Traumatisierte Stadt

Schießereien, Überfälle, Gewalt: Eine halbe Million Menschen leidet im Bundesstaat Rio de Janeiro an PTSD – die meisten Traumata bleiben unbehandelt.

Razzien, Schießereien zwischen Polizei und Gangs, Machtmissbrauch und Einschüchterung: In den Favelas von Rio de Janeiro zählt brutale Gewalt zum Alltag. Schießereien sind in manchen Siedlungen fast alltäglich, immer wieder treffen Querschläger auch Unbeteiligte – wie vor kurzem ein Baby im Mutterbauch. Die Schule fällt aus, weil die Sicherheit der Schüler während heftiger Schusswechel zwischen Polizei und Drogengangs nicht garantiert werden kann, sich die Kontrahenten mitunter sogar in Schulen oder in der Nähe von Schulen verschanzen.

Die vernachlässigten, ärmeren Teile sind extrem von der Gewalt betroffen – doch sicher sind auch die wohlhabenderen Stadtviertel nicht. Selbst in touristischeren Vierteln finden bewaffnete Raubüberfälle mit Messern oder Pistolen statt, Banden klauen Fahrräder und Autos, Kriminelle inszenieren sich bei Fake-Kontrollen als Polizisten. Im April 2017 stiegen die registrierten Überfälle in Rio de Janeiro dem Instituto de Segurança Pública (ISP) zufolge auf 12.089 Fälle an – ein Rekordhoch seit dem Jahr 2002.

Einer neuen Studie des Instituts für Psychatrie der UFRJ zufolge leiden im Bundesstaat von Rio de Janeiro mit seinen 16 Millionen Einwohnern mehr als eine halbe Million Menschen, 550.000, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). In der Bundeshauptstadt Rio sind es etwa 214.000 Betroffene. 97,6 Prozent von ihnen wurden aber nicht durch Ärzte diagnostiziert – die Belastungsstörung bleibt meistens unerkannt, sie bleiben auf sich allein gestellt oder fallen aufgrund komorbider Krankheiten wie Depression oder Drogen- und Alkoholmissbrauch auf.

Gerade in den Favelas ist der Zugang zu Ärzten und Gesundheitsversorgung ohnehin schlecht, während die möglichen Folgen von Gewalt, wie gebrochene Bildungskarrieren und ein höheres Armutsrisiko sich ungleich extremer auswirken, weil sie nicht abgefedert werden. Psychologische Unterstützung erhalten die wenigsten Favelabewohner, obwohl oft schon Kinder drastischen Szenen ausgesetzt sind. Die gesellschaftlichen Kosten der Gewalt sind immens hoch – und wirken sich auf ganze Familien aus.

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Baby im Mutterbauch angeschossen

Opfer noch vor der Geburt: In der Favela do Lixão Duque de Caxias wurde ein Baby im Mutterbauch von Kugeln getroffen. 

Die im neunten Monat schwangere Claudinéia dos Santos Melo war auf dem Weg zum Markt, als sie angeschossen wurde. Polizisten brachten sie ins Krankenhaus, das Baby wurde per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Dabei stellten die Ärzte fest, dass zwei Kugeln die Plazenta durchschlagen und auch das ungeborene Kind verletzt hatten.

Die Lungen wurden von den Schüssen verletzt, das Kind erlitt auch Läsionen an Brustwirbeln und eine Lähmung der unteren Gliedmaßen, vermutlich wird es aber wieder die Beine bewegen und laufen können. Die Ärzte bezeichneten es als “Wunder”, dass das Kind gerettet werden konnte. Zustand von Mutter und Kind sind ernst, beide befinden sich noch im Krankenhaus, das Baby wird künstlich beatmet und ernährt.

Es ist ein Extremfall der alltäglichen Gewalt. Immer wieder werden Kinder zu Opfern im Drogenkrieg. Die 10-jährige Vanessa Vitória dos Santos wurde vor kurzem in Lins de Vasconcelo in der Nordzone von Rio mit einem Kopfschuss getötet.

Schusswechsel stören auch immer wieder den Unterricht. Erst vor kurzem fiel der Unterricht für 1500 Kinder in Rio aufgrund von Schießereien aus. Der Schulweg wird zum tödlichen Risiko, der gewaltbedingte Unterrichtsausfall beeinflusst langfristig die Leistungen der Kinder aus Favelas. Viele erleiden Traumata, die in den seltensten Fällen behandelt werden.

Nachtrag vom 30.Juli 2017:
Nach einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustands ist das Baby in einem Krankenhaus in Rio am 30. Juli verstorben.

