Favela-Spendenaktion: Kinderfest im Complexo do Alemão

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Fast kein Tag vergeht in den Favelasiedlungen des Complexo do Alemão im Norden von Rio ohne Schusswechsel, Kinder müssen sich bei Schießereien im Klassenzimmer auf den Boden ducken, um nicht von Querschlägern getroffen zu werden. Oft fällt die Schule aus.

Den engen Häusern zu entkommen, auf den Gassen zu spielen, ist bei der anhaltenden Gewalt im Complexo do Alemão wie russisches Roulette: Der 10-jährige Eduardo wurde im Frühjahr im Complexo von Polizisten erschossen, als er kurz vor der Tür seines Hauses saß.

Zum Kindertag am 10. Oktober 2015 will die NGO Ama- Associação Mulheres De Atitude (AMA) aus dem Alemão die Favelakids mit ein paar unbeschwerten Stunden beschenken. „Das Complexo do Alemão durchlebt schreckliche Zeiten, deswegen wollen wir ein Fest mit vielen Spielsachen, Süssigkeiten und Aktionen für 1000 Kinder veranstalten, damit wenigstens an diesem Tag ein bisschen Gefühl von Frieden inmitten dieses urbanen Krieges aufkommt“, sagt Lucia Maria Oliveira, Gründerin von AMA.

Drachenverkauf im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Drachenverkauf im Complexo do Alemão (Credits: BuzzingCities)

Die Idee: Statt mit Plastikpuppen und Autos sollen die Kinder mit Spielsachen beschenkt werden, mit denen die ältere Favela-Generation aufgewachsen ist – wie mit Murmeln, Kreiseln oder Drachen. Für das Fest sammelt Lucia Maria Oliveira Geld- und Sachspenden.

 

SHORTS: 

Kinderfest: 10. Oktober, 10 – 17 Uhr in der Avenida Itaoca 2015, Inhauma

Abgabepunkt für Geschenke (außerhalb der Favela): Lucia Maria Oliveira, ponto Av. Itaoca 2015 condomínio Jardim Beija flor

Kontakt: Lucia Maria Oliveira, 21-988110220- 998134341, amamulheresdeatitide@gmail.com

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Favela Rocinha als App

Favela-News für unterwegs: Die Bewohner der Favela Rocinha können sich ab sofort mit einer App über das informieren, was in der Favela geschieht. Die App des Bürgermediums “Viva Rocinha” steht im Google Play Store zum Download bereit.

Das Nachrichtenportal “Viva Rocinha” wird von dem 21-jährigen Favelareporter Michel Silva betrieben, den wir für das E + Z Magazin über seine Arbeit als Bürgerreporter interviewt hatten.

News aus der Favela – Bürgerreporter Michel Silva (Foto: Michel Silva)

News aus der Favela – Bürgerreporter Michel Silva (Foto: Michel Silva)

 

Favelakultur im VW-Bus

Es muss ja nicht immer ein Onlineprojekt sein. Mit einem betagten, knallbunt bemalten VW-Bus wollen Eddu Grau aus dem Complexo do Alemão und seine Freundin Ellen Sluis die Kluft zwischen Favelas und dem Rest der Stadt überbrücken. Der “Kombi 55” soll die mobile Ergänzung zum Kulturzentrum “Barraco 55” im Complexo do Alemão sein – und Kultur, Kunst und Menschen aus den Favelas in andere Stadtteile transportieren.

Kombi 55 (Foto: Eddu Grau)

#Kombi 55 (Foto: Eddu Grau)

Die Idee wurde jetzt mit einem brasilianischen Kreativpreis, dem Prêmio Brasil Criativo, ausgezeichnet. Und eine Facebookseite und sogar einen Hashtag besitzt das Projekt natürlich auch.

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Mars da Favela: “Crystals not Pistols”

Als die australische Rapperin und Schmuckdesignerin Mars Castro 2010 zum ersten Mal nach Rio kam, verknallte sie sich – in Rio und einen jungen Mann aus der Favela Rocinha. Sie ließ sich von lokaler Kultur und der Drogengang inspirieren – und verwandelt jetzt Munition in tragbare Kunst. In English, please.

"Crystals not Pistols (Foto: Mars da Favela)

“Crystals not Pistols (Foto: Mars da Favela)

Was hattest du für eine Vorstellung von Favelas, bevor du Rocinha besucht hast? 

Das Einzige, was ich über Favelas wusste, war, dass es dort Baile Funk und Funk-Partys gibt. Ich bin Rapperin und bin nach Brasilien gekommen, um mit DJ Marlboro zu arbeiten. Aber er hängt nicht in den Favelas herum, er ist ziemlich kommerziell geworden. Es war so gedacht, dass wir ihn als Teil seiner großen Groupie-Gefolgschaft überall hinbegleiten sollten, von der VIP-Loge bei seinen Gigs zu seinem Haus – das war ganz schön sexistisch. Ich habe mich dann nach einer Weile von der Gruppe verabschiedet, weil ich authentische Leute kennenlernen wollte.

