“Krieg in Rio”

Eine Lokalzeitung aus Rio hat jetzt ein Ressort, dass sich “Krieg in Rio” nennt. Die ausufernde Gewalt in der Stadt soll die Leser sensibilisieren – doch die Meinungen sind geteilt.

Bildschirmfoto 2017-08-23 um 23.41.31Ein Jahr nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schaut die Stadt auf einen Scherbenhaufen. Die Gewalt ufert aus, Korruptionsskandale reihen sich aneinander, die Polizei kämpft um ihr Gehalt und in den Favelas ist der brutale Kampf der Polizei gegen die Drogenbanden erneut entbrannt, wie vor den Großereignissen. Täglich gibt es Auseinandersetzungen, nicht nur Bewohner sterben im Kreuzfeuer, auch die Zahl der getöteten Polizisten steigt: 91 waren es allein in diesem Jahr.

Die Boulevardzeitung “Extra” hat den katastrophalen Zustand der Stadt als Anlass genommen, die neue Kategorie “Krieg in Rio” in ihrem Polizeiressort einzuführen. “Ein Kind, dass in der Schule erschossen wird” oder “ein Fötus, der im Mutterbauch angeschossen wird, ist nicht einfach nur ein Fall für die Polizei, es ist ein Symptom dafür, dass etwas Gravierendes in der Gesellschaft passiert”, schreibt die Redaktion. Deswegen würden sie nun von Krieg reden, ein Wort, das sie bisher vermieden hätten. Es sei ihre Art, Anklage zu erheben, denn: “Das ist nicht normal”. Die extreme Gewalt, die “Barbarie”, die in Rio alltäglich stattfindet, gehe weit über gewöhnliche Mordfälle und Verbrechen hinaus.

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In den sozialen Netzwerken sind die Leser geteilter Meinung: Nicht Kriegsreporter brauche es, sondern mehr Bürgerreporter, kritisiert der Favelareporter Michel Silva auf Facebook und erhält dafür viel Zustimmung.

Einer der ersten Beiträge des neuen Ressorts zeigt auf, wie stark die Macht der Organisierten Kriminalität in Rio ist. Einem als geheim eingestuften Dokument des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit zufolge, zu dem “Extra” Zugang hatte, werden 843 Gebiete in Rio von kriminellen Banden, statt von Staat und Polizei beherrscht. Darunter fallen nicht nur Favelas, sondern auch Wohnblöcke oder andere Gebäude außerhalb von den historisch von Gangs kontrollierten Favelas.

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Die zehn Gebiete mit der meisten Gewalt umfassen zusammengerechnet eine Fläche von 23 Quadratkilometern. Das Ranking der meisten Todesopfer führt die ohnehin berüchtigte Cidade de Deus an, die wir auch während der Olympischen Spiele besucht hatten (siehe Video unten). 70 Menschen starben dort allein 2016, obwohl das Gebiet seit 2009 von der Befriedungspolizei UPP besetzt ist.

Politchaos Rio 2016: Proteste gegen Impeachment

Nach Olympia folgt das Polit-Chaos: Rio de Janeiro befindet sich mitten im Wahlkampf, Politiker touren durch Rios Favelas – und auf Bundesebene kämpft Dilma Rousseff um ihr politisches Erbe und gegen ihre Amtsenthebung.

Rousseffs Verteidigung im Senat heute war ein Kreuzverhör mit 48 Senatoren und ein fast dreizehnstündiger Marathon, emotional aufgeladen und mit historischen Vergleichen gespickt. Das aktuelle Amtsenthebungsverfahren verglich Rousseff mit dem Staatsstreich, der Brasilien 1964 in die Militärdiktatur führte.

Protest gegen das Impeachment von Dilma Rousseff in Rio im August 2016 (credit: BuzzingCities)

Protest gegen das Impeachment von Dilma Rousseff in Rio im August 2016 (credit: BuzzingCities)

Protest gegen das Impeachment von Dilma Rousseff in Rio im August 2016 (credit: BuzzingCities)

Protest gegen das Impeachment von Dilma Rousseff in Rio im August 2016 (credit: BuzzingCities)

Bei ihrer Verteidigungsrede im Senat heute sagte sie, sie habe keine Verbrechen begangen – sondern gegen Korruption und Interessen gekämpft und dafür einen hohen Preis gezahlt. Die Gesellschaft ist gespalten: In Rio de Janeiro und in anderen Städten haben Brasilianer heute gegen das Impeachment-Verfahren demonstriert, andere stellten sich auf die Seite des Übergangspräsidenten Temer.

