Panzer für die Mini-Rekruten

Das Militär ist in den Favelasiedlungen des Complexo da Maré im Norden von Rio de Janeiro nicht gerade beliebt. Kurz vor der WM 2014 wurde das Maré vom Staat besetzt, schon damals zeichnete sich ab, dass das Gebiet eine der größten Herausforderungen unter den besetzen Favelas werden würde. Zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und Drogengangs gefährden immer wieder auch unbeteiligte Favelabewohner, mehrere Jugendliche wurden erschossen.

Mit Propagandamaterial versucht das Militär nun schon die jüngsten Favela-Kids positiver auf die Sicherheitskräfte einzustimmen – und den Grundstein für spätere Rekrutierungen zu legen. Wie die Community-Zeitung O Cidadão des Complexo da Maré berichtet, verteilen die Soldaten auf den Straßen des Maré Comic-Magazine für Kinder, “Recrutinha”.

In den Magazinen, die den in Brasilien populären “Monica”-Comics ähneln, erzählen Geschichten von den Abenteuern des Militärs. Auch ein Papier-Panzer zum Spielen ist beigelegt, zwischendrin Rekrutenwerbung. “Horror”, kommentiert eine Bewohnerin.

Foto: O Cidadão Comunicação Comunitaria

Panzer zum Spielen (Foto: O Cidadão Comunicação Comunitaria)

Mission Hochhaus

Riesenauflauf an der Rua 2 gestern Morgen, einer der Hotspots der Rocinha: Dutzende von Militärs, die die Straßenecke belagern, mit gelben Band absperren und ein Haus stürmen, während sich rundherum das Publikum sammelt. Auch ein städtischer Lastwagen ist vorgefahren. “Der wird wohl K. O. sein”, kommentiert ein Nachbar, der einen Mord vermutet.

Mission Hochhaus (Foto: BuzzingCities)

Mission Hochhaus (Foto: BuzzingCities)

Stattdessen steht das Haus selbst im Mittelpunkt der Aktion: Der Hausbesitzer, der von der Wohnungsknappheit profitieren wollte, hat an der Hauptstraße ein siebenstöckiges Favela-Hochhaus erbaut, da die Favela nur noch nach oben Raum zum Wachsen hat. Nun soll es abgerissen werden, weil es selbst für die bizarren Favela-Bauverhältnisse zu hoch ist – mit riesigem Sicherheitskräfteaufgebot.

Sieben Stockwerke aus Ziegelsteinen: Das Haus (Foto: BuzzingCities)

Sieben Stockwerke aus Ziegelsteinen (Foto: BuzzingCities)

Ein Mitarbeiter der Stromfirma Light balancierte auf einer wackeligen Leiter, um den Strom vor dem Haus zu kappen, auch die Abrisshämmer waren bereits ausgelegt. Allerdings musste das Kommando mittags wieder abziehen. Das Hochhaus war bereits bewohnt, es wäre auch zu gefährlich gewesen, ein siebenstöckiges Hochhaus bei enger Bebauung und viel Verkehr an der Hauptstraße abzureissen – oder zu zeitraubend, es Stein für Stein mit den Hammern abzutragen.

Polizist in Rocinha angeschossen

Die Polizeipräsenz ist in der Rocinha zur Zeit enorm. Polizisten stehen am Eingang der Rua 1 Wache, direkt vor unserer Haustür hat eine ganze Einheit in der Gasse Stellung bezogen, so dass wir uns jeden Tag durch ein Dutzend Polizisten mit Pistolen und Sturmgewehren drängeln müssen, wenn wir die Hauptstraße erreichen wollen. Nachts rauschen die Walkie-Talkies so laut, dass man mithören kann.

Am Samstagmorgen wurde ein Polizist der Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) bei einem Schusswechsel mit der Drogengang angeschossen. Eine Einheit war auf Patrouille durch ein Viertel der Rocinha, als sie auf Drogengangster stießen. Danach wurde die UPP erneut verstärkt.