Wie hast du dann die Favela Rocinha entdeckt?

Ich habe einen Mann aus der Favela kennengelernt – und er war völlig anders als die Leute vom „asfalto“, also die, die nicht in einer Favela wohnen, und anders als die Möchtegerns, mit denen ich meine Zeit verbracht hatte. Er war authentisch und nicht so abgehoben.

Als ich alle seine Freunde, seine Familie kennenlernte, hatte ich endlich das Gefühl, Cariocas richtig kennenzulernen und mit einer großen Community herumzuhängen. Eine endlos lange Lovestory später fand ich mich in der Favela Rocinha wieder, wo ich mit ihm und seiner Familie lebte. Er ist jetzt mein Ehemann – und wir leben mit einem Fuß in Melbourne, Australien, und mit dem anderen in Rocinha, Rio.

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Wie würdest du die Atmosphäre in der Favela beschreiben?

Rocinha ist für mich mein zweites Zuhause. Es ist eine tolle, lebendige Community, voller liebenswerter Menschen, die hart arbeiten. Als ich mit reicheren Brasilianern unterwegs war, habe ich aber erlebt, dass es immer noch ein großes Stigma ist, in einer Favela zu leben und wie groß die Kluft zwischen der Arbeiterklasse aus der Favela und den Wohlhabenderen ist.

Die Medien heizen das Vorurteil an, dass Favelas gefährliche Orte sind, aber du kannst den Mainstream-Medien nicht vertrauen. Natürlich gibt es in der Favela Waffen und Drogengangs – aber eine Favela ist kein rechtloser Ort. Keiner rennt herum und schießt einfach so auf Menschen, wie es in Filmen oder in den Nachrichten oft dargestellt wird.

Die einzige Ordnung die ich in Rio jemals gesehen habe, war in der Favela. Es gibt dort die Gesetze der Favela: Keine Morde, kein Diebstahl, keine Vergewaltigungen, keine Gewalt – das wird alles nicht toleriert. Ich habe mich in der Favela viel sicherer als außerhalb der Favela gefühlt. Dieses Gesetz, dass der Chef der Favela geschaffen hat, soll absichern, dass es in der Favela friedlich und ruhig ist und dass die Polizei draußen bleibt – damit die Drogendealern ungestört ihren Geschäften nachgehen können. Sie können nicht aus der Favela heraus, weil sie dann verhaftet werden würden – also versuchen sie sich die Favela zu einem möglichst angenehmen Ort zu machen.

Ich habe Nem, den Boss, getroffen, bevor er verhaftet wurde und er hat Geld aus dem Drogengeschäft ausgegeben, um Reparaturen und Bauarbeiten in der Favela zu bezahlen, er hat ärmeren Bewohnern Geld für Medikamente gegeben und für die jüngeren Leute Partys geschmissen. Die Drogengangs haben in den letzten 30 Jahren die Infrastruktur aufgebaut, auch die Wasserversorgung. Die Regierung wollte nichts mit den Favelas zu tun haben – für den Staat sind Favelas Probleme, die nicht mal auf der Karte erscheinen.  Continue reading

#FavelasOnline: Wie eine Twitter-Debatte funktionieren kann

Facebook-Proteste, FavelaPride und Twittern bei Stromausfällen und Schießereien: Am Mittwoch haben wir in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin einen Vortrag über den Wandel der Favelas vor WM und Olympia und die Rolle des Internets gehalten: #favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

“Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet  vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag.  Das Internet ermöglicht den Menschen in den Favelas, ihre vielfältigen Perspektiven sichtbarer zu machen und gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden: Aufrufe auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mobilisierten im vergangenen Frühjahr Favelabewohner/innen, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen und  erleichtern es, eigene Proteste und Kampagnen innerhalb der Favelas zu organisieren. Etablierte und neue Favela-Initiativen wie Community-Zeitungen oder NGOs machen online auf Probleme aufmerksam, versammeln Unterstützer/innen und fordern die Politik zum Handeln heraus.”

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Letzte Vorbereitungen: Julia im Einsatz (Foto: Ines Thomssen)

Auch Jugendliche aus den Favelas von Rio de Janeiro haben mitdiskutiert – via Twitter aus Rio de Janeiro “zugeschaltet”. Im Vorfeld hatten wir überlegt, wie sich die Cariocas am besten beteiligen können.

