Video: WM-Finale in der Favela

Live aus der Favela: Samba, Churrasco, Blick auf und ins weltberühmte Stadion Maracanã in Rio de Janeiro, in dem Deutschland gegen Argentinien den vierten Weltmeister-Titel holt.
Wie es war, in der Favela Mangueira das WM-Finale 2014 zu erleben.

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Die Ghana-Lobby

9:2, eindeutig. In der Favela-Bar, in der wir uns heute das Spiel angesehen haben, standen alle Gäste auf Ghanas Seite. Das ist gut so – aber überraschend. Ein Bekannter hatte sich beim Public-Viewing an der Copacabana vor kurzem gewundert, warum die Brasilianer kaum für afrikanische Mannschaften klatschen – obwohl Brasilien ein Land mit einem hohen Anteil schwarzer Bevölkerung und afro-brasilianischer Kultur ist.

Deutschland gegen Ghana: die Rocinha auf der Seite der afrikanischen Mannschaft

Deutschland gegen Ghana: die Rocinha auf der Seite der afrikanischen Mannschaft

Brasilien ist entgegen den Klischees von der harmonischen Mischung der Farben ein ziemlich rassistisches Land. Rassismus existiert auch in den Favelas – innerhalb der Rocinha sehen die (weißen) Einwanderer aus dem Nordosten Brasiliens oft auf die schwarzen Favelabewohner herab.

Afros werden geglättet, Beinhäarchen blondiert, Schönheitsidole sind die blonden Frauen aus der Vorabendserie, die nur ein Ausschnitt Brasiliens sind. Mit der jungen Favelageneration ändert sich das langsam – in manchen Favelas sind Afro-Frisuren der neue Trend, die Jugendlichen entdecken und interpretieren ihre Wurzeln neu.

Da Ghana ein schnelles und gutes Spiel abgeliefert hat: viel Jubel in der Bar. Als Jogi die alte Wunderwaffe Schweinsteiger (Kommentator: “Schweinsteiger sabe tudo”, “Schweinsteiger weiß alles/hat es drauf”) dann einwechselte: betrübte Mienen.

Am Ende hatte dann doch noch einer der Zuschauer Mitleid mit uns, wechselte die Seite und feuerte plötzlich Deutschland laut an. “Unglücklicherweise hat Deutschland nicht gewonnen”, bedauerte er nach Spielende. “Für Euch hätte ich mir gewünscht, dass Deutschland gewinnt.” Wir finden, dass heute alle gewonnen haben.

WM-Auftakt: Friedliche Favela, Stress auf den Straßen

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Die WM in Brasilien startete mit einem Eigentor – und liefert den Chronisten der WM, die über Milliardenausgaben, Proteste und das die brasilianische WM begleitende Chaos schreiben, damit eine Metapher, die sich treffender nicht erfinden ließe. In der Favela Rocinha begann die WM trotzdem mit allem, was ein schönes Fußballfest haben muss: gute Stimmung, treue Fans, die ihre Seleção anfeuern, Tröten, viel Bier, Churrasco am Straßenrand, und – very Favelalike – Feuerwerke.

Keine Fanmeile, stattdessen Hunderte von Mini-Partys in der Favela

Die meisten kleineren Läden blieben am ersten Tag der WM geschlossen, einige Fans hatten sich entschieden, das Spiel beim Public-Viewing an der Copacabana anzusehen, viele Favelabewohner hatten es sich mit Familie und Freunden im Wohnzimmer vor dem Fernseher oder auf den Hausdächern gemütlich gemacht, so dass die Rocinha in manchen Gebieten ungewohnt verwaist aussah.

In der Rocinha verteilten sich die öffentlichen WM-Partys auf die kleinen Bars an der Hauptstraße und in den Gassen zwischen den Ziegelhäusern. Viele bauten einfach ein paar Plastiktische an, oder stellten Stühle mitten auf die Straße. Wir sind während des Spiels von ganz oben am Berg bis an den Fuß der Favela getourt, und haben uns die Stimmung in mehreren Bars angesehen.

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Kein Herumgegröle, stattdessen nette, kleine Runden, mit denen das WM-Gucken Spaß gemacht hat. Nur ein Böller hat uns während eines Interviews fast einen Hörsturz beschert. Julia war mit dem kanariengelben Neymar-Trikot im Favela-Look – viele trugen Fußball-T-Shirts, inklusive zahlreicher Mini-Neymars.
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Tränengas zum WM-Auftakt

Während das erste WM-Spiel innerhalb der Favela und auch in der Fanfest-Arena eine friedliche Feier war, kam es bei den Anti-WM-Protesten an der Copacabana und in der Lapa wieder zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden.

Mindestens elf Personen wurden festgenommen, der Polizei zufolge mindestens fünf verletzt, davon vier Polizisten. Soziale Netzwerke berichten von mehreren verletzten Demonstrierenden, von denen einer ins Krankenhaus transportiert werden musste. Die Polizei hat wieder Tränengas und Gummigeschosse gegen die Demonstrierenden eingesetzt. Auch der Favelareporter Betinhoo Casas Novas, der die Proteste fotografiert hat, wurde im Getümmel verletzt, konnte aber danach weiterfotografieren.

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Kurz vor dem Anpfiff: Die Nacht vor der WM

Undercover auf der Fanmeile (Foto: BuzzingCities)

Undercover auf der Fanmeile (Foto: BuzzingCities)

Die Stimmung am Vorabend der WM in Rio ist gut, zumindest bei den Touristen: Argentinische Fans grölen herum, Mexikaner laufen in ihre Flaggen eingewickelt am Strand entlang, und die Australier schleppen ihr eigenes Maskottchen, ein Känguruh mit sich herum. Trotzdem ist die Copacabana, die sich ab morgen sicher zur alkoholisierten Fanmeile verwandeln wird, noch gemütlich.

Jungs kicken im Sand, ein paar Cariocas halten an ihrem Fitnessprogramm fest und joggen oder skaten zwischen Fußballfans hindurch, die Sandkünstler haben schnell noch ein paar Fußballspieler kreiiert, die nun die halbnackten Sanddamen ergänzen, fliegende Händler haben ihr Sortiment gewechselt und verkaufen WM-Accessoires.

Am Strand ist auch ein Konsumtempel entstanden, in dem die offiziellen WM-Produkte verkauft werden – das Maskottchen, der offizielle Ball der WM, Fanshirts in allen Größen und Farben und der Nachfolger der Vuvuzela – die Caxirola, eine ein wenig einfallslose Rassel, die optisch an eine Handgranate erinnert.

Der Nachfolger der Vuvuzela (Foto: BuzzingCities)

Der Nachfolger der Vuvuzela (Foto: BuzzingCities)

Der deutsche WM-Kiosk liegt weitab vom Geschehen, am hinteren Ende von Leme. Ein paar Touristen haben sich dort trotzdem hinverirrt, und Fotos von den bunt angemalten Bären gemacht, die am Strand ausgestellt sind – und irgendwie nicht so richtig zur Kulisse passen. Deutschland hätte durchaus zur WM ein paar coolere Kulturgüter importieren können.

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