Militärbesetzung: Panzer in der Rocinha

Seit fast einer Woche tobt der Konflikt zwischen den rivalisierenden Gangfraktionen in der Rocinha. Jetzt ist das Militär mit Panzern in die Favela eingerollt, um den Drogenkrieg zu unterbinden. Bewohner fürchten, dass die Lage durch die Truppen noch mehr eskaliert.

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Bewohner im Kreuzfeuer (Foto: Bruno Itan)

Die Bewohner sind in ihren Häusern gefangen. Helikopter kreisen über der Favela, Militärtruppen stürmen mit Gewehren im Anschlag durch die engen Gassen, Panzer rollen auf der Hauptstraße entlang.

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Die Hauptstrasse hatten die Gangs zuvor noch mit brennenden Möbeln und Müll verbarrikadiert – ähnlich wie im November 2011, als die Rocinha vom Militär besetzt wurde, um die Drogenbanden zu vertreiben und der Befriedungspolizei UPP den Weg zu ebnen.

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Panzer, die die Hauptstraße hinauf rollen – wie bei der Besetzung 2011 (Foto: Bruno Itan)

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Die Zeiten der UPP sind vorbei: Die Gangs können trotz mittlerweile stark reduzierter Polizeipräsenz in der Favela ungestört operieren: Auch als sich die rivalisierenden Gangmitglieder in den letzten Tagen bekriegten, griffen die Polizisten kaum ein.

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Die Rocinha sei “ein Patient auf der Intensivstation”, sagte Verteidigungsminister Raul Jungmann der brasilianischen Zeitung O Globo zufolge. Fast 1000 Soldaten werden innerhalb und in der Nähe der Favelaeingänge stationiert.

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Leben mit Militärpräsenz (Foto: Bruno Itan)

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Interner Machtkampf: Bandenkrieg in der Rocinha

Exekutionen, verbrannte Leichen, stundenlange Schießereien: In der Rocinha ist ein Kampf um die Rangordnung innerhalb der Gang entbrannt, die Rios größte Favela beherrscht.

Schießereien zwischen Polizei und Drogengang sind in der Rocinha Alltag. Doch der Drogenkrieg, der sich am Sonntag ereignet hat, besitzt eine andere Dimension: Etwa fünf Stunden lang dauerte die Fehde um die Rocinha, ein bewaffnetes Killerkommando griff andere Kriminelle an – dann kamen auch Polizisten und Militärs hinzu.

Es ist ein interner Kampf um die Reihenfolge in der Bande in Gang, die Rio de Janeiros größte Favela beherrscht. Nem, der eigentliche Boss der Gang, gibt seine Kommandos aus dem Gefängnis, Rogerio, der amtierende Chef in der Favela, hat seinen Machtanspruch in den vergangenen Monaten ausgebaut – und macht Nem seinen Posten streitig. Am Sonntag zeigte sich, wie die Bewohner ins Kreuzfeuer geraten, wenn eine Gang zersplittert. Die Kriminellen legten die Stromnetze in ganzen Vierteln lahm, Wassertanks auf den Dächern wurden angeschossen und leckten, Autos und Häuserwände wurden von Kugeln durchlöchert.

Kriminelle kaperten auch Autos von Bewohnern, griffen Polizeibeamte an und lieferten sich heftige Gefechte. Zwei Verletzte wurden gefunden, einen weiteren Verletzten oder Toten konnte die Polizei nicht bergen. Berichte von Bewohnern zufolge sollen sogar mindestens fünf Kriminelle getötet worden sein.

Die Favela hat ihre eigene Art, Leichen zu entsorgen. Ein Video zeigt etwa, wie eine Leiche in einer Gasse der Favela verbrannt wird. Am 13. August hatte der Drogenchef der Rocinha, Rógerio, von Gerüchten erfahren, dass einer seiner Vertrauten überlaufen und ihn entmachten will – daraufhin ließ er drei seiner Verbündeten exekutieren.

Die Gewalt ist nicht nur eine Episode: Wenn die Gang ihren Streit nicht auf anderem Weg verhandeln kann, steht der Rocinha in nächster Zeit ein brutaler Bandenkrieg bevor.

Drogenkrieg statt Frieden: Das Ende der UPP

Gescheitertes Experiment: Rios Friedenspolizei sollte in den Favelas von Rio de Janeiro eine neue Ära einläuten. Jetzt, nach dem Ende der Spiele, wird die Polizeieinheit, die den Frieden bringen sollte, schrittweise abgebaut. 

Die UPP sollte die neue Polizei verkörpern, eine Polizei der Nähe: mit hellblauen, leichten Uniformen, ohne schwere Waffen. Sie sollten Dienstleister für die vernachlässigten Commmunities sein, auch als Sozialarbeiter, als verlängerter Arm des Staates in Rios Favelas präsent sein. Doch die Unidades de Polícia Pacificadoras (UPP) werden stattdessen immer weiter ausgehöhlt.

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Von Hoffnung auf eine Zeitenwende bis zur völligen Desillusionierung: Die Etablierung und die Erosion der UPP war ein langer Prozess, den wir in den vergangenen Jahren mit Projekten wie BuzzingCities.com, unserem Livestreaming-Projekt Rio Hardcore sowie mit Dokumentarfilmen und Print- und TV-Beiträgen für deutsche Medien begleitet haben. Von dem ursprünglichen Konzept, Sicherheit und soziale Investitionen zu vereinen, um die vernachlässigten Favelas enger an den Rest der Stadt anzuschließen und die Macht der Drogengangs zu brechen, bleibt nicht viel übrig. weite Teile der Investitionen versickerten, auch in Korruptionsskandalen, der soziale Teil wurde massiv zusammengestrichen, viele Projekte wurden an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei geplant. Auch in der UPP gab es immer wieder Probleme mit mangelnder Ausrüstung, Stress, Polizeigewalt gegen Bürger, getöteten Polizisten sowie Korruption.

