Tödliches Spielzeug: Maschinenpistolen und Milchpulver-Koks

Drogenverkaufsstelle statt Kaufladen: In Rio spielte eine Kindertruppe die Realität nach – mit Fake-Drogen und selbstgebastelten Waffen. Das Spiel offenbart den Alltag, mit dem viele Kinder aufwachsen. 

Eine ganze Mannschaft von Sicherheitskräften war ausgerückt, um die Drogengangster zu verhaften, sie hatten sich auf bewaffneten Widerstand eingestellt: Von Anwohnern waren die Polizisten alarmiert worden, dass sich in einem Wald nahe eines Shoppingzentrums in Jacarepaguá, Rio de Janeiro, Gangster mit Waffen aufhalten.

Tatsächlich trafen die Polizisten auf Waffen – allerdings nur selbstgebastelte. Fünf Kinder spielten offenbar die brasilianische Version von “Räuber und Gendarm” und hatten eine klassische Drogenverkaufsstelle nachgeahmt, von denen auch in Rios Favelas Dutzende existieren.

“Kokain” aus Milchpulver

Auf einem Tisch war die Ware ausgelegt: Die “Drogen” – etwa Fake-Kokain aus Milchpulver – waren in kleine Plastiktütchen portioniert. Die geschäftstüchtigen Kinder führten auf einem Zettel sogar Buchführung über die verkauften Drogen.

Dazu hatten sie sich mit Pistolen sowie Sturmgewehren aus Plastik und Klebeband ausgestattet, die zum Teil erschreckend realistisch wirken. Fast wie die echten Drogendealer: Das Spielzeug zeigt, wie die Realität aussieht, mit denen die Kids aufwachsen.

Spielzeugwaffen werden in Brasilien immer wieder zum tödlichen Spielzeug, wenn Polizisten sie nicht gleich als solches erkennen und schießen. Auch in Rio hatten die Kinder Glück, dass die Polizei nicht sofort das Feuer eröffneten.

Handys, Router und Drogen im Knast von Rio

23 Handys, ein selbstgebauter Router und Drogen – das hat die Polizei bei einer Kontrolle im Gefängnis in Bangu bei Häftlingen gefunden. Rios Gefängnisse sind ein Hort der Kriminaliät. Versteckt in Wänden, Rohren und doppelten Böden hatten hochrangige Mitglieder der Drogenbanden dort die Utensilien sowie Kokain und Marihuana versteckt.

Koks in Raketenform
Abgesehen von Drogen sind Handys im Gefängnis von Rio verboten, weil das den Inhaftierten den Kontakt und die Koordination ihrer Bandenmitglieder ermöglicht. Wie die Geräte in die Zellen gekommen sind, weiß die Polizei noch nicht. Ganz sicher aber wird es noch viele andere Verstecke geben.

Tödliche Navigation: Umleitung in die Gefahrenzone

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GPS kann zum Sicherheitsrisiko werden: In Rio de Janeiro geraten Autofahrer mit der Navi-App Waze immer wieder in gefährliche Situationen — jetzt starb eine Frau, als Drogengangster ihr Auto beschossen.

Die Navi-App Waze leitete Regina und Francisco Murmura direkt in die tödliche Falle. Das ältere Ehepaar war zu einem Abendessen in einer Pizzeria in Niteroí verabredet, einer Nachbarstadt von Rio de Janeiro. Stattdessen führte die beliebte Verkehrs-App von Google sie in eine der gefährlichen Favelas Niteroís.

Das eigentliche Ziel: die Avenida Quintino Bocaiúva, an der Promenade von Niteroí. Nur ein paar falsche Buchstaben verwandelten die Fahrt in eine Katastrophe. Endstation: die Rua Quintino Bocaiúva in einer gefährlichen, von Drogengangs beherrschten Favela. Am Eingang der Armensiedlung Caramujo wurde das Ehepaar von einer Bande von 20 Drogengangstern empfangen, die das Auto beschossen. Die Kugeln trafen auch die 70-jährige Unternehmerin Regina Murmura, die auf dem Beifahrersitz saß und ihren Mann mit der mobilen App durch die Stadt dirigiert hatte.