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Streifzug durch die Rocinha: Was sich verändert hat

Nach eng getakteten Interviews und den Protesten sind wir heute endlich dazu gekommen, einen ganzen Tag lang nur durch die Rocinha zu laufen, zu sehen, was sich verändert hat, wo neue Häuser den Berg hinaufwachsen, Straßen aufbrechen, Graffiti die aktuellen Konflikte widerspiegelt und sich neue Favela-Start-Ups angesiedelt haben. Dazu wie immer Katzen, die auf Waschmaschinen chillen, kläffende Hunde, Moto-Taxi-Gewimmel auf den schmalen Straßen, viel Dreck und Müll und rutschige Balanceakte durch das Labyrinth der Gassen. Back Home.

Rocinha – Rios größte Favela (Foto: BuzzingCities)

Rocinha – Rios größte Favela (Foto: BuzzingCities)

Labyrinth aus Gängen (Foto: BuzzingCities)

Labyrinth aus Gängen (Foto: BuzzingCities)

Favelabeat (Foto: BuzzingCities)

Favelabeat (Foto: BuzzingCities)

In der Rocinha wird immer irgendwo gebastelt und gebaut. Familien stapeln noch ein neues Stockwerk auf ihr Haus, Mitarbeiter der Stromfirma Light versuchen von wackeligen Leitern aus die brandgefährdeten Kabelbündel zu flicken, Internetanbieter verlegen den Netzanschluss in der Favela.

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Ein ordentliches Kanalisationssystem – eigentlich ein Plan, der bis zu Olympia 2016 angestoßen werden sollte – ist immer noch nicht verlegt. Gerade fließt die Hauptstraße über. Continue reading

UPP nimmt Favela-Nachhilfe

Rios Befriedungspolizei UPP steckt in der Krise. Täglich kommt es in den Favelas zu Konfrontationen zwischen Drogenbanden und Polizei – immer wieder sterben dabei Angehörige beider Seiten. Noch dramatischer sind die Opferzahlen auf Seiten der Unbeteiligten: Kinder, Passanten, Anwohner, getroffen durch Querschläger oder erschossen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Das Ansehen der UPP sinkt immer tiefer, die Glaubwürdigkeit und der Respekt bei der Bevölkerung schwindet mit jedem neuen Toten, mit neuen Foltervorwürfen und dem brutalem Auftreten von Polizisten.

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Polizei in der Rocinha (Credit: BuzzingCities)

Das negative Image der Polizei und das schwierige Verhältnis von Militär und Anwohnern soll sich nun mit Schulungen über die Favelas ändern. UPP-Polizisten sollen mehr über die Favelas lernen – über die Geschichte der Entstehung, die Geographie, die kulturellen Eigenheiten, das, was jede Favela zu ihrem eigenen Mikrokosmos macht.

Mit dieser Maßnahme möchte Robson Rodrigues, Chef der Polizei in Rio, einen neuen Weg des Aufeinanderzugehens von Polizei und Anwohnern fördern. Denn die Integration der UPP in die Gemeinschaft hatte zuletzt fast gar nicht mehr funktioniert.  Continue reading

Vila Cruzeiro: Junger Mototaxi-Fahrer von Polizei erschossen

Foto: Facebook Vila Cruzeiro

Foto: Facebook Vila Cruzeiro

In Vila Cruzeiro, einer Favela im Norden Rio de Janeiros, hat der Tod eines jungen Mototaxi-Fahrers heute einen Tumult ausgelöst. Polizisten wollten den Motorradfahrer anhalten, er stoppte zu spät – ein Polizist schoss ihm in den Rücken. Der 22-Jährige starb noch auf der Straße.

Doch es handelte sich weder um eine Verfolgungsjagd mit Kriminellen, noch um Selbstverteidigung. Der Mototaxifahrer trug nur seine Taxifahrer-Weste über Shirt und Shorts, er war wohl gerade im Dienst.

Aufgebrachte Favelabewohner und Kollegen des Mototaxistas filmten den Polizisten, der den jungen Mann erschossen haben soll mit Handykameras, einige warfen mit Steinen und zündeten Gegenstände an. Die Polizei gab Warnschüsse ab, um die Menge zu zerstreuen. Soldaten der Spezialeinheit BOPE versuchten, die Proteste aufzulösen.

SMS-Alarm bei Erdrutsch und Überschwemmungen

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Überschwemmte Wohnzimmer, Häuser, die den Hang hinunter rutschen, Wege, die sich in Springfluten verwandeln: Zur Sommerregenzeit zwischen Dezember und März  sind die Favelas besonders gefährdet. Im vergangenen Jahr hatten Überschwemmungen etwa im Complexo do Alemão zahlreiche Familien obdachlos gemacht.

