Im Kreuzfeuer: Mega-Operation in der Rocinha

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Patrouille in der Rua 1 (Foto: BuzzingCities)

Morgens Schüsse in der Rocinha, nachmittags Schießereien im Complexo do Alemão, wo wir gedreht und Freunde besucht hatten. Abends wieder stundenlange Schießereien in der Rocinha.

Wir sind gerade in einer Schusspause zurück in die Rocinha gekommen – andernfalls hätten wir unser Haus auch nicht erreicht, weil es direkt in dem Gebiet liegt, in dem sich die meisten Schusswechsel ereignet haben. Vor dem Eingang zur Rua 1, an der wir wohnen, standen Militärpolizisten Spalier, mehrere Polizeiautos und eine Gruppe von UPP-Polizisten hatten den Eingang blockiert.

Kurz zuvor hatten Mitglieder der Drogengang in der Rocinha an der Rua 1 fünf UPP-Polizisten überfallen und von ihren Verstecken zwischen den Häusern auf sie geschossen, ein UPP-Polizist wurde am Kopf verletzt. Soldaten der Elitetruppe Batalhão de Operações Especiais (BOPE) durchkämmten daraufhin die Gegend rund um die Rua 1, stundenlange Schussgefechte folgten. Auch ein BOPE wurde angeschossen. Favelabewohner berichteten von einem oder zwei Bewohnern, die vor ihrer Haustür angeschossen wurden, offizielle Bestätigungen gibt es nicht.

Zur Verstärkung wurden UPP-Polizisten aus den Favelas Pavão Pavãozinho und Cantagalo, Corôa, Fallet und Fogueteiro, Chapéu Mangueira, Babilônia und Vidigal eingesetzt, die zahlreiche Knotenpunkte und Zugänge absperrten, während die BOPE die Favela durchsuchten.

Update: Auch am Sonntag fanden wieder Schießereien statt.

Panzer für die Mini-Rekruten

Das Militär ist in den Favelasiedlungen des Complexo da Maré im Norden von Rio de Janeiro nicht gerade beliebt. Kurz vor der WM 2014 wurde das Maré vom Staat besetzt, schon damals zeichnete sich ab, dass das Gebiet eine der größten Herausforderungen unter den besetzen Favelas werden würde. Zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und Drogengangs gefährden immer wieder auch unbeteiligte Favelabewohner, mehrere Jugendliche wurden erschossen.

Mit Propagandamaterial versucht das Militär nun schon die jüngsten Favela-Kids positiver auf die Sicherheitskräfte einzustimmen – und den Grundstein für spätere Rekrutierungen zu legen. Wie die Community-Zeitung O Cidadão des Complexo da Maré berichtet, verteilen die Soldaten auf den Straßen des Maré Comic-Magazine für Kinder, “Recrutinha”.

In den Magazinen, die den in Brasilien populären “Monica”-Comics ähneln, erzählen Geschichten von den Abenteuern des Militärs. Auch ein Papier-Panzer zum Spielen ist beigelegt, zwischendrin Rekrutenwerbung. “Horror”, kommentiert eine Bewohnerin.

Foto: O Cidadão Comunicação Comunitaria

Panzer zum Spielen (Foto: O Cidadão Comunicação Comunitaria)

Heute bei den Netzpiloten

Heute erzählen wir den Netzpiloten im Interview, was wir in Brasilien machen, warum es eine echte Herausforderung ist, aus einer Favela zu berichten und wieso Auslandsjournalismus wichtig ist, der nicht nur zu Großereignissen stattfindet.

“Allein in Rio de Janeiro gibt es mehr als 1000 Favelas – und 1001 Klischees über diese Siedlungen. Viele denken bei Favelas nur an den Film “City of God”, an Drogengangs, brutale Gewalt, ständige Schießereien, korrupte Cops. Es gibt Brasilianer, die bis heute keinen Schritt in Favelas setzen würden und denken, alle Favelabewohner seien kriminell oder dumm und würden den ganzen Tag nur vor dem Fernseher sitzen.

Auf der anderen Seite spazieren manche Leute, oft Ausländer, ein bisschen naiv in Favelas hinein und denken, dass alles problemlos und entspannt ist – was auch nicht stimmt. Wir möchten dazu beitragen, dass das Bild ein bisschen vielfältiger wird – und verfolgen langfristig die Dynamik von Besetzungspolitik und Organisierter Kriminalität.”

Das ganze Interview bei den Netzpiloten.