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Gang befreit Drogenboss aus Krankenhaus

Mitten im Zentrum von Rio ist am Sonntag eine Gruppe bewaffneter Männer in ein Krankenhaus eingedrungen und hat ein hochrangiges Mitglied einer Drogengang befreit. Bei dem Angriff kam ein Mann ums Leben, zwei weitere wurden verletzt.

Gegen 3 Uhr früh war die Gruppe von 25 bewaffneten Männern in das Krankenhaus Souza Aguiar im Zentrum von Rio eingedrungen, um ihren seit knapp einer Woche internierten Chef “Fat Family” zu befreien. Dieser war nach einer Schießerei mit Polizisten dort eingeliefert und von der Polizei bewacht worden. Mit Gewehren, Pistolen und Granaten ausgestattet hatte sich die Gruppe aufgeteilt, um den im 6. Stock liegenden Drogenboss aus dem Gebäude zu holen.

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(Foto: Disque Denuncia)

Der Chef der Polizeieinheit für Morde verkündete öffentlich Unmut: “Wir fühlen uns alle unsicher, das war ein feiger Anschlag.” Der Staatssekretät für innere Sicherheit José Beltrame sagte noch am Sonntag, dass “die Sicherheitskäfte alle notwendigen Schritte durchgeführt und korrekt gehandelt” hätten. Die Sicherheitsdienste hätten schon am Donnerstag erfahren, dass eine potentielle Befreiung eines hochrangigen Drogenchefs vorgesehen war, wussten aber nicht, um wen es ich handelt. Continue reading

Schießereien: Erneut Verletzte im Complexo do Alemão

Bei heftigen Schießereien am vergangenen Freitag wurden in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio erneut mehrere Menschen angeschossen. Den ganzen Tag waren immer wieder Salven in verschiedenen Teilen des Favela-Komplexes zu hören, Anwohner versuchten sich in sozialen Netzwerken vor den Schießereien zu warnen.

Zwei Männer, wohl Mitglieder der Drogengang, wurden in der Alvorada bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Drogengang in der „Rua Sem Saída“ (Straße ohne Ausgang) angeschossen. Ein siebenjähriger Junge wurde beim Spielen in der Favela Bulufa von zwei Querschlägern ins Bein getroffen — er lief mitten in eine Schießerei hinein, als er seinem Ball nachrennen wollte. Auch ein Soldat traf eine Kugel ins Bein. Ein weiteres mutmaßliches Mitglied der Drogengang wurde mit einer Kugel im Bein festgenommen.

Ein Jugendlicher wurde mit einem Kreislaufstillstand in der Krankenversorgungsstelle eingeliefert — er hatte sich wohl vor den Schießereien gefürchtet. Am frühen Morgen wurde ein weiterer Polizist bei einem Schusswechsel in der Favela Nova Brasília von einem Streifschuss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Rio 2016: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Julia hat für das E + Z-Magazin ein Olympia-Wrapup geschrieben, das nun veröffentlicht wurde. Das aktuelle politische Chaos ist zwar noch nicht inklusive, der Artikel gibt aber einen Überblick über all das, was Rio de Janeiro sich vor den Megaevents Fußball-WM 2014 und Olympische Spiele 2016 vorgenommen hatte – und was davon übrig geblieben ist. Immerhin: “Auch wenn sich die Hoffnungen auf Frieden in den Favelas und fundamentalen Wandel durch die Megaevents nicht erfüllt haben, haben die Großereignisse den Blick der Stadt auf sich selbst verändert.”