Rio de Janeiro will Favelabewohner mit einem Frühwarnsystem bei potentiellen Risikosituationen alarmieren und Tote vermeiden. Überschreitet das Regenwasser in bestimmten Gebieten ein gewisses Volumen, wird das Notfallsystem ausgelöst.

In zehn Favelas wurde am 15. Januar für den Ernstfall geprobt. Eine Notfallsirene alarmierte die Bewohner mittags, SMS-Nachrichten wurden an bestimmte Favelabewohner geschickt, die auch andere über die drohenden Gefahren informieren sollten und sie anwiesen, in sicherere Gebiete zu flüchten. Mit Trainings waren 7000 Favelabewohner im Vorfeld darauf vorbereitet worden, als Nothelfer zu fungieren – damit sie die Informationsweitergabe und die Situation managen können, bis professionelle Teams der Stadtverwaltung eintreffen.

Bisher sind in 103 besonders von Erdrutsch gefährdeten Favelas (bei mehr als 1000 Favelas in Rio) 165 Sirenen und 194 Notfallzentren eingerichtet worden. Das Alarmsystem wurde 2011 eingerichtet, seitdem sollen in den aufgerüsteten 103 Favelas keine Menschen mehr bei Überschwemmungen und Erdrutsch ums Leben gekommen sein.

Live aus der Favela: Best of 2014

Fußball, Proteste, Schießereien, Wahlen: Beste, schönste und schwierigste Momente aus den Favelas von Rio de Janeiro im Jahr der Fußball-WM.

Der beste Moment

Fast hätten wir das WM-Finale verpasst. Rund um das Maracanã-Stadion war die ganze Stadt gesperrt und wir steckten stundenlang im Verkehr fest, und konnten das Jubeln und Gröhlen im Stadion nur im Radio verfolgen. Irgendwie haben wir es doch noch in die Favela Mangueira geschafft, und mit den Favelabewohnern gefeiert – mit Blick von oben auf das Maracanã-Stadion.

(Fotos: BuzzingCities)

WM-Finale: Feiern mit den Bewohnern der Favela Mangueira (Fotos: BuzzingCities)

Der Tiefpunkt

Ein loses Rohr, zuviel zu Tragen, ein falscher Tritt, und schon kann alles vorbei sein. Julia ist in Brasilien gestürzt und musste sich dann erstmal zwei Monate im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem irgendwie positiv: Der Perspektivenwechsel, durch den wir verdammt viel lernen konnten – auch wie weit es noch bis zur Barrierefreiheit ist.

Most scary moment

Marode Stromleitungen als explosive Mischung: Auf einmal brannten die Stromknäuel auf der Straße, die zu unserer Wohnung hinaufführt, und brachen auf die Straße hinunter. Auch Mülltonnen schmolzen im Feuer – und niemand wusste, wie weit sich das Feuer über die Leitungen ausbreiten würde.

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Wenn es in der Favela brennt, muss die Feuerwehr sich aber erst durch den Stau auf der Hauptstraße schlängeln – immerhin wurde dann der Kabelsalat an der Brandstelle Stunden später von Elektrikern notdürftig zusammengeflickt. Verletzt wurde niemand, nur ein WM-Spiel verpassten die Bewohner von Laboriaux oben auf dem Berg bei dem Stromausfall.

Der stressigste Moment

Noch nie war eine Wahl selbst bis kurz vor Ende so knapp wie in diesem Herbst bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen. Erst stürzte der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat mit dem Flugzeug ab und kam ums Leben, die hochgejubelte Kandidatin Marina Silva, der einige Medien sogar Erfolgschancen auf das Amt vorausgesagt hatten, schied schon bei den Vorwahlen aus. Und das folgende überraschende Duell zwischen Dilma Rousseff und Aecio Neves spaltete das ganze Land, begleitet von Schlammschlachten und extremen Populismus und Gerüchten auf allen Seiten – und blieb bis zum Schluss nervenaufreibend unentschieden.

