Milizen in Rio: Mord nach Beschwerde

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Folter, Erpressung, Mord: Der Präsident einer Anwohnervereinigung einer Favela in Rio de Janeiro zeigte Machtmissbrauch an – wenig später wurde er getötet.

Jefferson Marcelo Nascimento de Oliveira wurde von Feuerwehrmännern verprügelt, er zeigte die Folter an – eine Woche später wurde der 41-Jährige tot aufgefunden. Acht Feuerwehrmänner, die in Rio dem Militär zugehörig sind, hatten ihn mitgenommen, auf ihn eingeschlagen, Hände und Beine gefesselt, sie filmten ihn, nahmen ihm sein Telefon, seinen Ausweis ab, sowie 280 Reais, etwa 72 Euro.

Der Spielzeugverkäufer Nascimento de Oliveira, der auch Präsident der Anwohnervereinigung von Madureira ist, die zwischen Staat und Favela vermittelt, zeigte den Vorgang am 25. Dezember an. Ende Dezember wurde er entführt, blieb drei Tage lang verschwunden – bis seine Leiche am 2. Januar gefunden wurde.

Kurz zuvor hatte er ebenfalls Milizen angezeigt, die in der Nähe der Favela, am Praça Patriarca, die Verkäufer erpresst: Eine Gruppe kassierte von den Straßenverkäufern an dem Platz 20 Reais, etwa fünf Euro, pro Woche. Danach wurde er telefonisch bedroht: Er solle die Anzeige zurückziehen, wenn er am Leben bleiben wolle.

Korrupte aktive oder ehemalige staatliche Kräfte kassieren wie etwa im Complexo do Alemao Schutzgelder und Phantasiesteuern von Favelabewohnern und bilden teils eigene organisierte kriminelle Truppen, sogenannte Milizen, die die Favelas terrorisieren.

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Kugelhagel an Weihnachten

Selbst während der Weihnachtsfeiertage erschüttern immer wieder Schießereien die Rocinha, Rios größte Favela. 

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

“Ich war mit meinem vier Monate alten Baby zuhause in der Rua 2, wir haben versucht uns in der Küche vor dem Bad vor den Schüssen zu schützen, und meine Wohnung wurde von Kugeln getroffen – die Fotos sind vom Bad und vom Balkon”, berichtet die Bewohnerin Mariana der Facebookseite Rocinha em Foco, auf der sich Bewohner gegenseitig vor Schießereien warnen.

Die Rua 2 sei extrem, kommentiert auch Valéria: “Wer nicht zuhause ist, weiss nie, wo in dieser Straße die nächste Schießerei stattfindet – diese unendlichen Schießereien zerstören die Häuser und die Familien haben weder zuhause noch außerhalb ihrer Häuser einen Moment der Ruhe.”

Während der Weihnachtsfeiertage gab es immer wieder Schießereien in der Rocinha. Fast jeden Tag finden Operationen der Spezialeinheiten statt. Am Mittwoch haben Sicherheitskräfte bei einer Razzia erneut Kokain, Granaten und Munition sichergestellt. Die Spezialeinheit Bope hat auf dem Instagram-Account der Truppe düstere Weihnachtsgrüße hinterlassen. Munition werde verschwendet und die Kugeln würden meistens die falschen Häuser treffen, beschwert sich eine Bewohnerin.

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Am 16. Dezember 2017 wurde ein Jugendlicher bei einem Fußballplatz in der Rocinha getötet. Die Sicherheitskräfte geben an, dass der 15-Jährige im Drogenhandel gewesen sei, und auch ein Gewehr in der Nähe gefunden wurde. Die Version der Familie allerdings lautet anders: Sie sagt, dass die Sicherheitskräfte von einer Terrasse aus auf Jugendliche geschossen hätte, die gerade Fußball spielten.

Phantasie-Steuer: Polizisten kassieren Mototaxi-Fahrer ab

Im Complexo do Alemão haben korrupte Polizisten eine Phantasie-Steuer von Mototaxi-Fahrern abkassiert – jetzt protestieren die Fahrer gegen den Machtmissbrauch.

Im Complexo do Alemão haben zwei Militärpolizisten der UPP Nova Brasília seit November von den Mototaxi-Fahrern eine “Maut-Gebühr” von 10 Reais, umgerechnet 2,50 Euro, wöchentlich von jedem Mototaxi-Fahrer kassiert. Wer sich weigerte, zu zahlen, wurde mit Bußgeldern belegt – die Polizisten drohten auch damit, dass sie bei zahlungsunwilligen Fahrern die Motorräder beschlagnahmen könnten.

Auch wenn die Summe vergleichsweise nicht nach einem großen Korruptionsskandal klingt, summieren sich die Einnahmen – und angesichts der geringen Verdienste der Fahrer, die pro Fahrt nur ein paar Reais verdienen, ist das dreiste Vorgehen der Polizisten ein harter Schlag für die Mototaxi-Fahrer. Etwa 100 Fahrer haben vor der UPP, der sogenannten Befriedungspolizei, gegen den Machtmissbrauch durch die beiden Polizisten protestiert und sie angezeigt.

