#Marielle Protest: “Wir werden uns nicht zum Schweigen bringen lassen”

Vor sieben Monaten wurde die junge, schwarze Abgeordnete Marielle Franco ermordet. Sie kämpfte gegen Polizeigewalt und Milizen in Rios Favelas. Mehr als 1000 Menschen haben heute in Rio Straßenschilder mit ihrem Namen hochgehalten – und gegen die zunehmende Gewalt und Rassismus in Brasilien protestiert.

Der Mord an Marielle Franco ist immer noch nicht aufgeklärt, sieben Monate nach dem politischen Verbrechen, bei der die Politikerin und ihr Fahrer gezielt erschossen wurden.  Heute haben in Rio mehr als 1000 Menschen symbolische Straßenschilder zu Ehren Marielle Francos in die Höhe gehalten, ein Straßenschild wurde auch temporär auf ein anderes Straßenschild geklebt. Es war auch ein Widerstand gegen rechte Bolsonaro-Anhänger, die vor kurzem ein Straßenschild mit Marielle Franco`s Namen zerbrochen hatten.

Die Unterstützer und die Familie Marielle Francos fordern die Aufklärung des Mordfalls und der politischen Hintergründe  – und wenden sich gegen den zunehmenden Rassismus und Hass im Land. “Wir werden uns nicht zum Schweigen bringen lassen”, so die Mutter von Marielle Franco zu Favelawatch/BuzzingCities Lab – auch wenn es schmerze.

Marielles Mutter (Credit:JJ/BuzzingCities)

Protest Marielle Franco

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#GuerranoRio: 12-stündige Operation, Complexo do Alemão unter Dauerfeuer

Stundenlange Schusswechsel, gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favelas rollen: Im Complexo do Alemão, einem Favelakomplex im Norden von Rio de Janeiro, läuft seit heute Morgen eine Mega-Operation – und Anwohner beschweren sich über Polizeigewalt.

Um sechs Uhr morgen begann die Mega-Operation. Spezialeinheiten und Militärpolizei durchkämmten Favelas, durchsuchten Häuser, lieferten sich Schusswechsel mit der Drogengang des Alemão. Immer wieder dröhnten schwere Schusswechsel durch die Siedlungen.

GUERRA COM ARMAS PESADAS!!

A SITUAÇÃO NO COMPLEXO DO ALEMÃO É ASSUSTADORA.

OLHA A RAJADA DOS TIROS DADOS COM ARMAS DE GUERRA DURANTE MAIS DE 12H DE OPERAÇÃO NO COMPLEXO DO ALEMÃO#GUERRANORIO #GUERRANOALEMAO pic.twitter.com/HdUtOFa2KB

 

“Wie kann es ein, dass die Polizeioperation sich immer genau dann intensiviert, wenn auch die Bewegung der Favelabewohner am größten ist”, beschwert sich ein Favelabewohner am frühen Abend auf Twitter. Auf Twitter postete er auch Nachrichten von Favelabewohnern, die von Übergriffen erzählten: Ein Bewohner, dessen Haus von der Polizei durchsucht wurde, erzählt, er habe die Sicherheitskräfte freundlich nach dem Grund gefragt. Einer antwortete darauf: “Weil ich es will.”

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Gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favela rollen (Foto: Raul Santiago)

Aufwachen im Krieg: Gepanzerte Fahrzeuge, die durch die Favela rollen (Foto: Raul Santiago)

Das Ergebnis der Mega-Operation, die Hunderte von Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat, scheint bisher eher mau: Zwei Personen wurden bisher festgenommen. In der Favela Fazendinha haben Polizisten 19 Pakete mit Marihuana á jeweils etwa zwei Kilo festgenommen.

Wahltag in Rio, Gewalt in Rios Favelas

Auch in Rio de Janeiros Favelas mobilisieren junge Leute für Kandidaten oder unterstützen die Wahlen als Freiwillige. Doch von dem Glauben, dass auch auf die Armen im Land eine bessere Zukunft wartet, ist Post-Olympia nicht viel geblieben – und Schießereien und Polizeioperationen sind gerade in Rios großen Favelas wieder zum Alltag geworden.

Die Fotos von Bruno Itan, einem jungen Fotografen aus einer Favela im Complexo do Alemão in der Nordzone von Rio de Janeiro dokumentieren die Spuren von Schießereien. Auch am Wahltag waren frühmorgens im Complexo do Alemão wieder die Spezialeinheit BOPE und Militärs unterwegs.

Die Wahlurnen mussten mit Militärs und Polizei als Bodyguards in Rio de Janeiros Favelas eskortiert werden, um Urnenraub oder Blockaden zu gewährleisten. Die Stimmen der Favelabewohner haben Gewicht – denn Millionen von Menschen in Brasilien wohnen in Armensiedlungen, allein in Rio sind es 1,7 Millionen.