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Persönlichkeit des Jahres

Das Jahr der Fußball-WM war auch ein erfolgreiches Jahr für Suélen – sie hat einen Jiu-Jitsu-Pokal nach dem anderen abgeräumt. Als die Befriedungspolizei UPP vor der Fußball-WM die Favelas besetzte, begann sie im Sportprogramm der Polizei zu trainieren, gerade sie, die aus einer Familie kommt, für die die Polizei früher der Feind war. Inzwischen trainiert sie selbst jüngere Kinder – und kann sich vorstellen, Profisportlerin zu werden. Rock on!

Soundtrack des Jahres

Mit seinem Knast-Tattoo, einer Träne am Auge, und Videoclips, in denen er Yachten, schnelle Autos und BlingBling feiert, ist MC Guimê nicht gerade das ideale Vorbild für die Favelajugend und umstrittener Protagonist des Funk Ostentação. Mit seinem sanften Hit “País do Futebol” (Land des Fußballs), in dem es auch um die Bedeutung von Fußball in der Favela geht, hat er aber 2014 einen inoffiziellen WM-Sound geliefert, der innerhalb von 24 Stunden mehr als eine Million Mal auf Youtube geklickt wurde und zu den zehn meistverkauften iTunes-Hits in Brasilien aufstieg.

Das beste Foto

Sie konnten es nicht lassen: In Brasilien haben Tausende Wähler beim diesjährigen Wahlmarathon ihre Entscheidung auch fotografisch dokumentiert: mit Selfies von der (in Brasilien elektronischen) Wahlurne. Das ist illegal – aber hat zu viel Wahlbegeisterung in den sozialen Netzwerken geführt und politische Debatten angeregt.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten

Film des Jahres

Kirchliche Hetze gegen Homosexualität, brasilianisches Machotum: In Brasilien LGBT zu sein und sich dazu bekennen, kann schwierig, immer wieder auch lebensgefährlich sein – in Favelas wie an anderen Orten auch. Der Dokumentarfilm “Favela Gay” begleitet elf queere Favelabewohner. Den Filmemacher Rodrigo Felha haben wir kennengelernt – bei der Party auf einem Wagen der riesigen Gay-Parade des Complexo do Alemao.

Auf der LGBT-Parade (Foto: Buzzingcities)

Auf der LGBT-Parade im Complexo do Alemao (Foto: Buzzingcities)

 

Bestes Projekt

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Skateboards, lange Accessoires der wohlhabenderen urbanen Elite, haben inzwischen auch die Favelas von Rio eingenommen. Schon die Kleinsten skaten mit waghalsigen Stunt alles, was am entferntesten an ein Skateboard erinnert. Im Complexo da Maré skaten Favelabewohner zusammen in der Gruppe „Maré Longboard“ und veranstalten Wettbewerbe in der Favela. Zusammen erobern sie auch die Stadt – und versuchen sich mit den Hipstern vom „Asfalto“ in den Skateparks von Rio an neuen Tricks. Oder skaten wie alle anderen Stadtbewohner sonntags an der Strandpromenade von Ipanema entlang.

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Das schlafloseste Wochenende

Keine Zeit, den Jetlag wegzuschlafen: Rio, Brasilia, Paris, Berlin, mit dem Zug nach Hamburg und kaum aus dem Zug gestiegen, begann der Dreh mit dem ARD-Nachtmagazin. Dann ein Wochenende voller Talks und Diskussionen bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche – wir haben über die Digitalisierung der Favelas gesprochen und wie Gangs und Kartelle soziale Netzwerke nutzen. Zurück nach Rio, zur Fußball-WM.

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Social Media-Kampagne des Jahres

Hilfeschrei aus der Favela: Kurz nach der WM explodierte die Gewalt im Complexo do Alemao erneut – Drogengangs und Polizei bekämpften sich wieder offensiv, zahlreiche Menschen starben im Kreuzfeuer. Mit einer Social Media-Kampagne haben die Bewohner des Complexo darauf aufmerksam gemacht, was passiert.

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Beste Idee

Bücher sind in den Favelas von Rio seltener als Mobiltelefone. Inzwischen gibt es mit der neuen Bibliothek in der Rocinha endlich einen Raum für Bücher und ein bisschen Ruhe, um sie zu lesen – und ganz oben bei uns auf dem Berg steht seit neuestem eine Straßen-Bibliothek. Wir wollten schon länger eine Give-Box in der Favela einrichten, jetzt wurde zumindest eine Buch-Box in Laboriaux etabliert. Bücher bringen, leihen, tauschen, im Vorbeigehen.