Etwa 200 Mototaxi-Fahrer arbeiten im Alemão, einem riesigen Favela-Komplex in der Nordzone von Rio de Janeiro. Die Mototaxis sind eines der Haupt-Transportmittel der Favelabewohner – die riesige Gondelbahn, die vor den Sportereignissen in den Favelakomplex gebaut wurde, um die Bewohner schneller über die Hügel zu transportieren, ist nur noch eine Ruine.

Der Wirtschaftszweig der “Favela-Taxen” wird in den meisten Favelas ohnehin entweder vom Drogenhandel oder von Milizen kontrolliert, so dass korrupte Polizisten, die auf der Straße Geld fordern, zur zusätzlichen Belastung für die Fahrer werden. Dazu kommt auch das hohe Berufsrisiko durch die Schießereien hinzu, die im Alemão derzeit fast täglich stattfinden.

Nach dem Protest straften die korrupten Polizisten die Fahrer ab, die daran teilgenommen hatten – manche wurden danach gleich mehrfach mit Bußgeldern belegt. Wenn die Besetzungspolizei UPP das ohnehin zerstörte Vertrauen in Staat und Polizei aufbauen will, muss sie dringend in den eigenen Reihen aufräumen und Korruption und Machtmissbrauch scharf verurteilen und ahnden. 

Sieben Tote bei Polizeioperation in Caju

In der Favela Caju wurden bei einer Operation der Schocktruppe (Batalhão de Choque) am Wochenende sieben Menschen getötet und elf Verdächtige festgenommen.

Rivalisierende Banden, die um die Favela Caju kämpfen, hatten in den vergangenen Wochen immer wieder die Bewohner mit langen Schusswechseln in Angst versetzt. Am Wochenende hat die Spezialeinheit (Batalhão de Choque) eine Operation in der Favela durchgeführt, um den Gangkrieg zu entschärfen. Bei den Schusswechseln wurde auch ein sechsjähriges Kind verletzt, offenbar von Gangmitgliedern.

In Rio de Janeiros Favelas finden derzeit immer wieder großangelegte Polizeioperationen statt, in vielen der mehr als 1000 Favelas von Rio de Janeiro kämpfen Gangs um die Vormacht, Schießereien sind vielerorts an der Tagesordung. Die Befriedungspolizei UPP ist völlig überfordert mit der Situation – wie in Caju, wo die lokale UPP die Schocktruppe zur Verstärkung rief. So wiederholt sich das alte Paradigma der brasilianischen Sicherheitskräfte: Die Favelas betreten, um zu töten, Kriminelle festzunehmen und Drogen und Waffen zu beschlagnahmen. In Caju wurden 14 Schusswaffen beschlagnahmt, sowie mehrere Granaten, eine Pistole, Munition und schussichere Westen.

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Drogenkrieg in der Rocinha: Cachorrão, rechte Hand von Rogério 157 verhaftet

Die Polizei hat eine der Schlüsselfiguren im Drogenkrieg in der Favela Rocinha festgenommen: Alberto Ribeiro Sant’anna alias “Cachorrão” wurde in der Favela Morro do Fogueteiro in Santa Teresa gefasst.

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Cachorrão auf dem Titelbild von “Meia Hora” (Foto: BuzzingCities Lab)

Auf den flüchtigen Kriminellen war ein Kopfgeld ausgesetzt, auch seine Frau wurde festgenommen. Der 35-Jährige gilt als rechte Hand von Rogério 157, dem Drogenboss, der den eigentlichen Chef der Rocinha – Nem – ablösen wollte. Nem koordiniert den Drogenhandel in der Favela aus dem Gefängnis heraus.

Rogério 157 war eingesetzt worden, um die Geschäfte der Gang vor Ort zu managen – handelte aber immer eigenmächtiger. Nem erteilte seiner ehemaligen rechten Hand daraufhin einen Platzverweis. Mittlerweile hat Rogerio 157 die Gang gewechselt, eine Kriegserklärung gegenüber dem ehemaligen Boss.

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Militär in der Rocinha (Foto: Bruno Itan)

Seit September erschüttert nun ein brutaler Krieg um die Herrschaft Rio de Janeiros größte Favela. Die Konflikte zwischen den verfeindeten Lagern führten in den vergangenen zwei Monaten zu stundenlangen Schießereien, zudem versuchen beide Fraktionen gezielt Mitglieder der rivalisierenden Gruppe auszuschalten, mehrere Gangmitglieder wurden ermordet. Aufgrund der Auseinandersetzungen rückte im September auch das Militär zeitweise in die Favela ein, um die Situation in den Griff zu bekommen. Rogério 157 befindet sich derzeit auf der Flucht.

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)

Cachorrão (dritter von links) mit anderen Gangmitgliedern (Foto: Disque Denuncia)