Olympia-Auftakt: BuzzingCities Lab bei Tagesschau24 über die Lage in Favelas

Während heute in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele eröffnet werden, werfen Korruption und massive Militarisierung einen Schatten auf das Megaevent – und Rios Favelas kämpfen mit Gewalt. Die Unzufriedenheit bei vielen Brasilianern ist groß, zahlreiche Proteste sind für heute angekündigt.

Julia kommentiert im Live-Interview mit Tagesschau24 die Situation in Rios Favelas und die Sicherheitslage nach den Terrordrohungen.

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Zertrümmerte Einrichtung: Megaoperation im Complexo do Alemão

Mit einer Megarazzia sind die brasilianischen Sicherheitskräfte am Mittwoch gegen die Drogengang im Complexo do Alemão vorgegangen. 300 Polizisten und 150 Militärs sollten im Rahmen der „Operacão Germania” per Haftbefehl gesuchte Kriminelle aus den Favelas des Complexo do Alemão festnehmen.

Seit August vergangenen Jahres hatten Polizisten die Favelas infiltriert, und per Videoüberwachung Aktivitäten der Mitglieder der Drogengang gefilmt. Auch mehrere Führungsmitglieder des Comando Vermelho, der im Alemão dominierenden Drogengang, waren so identifiziert worden. Zehn Kriminelle wurden bei der Razzia festgenommen.

Nach den andauernden Schießereien in den vergangenen Tagen brachte die Mega-Operation aber auch erneut Aufruhr in die Favelas. Bei der Aktion haben die Sicherheitskräfte Whatsapp-Beschwerden zufolge auch mindestens ein Haus verwüstet: Ein Favelabewohner postete ein Foto von seiner Wohnung nach der Razzia, in der die Möbel zertrümmert waren und die Gegenstände chaotisch herumliegen. “Ich bin Arbeiterin und zahle meine Rechnungen jeden Tag – ich habe das nicht verdient”, beschwerte sich die Bewohnerin. “In der Südzone wäre die Polizei niemals so vorgegangen”, kommentierte ein anderer Favelabewohner.

Favela Basics: What is a Favela?

Fast ein Viertel der Stadtbevölkerung von Rio de Janeiro lebt in Favelas, alle Favelabewohner Brasiliens zusammengezählt würden von der Bevölkerungszahl her den fünftgrößen Bundesstaat ergeben und in den Siedlungen geschieht mehr als nur Drogenkrieg: Favelas und ihre Bewohner sind ein zentraler Bestandteil von Brasiliens Gesellschaft – und Ergebnis jahrzehntelanger staatlicher Vernachlässigung. Eine Mini-Einführung in die Geschichte von Rios Favelas als Video:

Durch die Augen der Favela: Foto Clube Alemão in Deutschland

Abseits der Olympischen Spiele: Die jungen Fotografen und Fotografinnen des “Foto Clube Alemão“ halten seit Jahren den Alltag in den Favelas des Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro fest: Polizeibesetzung, aber auch Einblicke in das Familienleben in den Tausenden Gassen des Alemão.

Wir haben Bruno, den Gründer des Fotoclubs, in den vergangenen Jahren begleitet und über ihn berichtet und auch immer wieder gemeinsam mit Bruno und dem „Foto Clube Alemão“ an Projekten gearbeitet, zuletzt für eine Reportage für WIRED Germany.

Jetzt kommt der “Foto Clube Alemão“ nach Deutschland: Mit einem erfolgreichen Startnext-Crowdfunding wird eine Ausstellung der Favela-Fotografen in Dortmund finanziert — während der Olympischen Spiele im August 2016 werden ausgewählte Fotos aus dem Alemão im Foyer der Auslandsgesellschaft in Dortmund ausgestellt werden.

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Schießereien in der Rocinha verunsichern Anwohner der Reichenviertel

Heftige Schießereien in der Favela Rocinha haben Studenten der naheliegenden Privat-Uni PUC erschrocken. Die Studenten wurden angewiesen, in der Universität zu bleiben. Die Schießereien waren in vielen Teilen der Favela zu hören.

Ein führendes Mitglied der lokalen Anwohnervereinigung des wohlhabenden Viertels Leblon meldete sich daraufhin in den Medien zu Wort: Es sei erschreckend, wieviele Schüsse sie in Leblon von ihrem Haus aus hören müsse.

Nur: Wieviele Schießereien hören die Bewohner der Rocinha immer wieder und müssen diese auch durchleben? Was für die Bewohner der Reichenviertel vielleicht eine Lärmbelästigung ist, bedeutet für die Favelabewohner lebensgefährlichen Alltag. In sozialen Netzwerken wie Facebook äußerten Bewohner der Favela Rocinha ihren Ärger.

Ostertragödie: Vierjähriger in Favela erschossen

Erneut wurde in Rio de Janeiro ein Kind in einer Favela bei einer Schießerei getötet. Der vierjährige Ryan Gabriel wurde am Ostersonntag in der Favela Morro do Cajueiro  in der Nordzone angeschossen, während er vor dem Haus seiner Großeltern spielte. „Ich habe nicht gesehen, woher die Schüsse kamen, mein Enkel ist einfach auf den Boden gefallen“, erzählte der Großvater brasilianischen Medien. „Es trifft immer nur Unschuldige.“

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Der Junge geriet offenbar ins Kreuzfeuer zweier Gangs: eine rivalisierende Gang aus der Favela Morro da Serrinha war in die Favela Morro do Cajueiro eingedrungen, um die lokale Gang herauszufordern. Der Schuss traf den Vierjährigen in die Brust, er wurde noch ins Krankenhaus gebracht, starb aber dort an den Verletzungen.

 

Sturzfluten in Rio de Janeiro

Ausnahmezustand in Rio: Das Wasser steht meterhoch in den Straßen, mehrere Straßen wurden für den Verkehr gesperrt. In der Favela Rocinha reissen die Fluten Geröll, Dreck, sogar Motorräder mit. Social Media Videos von Favelabewohnern dokumentieren gefährliche Rettungsaktionen, bei denen die Helfer fast selbst vom Wasser mitgerissen werden. Die Straßen können nicht mehr passiert werden. Müll und die offenen Abwasserkanäle ergiessen sich über die Favela — hochinfektiös. Auch ohnehin abgesturzgefährdete Häuser am Hang könnten durch die Wassermassen und den erodierenden Boden abrutschen. 38 Favelas, vor allem in Tijuca, in der Südzone und im Zentrum wurden in den Alarmzustand versetzt. Neben der Favela Vidigal ist die Rocinha am zweitstärksten von Regen betroffen.

Update: Ein 60-jähriger Mann aus der Favela Rocinha wurde von den Wassermassen mitgerissen, bis zum Morgen wurde nach ihm gesucht. Inzwischen wurde eine Leiche gefunden, vermutlich handelt es sich um den Vermissten.

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