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Olympia-Countdown: Rio de Janeiro am Limit

Favelabeat (Foto: BuzzingCities)

Rio im Olympiajahr (Foto: BuzzingCities)

Ein bisschen weniger als 100 Tage sind es noch, bis Rio de Janeiro zum Schauplatz der Olympischen Spiele wird. Die Olympische Fackel ist schon auf dem Weg, doch die Stadt ist mit unzähligen Problemen statt mit sportlicher Euphorie beschäftigt. Die politische Krise weitet sich immer stärker aus, Dilmas Gegner treiben den Sturz der Präsidentin voran, Proteste und Gegenproteste finden statt und Meinungsunterschiede werden mittlerweile auch handgreiflich ausgetragen. Die Gesellschaft war noch nie so gespalten wie im Olympiajahr.

Rio ist auch geschockt vom Einsturz des Fahrradweges Ende April, durch den zwei Menschen gestorben sind – ein Prestigeprojekt, das zum Drama wurde, weil Risiken wie der hohe Wellengang am Strand offenbar nicht mitkalkuliert worden waren. Der Unfall ist zum Symbol für schlechte Planung und Pfusch rund um die Megaevents geworden. Auch der Prüfbesuch vom Koordinationsstab des Olympischen Komitee (IOC) in der vergangenen Woche setzt die Stadtregierung unter Druck. Fazit: “Es gibt Tausende Details, die noch gemanaged werden müssen“. Die großen Ziele wie die Wasserreinigung und eine funktionierende Kanalisation, die die Stadt auch über die sportlichen Großereignisse hinaus nachhaltig verändern hätten können, bleiben ohnehin Utopie.

Dazu kommen Budgetkürzungen im Kontext der Wirtschaftskrise – sie wirken sich auch auf Rios Favelas aus. Die UPP-Befriedungspolizei ist überfordert, zu schlecht ausgebildete Teams mit zu wenig Personal operieren am Limit und stärken so auch den Kreislauf der Gewalt. Amnesty International zufolge sind von Januar bis März 2016 bei Polizeieinsätzen zehn Prozent mehr Menschen getötet worden als im Vergleichszeitraum 2015. Allein in den ersten drei Aprilwochen wurden mindestens elf Menschen getötet.

Drogenkrieg in Rio und Internet: Aufflammende Gewalt fordert Opfer auf allen Seiten

In den Favelas von Rio de Janeiro explodiert die Gewalt. Polizei und Drogenbanden liefern sich heftige Gefechte, wie immer gerät die Bevölkerung zwischen die Fronten. Die aktuelle Bilanz der brasilianischen UPP-Strategie: Gescheiterte Projekte, ein erheblicher Imageverlust der Polizei, verlorene Hoffnung bei der Bevölkerung auf eine Zeitenwende — und dramatische Opfer auf allen Seiten.

Junge Opfer des Drogenkriegs (Screenshot Facebook)

Ende September wurde Caio Cesar Ignacio Cardoso de Melo bei einer Attacke in einer Favela erschosssen — er wurde nur 27 Jahre alt. Kein Einzelfall, aber ein Fall der bekannt wurde, weil Caio Cesar auch die brasilianische Stimme von Harry Potter war. Hauptberuflich arbeitete er inzwischen als Polizist, in einer UPP-Einheit im Complexo do Alemão.

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

Caio Cesar: Die Stimme von Harry Potter

In Rio de Janeiro eskaliert die Gewalt, immer wieder werden Polizisten erschossen: Fast 50 Polizisten wurden allein in Rio seit Anfang des Jahres bis Juli 2015 getötet, 126 weitere Polizeibeamte wurden innerhalb oder außerhalb von Einsätzen angeschossen. Ein Polizist wurde etwa in einer Favela durch Mitglieder der Drogenbanden gefoltert, getötet und dann an ein Pferd gebunden, dass durch die Favela gejagt wurde – die Leiche des toten Polizisten wurde hinterhergeschleift. Dieser hatte seinen Bruder besucht und in seinem Fahrzeug die Polizeiuniform dabeigehabt – für die Gang Grund genug, ihn zu ermorden.

Zweifelhafte Selbstverteidigung

Auf der anderen Seite haben Polizisten in Rio Hunderte von Menschen getötet oder verletzt. Dem Institut für Öffentliche Sicherheit zufolge wurden allein von Januar bis August 459 Tote registriert, die als “Auto de resistência” (Selbstverteidigung) deklariert sind, also Verdächtige, die die Polizei in Gegenwehr erschossen hat. Mit dieser Kategorie werden aber häufig auch Tötungen von Unschuldigen verschleiert — und dann nicht mehr untersucht. In mehreren Fällen hatten Polizisten Kriminelle in Favelas, die sich bereits ergeben hatten oder unbewaffnet und verletzt waren, exekutiert.

