eWaste und BlingBling: Mit Trafopop auf der MakerFaire Berlin

Trafopop-Show bei der MakerFaire 2015 (Foto: Trafopop)

Trafopop-Show bei der MakerFaire 2015 (Foto: Trafopop)

Virtual Reality, Wearables, Tech-Spielzeug wie die Tinkerbots, die sich fernsteuern und programmieren lassen: Auf dem Kreativfestival Maker Faire Berlin 2015 bastelten die Besucher an Hardware-Projekten, konnten Mini-Copter oder Virtual Reality-Software ausprobieren — auch das Innovationspotential von Tech für gesellschaftlichen Wandel wurde diskutiert.

Mit dem LED-Fahrradclub Trafopop aus Berlin waren wir Teil der Wearables-Show. Ein indisches Projektteam hat dabei Kleidung präsentiert, die die Gewalt gegen Frauen in Indien eindämmen soll, andere Teams stellten High-Tech-Westen für den Katastropheneinsatz vor. Auch mehrere Vorträge wie „DIY Repair: A global movement of tinkerers, hackers, and self-taught engineers“ von Kyle Wiens beschäftigten sich mit DIY-Innovationsprozessen und internationaler Zusammenarbeit im Tech-Bereich.

An ihrem Stand zeigten afrikanische Bastler vom Makerspace Woelab ihre Hardware-Hacks wie 3 D-Drucker, die aus Müll wie Screens, alten Computern und Scannern recycelt worden sind. Der Ansatz des Labs aus Togo: eMüll soll in smarte Erfindungen verwandelt werden, kollaborative Hacks werden zur Alternative zu industriellen Fertigungsprozessen – mit weniger Ressourcenverbrauch, kleinen Mitteln und positiven sozialen Impulsen. Unsere Kolleginnen von Tea After Twelve haben Josué Tchirktema, einen der Erfinder, zum Upcycling von eMüll zum 3 D Drucker “W.Afate” interviewt:

“Even though W.Afate looks a bit different from the 3D printers you’ll find in the shops, it works just as well. It is pretty similar to the RepRap 3D printers from Britain, a simple low-cost solution using plastic filament or metal wire for production. The only constraints are due to the size of the machine, course you can’t print anything that’s bigger than the printer itself.”
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Die Geeks der Favela

Improvisierte Stromnetze werden zu surrealen Labyrinthen quer durch die Favela zusammengebunden, Plastikmüll zu Betten recycelt, Tech-Gadgets in den kleinen Werkstätten der Favelas immer wieder fit gemacht: Favelas sind ein natürlicher Maker-Space.

 Mit dem Event „Gambiarra Favela Tech“ sollte der Erfindungsreichtum kanalisiert werden: Jugendliche aus der Favela konnten sich mit einem Video ihrer aktuellen Erfindung für den zehntägigen Workshop Ende Juli im Complexo da Maré im Norden von Rio de Janeiro bewerben.

„Eine Mischung aus wissenschaftlichem Labor, Werkstatt und Künstleratelier“, nennt der Projektleiter und Multimedia-Künstler Ricardo Palmieri das Projekt. Die Idee: Denn Favela-Alltag mit guten Ideen und einfachen Mitteln, die sich überall finden, ein bisschen besser – oder schöner – machen.

Ein Dutzend junge Erfinder aus der Favela diskutierten, wie sich Müll in Produkte umwandeln lässt, lernten, zu programmieren, die Grundlagen von Elektronik und Medienkenntnisse für sich zu nutzen. „Viele waren als Idioten bezeichnet worden, weil sie sich für ihre Werke aus dem Müll bedient hatten“, so Palmieri. Einen künstlerischen Wert hätten sie ihren Erfindungen bisher nicht beigemessen. Der Workshop habe viele bestärkt – auch, weil sie sich mit anderen Bastlern austauschen konnten.

Selbstgebastelte Sturmgewehre

Die Kids aus der Favela sind kreativ: Wenn sie kein Spielzeug besitzen, improvisieren sie eben. Auch Waffen. Ein DIY-Sturmgewehr, das in der Favela Santa Marta von der Polizei einkassiert wurde, zeigt wie täuschend echt eine selbstgebastelte Waffe aussehen kann – mit tödlichem Risiko.

Soldat mit Spielzeugwaffe (Screenshot Facebook)

Polizist mit einkassierter Spielzeugwaffe (Screenshot Facebook)

In Favelas, in denen sich Polizei und Gangs immer wieder Schießereien liefern, sitzt der Finger schneller am Abzug – und die Spielzeugwaffe kann im Labyrinth der Hütten, in ein paar Metern Entfernung und in der Dunkelheit mit einer echten Waffe verwechselt werden.

Tödliches Spiel

Thiago aus der Favela Santa Marta in Rio de Janeiro hat deshalb auf Facebook eine Debatte angestossen und warnt Eltern und Kinder vor dem gefährlichen Spielzeug: “Mit den Operationen und den ständigen Patrouillen in der Favela kann es ernst werden, wenn Jugendliche mit so einer Spielzeugwaffe durch die Favela laufen”, schreibt er. “Zur Selbstverteidigung und vor Schreck könnte der Polizist dann einen tödlichen Schuss abgeben und später, wenn die Tragödie passiert ist, ist es zu spät, um es ungeschehen zu machen”. Spielzeug solle etwas schönes sein – und nichts, was schlimme Konsequenzen hat.

Das Problem wurde bereits bei einem Community-Treffen in der Santa Marta diskutiert, auch bei Facebook tauschen sich nun viele Favelabewohner über das Waffenproblem aus. “Zu meiner Zeit war das noch eine Röhre mit einer Kugel”, sagt ein erstaunter Favelabewohner. Die moderne Version, das sogenannte “BOB”, das auf dem Foto abgebildet ist, orientiert sich dagegen stärker am Original – als “Patronen” dienen Bohnen, die auf den Gegner abgefeuert werden können.

Manchmal dienen aber auch Steine als Munition. Eine Frau kommentiert, dass eine Freundin von ihr beim Spielen fast blind geworden wäre.

In ganz Brasilien wird derzeit ein Verbot von Spielzeugwaffen diskutiert – weil immer wieder Plastikwaffen bei Überfällen eingesetzt werden. In Brasilia und in São Paulo wurden echt aussehende Spielzeugwaffen bereits verboten.

Der Politiker Prado, der die Initiative in São Paulo angestossen hatte, fordert sogar das Verbot von bunten Wasserpistolen, deren Einsatz bei Überfällen eher unwahrscheinlich ist. Es gehe darum, die Gewalt aus dem Alltag zu verbannen, findet er. Nur so lasse sich ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Waffen, so die Hoffnung, sollten von Kindern und Jugendlichen fernbleiben und nicht verherrlichend oder verharmlosend präsentiert werden.