Q & A: Drogenkrieg in Rio

Polizeigewalt, Drogenkrieg und Sportereignisse, die Rolle von Milizen und warum Legalisierung keine Wunderwaffe ist: In einem Q & A haben wir Fragen zu unserer Y-Kollektiv-Webdoku beantwortet:

https://www.youtube.com/watch?v=DbxFA64WBWM

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Digitale Kontrolle: Illegale Handy-Checks in Favelas

Auf Verdacht: Immer wieder fordern Polizisten Favelabewohner auf bei Personenkontrollen ihre Whatsapp-Konten oder Fotos und Videos zu zeigen – obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gibt.

Polizisten durchsuchen bei Kontrollen in Favelas mitunter auch die Handys von Personen, um Fotos oder Messenger-Nachrichten durchzustöbern – doch das Vorgehen ist illegal. So forderten Sicherheitskräfte etwa bei Jugendlichen, die sie des Drogenhandels verdächtigten, die Smartphones, um Zugriff auf Whatsapp-Nachrichten und Kontakte zu erhalten. In einigen Fällen mussten Brasilianer auch Handys zeigen, nachdem sie Polizeioperationen oder den Gewaltmissbrauch von Polizisten dokumentiert hatten – innerhalb und außerhalb von Favelas.

Nicht alle Brasilianer wissen um ihre Rechte, so wie ein filmender Passant, der sich zur Wehr setzte, als Polizisten ihm weismachen wollten, sie hätten das Recht sein Handy für sechs Monate zu beschlagnahmen. Gerade in Favelas, in denen die Polizei zum Teil brutal durchgreift, trauen sich viele Bewohner nicht, sich gegen ungerechte Behandlungen zu wehren.

Bei Recherchen wurden auch wir bereits von Polizisten aufgefordert, Handyaufnahmen zu zeigen. Die fehlende rechtliche Grundlage gleichen manche Sicherheitskräfte in Rio aus, indem sie einen schärferen Ton anschlagen und etwa drohen, die Angelegenheit auf der nächsten Polizeistation zu klären.

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Letzten Endes schaden die digitalen Kontrollen ohne begründeten Verdacht der Strafverfolgung: Denn selbst wenn Polizisten  komprimierende Aufnahmen auf Smartphones entdecken würden, landen sie damit im „friendly fire“. Vor Gericht würden diese Beweise nicht gelten, weil sie nicht auf rechtmäßige Weise erlangt worden sind – und torpedieren damit den gesamten Prozess.

Baby im Mutterbauch angeschossen

Opfer noch vor der Geburt: In der Favela do Lixão Duque de Caxias wurde ein Baby im Mutterbauch von Kugeln getroffen. 

Die im neunten Monat schwangere Claudinéia dos Santos Melo war auf dem Weg zum Markt, als sie angeschossen wurde. Polizisten brachten sie ins Krankenhaus, das Baby wurde per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Dabei stellten die Ärzte fest, dass zwei Kugeln die Plazenta durchschlagen und auch das ungeborene Kind verletzt hatten.

Die Lungen wurden von den Schüssen verletzt, das Kind erlitt auch Läsionen an Brustwirbeln und eine Lähmung der unteren Gliedmaßen, vermutlich wird es aber wieder die Beine bewegen und laufen können. Die Ärzte bezeichneten es als “Wunder”, dass das Kind gerettet werden konnte. Zustand von Mutter und Kind sind ernst, beide befinden sich noch im Krankenhaus, das Baby wird künstlich beatmet und ernährt.

Es ist ein Extremfall der alltäglichen Gewalt. Immer wieder werden Kinder zu Opfern im Drogenkrieg. Die 10-jährige Vanessa Vitória dos Santos wurde vor kurzem in Lins de Vasconcelo in der Nordzone von Rio mit einem Kopfschuss getötet.

Schusswechsel stören auch immer wieder den Unterricht. Erst vor kurzem fiel der Unterricht für 1500 Kinder in Rio aufgrund von Schießereien aus. Der Schulweg wird zum tödlichen Risiko, der gewaltbedingte Unterrichtsausfall beeinflusst langfristig die Leistungen der Kinder aus Favelas. Viele erleiden Traumata, die in den seltensten Fällen behandelt werden.

Nachtrag vom 30.Juli 2017:
Nach einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustands ist das Baby in einem Krankenhaus in Rio am 30. Juli verstorben.

 

Polizei-Legende Marina Magessi: Das letzte Interview

Eine Frau, die Brasiliens größte Drogenbosse jagte: Marina Magessi war Rio de Janeiros bekannteste Fahnderin. Vor kurzem haben wir noch ein Interview mit der Polizei-Legende geführt, jetzt ist sie mit 58 Jahren gestorben.

Eine Frau, die sich in der Machowelt durchsetzen konnte: Als Marina Magessi bei der brasilianischen Polizei anfing, war es noch ein ungewöhnlicher Anblick, dass sich eine Frau in die Abgründe der Sicherheitspolitik und die Brennpunkte von Rio wagte. Magessi stieg zur anerkannten Sicherheitsexpertin auf, war die erste Chefermittlerin der Zivilpolizei Rios und mehrere Jahre lang als Abgeordnete politisch aktiv. Mit ihrem Team gelangen ihr Festnahmen von kriminellen Schwergewichten wie Ernaldo Pinto de Medeiros, Uê oder Robertinho de Lucas.