Mitdebattieren via Twitter

Mitdebattieren via Twitter

  • Mit Skype-Live-Interviews haben wir in der Vergangenheit eher negative Erfahrungen gemacht. Bei Workshops waren die Personen auf dem Bildschirm kaum zu verstehen, es kam immer wieder zu technischen Pannen.
  • Eine Debatte über Open Pads wäre auch denkbar gewesen, durch die unterschiedlichen Farben hätte man auch die Stimmgeber unterscheiden können – allerdings nicht durch Fotos gekennzeichnet. Und Pads stürzen ja gerne immer dann ab, wenn man sie gerade richtig dringend braucht.
  • Bei Chats wäre die Live-Debatte geschlossener, nach der Debatte nicht mehr öffentlich gewesen.
  • Twitter ist zwar ein sehr verkürztes Format mit nur 140 Zeichen, entspricht aber der Lebenswelt der Jugendlichen, die Twitter auch im Alltag nutzen, die Debatte ist prinzipiell offen und kann auch nach der Veranstaltung im Netz (weiter-)verfolgt werden. Außerdem können auch Zuschauer die Jugendlichen antwittern.

Die Idee, dass die Jugendlichen in die Böll-Stiftung in Rio de Janeiro kommen, dort einen Live-Stream aus Berlin sehen und dazu twittern, ließ sich leider nicht realisieren – ihre Favelas liegen zerstreut in Rio, und sie hatten nicht die Zeit, ins Zentrum zu fahren, wollten lieber live aus der Favela twittern.

Koordination zwischen Vortrag, Debatte in Berlin und Twitter-Diskussion

Damit die Jugendlichen wissen, was in Berlin passiert, und der Input der Jugendlichen sich nicht zu sehr zerstreut, hat unsere brasilianische Twitter-Diskussionsleiterin, “Head of Twitter” Julia Maria mit unserem Account @buzzingcities auf Brasilianisch übersetzt, was wir rund um die Präsentation und auf der Podiumsdiskussion erzählt haben und gleichzeitig Fragen an die Jugendlichen gestellt. Die haben ihre Meinungen mit Hashtag #favelasonline gewittert, ihre Antworten wurden wiederum auf Twitter ins Deutsche übersetzt.

Moderator Thomas Fatheuer, der ehemalige Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, und wir hatten auf der Bühne immer einen kleinen Bildschirm vor Augen, auf dem die Twitter-Beiträge liefen. Die Zuschauer konnten die Twitterwall parallel auf Großleinwand verfolgen. In der Debatte haben wir uns immer wieder auf die Meinungen der Jugendlichen bezogen, Thomas Fatheuer hat zwischendurch zusammengefasst, was auf Twitter passiert.

Die Jugendlichen haben interessante Punkte und Perspektiven getwittert und in 140 Zeichen sehr präzise Beiträge geliefert.

  • Michel Silva, Favelareporter aus der Favela Rocinha und Gründer des Onlinemediums “Viva Rocinha” hat sich sogar kurz selbst in einem Video vorgestellt (mit deutschen Untertiteln):
  • Marina Moreira, 21, aus dem Viertel Oswaldo Cruz, ist kurzfristig eingesprungen, weil Bruno Duarte aus der Favela Morro da Providencia doch nicht an der Twitter-Debatte teilnehmen konnte:
Marina Moreira (Foto: privat)

Marina Moreira: “Wir erfinden neue Formen der Politik” (Foto: privat)

      • Tiago Bastos ist Favelareporter und Fotograf – mit ihm sind wir schon öfter durch die Siedlungen des Complexo do Alemão spaziert.
Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

Tiago Bastos: Favelareporter und Fotograf (Foto: BuzzingCities)

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Auch das Publikum twitterte zum Teil mit.

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Rainer Milzkott (urbanPR Trend) hat auf seinem Blog einen längeren Bericht über die Veranstaltung verfasst.

Ideas to adopt: “Dead Drops”

Das Geheimnis der Häuserwände: Der deutsche Medienkünstler Aram Bartholl will den Datenaustausch in den öffentlichen Raum zurückholen – und versenkt USB-Sticks in Beton. Die Idee der “Dead Drops” hat sogar die Favela Vidigal erreicht.

 

Artist Aram Bartholl: "Dead Drops is an anonymous, offline, peer to peer file-sharing network in public space" (picture: Aram Bartholl)

Aram Bartholl entledigt USB-Sticks ihrer Mobilität – und macht sie dadurch zum Gemeinschaftseigentum, zu Anlaufpunkten für Menschen, die ihre Daten teilen möchten oder überrascht werden wollen, was sich auf den Kollektiv-Sticks versteckt. Vor drei Jahren hat der deutsche Künstler Bartholl in New York die ersten Sticks in Häuserwände eingemauert, seitdem haben Mitstreiter auf der ganzen Welt 1234 USB-Sticks verteilt. Continue reading