Zu seinen Fotos zitiert Bruno Itan einen Songtext der Band Legião Urbana:

“Nas favelas, no Senado, Sujeira pra todo lado. Ninguém respeita a Constituição. Mas todos acreditam no futuro da nação. Que país é esse?”

(In den Favelas, im Senat, überall Schweinereien. Keiner akzeptiert die Verfassung. Aber alle vertrauen auf die Zukunft der Nation. Was ist das für ein Land?”

Songtext Legião Urbana

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Wahlkampf Brasilien 2018: Eklat um Holocaust-Video der Deutschen Botschaft

Die deutsche Botschaft in Brasilien teilt ein Video über den Holocaust – und Anhänger der brasilianischen Rechten verdrehen Geschichte.

Anhänger des rechten Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro haben ein Video der deutschen Botschaft auf Facebook genutzt, um falsche Informationen zu verbeiten. In dem knapp einminütigen Video mit dem Titel “Como se ensina história na Alemanha ” – “wie in Deutschland Geschichte gelehrt wird” – geht es unter anderem darum, dass der Holocaust für Jugendliche in der Schule ein wichtiges Thema ist, und die Geschichte lehrt, niemals zu vergessen, um die Ereignisse nicht zu wiederholen.

Außerdem wird anhand eines Zitates des deutschen Außenministers Heiko Maas erklärt, dass das erneute Erstarken extrem rechter Gruppierungen ein nicht zu tolerierendes Problem sei, zudem, dass das Leugnen des Holocausts und Tragen von Nazisymbolen Straftaten seien.

“Devemos nos opor aos extremistas de direita, não devemos ignorar, temos que mostrar nossa cara contra neonazistas e antissemitas.”

Zitat von Heiko Maas aus dem Video

Daraufhin kommentierten Brasilianer, dass die NSDAP durchaus eine Partei mit linken Strömungen, der Nationalsozialismus eine linke Bewegung gewesen sei und man alles Schlechte der politischen Rechten zuschieben wolle. Einige schrieben sogar, der Holocaust sei eine Lüge.

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Brasilianisches Nationalmuseum in Flammen: Raubbau an der Kultur

Das brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro wurde durch einen Brand zerstört. Der Verlust ist auch ein Symbol für die desaströse Kulturpolitik.

Sonntagnacht sind in Rio de Janeiro 200 Jahre Erinnerung in Flammen aufgegangen. Das Museo Nacional im Stadtpark Quinta da Boa Vista wurde durch ein Feuer fast vollständig zerstört.

Verletzt wurde niemand, denn das Museum war bereits geschlossen. Doch große Teile des historischen Gebäudes brannten nieder – und viele der 20.000 Exponate. Die älteste wissenschaftliche Einrichtung Brasiliens beherbergte etwa Dinosaurierfossilien, anthropolische Sammlungen wie Masken, oder “Luzia”, das in einer Höhle geborgene Skelett einer der ersten Einwanderinnen Südamerikas, das bekannteste Skelett Amerikas.

“Es war das größte Naturkundemuseum in Lateinamerika”, so Cristiana Serejo, Vize-Direktorin des Museums. “Wir haben unschätzbar wertvolle Sammlungen, die mehr als 100 Jahre alt sind.”

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Die Brandursache ist bisher noch unbekannt. Der Brandschutz war offenbar unzureichend, das Gebäude brannte innerhalb von etwa einer Stunde nieder. Berichten zufolge sollen Feuerwehrmänner zudem teils zu wenig Wasser zum Löschen gehabt haben. Das Museum hatte gerade erst einen Vertrag mit der brasilianischen staatlichen Entwicklungsbank BNDES geschlossen, das auch ein Feuerschutzpaket umfassen sollte – zu spät.

Das Feuer ist ein großer Verlust für die brasilianische Kultur und Wissenschaft, aber auch ein Symbol der verfehlten Kulturpolitik. Drastische Kürzungen im Wissenschafts- und im Kulturbereich in der Wirtschaftskrise haben unter der Temer-Regierung zu einem Raubbau geführt. Zahlreiche wissenschaftliche Programme und Kulturprojekte wurden in den vergangenen Jahren eingestellt, auch in Rios Favelas.

Auch das Budget der Staatlichen Universität von Rio (Universidade Federal do Rio de Janeiro), kurz UFRJ, in deren Verwaltungsbereich das Museum gehört, war immer mehr gesunken. Auch das Nationalmuseum war von den Kürzungen betroffen.

Eine Initiative versucht jetzt, zumindest die Erinnerungen per Crowdsourcing zu bewahren – und sammelt digital Bilder, Videos und Erinnerungen an das Museum, aber auch Selfies mit dem Nationalmuseum oder seinen Exponaten ein.