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Erfolgreiches Favela-Crowdfunding: Geschafft!!!!!

Ein dickes Dankeschön nochmal an alle unsere Supporter, die uns beim Crowdfunding unterstützt haben: Ihr seid toll! Es war ein knapper, stressiger Endspurt diese Woche – aber wir haben es zusammen geschafft. Und sind gerade auch ziemlich geschafft.

Crowdfunding bedeutet nicht einfach Geld einzusammeln, sondern viel Arbeit, Überwindung und verdammt viel Zeitaufwand. Wir werden noch einen Crowdfunding-Bericht zusammenstellen, um allen, die es versuchen möchten, mit unseren Erfahrungen den Weg ein bisschen zu erleichtern.

Wir halten euch auf dem Laufenden, wie es mit dem Projekt weitergeht und wann genau wir wieder nach Rio fliegen. Jetzt erstmal: Euch allen schöne Weihnachten und einen grandiosen Start ins neue Jahr! Abraços!

Drogengangs gegen Urbanisierung

Für die Drogengangs ist der urbane Dschungel der Favelas ein ideales Operationsgebiet, in dem sie sich leicht bewegen, zurückziehen und Guerilla-Angriffe auf die Polizei ausüben können. Favelas wie die Rocinha bilden ein riesiges, unübersichtliches Labyrinth aus übereinandergestapelten Häuschen und engen Gassen, nur eine Handvoll breiterer Straßen ziehen sich durch die Favela.

Doch für öffentliche Dienstleister wie Polizei, aber auch Müllabfuhr, Krankenwagen oder Feuerwehr sind große Teile der Favelas dadurch unzugänglich – man kann sie nur zu Fuß durchqueren. “Die Erweiterung von Wegen ist zentral, damit die Polizei in der Rocinha eine gute Arbeit machen kann”, sagte der UPP-Kommandant der Rocinha, Leandro Nogueira, jetzt dem brasilianischen Nachrichtenportal “O Globo”.

Rocinha: Ein Labyrinth aus Gassen (Foto: BuzzingCities Lab)

Rocinha: Ein Labyrinth aus Gassen (Foto: BuzzingCities Lab)

Die Frage, wie sich eine organisch gewachsene Favela erweitern lässt, ohne ganze Viertel abzureißen, eine klassische Infrastruktur wie Straßen, aber auch ein Wasser- und Abwassersystem anlegen lässt, ist eine Mammutaufgabe. Mit dem staatlichen Investitionsprogramm PAC, “Programa de Aceleração e Crescimento” (PAC), soll die Urbanisierung der Favelas vorangetrieben werden.

Unfertige Projekte, Korruption, Unzufriedenheit

Im Rahmen von PAC 1 wurden in der Rocinha etwa zentrale Verbesserungen wie die Bibliothek, eine UPA-Gesundheitsstation, ein Sportzentrum, Sozialbauten und die neue Brücke, die über die Schnellstraße in die Favela hineinführt, finanziert. Zahlreiche geplante Projekte konnten allerdings nicht angegangen oder fertiggestellt werden, zudem wurden die PAC-Projekte von einem Korruptionsskandal erschüttert, und mussten zum Teil gestoppt werden – Beamte hatten Strohfirmen gegründet, an die sie Bauprojekte vergaben und so ihren eigenen Firmen Gewinn verschafften.

Auch fühlen die Favelabewohner sich bei den Planungen übergangen – während ein Abwassersystem immer noch fehlt, halten viele Bewohner die im Rahmen von PAC 2 geplante Gondelbahn in der Rocinha für eine reine Touristenattraktion, die ihren Alltag nicht verbessern wird.

Zu den bekannten Problemen kommt ein neues hinzu: Jetzt behindern auch die Drogengangs die Infrastrukturmaßnahmen. In den Monaten nach der Fußball-WM haben die Attacken auf die Polizisten der UPP zugenommen. Die Drogengangs griffen auch die Techniker an, die die Favela für die geplanten Bauarbeiten vermessen und kartieren sollten.