 

Polizei-Legende Marina Magessi: Das letzte Interview

Eine Frau, die Brasiliens größte Drogenbosse jagte: Marina Magessi war Rio de Janeiros bekannteste Fahnderin. Vor kurzem haben wir noch ein Interview mit der Polizei-Legende geführt, jetzt ist sie mit 58 Jahren gestorben.

Eine Frau, die sich in der Machowelt durchsetzen konnte: Als Marina Magessi bei der brasilianischen Polizei anfing, war es noch ein ungewöhnlicher Anblick, dass sich eine Frau in die Abgründe der Sicherheitspolitik und die Brennpunkte von Rio wagte. Magessi stieg zur anerkannten Sicherheitsexpertin auf, war die erste Chefermittlerin der Zivilpolizei Rios und mehrere Jahre lang als Abgeordnete politisch aktiv. Mit ihrem Team gelangen ihr Festnahmen von kriminellen Schwergewichten wie Ernaldo Pinto de Medeiros, Uê oder Robertinho de Lucas.

Magessi war legendär, anerkannt, aber auch umstritten: Gegen sie wurde aufgrund möglicher Verbindungen zu Milizen ermittelt. Vor kurzem haben wir Marina Magessi für unseren Dokumentarfilm lange interviewt.

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Last interview: Marina Magessi 2017 in Rio (Credits: Julia Jaroschewski/Sonja Peteranderl)

Magessi rauchte eine Zigarette nach der anderen und erzählte mit ihrer markanten, tiefen Stimme und mit beißendem Humor von ihren Jahrzehnten bei der brasilianischen Polizei, Organisierter Kriminalität in Rio, Fahndungserfolgen, Korruption, dem schwer zu durchbrechendem Kreislauf der Kriminalität in Rios Favelas und ihren Zukunftsplänen.

Magessi, 58, dachte darüber nach selbst wieder aktiv zu werden und eine NGO zu gründen, um im Dialog mit Sicherheitskräften, Kriminellen und Favelabewohnern Lösungen für die exzessive Gewalt in Rio de Janeiro zu finden.

Dazu kam es nun nicht mehr.

Machtmissbrauch in Rio: Polizisten schüchtern filmenden Passanten ein

Ein Passant filmt den Polizeieinsatz nach einem Banküberfall in Rio de Janeiro. Ein Polizist, der das Handy sieht, schüchtert den Filmenden mit einer dreisten Lüge ein.

“Kennst du nicht das neue Gesetz? Wir dürfen die Handys von Filmenden als Beweismaterial mitnehmen.”

Der Passant kontert daraufhin: “Dieses Gesetz gibt es nicht” und filmt weiter. Ein anderer Polizist kommt hinzu und bestärkt die Aussage seines Kollegen mit dem Ziel, den Filmenden einzuschüchtern und das Handy zu erhalten. Der zweite Polizist behauptet, die Polizei dürfe das Handy sechs Monate lang behalten. Doch der Augenzeuge lässt sich nicht irritieren und macht das Video später publik.

Gefilmter Polizist (Screenshot G1)

Gefilmter Polizist (Screenshot G1)

Die Vereinigung der Anwälte Brasiliens sagt, dass jedoch nur die Zivilpolizei (Anmerkung: die Polizei, die in Brasilien nach einem Vorfall die Untersuchungen übernimmt) entscheiden kann, was zu den Beweismitteln zählt und was nicht. Ein Militärpolizist hat nicht das Recht dazu, Menschen am Filmen von öffentlichen Bereichen zu hindern.

Beispiel Olympia 2016

Doch immer wieder versuchen Polizisten ohne rechtliche Grundlage Smartphones zu beschlagnahmen oder Filmende zu zwingen, Aufnahmen zu löschen.

Als wir im Sommer 2016 eine große Gruppe Polizisten mit dem Handy fotografieren, wie sie anstatt zu arbeiten, als gesamte Truppe eine Zeitlang in einer Fastfoodfiliale sitzt und an den Handys spielt, kommen erst zwei, dann immer mehr Polizisten auf uns zu und befehlen uns das Handy herauszugeben und die Bilder zu löschen.

Als wir uns darauf nicht einlassen wird der Ton härter, sie umkreisen uns, hindern uns am Gehen. Nachdem wir uns durch die Gruppe drängen, entkommen wir der Situation.

Immer wieder wurde die Polizei in Rio kritisiert, dass sie einen Großteil ihrer Zeit an ihren Handys “verspielen” würden, anstatt tatsächlich ihren Dienst zu erfüllen.

O Som da Guerra: Der Klang des Krieges

Minutenlange Salven, erschreckender Sound aus einem Kriegsgebiet: Syrien? Bürgerkrieg in Afrika? Brasilianer, die die Kriegsszenen hören, denken an weit entfernte Regionen, Konfliktgebiete eben. Stattdessen sind es alltägliche Geräusche aus dem Complexo do Alemao.