Doch anstatt die Probleme mit einer sinnvollen Strategieanpassung – und mehr Ressourcen – anzugehen, wird die Truppe nun, nach dem Ende der Spiele, umso mehr geschwächt. 3000 Mann der Befriedungspolizei (UPP) sollen jetzt in die Militärpolizei eingegliedert werden und an anderen Brennpunkten außerhalb der UPP-Favelas aushelfen – weil es gerade an zu vielen Ecken der Stadt gleichzeitig brennt. Die UPP – deren Grundidee darin bestand, einen neuen Typus von Polizei darzustellen – wieder mit der Militärpolizei zu vereinen, ist ein Schritt zurück, vielleicht sogar bereits das Ende der UPP.

“Es wird nicht mehr Nähe geben, sondern mehr militärische Operationen”, kritisierte Robson Rodrigues, Ex-Kommandant der UPP, in einem Interview. Rodrigues, den wir in den vergangenen Jahren mehrfach für unseren Dokumentarfilm interviewt haben, hatte immer wieder vor einem falschen Konfrontationskurs der UPP gewarnt, der eskalierenden Gewalt und gravierenden Planungsfehlern.

Mit der Verstärkung der regulären Militärpolizei und mehr Abzug von UPPlern bleibt nur noch ein Rest von Polizisten in den Favelas, die wohl nur noch den Schein wahren. “Wir beenden eines der revolutionärsten Programme der öffentlichen Sicherheit auf der ganzen Welt, eine klare Alternative zum Drogenkrieg – um zur brutalen Gewalt zurückzukehren”, so Rodrigues.

re:publica 2017: Wired Drug War

Nächste Woche sind wir bei der größten Digitalkonferenz Europas, der re:publica und halten einen Vortrag über den “Wired Drug War”. Denn auch das Internet ist längst Schauplatz des Drogenkriegs.

Wie verändert Technologie den Drogenkrieg? Welche Plattformen und welche Technologien werden von kriminellen Organisationen genutzt? Wie kann man prüfen, ob hinter Social Media-Profilen tatsächlich Kriminelle stecken? Wie bewege ich mich sicher im Netz und erstelle mir ein unauffälliges Fake-Profil für die Recherche? Welche Tools eignen sich zur Visualisierung von Netzwerken und Recherchen? Unser Talk am kommenden Dienstag. 

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Livestreaming bei Räumung: Favelareporter festgenommen

Die beiden Favelareporter Rene Silva, Chefredakteur der Favela-Plattform “Voz da Comunidade”, und Renato Moura, Fotograf, sind bei einer Räumung festgenommen worden. Die beiden hatten mit Livestreaming berichtet. 

Räumung der Favela

In der Favelinha da Skol im Complexo do Alemão im Norden von Rio hatten Bewohner versucht, eine bereits geräumte Siedlung neu zu besetzen – aus Unzufriedenheit darüber, dass die Regierung das Versprechen auf neuen Wohnraum seit Jahren nicht eingelöst hatte. Bei der erneuten Räumung durch die Polizei gingen die Polizisten offenbar auch mit Pfefferspray gegen die Favelabewohner vor.

Die beiden Favelareporter Rene Silva und Renato Moura interviewten die Anwohner – und streamten und filmten mit ihren Smartphones. Sie wurden von der Polizei aufgefordert aufzuhören und das Gelände zu verlassen. Als sie sich weigerten, wurden sie von den Polizisten festgenommen, ihren wurde Widerstand gegen die Beamten vorgeworfen.

Während Rene Silva bereits von einem Polizisten festgehalten wurde, sprühte ihm ein zweiter Polizist Pfefferspray ins Gesicht, sagt er. “Wir hätten nicht gedacht, dass das passieren könnte.” Inzwischen wurden die beiden wieder freigelassen.

RIO HARDCORE: 24 Hrs live from Rio 2016

RIO HARDCORE: 24 Hours live from Rio 2016 – Live from the Olympics, the Protests, Rio`s Favelas & Beaches, The Outskirts. A lot of Rio Voices. What moves Rio? What stays from the Olympics? What will happen after the Games?

A journey across Rio de Janeiro, on the Final Day of the Olympics. Follow @_jaroschewski on Periscope, come with us – and send us your own Video message from Rio for a crowdsourced mosaic of Rio 2016.

Periscope: @_Jaroschewski
Facebook: RioHardcore2016

Olympia-Countdown in Rio de Janeiro: Wir begleiten die letzten Stunden des sportlichen Megaevents live und streamen 24 Stunden lang von Sportschauplätzen, abseits der Stadien, aus Rios Favelas und von anderen Orten — und interviewen Cariocas, Touristen, Experten und Sportler, was sie bewegt hat in den vergangenen Wochen, was sich verändert hat durch die Megaevents und was nach Olympia 2016 kommt. Schickt uns eure Videos, wenn ihr in Rio de Janeiro seid – für ein Crowdsourcing-Mosaik über die Olympischen Spiele.

Rio 2016 on Periscope: Live aus dem Complexo do Alemão

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Seilbahn im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Complexo do Alemão (Credits: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Disziplin: Schießen. Ziele: Autos, Häuser, Stromkasten. Im Complexo do Alemão im Norden von Rio ist die Olympiazeit von Konflikten und Gewalt geprägt. Jeden Tag kommt es zu Konflikten zwischen Gangs und Sicherheitskräften, mehrere Menschen sind in den vergangenen Tagen angeschossen worden. Wir streamen heute live aus dem Complexo. FF on Periscope.