Rio 2016: Was bleibt

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Impeachment und Politskandale, Wirtschaftskrise, Olympische Spiele, Proteste, Drogenkrieg und digitale Black Power: Trends und Ereignisse, die Brasilien 2016 verändert haben – und wie es weitergeht.

#1 Die Spiele

Mit den Olympischen Spielen ist in Brasilien eine Ära zu Ende gegangen – die hoffnungsvolle Aufbruchstimmung ist Vergangenheit. Immerhin: Viele Infrastrukturprojekte wie der Metro- und Straßenausbau, die Renovierung des Hafengeländes, aber auch Projekte in Rios Favelas wären ohne die Megaevents gar nicht realisiert worden, oder zumindest nicht so schnell (auch wenn viele Millionen an den falschen Stellen versickert sind).

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Die Spiele selbst waren trotz Terrorangst ein organisatorischer Erfolg, auch wenn wie immer viel improvisiert wurde. Bis zuletzt wurde an Stadien und Straßen gebaut, die zum Teil kurz vor den Spielen wieder eingestürzt sind, wie der Fahrradweg am Meer. Unsere Bilanz der Olympischen Spiele im Interview mit Das Filter.

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#2 Gold für die Favela

Die Goldmedaille für die Judo-Kämpferin Rafaela Silva – als schwarze, junge Frau aus einer Favela in dreifacher Hinsicht eine Ausnahme – aus der Cidade de Deus (City of God) hat immerhin sogar viele Favelabewohner kurzzeitig für die Spiele begeistert. Grundsätzlich hat die Kritik an den Megaevents und den versenkten öffentlichen Geldern aber dominiert.


#3 Die Rechnung 

Nach der Party: ein Trümmerhaufen. Denn die Stadt Rio de Janeiro ist pleite. Schon für die Durchführung der Spiele und Sicherheit musste der Bundeshaushalt zusätzliche Mittel bereitstellen. Auch unter der 2016 abgesetzten Ex-Präsidentin Dilma Rousseff wurde bereits radikal der Rotstift angesetzt, doch der neue Präsident Temer will das Land jetzt mit einem noch radikaleren Sparkurs sanieren. Die Haushaltssanierung geht dabei zu Lasten von zentralen Bereichen wie Gesundheit und Soziales – und trifft vor allem die, die auf öffentliche Dienstleistungen angewiesen sind. Angestellte des Öffentlichen Dienstes werden schon seit Oktober nicht mehr bezahlt.

Neue Bündnisse haben sich gebildet, die etwa gegen die eingefrorenen Gehälter, den Stellenabbau und die Kürzungen im Kulturbereich protestieren und neue Initiativen vorantreiben wollen. Julia hat etwa für den Deutschlandfunk über den Künstler-Protest berichtet. 


#4 Politisches Chaos

Ist Dilma Rousseffs Amtsenthebung ein Putsch? Ist Nachfolgepräsident Michel Temer ein legitimes Regierungsoberhaupt? Wer ist im brasilianischen Parlament nicht in ein Korruptionsverfahren verwickelt? Wird der umstrittene Richter Sergio Moro irgendwann fallen? House of Cards made in Brazil: Nichts war so dramatisch wie die politische Lage, nichts so intrigant und wendungsreich wie die politische Schlammschlacht zwischen Parteien und Politikern, aber auch Justiz. Fast täglich änderten sich in 2016 Vorsitzende von Ausschüssen, Parteien, politische Funktionen – und ebenso die Schuldzuweisungen für die katastrophale Lage im Land.

Nachdem Dilma Rousseff, die vermeintlich kriminelle Präsidentin, abgesetzt wurde, werden fast täglich neue Prozesse gegen Parlamentarier, Sprecher und sonstige Politiker eröffnet. Es war länger bekannt, dass die Baufirma Odebrecht in den Korruptionsskandal verwickelt ist – doch nach und nach werden die Ausmaße des Korruptionssumpfes öffentlich. “Würden die Verantwortlichen sprechen, könnte das ganze Land fallen”, kommentierte ein Odebrecht-Mitarbeiter das Ausmaß des landesweiten Korruptionsskandals, allerdings im Off-the-Record-Gespräch.

Inzwischen brachten seine Schwarzgeldkonten den Ex-Parlamentsvorsitzenden Eduardo Cunha zu Fall – der seinerseits das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff ins Rollen gebracht hatte. Im November 2016 wurden sogar Rio de Janeiros prominenter Ex-Gouverneur Sergio Cabral und dessen Frau verhaftet. Er soll mindestens 60 Millionen Euro Schmiergelder für die Vergabe von Bauprojekten für WM und Olympische Spiele kassiert haben.

