Blutiger Drogenkrieg in Rios ältester Favela

Morro da Providência, die älteste Favela Rios, die direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und eigentlich von der Polizei befriedet werden sollte, ist zum blutigen Schauplatz des Drogenkrieges geworden: Mitglieder der lokalen Drogengang hatten am Donnerstagnachmittag das Feuer auf ein Undercover-Aufklärungsfahrzeug der Bope-Spezialtruppe eröffnet und es mit 15 Schüssen durchlöchert. Ein Soldat starb, zwei Soldaten wurden angeschossen. Bei darauffolgenden Schusswechseln wurden auch fünf Favelabewohner getötet, der Polizei zufolge Kriminelle.

„Wenn wir eine Operation mit Toten haben ist das nichts Gutes. Die Menschen, die auf die Polizisten geschossen haben, werden dann auch Schüsse abbekommen“, rechtfertigte Rios Sicherheitsminister José Mariano Beltrame bei der Beerdigung des erschossenen Soldaten den Vergeltungsschlag.

Es ist ein Krieg, bei dem alle Seiten nur verlieren können.

Die Atmosphäre in der Providência ist angespannt, die beiden Schulen der Favela und die zwei Kindergärten wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Soldat, der in der Providência erschossen wurde, hatte sich mit seiner Tätigkeit als Bope sein Studium finanziert — und hatte seiner Familie zufolge geplant, nach Studiumsabschluss als Soldat aufzuhören, weil er ihm zu gefährlich war.

Als die Favela besetzt wurde, hatten Polizei und Bewohner die Hoffnung, das ein neues Verhältnis möglich wird (siehe Video). Doch die Gewaltspirale scheint sich doch jetzt wieder zurückzudrehen.

Vermummt: Rios Sicherheitskräfte dürfen jetzt Sturmhauben tragen

In mexikanischen Hotspots des Drogenkriegs wie Juárez oder Torreón patrouillieren Sicherheitskräfte mit Totenkopfmasken oder sichern vermummt Tatorte ab – in Rio de Janeiro arbeiteten Polizei und Militärs bisher meist mit offenem Visier.

Truppe mit Einsatz: Bald vermummt (Foto: Jaroschewski)

Truppe im Einsatz: Bald vermummt unterwegs? (Foto: Jaroschewski)

Doch jetzt sollen auch brasilianische Sicherheitskräfte in Rio de Janeiro Sturmhauben tragen dürfen: Rios oberster Sicherheitsbeauftragter José Mariano Beltrame hat bestimmten Einheiten die Maskierung mit Balaklavas erlaubt. Die Begründung klingt plausibel: Sicherheitskräfte können so nicht von Kriminellen wiedererkannt und ermordet werden, die Masken sollen aber auch Hals- und Kopfbereich der Polizisten schützen.

Verhüllung bei Spezialeinsätzen und Protesten 

“Es ist eine notwendige Ausrüstung für bestimmte Polizeiaktivitäten, und ihr Einsatz sollte vom Kommandeur der Truppe gebilligt werden”, so Beltrame. “Es ist kein Gegenstand, der einfach nur das Gesicht verhüllen soll.” Nicht nur zur Anlässen wie Geiselbefreiungen, sondern auch bei Veranstaltungen wie Demonstrationen könnten etwa Spezialeinsatzkräfte der BOPE oder der Schock-Truppe bald vermummt arbeiten.

Doch gerade bei Protesten ist der Einsatz maskierter Sicherheitskräfte umstritten: Bei den brasilianischen Massendemonstrationen 2013 war die Polizei äußerst brutal gegen Demonstrierende vorgegangen. Damals war ein Gesetz gebilligt worden, dass die Polizei-Maskierung bei Protesten verbieten sollte.

Auch in den Favelas wird die Vermummung kritisiert: “Wenn sie jetzt schon mit sichtbarem Gesicht und ihrer ID so gewaltsam sind, wie wird es erst sein, wenn sie ihr Gesicht verdecken?”, so Favela-Aktivist Raull aus dem Complexo do Alemao über die “Ninja-Masken”.