Francisco Murmura versuchte auszusteigen, um die Gangmitglieder zu bitten, ihn fahren zu lassen — um seine angeschossene Frau retten zu können. Doch sie antworteten mit weiteren Schüssen. Es gelang dem 69-Jährigen, zu flüchten. „Sie dachten wohl, ich bin von der Polizei“, vermutete er später. Dem Polizeibericht zufolge wurde das Auto der Murmuras von Dutzenden Schüssen zerlöchert. Regina Murmura starb nach dem Vorfall am vergangenen Samstag an ihren Verletzungen.

Die falsche Adresse: Die Rua Quintino Bocaiúva in der Favela Caramujo Google Maps (Screenshot)

Erst im August war die brasilianische Soap-Schauspielerin Fabiana Karla mit der Waze-App in derselben Favela gelandet — auch ihr Auto wurde beschossen, sie konnte aber unverletzt fliehen. Der Tod von Regina Murmura hat erneut die Frage aufgeworfen, wie sicher Rio ist, gerade auch für Touristen, die sich nicht auskennen. Während die Stadt die Situation während der WM einigermaßen kontrollieren konnte, ist die Gewalt vor den Olympischen Spielen 2016 erneut eskaliert — mit Schießereien in den Favelas und Raubüberfällen in der ganzen Stadt, auch den Strandgebieten.

Allein in Rio de Janeiro liegen mehr als 1000 Armensiedlungen verstreut, viele grenzen direkt an wohlhabendere Viertel oder ragen von den Bergen in die Strandzone hinein. In knapp 200 Favelas ist inzwischen Polizei präsent, doch die Mehrheit der Siedlungen wird von Drogenbanden beherrscht, die mit Sturmgewehren bewaffnet kontrollieren, wer das Viertel passieren darf. Nicht alle Favelas sind lebensgefährlich, doch wer die Gebiete und die Regeln nicht kennt, kann schnell in brisante Situationen geraten.

Kürzester Weg zum Raubüberfall

Verkehrs-Apps wie Waze empfehlen den kürzesten oder schnellsten Weg durch die Stadt, zum Teil auch durch Favelas. Vor kurzem wurden auch die Schauspieler Tadeu Aguiar und Sérgio Menezes zu Opfern eines Raubüberfalls. Um einem Stau zu entgehen, fuhren sie eine von Waze empfohlene Alternativ-Route durch Rios Vororte, die allerdings an der Favela Morro do Chapadão vorbeiführte. Ein Krimineller auf einem Motorrad zwang sie mit vorgehaltener Waffe, auszusteigen, raubte Auto, Telefone und Geld. Die beiden wurden mitten in der Favela zurückgelassen. Der Kommentar eines Bewohners, der ihnen mit einem Mobiltelefon aushalf: „Das passiert hier die ganze Zeit — ihr hättet einfach nicht herkommen dürfen.“ Die Erfahrungen der Prominenten werfen vermutlich nur ein Schlaglicht auf eine viel höhere Dunkelziffer.

Das Unternehmen sei „sehr traurig“ über den Vorfall, schrieb Waze in einer Pressemitteilung nach dem Tod von Regina Murmura. „Es ist schwierig, Fahrer davon abzuhalten, in eine gefährliche Region zu fahren, wenn dieses Ziel von den Leuten gewählt wurde, denn die Menschen, die in diesen Gebieten leben, müssen eben nach Hause kommen“, so die Firma.

Was also tun? Gebiete als No-Go-Zonen markieren? Digitale Warnungen absenden, wenn sich die Fahrer einem riskanten Gebiet nähern? „Wenn die Regierung von einem Land oder einer Stadt den Bewohnern verbietet, ein bestimmtes Viertel oder eine Region zu durchqueren, aktualisieren wir unsere Karten bei Waze“, versichert das Unternehmen. Doch die Favelas von Rio von der Karte zu streichen, würde auch bedeuten, dass mehr als 1,4 Millionen Favelabewohner, ein Fünftel der Bewohner Rios, von dem Service ausgeschlossen werden.

