Krise, Korruption, Verfall: Die Geisterbahn der Favela

Erst Leuchtturmprojekt für die Megaevents, jetzt Mahnmahl für uneingelöste Versprechen: Die Seilbahn, die Favelabewohner und Touristen über die Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio transportieren sollte, steht seit Monaten still.

Eine moderne Gondelbahn für die Armenviertel von Rio de Janeiro: Der noch vor den Megaevents 2011 errichtete Teleferico sollte ein Zeichen des Wandels sein und die Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro verbinden. Bewohner konnten in kurzer Zeit über die riesige Favelasiedlung schweben, in den Seilbahnstationen fanden Kultur- und Sportevents statt, eine der Stationen beherberte sogar eine Bibliothek. Auch Touristen lockte die Attraktion rund um die Fußball-WM und Olympia in die abgelegenen Favelasiedlungen, die zuvor nur für Drogengangs, Armut und Gewalt bekannt waren.

Doch seit Herbst vergangenen Jahres steht die Gondelbahn still – und hat sich vom Zeichen des Aufbruchs in ein Mahnmal uneingelöster WM- und Olympia-Versprechen verwandelt. Die Mitarbeiter wurden entlassen, weil die Betreiberfirma sie nicht mehr bezahlen konnte. Rio de Janeiro ist pleite, die Krise trifft auch die Investitionen in die Favelas. Dazu kamen technische Probleme: Im September 2016 wurde ein “atypischer Verschleiß der Tragekabel” bekannt. Schon zuvor war die Gondelbahn immer wieder für einige Tage ausgefallen – aufgrund von Reparaturen, aber auch, wenn die Schießereien zwischen Drogengangs und Polizei im Complexo do Alemão zu gefährlich für Fahrgäste wurden.

2010 waren die von Drogengangs beherrschten Favelas des Complexo von Polizei und Militär besetzt worden. Die sogenannte UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) sollte den Frieden bringen, stattdessen haben die Gangs ihr Territorium zurückerobert, sie greifen Basen an, zum Teil trauten sich die Polizisten nicht mehr, ihre Quartiere zu verlassen. Vor einiger Zeit räumten Polizisten auch Wohnhäuser, um sie als Quartiere zu nutzen. Im Complexo finden immer wieder tagelang Schießereien statt, Bewohner geraten ins Kreuzfeuer.

Die Gondelbahn war zwar umstritten, weil einige Bewohner sie für weniger wichtig hielten als etwa eine immer noch fehlende Abwasserversorgung für die Favelas, doch sie wurde genutzt. Zuletzt fuhren täglich etwa 9000 Bewohner mit der Seilbahn. Während anfangs noch Tanz- und Kulturevents in den Seilbahnstationen organisiert wurden, wurde es zuletzt immer stiller in den Stationen. Die soziale Integration ist fehlgeschlagen.

Seilbahn im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

In Betrieb: Seilbahn im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

So ist die Seilbahn heute ein “Weißer Elefant”, eine Geisterbahn inmitten der Favelasiedlungen, eine Verschwendung öffentlicher Gelder. 253 Millionen Reais, etwa 75 Millionen Euro hatte das Bauwerk gekostet – zudem waren Bestechungsgelder geflossen. Die Seilbahn ist eines der im Kontext der Megaevents WM 2014 und Olympia 2016 errichteten Projekte, die vom brasilianischen Korruptionsskandal “Lava Jato” betroffen sind. Der Ex-Gouveneur Sergio Cabral, der jetzt im Gefängnis sitzt, hatte von den beteiligten Baufirmen auch für die Favela-Gondelbahn kassiert. 

Raul Santiago, einem Aktivisten aus dem Complexo do Alemão zufolge, könnten die leerstehenden Stationen der Gondelbahn möglicherweise zukünftig von der UPP als zusätzliche Basen genutzt werden. So wäre die Polizei alles was von der innovativen UPP-Strategie bleibt, die neben Polizeipräsenz auch soziale Investition und Wandel durch Kultur beinhalten sollte.

“Jung & Naiv” über Favelas, Drogenkrieg und Sicherheit in Rio: Interview mit Tilo Jung

Tilo Jung hat uns während der Olympischen Spiele in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro besucht und interviewt – jetzt ist das ganze Favela-Interview online zu sehen.

“Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl leben seit Jahren in Rios Favelas und berichten von dort. Die deutschen Journalistinnen interessieren sich für das Leben in den brasilianischen Armutsvierteln, wo sie mikroskopisch beobachten, wie Sicherheitsprozesse und Polizeiarbeit funktionieren bzw. nicht funktionieren, wie Kriminalität entsteht und sich entwickelt.

Tilo trifft die beiden Reporterinnen in Rocinha, der größten Favela Südamerikas mit mehr als 300.000 Bewohnern und will von Julia & Sonja wissen: Was ist überhaupt eine Favela? Zahlen die Menschen Miete oder lebt jeder, wie er oder sie will? Gibt es Schulen, Strom, Müllabfuhr und eine Wasserversorgung? Warum leben die beiden in einem offenbar so gefährlichen Viertel? Welche Macht haben die Drogengangs? Kennt man die Drogenbosse? Was heißt das, wenn die Polizei eine Favela besetzt? Ist das eine Invasion? Haben Favelas ihre eigenen Regeln und Gesetze? Warum ziehen Menschen aus ganz Brasilien überhaupt eine Favela?”