Auch Amnesty International warnt davor, dass die Polizei in Rio de Janeiro eine “lange Geschichte von Menschenrechtsverletzungen” habe – “Und oft ist die Schwierigkeit, individuelle Polizisten zu identifizieren, ein Hindernis, in Verbrechen involvierte Polizisten zur Rechenschaft zu ziehen.” Amnesty ist nicht grundsätzlich gegen den Einsatz der Sturmhauben, fordert aber eine Möglichkeit, wie Sicherheitskräfte in umstrittenen Fällen dennoch identifiziert werden könnten – etwa durch Nummern-IDs.

Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Complexo do Alemão: Zwei Polizisten angeschossen

Im Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro dreht sich die Gewaltspirale seit dem Ende der WM in neuer Intensitität: Operationen von Militär und Polizei wechseln sich mit heftigen Attacken der Drogengang ab. Bei einem erneuten Schusswechsel zwischen Gangmitgliedern und staatlichen Sicherheitskräften wurden am Donnerstag zwei Polizisten der Befriedungspolizei UPP angeschossen.

Gegen 21 Uhr ereigneten sich die ersten Schießereien zwischen Polizei und Drogengang, die Gefechte zogen sich länger hin.

Auch am Tag zuvor, am Mittwochnachmittag, war es bereits zu Schießereien gekommen. Gegen 16 Uhr waren Polizisten bei einer Patrouille in der Favela Nova Brasília des Complexo do Alemão auf bewaffnete Mitglieder der Drogengangs gestossen. Der kurze Schusswechsel löste Panik bei den Bewohnern aus.

Wandbild im Complexo do Alemao: Ordnung und Fortschritt? (Foto: BuzzingCities)

Wandbild im Complexo do Alemao: “Ordnung und Fortschritt”? (Foto: BuzzingCities)

Anfang des Monats beschossen Mitglieder der Drogengang die UPP-Polizeistation Itacorá, die aus einem mobilen Containersystem besteht. Ein Polizist, der im Büro arbeitete, wurde am Bein von Kugeln getroffen. Am Vortag dieser Attacke war es ebenfalls zu Schießereien zwischen Gang und Polizei gekommen, Polizisten hatten dabei einen jungen Mann angeschossen.

Als eine der größten von Sicherheitskräften besetzten Favelasiedlungen gilt der Complexo do Alemão wie die Favela Rocinha als einer der Brennpunkte unter den UPP-Favelas. Im Complexo do Alemão wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Polizisten angeschossen und getötet – auch die staatlichen Sicherheitskräfte haben mehrere Mitglieder der Drogengang erschossen, aber auch unbeteiligte Bewohner getötet.

RoboCop-Pistole und ein Flugzeug voller Kokain

Wir sind ja einiges von den mexikanischen Kartellen gewöhnt. Aber manchmal warten auch die brasilianischen Drogengangs mit interessanter Ausstattung auf. In der Favela Morro do Dendê  in Rio haben BOPE-Spezialeinheiten jetzt eine Pistole konfisziert, die aussieht wie die Waffe, mit der RoboCop im gleichnamigen Film herumballert.

Es handelt sich um eine halbautomatische Desert Eagle .44 Magnum – eine relativ teure, für Rio de Janeiro ungewöhnliche, sehr wuchtige, schwere Waffe mit hoher Feuerkraft, für die auch die Munition hier nicht leicht zu besorgen ist. Aufgrund ihrer eindrucksvollen Größe wird die Waffe gern bei Filmproduktionen eingesetzt: Neben RoboCop nutzten auch Angelina Jolie (“Lara Croft”) oder Arnold Schwarzenegger die Desert Eagle.

