Baby im Mutterbauch angeschossen

Opfer noch vor der Geburt: In der Favela do Lixão Duque de Caxias wurde ein Baby im Mutterbauch von Kugeln getroffen. 

Die im neunten Monat schwangere Claudinéia dos Santos Melo war auf dem Weg zum Markt, als sie angeschossen wurde. Polizisten brachten sie ins Krankenhaus, das Baby wurde per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Dabei stellten die Ärzte fest, dass zwei Kugeln die Plazenta durchschlagen und auch das ungeborene Kind verletzt hatten.

Die Lungen wurden von den Schüssen verletzt, das Kind erlitt auch Läsionen an Brustwirbeln und eine Lähmung der unteren Gliedmaßen, vermutlich wird es aber wieder die Beine bewegen und laufen können. Die Ärzte bezeichneten es als “Wunder”, dass das Kind gerettet werden konnte. Zustand von Mutter und Kind sind ernst, beide befinden sich noch im Krankenhaus, das Baby wird künstlich beatmet und ernährt.

Es ist ein Extremfall der alltäglichen Gewalt. Immer wieder werden Kinder zu Opfern im Drogenkrieg. Die 10-jährige Vanessa Vitória dos Santos wurde vor kurzem in Lins de Vasconcelo in der Nordzone von Rio mit einem Kopfschuss getötet.

Schusswechsel stören auch immer wieder den Unterricht. Erst vor kurzem fiel der Unterricht für 1500 Kinder in Rio aufgrund von Schießereien aus. Der Schulweg wird zum tödlichen Risiko, der gewaltbedingte Unterrichtsausfall beeinflusst langfristig die Leistungen der Kinder aus Favelas. Viele erleiden Traumata, die in den seltensten Fällen behandelt werden.

Nachtrag vom 30.Juli 2017:
Nach einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustands ist das Baby in einem Krankenhaus in Rio am 30. Juli verstorben.

 

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Polizei-Legende Marina Magessi: Das letzte Interview

Eine Frau, die Brasiliens größte Drogenbosse jagte: Marina Magessi war Rio de Janeiros bekannteste Fahnderin. Vor kurzem haben wir noch ein Interview mit der Polizei-Legende geführt, jetzt ist sie mit 58 Jahren gestorben.

Eine Frau, die sich in der Machowelt durchsetzen konnte: Als Marina Magessi bei der brasilianischen Polizei anfing, war es noch ein ungewöhnlicher Anblick, dass sich eine Frau in die Abgründe der Sicherheitspolitik und die Brennpunkte von Rio wagte. Magessi stieg zur anerkannten Sicherheitsexpertin auf, war die erste Chefermittlerin der Zivilpolizei Rios und mehrere Jahre lang als Abgeordnete politisch aktiv. Mit ihrem Team gelangen ihr Festnahmen von kriminellen Schwergewichten wie Ernaldo Pinto de Medeiros, Uê oder Robertinho de Lucas.

Magessi war legendär, anerkannt, aber auch umstritten: Gegen sie wurde aufgrund möglicher Verbindungen zu Milizen ermittelt. Vor kurzem haben wir Marina Magessi für unseren Dokumentarfilm lange interviewt.

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Magessi rauchte eine Zigarette nach der anderen und erzählte mit ihrer markanten, tiefen Stimme und mit beißendem Humor von ihren Jahrzehnten bei der brasilianischen Polizei, Organisierter Kriminalität in Rio, Fahndungserfolgen, Korruption, dem schwer zu durchbrechendem Kreislauf der Kriminalität in Rios Favelas und ihren Zukunftsplänen.

Magessi, 58, dachte darüber nach selbst wieder aktiv zu werden und eine NGO zu gründen, um im Dialog mit Sicherheitskräften, Kriminellen und Favelabewohnern Lösungen für die exzessive Gewalt in Rio de Janeiro zu finden.

Dazu kam es nun nicht mehr.

re:publica17: Wired Drug War

Drohnen für Drogentransporte, soziale Netzwerke als Schauplatz im Drogenkrieg: Bei der größten Digitalkonferenz Europas re:publica haben wir einen Vortrag über den “Wired Drug War” gehalten – und wie Gangs und Kartelle Internet und High Tech nutzen.

Wie verändert Technologie den Drogenkrieg? Welche Plattformen und welche Technologien werden von kriminellen Organisationen genutzt? Wie kann man prüfen, ob hinter Social Media-Profilen tatsächlich Kriminelle stecken? Wie bewege ich mich sicher im Netz und erstelle mir ein unauffälliges Fake-Profil für die Recherche? Welche Tools eignen sich zur Visualisierung von Netzwerken und Recherchen?

Machtmissbrauch in Rio: Polizisten schüchtern filmenden Passanten ein

Ein Passant filmt den Polizeieinsatz nach einem Banküberfall in Rio de Janeiro. Ein Polizist, der das Handy sieht, schüchtert den Filmenden mit einer dreisten Lüge ein.

“Kennst du nicht das neue Gesetz? Wir dürfen die Handys von Filmenden als Beweismaterial mitnehmen.”

Der Passant kontert daraufhin: “Dieses Gesetz gibt es nicht” und filmt weiter. Ein anderer Polizist kommt hinzu und bestärkt die Aussage seines Kollegen mit dem Ziel, den Filmenden einzuschüchtern und das Handy zu erhalten. Der zweite Polizist behauptet, die Polizei dürfe das Handy sechs Monate lang behalten. Doch der Augenzeuge lässt sich nicht irritieren und macht das Video später publik.