In dem Favela-Komplex im Norden von Rio de Janeiro eskalieren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Drogengangs. Aufgenommen haben die Szenen Favelareporter der Favela-Zeitung “Voz da Comunidade”.

Hier zeigen unsere Kollegen ihr Sound-Experiment und die Reaktionen, die offenbaren, wie fremd den Bewohnern Rios außerhalb der Favelas die Gewalt ist und die zum ersten Mal in ihrem Leben vom urbanen Krieg hören.

 

Tödliches Spielzeug: Maschinenpistolen und Milchpulver-Koks

Drogenverkaufsstelle statt Kaufladen: In Rio spielte eine Kindertruppe die Realität nach – mit Fake-Drogen und selbstgebastelten Waffen. Das Spiel offenbart den Alltag, mit dem viele Kinder aufwachsen. 

Eine ganze Mannschaft von Sicherheitskräften war ausgerückt, um die Drogengangster zu verhaften, sie hatten sich auf bewaffneten Widerstand eingestellt: Von Anwohnern waren die Polizisten alarmiert worden, dass sich in einem Wald nahe eines Shoppingzentrums in Jacarepaguá, Rio de Janeiro, Gangster mit Waffen aufhalten.

Tatsächlich trafen die Polizisten auf Waffen – allerdings nur selbstgebastelte. Fünf Kinder spielten offenbar die brasilianische Version von “Räuber und Gendarm” und hatten eine klassische Drogenverkaufsstelle nachgeahmt, von denen auch in Rios Favelas Dutzende existieren.

“Kokain” aus Milchpulver

Auf einem Tisch war die Ware ausgelegt: Die “Drogen” – etwa Fake-Kokain aus Milchpulver – waren in kleine Plastiktütchen portioniert. Die geschäftstüchtigen Kinder führten auf einem Zettel sogar Buchführung über die verkauften Drogen.

Dazu hatten sie sich mit Pistolen sowie Sturmgewehren aus Plastik und Klebeband ausgestattet, die zum Teil erschreckend realistisch wirken. Fast wie die echten Drogendealer: Das Spielzeug zeigt, wie die Realität aussieht, mit denen die Kids aufwachsen.

Spielzeugwaffen werden in Brasilien immer wieder zum tödlichen Spielzeug, wenn Polizisten sie nicht gleich als solches erkennen und schießen. Auch in Rio hatten die Kinder Glück, dass die Polizei nicht sofort das Feuer eröffneten.

Tödliche Gewalt: Proteste gegen Polizistenmorde

Drei Polizisten wurden innerhalb der vergangenen 24 Stunden allein in der Baixada Fluminense, der Metropolregion von Rio de Janeiro, im Dienst erschossen: Zwei der getöteten Polizisten werden an diesem Mittwoch bestattet. 

Der 47-jährige Sérgio Cordeiro da Silva, 47, war in Belford Roxo bei einer Durchsuchung von Kriminellen getötet worden. Nach einer Schießerei mit einer Drogengang in Japeri starb der 25-jährige Gilberto Guimarães Pereira Corrêa an den Schusswunden. Ein dritter Polizist, Anselmo Alves Junior, war in Queimados getötet worden, als Kriminelle bei einer Verkehrskontrolle das Feuer auf die Ermittler eröffneten.

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Alltägliche Schlagzeilen: Tödliche Gewalt (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Immer wieder werden Sicherheitskräfte bei Schießereien mit Kriminellen getötet oder gezielt ermordet. Am Dienstag hatten Familienangehörige, Mitglieder und Unterstützer der Sicherheitskräfte im Zentrum von Rio mit roten Farbspritzern auf den Gesichtern gegen das tödliche Berufsrisiko protestiert. Denn der Job, bei dem die Polizisten oft ohne ausreichende Ressourcen und zum Teil mangelndes Training im urbanen Krieg eingesetzt werden, ist riskant: In Rio de Janeiro wird durchschnittlich alle zwei Tage ein Polizist getötet. In diesem Jahr wurden bereits 50 Polizisten erschossen.

Die Gewaltspirale trifft die Sicherheitskräfte, oft aber auch unbeteiligte Bürger, die ins Kreuzfeuer der Auseinandersetzungen geraten. Schauplatz der Gewalt sind vor allem Rio de Janeiros Favelas: Allein in den ersten beiden Monaten des Jahres wurden mehr als 187 Menschen in Favelas, mehrheitlich schwarze junge Männer, unter Beteiligung von Polizisten getötet. Die NGO Justiça Global hat aufgrund von außergerichtlichen Tötungen durch die Polizei sowie die hohe Opferzahl bei Schusswechseln von Polizei und Drogengangs Beschwerde bei den UN eingelegt.