Magessi war legendär, anerkannt, aber auch umstritten: Gegen sie wurde aufgrund möglicher Verbindungen zu Milizen ermittelt. Vor kurzem haben wir Marina Magessi für unseren Dokumentarfilm lange interviewt.

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Magessi rauchte eine Zigarette nach der anderen und erzählte mit ihrer markanten, tiefen Stimme und mit beißendem Humor von ihren Jahrzehnten bei der brasilianischen Polizei, Organisierter Kriminalität in Rio, Fahndungserfolgen, Korruption, dem schwer zu durchbrechendem Kreislauf der Kriminalität in Rios Favelas und ihren Zukunftsplänen.

Magessi, 58, dachte darüber nach selbst wieder aktiv zu werden und eine NGO zu gründen, um im Dialog mit Sicherheitskräften, Kriminellen und Favelabewohnern Lösungen für die exzessive Gewalt in Rio de Janeiro zu finden.

Dazu kam es nun nicht mehr.

Brutales Vorgehen der Polizei: Mädchen schämt sich für entstelltes Gesicht

Brasiliens Polizei ist eine der brutalsten weltweit und schreckt bei Protesten nicht vor Gewalt zurück. Bei einem Räumungseinsatz schossen Sicherheitskräfte einer 14-Jährigen aus anderthalb Metern Entfernung mit Gummigkugeln ins Gesicht – das Mädchen verlor sechs Zähne und musste operiert werden.

Bei dem Einsatz in Minas Gerais hatte eine Gruppe von Anwohnern, Aktivisten und Menschenrechtlern gegen die Räumung eines besetzten Gebietes protestiert. Zahlreiche Familien der linken Bewegung “Movimento de Luta nos Bairros, Vilas e Favelas” hatten die Gegend Tage zuvor für sich eingenommen und dort ihre Zelte aufgebaut.

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Ein Video zeigt: Menschenrechtler sprechen sich am Tag der Räumung gegen das gewaltsame Vorgehen der Polizei aus und bitten um Verständnis und Rücksicht. Doch die Sicherheitskräfte rücken in die besetzen Häuser und Zelte vor. Weil die anwesenden Menschen weiter protestieren, greifen die Polizisten zu härteren Maßnahmen, schlagen und schießen mit Gummigeschossen auf die Gruppe.

Das 14-jährige Mädchen Gabriela wird aus nur anderthalb Metern getroffen. Sie hatte lautstark gegen die Räumung protestiert. “Ich schäme mich für mein entstelltes Gesicht”, sagt sie der Folha de São Paulo. Doch sie sei auch froh, denn hätte die Kugel sie weiter oben getroffen, wäre sie blind, weiter unten, vielleicht tot. Gabriela lebt selbst in einer besetzten Siedlung und engagiert sich seit langem für die Belange der Menschen ohne festen Wohnsitz.

"Ich schäme mich für mein Aussehen", sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

“Ich schäme mich für mein Aussehen”, sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

Die Polizei geht bei den Räumungen oftmals brutal und gewalttätig vor – in diesem Fall lautet das Statement der Polizei, Gabriela hätte mit Steinen geworfen und sei daraufhin bei dem notwendigem Einsatz verletzt worden.

O Som da Guerra: Der Klang des Krieges

Minutenlange Salven, erschreckender Sound aus einem Kriegsgebiet: Syrien? Bürgerkrieg in Afrika? Brasilianer, die die Kriegsszenen hören, denken an weit entfernte Regionen, Konfliktgebiete eben. Stattdessen sind es alltägliche Geräusche aus dem Complexo do Alemao.

In dem Favela-Komplex im Norden von Rio de Janeiro eskalieren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Drogengangs. Aufgenommen haben die Szenen Favelareporter der Favela-Zeitung “Voz da Comunidade”.

Hier zeigen unsere Kollegen ihr Sound-Experiment und die Reaktionen, die offenbaren, wie fremd den Bewohnern Rios außerhalb der Favelas die Gewalt ist und die zum ersten Mal in ihrem Leben vom urbanen Krieg hören.

 

Memória Rocinha: Das digitale Gedächtnis der Favela

Vergessene Geschichte: Das Multimedia-Projekt Memória Rocinha gibt online einen Einblick in die Historie der Favela Rocinha, die von einer Handvoll selbstgebauten Hütten zu einem eigenen Stadtteil gewachsen ist und mittlerweile einen ganzen Berghang bedeckt. Die Entwicklung der informellen Siedlung, die die Bürgerjournalisten und Historiker erforscht haben, reicht von 1860 bis heute. Die wichtigsten Meilensteine, Fotos sowie Video-Interviews mit Zeitzeugen, eine Karte, prägende Favela-Institutionen und Geschichten werden auf der Plattform Memória Rocinha präsentiert, an der auch unser Favelareporter Michel Silva mitgewirkt hat.

Michel Silva auf der Spur der Geschichte (Screenshot: Memória Rocinha)

Michel Silva auf der Spur der Geschichte (Screenshot: Memória Rocinha)