Rio 2016 on Periscope: Live aus dem Complexo do Alemão

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Seilbahn im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Complexo do Alemão (Credits: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Disziplin: Schießen. Ziele: Autos, Häuser, Stromkasten. Im Complexo do Alemão im Norden von Rio ist die Olympiazeit von Konflikten und Gewalt geprägt. Jeden Tag kommt es zu Konflikten zwischen Gangs und Sicherheitskräften, mehrere Menschen sind in den vergangenen Tagen angeschossen worden. Wir streamen heute live aus dem Complexo. FF on Periscope.

Blackyva: Black Diva aus der Favela

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Schwarz, aus dem Armenviertel und transsexuell: Performance-Künstlerin „Blackyva“ aus Rio de Janeiro bringt die Zerrissenheit Brasiliens auf die Bühne. Für die Wochenendausgabe der Mittelbayerischen Zeitung hat Julia die Künstlerin portraitiert.

Kinder fangen bei ihrem Anblick an zu weinen, vor kurzem hat sie an einer Schule eine Performance vorgeführt, die Jugendlichen waren schockiert. „Wenn ich mit dem blauen Auge auf der Straße herumlaufe, erschrecken sich die Leute“, sagt Blackyva. „Es symbolisiert die alltägliche Gewalt, die ich ertragen muss, und die auch meine Mutter erlitten hat“ – Gewalt in der Familie, dazu noch dreifache Diskriminierung. Denn Blackyva ist schwarz, transsexuell, lebt in einer Favela, der Rocinha, dem größten Armenviertel von Rio de Janeiro. Das blaue Auge hat sie kämpferisch zu ihrem Markenzeichen gemacht. Heute nur noch mit Make-up.

Blackyva_Rocinha

Die 22-Jährige will Menschen schockieren, damit sie beginnen, die Dinge in Frage zu stellen. In ihren Performances verarbeitet sie eigene Probleme und Konflikte, in den persönlichen Erfahrungen spiegeln sich aber auch die großen sozialen Herausforderungen, die Brasilien bewältigen muss: die massive Einkommensschere, Rassismus, Diskriminierung, Gewalt, die Schwierigkeit, als junger, schwarzer, armer Brasilianer zu sich selbst zu finden – und zu einer Stimme.

Blackyva: Favela Rising (Foto: BuzzingCities Lab)

Blackyva (All Photo Credits: BuzzingCities)

Polizisten als Spiderman

Wie Spiderman kleben zwei Militärpolizisten in einer Favela in Rio de Janeiro an der Häuserwand. Favelabewohner haben das Foto veröffentlicht und beschweren sich darüber, wie die Sicherheitskräfte in die Privatsphäre eindringen. Wenn die Polizei Häuser als Deckung oder als Aussichtsposten nutzen, kann das aber vor allem bei Schusswechseln mit Drogengangs wirklich gefährlich werden – immer wieder schlagen Querschläger durch die dünnen Ziegelwände in Häuser ein.

Screenshot: Facebook

Polizei erschießt 10-Jährigen im Complexo do Alemão

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Vier Tote innerhalb von 24 Stunden, das jüngste Opfer war erst 10 Jahre alt: Bei den anhaltenden Polizei- und Militäroperationen im Complexo do Alemão wurde zuletzt ein kleiner Junge getötet. Eduardo Ferreira Calei wurde erschossen, während er vor dem Haus seiner Eltern im Beco da Sabino im Complexo do Alemão spielte.

Videos des blutigen Körpers des Jungen zirkulieren seit gestern durch die Netzwerke, die Anwohner beschuldigen die Polizei, dass sie den Jungen aus geringer Entfernung erschossen haben. Die Waffen der mutmaßlich beteiligten Polizisten wurden bereits zur Untersuchung konfisziert.

Auf Twitter und Facebook sorgten falsche Informationen über die Identität des getöteten Jungen für Verwirrung. Ein mutmaßlicher Polizist hat auf seinem Facebook-Profil ein Fotos eines Jungen mit Sturmgewehr gepostet und ihn als “menschlichen Müll” bezeichnet – es handelte sich aber nicht um das Kind aus dem Complexo do Alemão, bei dem keinerlei Verbindung zum Drogenhandel bekannt ist. Auch unterschiedliche Fotos des Jungen und verschiedene Namen zirkulierten online.

Anwohner organisierten sich trotz Polizeioperation zu einem kurzen Protest gegen die Gewalt im Complexo do Alemão und hielten auch eine Mahnwache für den toten Jungen ab. Online machen sie mit den Hashtags #GuerraNoAlemão und #SOSCOMPLEXODOALEMAO auf den urbanen Krieg aufmerksam, der in den Favelas des Alemão gerade stattfindet.

Mahnwache für den Jungen (Foto: Kinho Buttered)

Mahnwache für den Jungen (Foto: Kinho Buttered)