Drogenkrieg in der Rocinha: Cachorrão, rechte Hand von Rogério 157 verhaftet

Die Polizei hat eine der Schlüsselfiguren im Drogenkrieg in der Favela Rocinha festgenommen: Alberto Ribeiro Sant’anna alias “Cachorrão” wurde in der Favela Morro do Fogueteiro in Santa Teresa gefasst.

Rio2017_Drogenkrieg_Titel

Cachorrão auf dem Titelbild von “Meia Hora” (Foto: BuzzingCities Lab)

Auf den flüchtigen Kriminellen war ein Kopfgeld ausgesetzt, auch seine Frau wurde festgenommen. Der 35-Jährige gilt als rechte Hand von Rogério 157, dem Drogenboss, der den eigentlichen Chef der Rocinha – Nem – ablösen wollte. Nem koordiniert den Drogenhandel in der Favela aus dem Gefängnis heraus.

Rogério 157 war eingesetzt worden, um die Geschäfte der Gang vor Ort zu managen – handelte aber immer eigenmächtiger. Nem erteilte seiner ehemaligen rechten Hand daraufhin einen Platzverweis. Mittlerweile hat Rogerio 157 die Gang gewechselt, eine Kriegserklärung gegenüber dem ehemaligen Boss.

21768995_1136536753143625_2687256951107105037_o

Militär in der Rocinha (Foto: Bruno Itan)

Seit September erschüttert nun ein brutaler Krieg um die Herrschaft Rio de Janeiros größte Favela. Die Konflikte zwischen den verfeindeten Lagern führten in den vergangenen zwei Monaten zu stundenlangen Schießereien, zudem versuchen beide Fraktionen gezielt Mitglieder der rivalisierenden Gruppe auszuschalten, mehrere Gangmitglieder wurden ermordet. Aufgrund der Auseinandersetzungen rückte im September auch das Militär zeitweise in die Favela ein, um die Situation in den Griff zu bekommen. Rogério 157 befindet sich derzeit auf der Flucht.

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)

Advertisements

Tägliche Schüsse: “Dort, wo es knallt”

Seit einigen Wochen kommt es in der Rocinha immer wieder zu Schusswechseln, doch so nah wie heute waren die Schüsse hier oben noch nie. Zwei Dächer von unserem Haus entfernt tauchte sogar auf einmal ein Polizist auf der Terrasse auf. Ein anderer Polizist wurde O Globo zufolge wurde bei den heftigen Schießereien angeschossen und schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht, auch zwei Anwohner wurden angeschossen.

Schusswechsel, Polizeisirenengeheul, Geräusche von Verfolgungsjagden durch die Favela – seit Montag vergangener Woche wird die Rocinha fast täglich zum Schauplatz von Schießereien – zwischen den rivalisierenden Fraktionen der Drogengang “Amigos dos Amigos” (ADA), den UPP-Polizisten (Unidade de Polícia Pacificadora) und den Polizisten der Schocktruppe (Batalhão de Choque).

  • Am Montag sowie Dienstag fanden Schießereien statt.
  • Am vergangenen Mittwoch war es während des Fußballspiels um den brasilianischen Meister zu einer Schießerei gekommen, die Lage beruhigte sich dann aber relativ schnell – Bewohnern zufolge soll es sich um einen Schusswechsel zwischen Gangmitgliedern gehandelt haben, die gerade intern um die Macht ringen.
  • Am Donnerstagmorgen hatten deshalb bereits mehr UPP-Polizisten als sonst in der Rocinha patroulliert, nachmittags war eine Kolonne von sieben schwarzen, gepanzerten Wagen der Schocktruppe Batalhão do Choque durch die Favela gerollt – mit dem Einsatz wollten die staatlichen Sicherheitskräfte Präsenz zeigen. Um Mitternacht herum kam es erneut zu ausgedehnten Schießereien – eine Patrouille war im Beco do Máscara, in der Rua 3 von Gangmitgliedern überrascht worden, ein Polizist wurde dabei in Gesicht und Hände geschossen.
  • Freitag ebenso.
  • Inzwischen finden die Schießereien auch tagsüber statt – etwa am Montag, gegen 10 Uhr und 17 Uhr.
  • Gestern gab es Schießereien während des heftigen Gewitters – “Es regnet Kugeln”, oder “Kugelregen”, so die Zustandsbeschreibung in den sozialen Netzwerken.
  • Heute, in der Nacht des 6. Dezember erneut (siehe oben). Ein Polizist und zwei Bewohner angeschossen.
  • Nachtrag: Hatten uns gerade (7. Dezember, 8:45 am) über einen ruhigen Morgen gefreut, als wieder minutenlang Schüsse krachen. Jetzt Polizeiauto-Geräusche unten am Berg. Auf die Frage, wo in der Rocinha sie wohnen würden, antworten einige Favelabewohner über Facebook schon “Vietnam” oder “Dort, wo es knallt”.