Dazu kommen die Toten und Verletzten in der unbeteiligten Bevölkerung, die etwa bei Schusswechseln in Rios Favelas oft zwischen die Fronten geraten. Die Dunkelziffer ist hoch — die Vorfälle werden nicht alle festgehalten und angezeigt, die realen Zahlen sind daher nicht öffentlich zugänglich.

Zeugen der Gewalt

Zwei Fälle haben in Rio de Janeiro in den vergangenen Wochen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen: der Tod des elfjährigen Lukas aus dem Complexo da Maré und des 17-jährigen Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia.

Der elfjährige Lukas starb bei einem Einsatz der Spezialkräfte und gilt als neuer Eduardo. Eduardo, ein 10-Jähriger Junge aus dem Complexo do Alemao war im April 2015 versehentlich von der Polizei erschossen worden, als er kurz vor die Tür seines Hauses ging — dank Smartphones und sozialen Netzwerken, die den Tod des Jungen festhielten und bekannt machten, wurde Eduardo zum Gesicht der Polizeigewalt in Rios Favelas.

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Eduardo Ferreira Calei — Gesicht der Polizeigewalt (Foto: Kinho Buttered)

Im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken, wird fast bei allen Opfern die Perspektive auf die Tötung ausgehandelt: Wie bei Eduardo kursierten auf Facebook auch bei dem jetzt erschossenen Lukas Gerüchte und angebliche Fotos des Jungen, die beweisen sollten, dass er Mitglied der Drogenbanden war. Informationen, Bilder und Videos online können sowohl zur Kriminalisierung von getöteten Jugendlichen beitragen als auch zur Aufklärung und Strafverfolgung der Tötungen.

Morde werden mit Handyvideos sichtbar

Auch der 17-jährige Eduardo Felipe Santos Victor aus der Favela Morro da Providencia starb durch die Kugeln von Polizisten. Den Tod des Jungend verwandelte erst ein Video in einen Skandal: Es zeigt Polizisten dabei, wie sie dem schon toten und in einer Blutlache liegenden Jugendlichen die Waffe in die Hand legen und abdrücken — um so ein angebliches Gefecht zu fingieren.

Falsche Beweise (Screenshot Video)

Mit dem Handy festgehalten: Falsche Beweise (Screenshot Video)

So sollte der exekutierte Teenager zu einem weiteren Fall der Selbstverteidigung werden. Doch Anwohner filmten die Manipulation des Tatorts aus einem Fenster mit dem Mobiltelefon mit.

Das mobile Beweismaterial dokumentiert ein Fehlverhalten der Polizei, das der Favela-Befriedungspolizei UPP und auch anderen staatlichen Sicherheitskräften immer wieder vorgeworfen wird. Es bestätigt die Kritiker, die sagen, die UPP sei korrupt, würde ausschließlich zum Töten in die Favela kommen und die arme Bevölkerung von vorneherein kriminalisieren. 65 Prozent der Bewohner von Rios Favelas haben dem Marktforschungsinstitut Data Favela zufolge in ihren Siedlungen Angst, zum Opfer von Polizeigewalt und Machtmissbrauch zu werden.

Streit um die Deutungshoheit: Drogengangster oder unschuldige Zivilisten

Wie nach solchen Morden üblich protestierten Favelabewohner gegen die Hinrichtung unschuldiger Favelabewohner und vor allem junger Männer, die grundsätzlich potentiell als Täter eingestuft werden. Wenige Tage nach dem Mord an Eduardo Felipe verbreitete sich ein Video in den Netzwerken, dass den 17-Jährigen tatsächlich beim Dealen von Drogen zeigte.

Seitdem tobt ein Meinungskrieg. Die einen beschweren sich, dass das Video des dealenden Eduardo Felipe durch die Favelafeindlichen klassischen Medien und Spezialkräfte wie die Bopes lanciert und verbreitet werden würde. Einige schwanken und verurteilen die Gewalt im Allgemeinen. Andere verteidigen das harte Vorgehen der Polizei gegen Kriminelle.