 

 

Mega-Operation in der Rocinha

In der Favela Rocinha hat die Woche mit einer Mega-Operation begonnen: Militärhubschrauber dröhnten über der Favela, immer wieder kam es zu Schusswechseln in verschiedenen Gebieten der Favela. Die Gangs sollten besonders in “Brennpunkten” der Favela zurückgedrängt werden, in denen sie besonders präsent sind und Drogenverkaufsstellen betreiben, darunter in der Cachopa, im Valao, Rua 4, Roupa Suja und “unserem” Laboriaux.

Insgesamt 300 Sicherheitskräfte, darunter 100 Soldaten der Spezialeinheit BOPE, haben die Favela durchkämmt, um die Drogengangs zu bekämpfen, die gerade mit neuem Selbstbewusstsein um ihr Territorium kämpfen und immer wieder die Patrouillen der Befriedungspolizei UPP attackieren.

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Einige Schulen und Kindergärten wurden vorübergehend geschlossen, etwa 30 Lehrer trauten sich aufgrund der Schießereien nicht den Berg der Rocinha zu den Schulen hinauf. Auch der Busverkehr wurde unterbrochen. Auf Facebook zirkulierten Informationen, dass eine Jugendliche angeschossen wurde, von offizieller Seite wurde nichts bestätigt.

Mega-Operation im Complexo do Alemão

Ausnahmezustand im Complexo do Alemão, einem Favela-Komplex im Norden von Rio de Janeiro: Mehrere Tage Militärpräsenz mit Panzern, Razzien und Schießereien zwischen Soldaten, Polizei und Drogengangs, Ausgangssperre für die Bewohner, Helikopter kreisten über den Favelas des Complexo. Von Kugeln durchschlagene und durchlöcherte Häuserwände zeugen von den heftigen Auseinandersetzungen. Ein junger Mann, der zur Drogengang gehören soll, wurde getötet, ein Drogenboss festgenommen.

Gestern sollte die Operation beendet werden, Polizei und Bewohner hofften auf Ruhe – doch schon kurz nach unserem Videodreh, am Abend, beschossen sich Drogengang und Polizei erneut.

Polizeiskandal: Mord an dem Tänzer “DG”

Die Polizei in Rio ruiniert wiederholt ihren Ruf mit einem Skandal – aufgerollte Ermittlungen legen nahe, dass sie für den Tod von Douglas “DG” Rafael da Silva Pereira verantwortlich sind. Im April hatten Favelabewohner aus dem Pavão-Pavãozinho an der Straße vor der Favela protestiert, nachdem der junge “DG” tot aufgefunden worden war.

Seiner Mutter zufolge waren die Proteste damals ausgebrochen, weil die Favelabewohner verhindern wollten, dass der Körper des jungen Mannes ohne Spurensicherung abtransportiert wird. Die Favelabewohner werfen der Polizei vor, ihn getötet zu haben – und die Zweifel scheinen berechtigt.

Einem ersten forensischen Gutachten zufolge konnten die Ermittler keine Schusswunde entdecken. Auf Druck der Mutter und ihrer Unterstützer hin wurde die Leiche nun erneut von der Polícia Civil in Rio de Janeiro untersucht – die kamen zu einem anderen Fazit. Die Todesursache soll eine tödliche Kugel gewesen sein. Zwei der neun Polizisten trugen am Todestag von “DG” eine in Frage kommende Waffe, Kaliber .40, mit sich.

Zweifelhafte Beweise

Aussagen der Polizisten zufolge hatten sie sich eine Schießerei mit Mitgliedern einer Drogengang geliefert, die verschiedenen Versionen zufolge zwischen 30 Minuten und einer Stunde gedauert haben soll, “DG” soll dabei geflüchtet sein. Neben seiner Leiche wollen die Polizisten auch ein Walkie Talkie gefunden haben, die von Drogendealern in den Favelas oft benutzt werden. Mehrere Zeugen sprechen dagegen von in einem kurzem Zeitraum abgegebenen Schüssen, keiner Schießerei.

Die Mutter von “DG” glaubt, dass Polizisten ihren Sohn geplant gefoltert und exekutiert haben, weil er Ärger mit einem UPP-Befriedungspolizisten hatte. Sie hatte sich in den vergangenen zwei Monaten für eine Aufarbeitung des Falles eingesetzt.

Der Tod des jungen Mannes hatte im April ein internationales Medienecho ausgelöst – weil plötzlich Straßenbarrikaden in der Nähe der Strände, den Stadtvierteln Copacabana und Ipanema brannten und weil Douglas Rafael da Silva Pereira als Tänzer für eine TV-Show des größten brasilianischen Medienkonzerns “O Globo” gearbeitet hatte. Tragischerweise hatte der junge Mann auch in einem Kurzfilm mitgespielt, in dem er seinen eigenen Tod vorwegnimmt – der Film sollte gegen die Polizeigewalt in Rio und die Kriminalisierung von jungen Favelabewohnern protestieren. Nach dem Tod von “DG” protestierten auch Jugendliche aus anderen Favelas mit einer Kampagne in den sozialen Netzwerken gegen die tödliche Willkür. Ein Einzelfall ist der Tod von “DG” nicht.

