

Insgesamt 300 Sicherheitskräfte, darunter 100 Soldaten der Spezialeinheit BOPE, haben die Favela durchkämmt, um die Drogengangs zu bekämpfen, die gerade mit neuem Selbstbewusstsein um ihr Territorium kämpfen und immer wieder die Patrouillen der Befriedungspolizei UPP attackieren.

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Einige Schulen und Kindergärten wurden vorübergehend geschlossen, etwa 30 Lehrer trauten sich aufgrund der Schießereien nicht den Berg der Rocinha zu den Schulen hinauf. Auch der Busverkehr wurde unterbrochen. Auf Facebook zirkulierten Informationen, dass eine Jugendliche angeschossen wurde, von offizieller Seite wurde nichts bestätigt.

351 Kilos Marihuana

Vom Militär ins Drogengeschäft: Ein 56-jähriger Oberst im Ruhestand wurde am Samstag mit einer Drogenlieferung und einer nicht angemeldeten Waffe gestoppt – 351 Kilo Marihuana waren unter einem künstlichen Boden im Fahrzeug versteckt, in dem er mit seiner Frau unterwegs war.

Die Ware sollte vermutlich in Rio und in Niteroi ausgeliefert werden. Beide wurden verhaftet und müssen sich wegen Drogenhandel vor Gericht verantworten.

Im vergangenen November hatten Ermittler etwa 400 Kilometer von Rio entfernt 450 Kilo Kokain beschlagnahmt, in einem Hubschrauber, der einem Unternehmen der Söhne des brasilianischen Senators Zezé Perrella gehörte.

Von Kugeln durchschlagene Fensterscheiben

Aufgeplatzte Wände, von Kugeln durchschlagene Fensterscheiben, Favelabewohner, die Behälter voller Patronen präsentieren: Videos und Fotos aus den sozialen Netzwerken dokumentieren die heftigen Spuren der Schießereien, die heute in der Favela Rocinha stattgefunden haben.

Gegen 6.30 Uhr morgens begann die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Mitgliedern der Drogengang – die Polizei war angerückt, da sie Hinweise erhalten hatten, dass sich in der Rua 2 in der Rocinha ein hochrangiges Mitglied der Gang aufhalten soll. Das Gefecht hinterließ durchsiebte Häuserwände. Ein grünes Haus wurde besonders schwer beschädigt – offensichtlich hatte sich hier der Gesuchte verschanzt. Über der Rocinha stieg auch eine schwarze Rauchwolke auf, weil ein Motorrad Feuer gefangen hatte. Verletzt wurde niemand.

Die Polizei konnte den gesuchten Gangster nicht festnehmen. Sie brach die Operation trotzdem ab, auch weil der Gouverneur von Rio de Janeiro, Luiz Fernando Pezão, mittags zu einem Termin in der Rocinha erwartet wurde. Die nächsten Schießereien werden in Kürze folgen – die Polizei hat angekündigt, die Suche nach dem untergetauchten Kriminellen noch in dieser Woche fortzusetzen.

Becher voller Patronen (Screenshot: Facebook)

Zerschossenes Fenster (Foto: Facebook)

Zerschossenes Fenster Screenshot: Video)

Durchsiebte Wände in der Rua 2 (Foto: Facebook)

Durchsiebte Wände in der Rua 2 (Screenshot: Video)

Attacken auf Polizisten

Am Sonntag sind bei mehreren Attacken in verschiedenen Favelas von Rio de Janeiro erneut Polizisten angeschossen worden – einer starb, sechs Polizisten wurden verletzt.

Die Angriffe ereigneten sich in den Favelas Morro dos Macacos in Vila Isabel, auf der Ilha do Governador, in Vila Cruzeiro und in Irajá. In den meisten Fällen waren die Verletzungen Folge von Schießereien zwischen Polizei und Gangs – es passiert oft, dass Gangs und Polizei bei Patrouillen in den Favelas aufeinanderstoßen.

Ungewöhnlicher ist der Anschlag auf zwei Polizisten der UPP Mangueira, die sich nach Dienstschluss auf dem Heimweg befanden: Sie wurden gezielt von zwei Männern, die auf einem Motorrad unterwegs waren, angeschossen. Einer der Polizisten starb, einer wurde schwer verletzt.

Allein im Jahr 2014 sind in Rio de Janeiro bisher 74 Polizisten getötet worden.