Morro do Dendê: Waffen wie Robocop (Foto: BuzzingCities)

Morro do Dendê: Waffen wie RoboCop (Foto: BuzzingCities)

Neben der Desert Eagle beschlagnahmten die BOPE in der Favela Morro do Dendê weitere Waffen und Munition, schusssichere Westen und Munition für eine Waffe, mit der sich Helikopter abschießen lassen. Der Polizei zufolge sei die Feuerkraft der Drogendealer vom Morro do Dendê “besorgniserregend”.

In der Favela auf der Ilha do Gobernador in Rio herrschen die Drogendealer des Terceiro Comando Puro. Die Favela wurde auch durch den Song “Morro do Dendê – Rap das Armas” bekannt – der später zum Soundtrack des Favela-Film “Tropa da Elite” über die BOPE zählt. Selbst Gringos, die sonst nicht viel über Favelas wissen, können meistens das Lied mitsummen, zumindest den Refrain (“Parapapapapapapapapa”). In dem Track wird der Sound der Maschinengewehre besungen, die schwere Bewaffnung der Drogendealer, die “bis hin zu den BOPE jeden vor Angst zittern lassen”, der sich in die Favela wage.

Parapapapapapapapapa
Paparapaparapapara clack bum
Parapapapapapapapapa

Morro do Dendê é ruim de invadir
Nois, com os alemão, vamo se diverti
Porque no Dendê eu vo dizer como é que é
Aqui não tem mole nem pra DRE
Pra subir aqui no morro até a BOPE treme
Não tem mole pro exército civil nem pra PM
Eu dou o maior conceito para os amigos meus
Mas morro do Dendê também é terra de Deus

Vem um de AR15 e outro de 12 na mão
Vem mais um de pistola e outro com 2oitão
Um vai de URU na frente escotando o camburão
Tem mais dois na retaguarda mas tão de Glock na mão
Amigos que eu não esqueço nem deixo pra depois
Dando tiro pro alto só pra fazer teste
De ina-ingratek, pisto-uzi ou de winchester
É que eles são bandido ruim e ninguém trabalha
De AK47 e na outra mão a metralha
Esse rap é maneiro eu digo pra vocês
Quem é aqueles cara de M16
A vizinhaça dessa massa já diz que não agüenta
Nas entradas da favela já tem ponto 50
E se tu toma um pá, será que você grita
Seja de ponto 30
Mas se for Alemão eu não deixo pra amanhã
Acabo com o safado dou-lhe um tiro de pazã
Porque esses Alemão são tudo safado
Vem de garrucha velha dá dois tiro e sai voado
E se não for de revolver eu quebro na porrada
E finalizo o rap detonando de granada

(…)

Da die Favela in der Nähe des Flughafens von Rio liegt, ist sie sicherheitsstrategisch hochrelevant, weil dort Millionen von nationalen und ausländischen Touristen ankommen werden, gerade zu den Großereignissen WM 2014 und Olympia 2016. Neben dem Complexo da Maré, dessen Favelasiedlungen ebenfalls entlang der Schnellstraße vom Flughafen in die Stadt liegen, ist der Morro do Dendê entsprechend ein heißer Kandidat für Favelas, die noch schnell vor den Mega-Events “pazifiziert”, also vom Staat besetzt werden könnten, um sie – beziehungsweise die Orte außen herum – sicherer zu machen.

450 Kilo Koks in Helikopter von Senator-Söhnen

Drogenhandel gibt es aber natürlich nicht nur in den Armenvierteln der Stadt – am Sonntag wurden etwa 400 Kilometer von Rio entfernt 450 Kilo Kokain beschlagnahmt, in einem Hubschrauber, der einem Unternehmen der Söhne des Senators Zezé Perrella gehört. Vier Personen wurden verhaftet. Dem Nachrichtenportal G1 zufolge ließ der Rechtsanwalt der Familie verlautbaren, dass der Pilot das Flugzeug wohl für den Drogentransport missbraucht hätte. Ja. Klar.