Smartphones und Internet haben die Dynamik rund um die Gewalt in Rio verändert: Sie machen sichtbar, was vorher unsichtbar blieb — sei es der Machtmissbrauch der Polizei oder auch kriminelle Verbindungen von getöteten Favelabewohnern.

Tödliche Navigation: Umleitung in die Gefahrenzone

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GPS kann zum Sicherheitsrisiko werden: In Rio de Janeiro geraten Autofahrer mit der Navi-App Waze immer wieder in gefährliche Situationen — jetzt starb eine Frau, als Drogengangster ihr Auto beschossen.

Die Navi-App Waze leitete Regina und Francisco Murmura direkt in die tödliche Falle. Das ältere Ehepaar war zu einem Abendessen in einer Pizzeria in Niteroí verabredet, einer Nachbarstadt von Rio de Janeiro. Stattdessen führte die beliebte Verkehrs-App von Google sie in eine der gefährlichen Favelas Niteroís.

Das eigentliche Ziel: die Avenida Quintino Bocaiúva, an der Promenade von Niteroí. Nur ein paar falsche Buchstaben verwandelten die Fahrt in eine Katastrophe. Endstation: die Rua Quintino Bocaiúva in einer gefährlichen, von Drogengangs beherrschten Favela. Am Eingang der Armensiedlung Caramujo wurde das Ehepaar von einer Bande von 20 Drogengangstern empfangen, die das Auto beschossen. Die Kugeln trafen auch die 70-jährige Unternehmerin Regina Murmura, die auf dem Beifahrersitz saß und ihren Mann mit der mobilen App durch die Stadt dirigiert hatte.

Francisco Murmura versuchte auszusteigen, um die Gangmitglieder zu bitten, ihn fahren zu lassen — um seine angeschossene Frau retten zu können. Doch sie antworteten mit weiteren Schüssen. Es gelang dem 69-Jährigen, zu flüchten. „Sie dachten wohl, ich bin von der Polizei“, vermutete er später. Dem Polizeibericht zufolge wurde das Auto der Murmuras von Dutzenden Schüssen zerlöchert. Regina Murmura starb nach dem Vorfall am vergangenen Samstag an ihren Verletzungen.

Die falsche Adresse: Die Rua Quintino Bocaiúva in der Favela Caramujo Google Maps (Screenshot)

Erst im August war die brasilianische Soap-Schauspielerin Fabiana Karla mit der Waze-App in derselben Favela gelandet — auch ihr Auto wurde beschossen, sie konnte aber unverletzt fliehen. Der Tod von Regina Murmura hat erneut die Frage aufgeworfen, wie sicher Rio ist, gerade auch für Touristen, die sich nicht auskennen. Während die Stadt die Situation während der WM einigermaßen kontrollieren konnte, ist die Gewalt vor den Olympischen Spielen 2016 erneut eskaliert — mit Schießereien in den Favelas und Raubüberfällen in der ganzen Stadt, auch den Strandgebieten.

Allein in Rio de Janeiro liegen mehr als 1000 Armensiedlungen verstreut, viele grenzen direkt an wohlhabendere Viertel oder ragen von den Bergen in die Strandzone hinein. In knapp 200 Favelas ist inzwischen Polizei präsent, doch die Mehrheit der Siedlungen wird von Drogenbanden beherrscht, die mit Sturmgewehren bewaffnet kontrollieren, wer das Viertel passieren darf. Nicht alle Favelas sind lebensgefährlich, doch wer die Gebiete und die Regeln nicht kennt, kann schnell in brisante Situationen geraten.

Kürzester Weg zum Raubüberfall

Verkehrs-Apps wie Waze empfehlen den kürzesten oder schnellsten Weg durch die Stadt, zum Teil auch durch Favelas. Vor kurzem wurden auch die Schauspieler Tadeu Aguiar und Sérgio Menezes zu Opfern eines Raubüberfalls. Um einem Stau zu entgehen, fuhren sie eine von Waze empfohlene Alternativ-Route durch Rios Vororte, die allerdings an der Favela Morro do Chapadão vorbeiführte. Ein Krimineller auf einem Motorrad zwang sie mit vorgehaltener Waffe, auszusteigen, raubte Auto, Telefone und Geld. Die beiden wurden mitten in der Favela zurückgelassen. Der Kommentar eines Bewohners, der ihnen mit einem Mobiltelefon aushalf: „Das passiert hier die ganze Zeit — ihr hättet einfach nicht herkommen dürfen.“ Die Erfahrungen der Prominenten werfen vermutlich nur ein Schlaglicht auf eine viel höhere Dunkelziffer.