Waze hat angekündigt, sich mit Sicherheitsexperten von brasilianischen Regierungsbehörden zu treffen, um zu erörtern, wie Risiken bei der Verkehrssteuerung berücksichtigt werden können. Außerdem setzt das Unternehmen auf Crowdsourcing und kollektive Intelligenz: Denn die Navi-App berechnet die Empfehlungen auf Basis von Big Data und Community-Informationen. „Wir hoffen, dass wir mehr und mehr Wissen anhäufen können, das es uns ermöglicht, Routen mit einem höheren Sicherheitsrisiko zu identifizieren, und das Angebot gleichzeitig für alle offen zu halten“, teilt Waze mit.

Drogengangs verjagen Polizei im Complexo do Alemão – Querschläger töten Frau

Das Complexo do Alemão steht vor einem Kollaps. Kaum ein Tag vergeht ohne Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden. Bei unserem Besuch am Sonntag lieferten sich beide Seiten am frühen Nachmittag die ersten Gefechte.
ComplexoDie Drogenbanden haben ihre Macht zurückerlangt, die Polizei hält mit ihrer Präsenz nur noch eine Fassade aufrecht. Die Kontrolle über die Favelas haben die staatlichen Sicherheitskräfte dort schon lange verloren. Die Drogenbanden bestimmen, wer sich wann, wie und wo aufhält.

Die Soldaten der UPP wurden aus ihrem Container – der ihnen als Basis diente – vertrieben. Außerdem haben die Banden eine Demarkationslinie geschaffen, an die sich die Polizisten halten müssen. Wenn sie sie überqueren sollten, drohen die Gangs den Polizisten mit Mord.

Anstatt in ihrem improvisierten Container stehen die Polizisten nun in einer Garage, mit Ventilator und Radio, abgeschlossen vom eigentlichen Geschehen und immer mit der Angst umzingelt und angegriffen zu werden.

Polizei verschanzt sich in Schule

Zum Teil versuchen sie sich in öffentlichen Gebäuden wie einer Schule zu verschanzen, was zu extrem gefährlichen Situationen für Unbeteiligte führt. Bilder zeigen zerschossene Schulen.

Complexo do Alemao: Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Complexo do Alemao: Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Am Mittwoch starb bei den Schießereien zwischen Polizei nicht nur ein Mitglied der Drogenbanden, sondern auch eine Frau und deren Tochter. Die Querschläger trafen die beiden in ihrer Wohnung. Die 41-jährige Frau erlag nach dem Schuss in den Rücken noch im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre 15-jährige Tochter wurde am Arm getroffen.

Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Fotos der Opfer kursierten schnell im Netz (Screenshot facebook)

Anwohner demonstrieren nach Tod von Frau
Für Mittwoch planen Anwohner eine Demonstration vor dem Regierungspalast des Gouverneurs, um die anhaltende Gewalt im Complexo do Alemão zu kritisieren.

Das Complexo do Alemão wurde 2010 vom Militär besetzt und erhielt 2012 seine erste UPP-Einheit.

UPP nimmt Favela-Nachhilfe

Rios Befriedungspolizei UPP steckt in der Krise. Täglich kommt es in den Favelas zu Konfrontationen zwischen Drogenbanden und Polizei – immer wieder sterben dabei Angehörige beider Seiten. Noch dramatischer sind die Opferzahlen auf Seiten der Unbeteiligten: Kinder, Passanten, Anwohner, getroffen durch Querschläger oder erschossen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Das Ansehen der UPP sinkt immer tiefer, die Glaubwürdigkeit und der Respekt bei der Bevölkerung schwindet mit jedem neuen Toten, mit neuen Foltervorwürfen und dem brutalem Auftreten von Polizisten.