Gefilmter Polizist (Screenshot G1)

Gefilmter Polizist (Screenshot G1)

Die Vereinigung der Anwälte Brasiliens sagt, dass jedoch nur die Zivilpolizei (Anmerkung: die Polizei, die in Brasilien nach einem Vorfall die Untersuchungen übernimmt) entscheiden kann, was zu den Beweismitteln zählt und was nicht. Ein Militärpolizist hat nicht das Recht dazu, Menschen am Filmen von öffentlichen Bereichen zu hindern.

Beispiel Olympia 2016

Doch immer wieder versuchen Polizisten ohne rechtliche Grundlage Smartphones zu beschlagnahmen oder Filmende zu zwingen, Aufnahmen zu löschen.

Als wir im Sommer 2016 eine große Gruppe Polizisten mit dem Handy fotografieren, wie sie anstatt zu arbeiten, als gesamte Truppe eine Zeitlang in einer Fastfoodfiliale sitzt und an den Handys spielt, kommen erst zwei, dann immer mehr Polizisten auf uns zu und befehlen uns das Handy herauszugeben und die Bilder zu löschen.

Als wir uns darauf nicht einlassen wird der Ton härter, sie umkreisen uns, hindern uns am Gehen. Nachdem wir uns durch die Gruppe drängen, entkommen wir der Situation.

Immer wieder wurde die Polizei in Rio kritisiert, dass sie einen Großteil ihrer Zeit an ihren Handys “verspielen” würden, anstatt tatsächlich ihren Dienst zu erfüllen.

Brutales Vorgehen der Polizei: Mädchen schämt sich für entstelltes Gesicht

Brasiliens Polizei ist eine der brutalsten weltweit und schreckt bei Protesten nicht vor Gewalt zurück. Bei einem Räumungseinsatz schossen Sicherheitskräfte einer 14-Jährigen aus anderthalb Metern Entfernung mit Gummigkugeln ins Gesicht – das Mädchen verlor sechs Zähne und musste operiert werden.

Bei dem Einsatz in Minas Gerais hatte eine Gruppe von Anwohnern, Aktivisten und Menschenrechtlern gegen die Räumung eines besetzten Gebietes protestiert. Zahlreiche Familien der linken Bewegung “Movimento de Luta nos Bairros, Vilas e Favelas” hatten die Gegend Tage zuvor für sich eingenommen und dort ihre Zelte aufgebaut.

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Polizei schießt Mädchen mit Gummikugeln ins Gesicht (Screenshot Video MLB auf facebook)

Ein Video zeigt: Menschenrechtler sprechen sich am Tag der Räumung gegen das gewaltsame Vorgehen der Polizei aus und bitten um Verständnis und Rücksicht. Doch die Sicherheitskräfte rücken in die besetzen Häuser und Zelte vor. Weil die anwesenden Menschen weiter protestieren, greifen die Polizisten zu härteren Maßnahmen, schlagen und schießen mit Gummigeschossen auf die Gruppe.

Das 14-jährige Mädchen Gabriela wird aus nur anderthalb Metern getroffen. Sie hatte lautstark gegen die Räumung protestiert. “Ich schäme mich für mein entstelltes Gesicht”, sagt sie der Folha de São Paulo. Doch sie sei auch froh, denn hätte die Kugel sie weiter oben getroffen, wäre sie blind, weiter unten, vielleicht tot. Gabriela lebt selbst in einer besetzten Siedlung und engagiert sich seit langem für die Belange der Menschen ohne festen Wohnsitz.

"Ich schäme mich für mein Aussehen", sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

“Ich schäme mich für mein Aussehen”, sagt das Mädchen (Screenshot Folha de São Paulo)

Die Polizei geht bei den Räumungen oftmals brutal und gewalttätig vor – in diesem Fall lautet das Statement der Polizei, Gabriela hätte mit Steinen geworfen und sei daraufhin bei dem notwendigem Einsatz verletzt worden.

re:publica 2017: Wired Drug War

Nächste Woche sind wir bei der größten Digitalkonferenz Europas, der re:publica und halten einen Vortrag über den “Wired Drug War”. Denn auch das Internet ist längst Schauplatz des Drogenkriegs.

Wie verändert Technologie den Drogenkrieg? Welche Plattformen und welche Technologien werden von kriminellen Organisationen genutzt? Wie kann man prüfen, ob hinter Social Media-Profilen tatsächlich Kriminelle stecken? Wie bewege ich mich sicher im Netz und erstelle mir ein unauffälliges Fake-Profil für die Recherche? Welche Tools eignen sich zur Visualisierung von Netzwerken und Recherchen? Unser Talk am kommenden Dienstag. 

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O Som da Guerra: Der Klang des Krieges

Minutenlange Salven, erschreckender Sound aus einem Kriegsgebiet: Syrien? Bürgerkrieg in Afrika? Brasilianer, die die Kriegsszenen hören, denken an weit entfernte Regionen, Konfliktgebiete eben. Stattdessen sind es alltägliche Geräusche aus dem Complexo do Alemao.

In dem Favela-Komplex im Norden von Rio de Janeiro eskalieren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Drogengangs. Aufgenommen haben die Szenen Favelareporter der Favela-Zeitung “Voz da Comunidade”.

Hier zeigen unsere Kollegen ihr Sound-Experiment und die Reaktionen, die offenbaren, wie fremd den Bewohnern Rios außerhalb der Favelas die Gewalt ist und die zum ersten Mal in ihrem Leben vom urbanen Krieg hören.