#5 Drogenkrieg und Gewalt

Vor acht Jahren hat die UPP, Rios Befriedungspolizei, mit der Dona Marta in Botafogo die erste Favela besetzt, um die Stadt vor den Megaevents sicherer zu machen. Der Ansatz, Rios von Drogengangs beherrschte Armenviertel mit einer neuen Polizeistrategie und sozialen Maßnahmen in die Stadt zu integrieren, war sinnvoll – ist aber gescheitert. Strategische Fehler, Rio`s Policing-Historie, mangelnde Ressourcen, Korruption, aber auch das Sicherheitsrisiko durch neue Konflikte zwischen Drogengangs und Polizei haben die Gewalt zum Teil noch befördert. Auch der Drogenkrieg zwischen organisierten Banden und deren Territorialkämpfe haben die Stadt in den vergangenen Monaten erschüttert. Die Sicherheitslage und das Erbe der UPP in Rios Favelas haben wir in unserem Interview mit Jung & Naiv diskutiert – live aus der Favela Rocinha.


#6 Digitale Black Power

Mit Smartphones und digitalen Medien ist der Rassismus in Rio sichtbarer geworden. Die Polizei tötet vor allem junge, schwarze Männer aus den Favelas, die generalverdächtigt werden zu den Drogengangs zu gehören. Todesumstände werden oft nicht näher untersucht, die Polizisten gehen meistens straflos aus. Julia hat für die taz über die Morde berichtet – und darüber, wie digitale Initiativen gegen die Polizeigewalt kämpfen. 

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2017 wird das Jahr der digitalen Black Power-Bewegung: Mit Twitter, Facebookseiten, Plattformen, aber auch schwarzen Youtubestars werden POC-Stimmen, selbst aus den Favelas, sichtbarer – und sie vernetzen sich zunehmend global.

#7 Überwachung und Militarisierung

Polizei und Militär setzen auf Provokateure, ein Undercover-Agent spähte sogar Aktivisten bei Tinder aus: Die Überwachung von Bürgern nimmt in Brasilien zu, die Polizei geht brutal gegen Protestierende vor.

Mit den Megaevents wurden Kamerasysteme und die Überwachung aus der Luft, aber auch das Monitoring in Favelas massiv ausgebaut – eine Infrastruktur, die auch nach den Spielen erhalten bleibt.

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Das härteste Sparprogramm der Welt

Drama nach Olympia-Jubel: In Brasilien werden aufgrund der desolaten Haushaltslage radikal öffentliche Mittel eingefroren – ein Sparkurs, der dem Land nachhaltig schaden wird. 

In Brasilien tritt jetzt eines der härtesten Sparprogramme der Welt in Kraft: Um Investoren zufriedenzustellen und das Land gesundzusparen, hat Präsident Temer dem Land einen der radikalsten Sparkurse weltweit verordnet.

Der harte Sparkurs bedeutet, dass Brasilien Investitionen in öffentliche Regierungsprogramme in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Altersversorgung, und Verteidigung/Sicherheit bis 2037 einfriert.

Die Sparmaßnahmen im Bereich Bildung und Gesundheit werden zwar – anders als in anderen Bereichen, die bereits 2017 betroffen sind – erst 2018 wirksam, doch die Folgen bereits wirksamer Sparprogramme in diesen Bereichen sind jetzt schon verheerend. Schon unter der mittlerweile abgesetzten Präsidentin Dilma Rousseff wurde der Rotstift bei gesellschaftlichen Programmen angesetzt. So wurden Universitätsprogramme beendet, Schulen und Universitäten konnten ihre Angestellten zum Teil schon seit Monaten nicht mehr bezahlen, auch Polizisten mussten auf ihr Gehalt warten.

Toilettenpapier mussten etwa Polizisten der Befriedungspolizei UPP in Rios Favelas zum Teil selbst zum Dienst mitbringen, weil die öffentlichen Mittel dafür nicht mehr reichten. Zahlreiche soziale Programme und Kulturprojekte wurden eingestellt. Auch private Sponsoren, die etwa zum Teil die Kriminalitätsbekämpfung mitfinanziert hatten, haben sich in der Krise zurückgezogen. Das Resultat: Sicherheitskräfte ohne Budget und Ressourcen, die meistens unterhalb des Kräftelimits operieren.