Man wartet schon fast auf die täglichen Schießereien. Die Auseinandersetzungen scheinen immer heftiger zu werden, trotz – oder teils auch gerade wegen – extrem hoher Polizeipräsenz. Ein Einwohner kommentierte kürzlich, die Rocinha sei “gesetzloses Gebiet”, vor allem im oberen Teil der Favela patrouilliere die Polizei kaum.

Jugendliche aus der Rocinha überfallen

Sie wurden wohl für Spione gehalten: Drei Jugendliche aus der Rocinha wurden gestern von Drogendealern einer rivalisierenden Fraktion angehalten, zusammengeschlagen, ein Mädchen vergewaltigt.

 

Ein 18-Jähriger, ein 16-Jähriger und ein 14-jähriges Mädchen wollten sich in der Favela Morro do Banco in Barra da Tijuca nach eigenen Angaben gerade Wasser holen, als sie von fünf Drogendealern gestoppt wurden. Da die Jugendlichen aus der Favela Rocinha kommen, die von den “Amigos dos Amigos” (ADA) beherrscht wird, und die Drogendealer einer anderen Fraktion angehörten, begannen diese, die Jugendlichen zu beschimpfen, mit dem Tod zu bedrohen.

Sie schlugen die Jugendlichen zusammen, brachen dem 16-Jährigen dabei beide Arme und vergewaltigten das 14-jährige Mädchen, das im zweiten Monat schwanger war, vor den Augen der anderen. Es gelang den Jugendlichen, zu entkommen – der 16-Jährige konnte flüchten, stieg in einen Bus, als Polizisten zustiegen, erzählte er ihnen, was passiert war, so dass sie die beiden anderen Jugendlichen suchen konnten.

Die Jugendlichen aus der Rocinha waren vor zwei Monaten mit zwei weiteren Freunden in ein Haus in der Favela Morro do Banco gezogen – bisher hätten sie keine Probleme dort gehabt, es sei ruhig gewesen. Polizeiangaben zufolge sollen die Drogendealer, die die Jugendlichen angegriffen haben, eigentlich aus dem Complexo do Lins stammen – und nach der Besetzung der Favelasiedlungen durch die Polizei vor kurzem in die Favela Morro do Banco geflüchtet sein. Wenn Favelas von Militär und Polizei eingenommen werden, migrieren Kriminelle teilweise und lassen sich in anderen Favelas nieder – so verwandeln sich manchmal bisher ruhige Favelas, in denen es noch keine Polizeipräsenz gibt, in neue Brennpunkte des Drogenkriegs.

Drogenkrieg in der Rocinha

In der Rocinha läuft der Drogenhandel weiter, obwohl die Befriedungspolizei (UPP) in der Favela präsent ist und der Boss “Nem” 2011 verhaftet wurde – eine Polizeioperation am Wochenende hat zu mehr als 30 Festnahmen geführt und will ein “Blutbad” verhindert haben.

Antônio Francisco Bonfim Lopes, von allen nur “Nem” genannt, wurde im November 2011 festgenommen, als er versuchte im Kofferraum eines Autos versteckt aus der Rocinha zu flüchten – doch der Drogenboss der Rocinha, der der Gang “Amigos dos Amigos” angehört, wurde bei einer Polizeikontrolle entdeckt und verhaftet. Jetzt steuert er die Geschäfte vom Gefängnis aus.

Der Drogenhandel in der Rocinha läuft weiter, obwohl Polizisten der Befriedungspolizei (UPP) seit der Besetzung der Rocinha Ende 2011 dauerhaft in der Favela stationiert sind. Am Samstag gegen 22.00 Uhr drangen nun 300 Polizisten und UPPs im Rahmen der Operation “Paz Armada” in die Rocinha ein, um 58 Verdächtige festzunehmen. Der Polizei zufolge waren die am Drogenhandel beteiligten Zielpersonen durch telefonische Überwachung und das Monitoring sozialer Netzwerke identifiziert worden – zudem sollte mit der Operation ein “Blutbad” innerhalb der Rocinha verhindert werden. Continue reading