Mord an Marielle Franco: Manipulierte Kameras, Polizisten als Mörder, deutsche Mordwaffe

Der Mordfall an der PSOL-Abgeordneten Marielle Franco enthüllt kriminelle Machenschaften innerhalb des Polizei-Apparats – und schmutzige Verbindungen zwischen Milizen und Politikern.

Ein Modell der MP5 von Heckler & Koch (Screenshot: H&K)

Ein Modell der MP5 von Heckler & Koch (Screenshot: H&K)

Es war eine deutsche Waffe, mit der Marielle Franco, Abgeordnete der sozialistischen Partei PSOL, am 14. März 2018 in Rio de Janeiro erschossen wurde: eine MP-5 der deutschen Rüstungsschmiede Heckler & Koch, die in Brasilien von den Spezialtruppen der Militärpolizei Bope und Batalhão de Choque, von Militärs sowie Polícia Civil und Polícia Federal eingesetzt werden. Vermutlich ist der Mörder ein Schütze, der von der Militärpolizei ausgebildet wurde. Waffen aus dem Arsenal der Sicherheitskräfte werden derzeit ballistisch untersucht. Aus Polizei-Beständen waren in den vergangenen Jahren auch mehrere MP-5 verschwunden.

Waffen von Heckler & Koch gelangen immer wieder in die Hände von korrupten Polizisten, aber auch Kriminellen. Heckler & Koch-Mitarbeiter stehen derzeit aufgrund des Mexiko-Exportskandals in Deutschland vor Gericht, da mehrere Tausend G36-Sturmgewehre in Konfliktregionen in Mexiko zum Einsatz kamen.

In Brasilien folgte auf den Mord an Marielle Franco und ihrem Fahrer Anderson Gomes, der das Land erschütterte, eine Serie von Skandalen: Bei den Ermittlungen wurde geschlampt, die Polizisten, die die Leichen untersuchten, fertigten nicht einmal ein Röntgenbild an. Das Attentat war professionell vorbereitet worden: Fünf Überwachungskameras, die von der Stadt betrieben werden, auf dem Weg zum Tatort waren manipuliert worden. Und viele Spuren deuten darauf hin, dass Politiker und Milizen Drahtzieher des Attentates sind. Ein Zeuge beschuldigt, dass ein anderer Abgeordneter und ein Ex-Polizist und Chef einer Miliz den Mord angeordnet haben. Sie sollen zwei Militärpolizisten beauftragt haben, Marielle Franco aus dem Weg zu räumen.

Franco, die selbst aus einer Favela des Complexo da Maré in Rio stammt, hat immer wieder Menschenrechtsverbrechen und Morde in Rios Favelas angeprangert, die durch Sicherheitskräfte und Milizen begangen werden. Sie hatte aber auch Verflechtungen zwischen Politikern und Milizen publik gemacht. Milizen, kriminelle Banden, die aus aktiven oder ehemaligen Sicherheitskräften bestehen, erpressen Schutzgelder, gehen kriminellen Geschäften wie Drogenhandel nach, begehen Morde und unterwandern zunehmend die brasilianische Politik.

 

 

Milizen in Rio: Mord nach Beschwerde

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Folter, Erpressung, Mord: Der Präsident einer Anwohnervereinigung einer Favela in Rio de Janeiro zeigte Machtmissbrauch an – wenig später wurde er getötet.

Jefferson Marcelo Nascimento de Oliveira wurde von Feuerwehrmännern verprügelt, er zeigte die Folter an – eine Woche später wurde der 41-Jährige tot aufgefunden. Acht Feuerwehrmänner, die in Rio dem Militär zugehörig sind, hatten ihn mitgenommen, auf ihn eingeschlagen, Hände und Beine gefesselt, sie filmten ihn, nahmen ihm sein Telefon, seinen Ausweis ab, sowie 280 Reais, etwa 72 Euro.

Der Spielzeugverkäufer Nascimento de Oliveira, der auch Präsident der Anwohnervereinigung von Madureira ist, die zwischen Staat und Favela vermittelt, zeigte den Vorgang am 25. Dezember an. Ende Dezember wurde er entführt, blieb drei Tage lang verschwunden – bis seine Leiche am 2. Januar gefunden wurde.

Kurz zuvor hatte er ebenfalls Milizen angezeigt, die in der Nähe der Favela, am Praça Patriarca, die Verkäufer erpresst: Eine Gruppe kassierte von den Straßenverkäufern an dem Platz 20 Reais, etwa fünf Euro, pro Woche. Danach wurde er telefonisch bedroht: Er solle die Anzeige zurückziehen, wenn er am Leben bleiben wolle.

Korrupte aktive oder ehemalige staatliche Kräfte kassieren wie etwa im Complexo do Alemao Schutzgelder und Phantasiesteuern von Favelabewohnern und bilden teils eigene organisierte kriminelle Truppen, sogenannte Milizen, die die Favelas terrorisieren.