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Das negative Image der Polizei und das schwierige Verhältnis von Militär und Anwohnern soll sich nun mit Schulungen über die Favelas ändern. UPP-Polizisten sollen mehr über die Favelas lernen – über die Geschichte der Entstehung, die Geographie, die kulturellen Eigenheiten, das, was jede Favela zu ihrem eigenen Mikrokosmos macht.

Mit dieser Maßnahme möchte Robson Rodrigues, Chef der Polizei in Rio, einen neuen Weg des Aufeinanderzugehens von Polizei und Anwohnern fördern. Denn die Integration der UPP in die Gemeinschaft hatte zuletzt fast gar nicht mehr funktioniert.  Continue reading

Karnevalsparty in Rio endet in Gewalt und Schießereien

Brasilien ist im Karnevalsfieber: Alkohol, Hitze und viel Samba – das sind nicht nur Voraussetzungen für gute Partys, sondern auch für heftige Auseinandersetzungen.

Im Complexo do Alemão ist es bei einer Straßenparty in der Nacht zum Dienstag zu Schießereien gekommen. Feiernde sollen in Streit geraten seien, daraufhin hatte die Polizei den Sound ausgedreht. Es kam zu Streit und Stress zwischen den Feiernden selbst und der Polizei.

Die Polizisten setzten Tränengas ein, es wurden Schüsse von beiden Seiten abgegeben. Die Bewohner berichten von chaotischen Zuständen: “Geschrei, Schüsse und Gasbomben – es war der reinste Krieg“, sagt etwa ein Anwohner.

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Chaos nach der Party (Screenshot Facebook)

Einige der Bewohner schimpfen über die Brutalität der Polizei: “Da waren Kinder, der Polizei ist das egal, dann stirbt wieder ein Junge und alle schreien”, sagt eine Anwohnerin und wird unterstützt: “In der Südzone würde die Polizei auch nicht gleich schießen, wenn ein paar Jugendliche etwas über die Stränge schlagen,” meint J.P.

Jugendliche mit Drogen und Pistole

Wie immer gehen die Meinungen der Anwesenden auseinander: “Als ich dort war, gab es Musik, die Gewalt verherrlicht, kiffende Personen, eine aufgebrachte Menge und ich habe einen Jugendlichen mit einer Pistole gesehen. Erst als die Polizisten beworfen wurden, haben diese eingegriffen”, erzählt Anwohner W.A. Continue reading

Tod durch Querschläger

Kaum ist das Jahr der WM in Brasilien vorbei, überschlagen sich die schlechten Nachrichten. In Rio de Janeiro sind schon im Januar dieses Jahres viele Menschen durch Querschläger ums Leben gekommen. Die Zahl der Toten allein in diesem Monat hat die Hälfte der Toten insgesamt von 2013 in Rio erreicht, gab das Institut für öffentliche Sicherheit heraus.

Bopes bei der Besetzung der Rocinha (Credits: BuzzingCities)

Bopes bei der Besetzung der Rocinha (Credits: BuzzingCities)

Die 21-jährige Adrienne N. starb in der Rocinha durch eine Kugel, als sie ihren einjährigen Sohn auf dem Arm trug. In Bangu im Norden Rios starb eine Vierjährige durch eine Kugel in den Kopf. Zwei Tage später wurde ein neun Jahre alter Junge beim Aussteigen aus einem Schwimmbecken in Guadalupe, ebenfalls im Norden Rios, getötet. Der 16-jährige Rafael S. erlitt einen Schulterschuss, während er einen Drachen steigen liess. Er liegt mit seinen Verletzungen noch im Krankenhaus in Penha.

Seit 2008 führt das Sekretariat für Sicherheit Statistiken über Tote und Verletze durch Querschläger. Bis 2013 zählte die Behörde 891 getroffene Personen, von denen 62 starben.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden werden häufig Unbeteiligte getroffen. In den Gassen der Favelas ist das Risiko, von einer solchen Kugel getroffen zu werden, groß.