Brasilien ist schon lange eine der ungleichsten Gesellschaften der Welt: Auf der einen Seite die Milliardäre, die in abgegrenzten Gated Communities ein Luxusleben führen und in Städten wie Sao Paulo der Realität durch Helikopter entgehen. Auf der anderen Seite die Armenviertel, in denen Millionen von Menschen um den Aufstieg kämpfen – und die die Sparprogramme besonders hart treffen werden. Mit dem Sparprogramm wird die Kluft noch massiver – und die, die es sich leisten können, werden sich vermutlich, wenn die Krise besonders heftig wird, noch weiter von der Realität abseilen oder ins Ausland absetzen. Oder zumindest ihr Geld sicher im Ausland parken. Bis heute werden die Gutverdiener mit sanfter Besteuerung und zahlreichen Steuerschlupflöchern begünstigt.

Kurz sah es so aus, als ob Brasilien mit den sozialen Programmen der Arbeiterpartei, positiven Wirtschaftsprognosen und Infrastrukturmaßnahmen und innovativen Programmen wie der Befriedungsstrategie UPP einen Aufschwung auch für die Armen und eine neue Mittelklasse schaffen könnte. Doch zahlreiche positive Ansätze versickerten in der Krise, Korruption und Missmanagement – und viele Zukunftsprognosen waren zu optimistisch, mit denen die verklebte Bürokratie und die korrupte Politik nicht mithalten konnten.

Mit dem radikalen Sparkurs werden gerade die Bereiche, die für eine zukünftige positive Entwicklung des Landes fundamental wichtig wären, eingefroren, obwohl ihre Stärkung notwendig wäre. Brasilien, das Land der Zukunft? Welcome Dystopia.

RioHardcore / Olympic Legacy #4: Gold for City of God (Cidade de Deus), Rio`s most famous Favela

The dark side of Rio de Janeiro: The movie Cidade de Deus, City of God (2002) revealed the rampant crime, police corruption and violence in Rios Favelas to the world. The setting, Cidade de Deus (City of God) in Rio became notorious – for many, it became the synonym for a Favela.

When judo fighter Rafaela Silva from Cidade de Deus scored the first Olympic Gold Medal for Brazil, Cidade de Deus became famous again. But everyday life is still a challenge – with conflicts between the Pacifying Police Unit (UPP) and the druggang and lacking opportunities.

BTW: The movie was not even shot in the real Cidade de Deus, because the local drug gangs forbid the film makers to shoot there. Plus the real CDD is not really a classical Favela, but rather a slum. While Favelas in Rio are homegrown, piled up by the people in need of space to live, Cidade de Deus was a social housing project built by the city, that was overtaken by drug gangs later, a slum.

 

RIO HARDCORE: 24 Hours live from Rio 2016 – Live from the Olympics, the Protests, Rio`s Favelas & Beaches, The Outskirts. A lot of Rio Voices. What moves Rio? What stays from the Olympics, what is the legacy of the Games? What is Rio`s future? A journey across Rio de Janeiro. Follow @_jaroschewski on Periscope and come along with us – and send us your own Video message for a crowdsourced collage of Rio 2016. 

More:
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https://www.youtube.com/user/BuzzingCities
A project by BuzzingCitiesLab.com

RIO HARDCORE: 24 Horas Rio 2016

O que comove Rio de Janeiro nas últimas horas das Olimpíadas? Qual é o legado dos jogos? E o que vem depois de Rio 2016?

Faça parte de nosso crowdsourced projeto documentário „24 horas Rio“, uma coleção de vozes do Rio de Janeiro – ao vivo dos jogos, dos protestos, das favelas e praias, da periferia até a zona sul.

Coloque (upload) seu vídeo, suas filmagens do último dia dos jogos olímpicos (domingo dia 21) para: https://www.wetransfer.com e manda pra buzzingcities@gmail.com

Novidades de Rio`s primeiro crowdsourced documentário colaborado: https://www.facebook.com/RioHardcore2016/

Sobre nos: Julia Jaroschewski e Sonja Peteranderl são repórteres alemãs, fundadoras do BuzzingCitiesLab, um think tank focando na tecnologia, segurança publica e processos de transformações sociais de mega cidades, como as favelas cariocas ou os Townships da Africa do Sul. Elas trabalham e acompanham os processos e desenvolvimento nas favelas cariocas desde 2008, baseados na Rocinha no Rio de Janeiro. Para saber mais: BuzzingCitiesLab.com e Favelawatchblog.com

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