300 neue Polizeiautos für die UPP

UPP: Jetzt schon etwas angeschlagen (Foto: BuzzingCities)

Ziemlich ramponiert: UPP-Einsatzwagen mit Einschusslöchern in der Favela Rocinha (Foto: BuzzingCities)

Die Befriedungspolizei UPP, die in den besetzen Favelas von Rio de Janeiro präsent ist, wird mit neuen Polizeiautos ausgerüstet. 300 mit Mobiltechnologie ausgestatteten Autos verstärken die Flotte der UPP, die bisher 567 Autos umfasste. Die neuen Einsatzautos sind außen und innen mit nachtsichtfähiger Kameratechnik ausgerüstet, GPS und Computersystemen.

Auch acht neue Panzer für den Einsatz in Favelas wurden zugekauft, die unter anderem von der Spezialeinheit Bopes bei der Besetzung von Favelas benutzt werden. Sie wurden speziell aufgerüstet, damit die Panzer blockierte Straßen räumen können – Drogengangs hatten in der Vergangenheit Straßen und Gassen mit Gegenständen gesperrt, um den Sicherheitskräften die Besetzung der Favelas zu erschweren.

“Wir sind dabei, die ganze Flotte der UPPs zu renovieren, die sehr schlecht war”, so Luiz Fernando Pezão, der Gouverneur von Rio de Janeiro. Tatsächlich sehen viele Autos der UPP ramponiert aus, sind eingedellt, teilweise voller Einschusslöcher, einige Autos wurden auch durch Steinwürfe demoliert.

Die UPP in Cidade de Deus wird 20 neue Autos erhalten, die Favela Rocinha 18 und das Complexo do Alemão 49. Sowohl in der Rocinha als auch im Complexo do Alemão kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen Polizei und Drogengangs, was den Bedarf an neuer Polizeiausrüstung erklärt. Die Region Grande Tijuca, in der die Favelas Borel, Formiga, Salgueiro, Macacos, Andaraí und Turano liegen, erhält 35 neue Autos.

“Das Filter”-Interview: „Politik, Polizei und Drogengangs sind miteinander verflochten“

Das Kulturmagazin “Das Filter” hat uns interviewt, über die Favelas, die Besetzung, und popkulturelle Trends, die aus der Favela kommen:

“Die WM in Brasilien ist im vollen Gange. Frenetische Fans und beste Samba-Laune markieren die hiesige Berichterstattung. Zwar wird ab und dann oberflächlich über Proteste abseits der Großveranstaltung berichtet, aber was passiert genau in den Favelas? Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl berichten live aus den noch immer von Drogengangs beherrschten Gebieten Brasiliens. Sie zeigen, dass Gewalt auch während des Turniers ein alltägliches Thema ist. Erst gestern starben bei blutigen Schießereien im Complexo do Alemão zwei Teenager und ein Polizist. Die großen Medien berichteten bisher nichts vom Tod der beiden Jungen. Wie die Stimmung in Brasilien wirklich ist und ob die Favelas durch mehr Polizeipräsenz wirklich sicherer geworden sind, erklären sie uns in diesem ausführlichen Interview. Sie zeigen aber auch, dass Favelas mehr sind als Drogen, Kampf und Gewalt. Denn, und das wissen nur wenige: Hier entstehen auch die wahren Trends der brasilianischen Popkultur.”

Das Filter

Complexo do Alemão: Frau von Polizei erschossen

Neue Proteste, wieder eine tote Frau: In Rio de Janeiros Favelas eskaliert täglich die Gewalt.

Proteste Alemao

In den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro trauern die Bewohner um eine Frau, die von einem Polizist erschossen wurde – und protestieren gegen die Polizeigewalt.

In den Favelas hatten sich Polizei und Drogengangs beschossen, die Frau wurde von einer verlorenen Kugel getroffen. Sie starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Nachbarin der Frau kritisiert auf Facebook, dass sich der Polizist, der die Frau getroffen hat, nicht um die Verletzte gekümmert hat.

Die Siedlungen des Complexo do Alemão waren erst vor kurzer Zeit zum zweiten Mal militärisch besetzt worden, weil die Konflikte zwischen Drogengangs und Polizei zunahmen. Die Bevölkerung misstraut der sogenannten Befriedungspolizei.