Das Unternehmen sei „sehr traurig“ über den Vorfall, schrieb Waze in einer Pressemitteilung nach dem Tod von Regina Murmura. „Es ist schwierig, Fahrer davon abzuhalten, in eine gefährliche Region zu fahren, wenn dieses Ziel von den Leuten gewählt wurde, denn die Menschen, die in diesen Gebieten leben, müssen eben nach Hause kommen“, so die Firma.

Was also tun? Gebiete als No-Go-Zonen markieren? Digitale Warnungen absenden, wenn sich die Fahrer einem riskanten Gebiet nähern? „Wenn die Regierung von einem Land oder einer Stadt den Bewohnern verbietet, ein bestimmtes Viertel oder eine Region zu durchqueren, aktualisieren wir unsere Karten bei Waze“, versichert das Unternehmen. Doch die Favelas von Rio von der Karte zu streichen, würde auch bedeuten, dass mehr als 1,4 Millionen Favelabewohner, ein Fünftel der Bewohner Rios, von dem Service ausgeschlossen werden.

Waze hat angekündigt, sich mit Sicherheitsexperten von brasilianischen Regierungsbehörden zu treffen, um zu erörtern, wie Risiken bei der Verkehrssteuerung berücksichtigt werden können. Außerdem setzt das Unternehmen auf Crowdsourcing und kollektive Intelligenz: Denn die Navi-App berechnet die Empfehlungen auf Basis von Big Data und Community-Informationen. „Wir hoffen, dass wir mehr und mehr Wissen anhäufen können, das es uns ermöglicht, Routen mit einem höheren Sicherheitsrisiko zu identifizieren, und das Angebot gleichzeitig für alle offen zu halten“, teilt Waze mit.

Favela-Spendenaktion: Kinderfest im Complexo do Alemão

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Fast kein Tag vergeht in den Favelasiedlungen des Complexo do Alemão im Norden von Rio ohne Schusswechsel, Kinder müssen sich bei Schießereien im Klassenzimmer auf den Boden ducken, um nicht von Querschlägern getroffen zu werden. Oft fällt die Schule aus.

Den engen Häusern zu entkommen, auf den Gassen zu spielen, ist bei der anhaltenden Gewalt im Complexo do Alemão wie russisches Roulette: Der 10-jährige Eduardo wurde im Frühjahr im Complexo von Polizisten erschossen, als er kurz vor der Tür seines Hauses saß.

Zum Kindertag am 10. Oktober 2015 will die NGO Ama- Associação Mulheres De Atitude (AMA) aus dem Alemão die Favelakids mit ein paar unbeschwerten Stunden beschenken. „Das Complexo do Alemão durchlebt schreckliche Zeiten, deswegen wollen wir ein Fest mit vielen Spielsachen, Süssigkeiten und Aktionen für 1000 Kinder veranstalten, damit wenigstens an diesem Tag ein bisschen Gefühl von Frieden inmitten dieses urbanen Krieges aufkommt“, sagt Lucia Maria Oliveira, Gründerin von AMA.

Drachenverkauf im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Drachenverkauf im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Die Idee: Statt mit Plastikpuppen und Autos sollen die Kinder mit Spielsachen beschenkt werden, mit denen die ältere Favela-Generation aufgewachsen ist – wie mit Murmeln, Kreiseln oder Drachen. Für das Fest sammelt Lucia Maria Oliveira Geld- und Sachspenden.

 

SHORTS: 

Kinderfest: 10. Oktober, 10 – 17 Uhr in der Avenida Itaoca 2015, Inhauma

Abgabepunkt für Geschenke (außerhalb der Favela): Lucia Maria Oliveira, ponto Av. Itaoca 2015 condomínio Jardim Beija flor

Kontakt: Lucia Maria Oliveira, 21-988110220- 998134341, amamulheresdeatitide@gmail.com