Polizei erschießt 10-Jährigen im Complexo do Alemão

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Foto von Eduardo Ferreira Calei (Foto: Kinho Buttered)

Vier Tote innerhalb von 24 Stunden, das jüngste Opfer war erst 10 Jahre alt: Bei den anhaltenden Polizei- und Militäroperationen im Complexo do Alemão wurde zuletzt ein kleiner Junge getötet. Eduardo Ferreira Calei wurde erschossen, während er vor dem Haus seiner Eltern im Beco da Sabino im Complexo do Alemão spielte.

Videos des blutigen Körpers des Jungen zirkulieren seit gestern durch die Netzwerke, die Anwohner beschuldigen die Polizei, dass sie den Jungen aus geringer Entfernung erschossen haben. Die Waffen der mutmaßlich beteiligten Polizisten wurden bereits zur Untersuchung konfisziert.

Auf Twitter und Facebook sorgten falsche Informationen über die Identität des getöteten Jungen für Verwirrung. Ein mutmaßlicher Polizist hat auf seinem Facebook-Profil ein Fotos eines Jungen mit Sturmgewehr gepostet und ihn als “menschlichen Müll” bezeichnet – es handelte sich aber nicht um das Kind aus dem Complexo do Alemão, bei dem keinerlei Verbindung zum Drogenhandel bekannt ist. Auch unterschiedliche Fotos des Jungen und verschiedene Namen zirkulierten online.

Anwohner organisierten sich trotz Polizeioperation zu einem kurzen Protest gegen die Gewalt im Complexo do Alemão und hielten auch eine Mahnwache für den toten Jungen ab. Online machen sie mit den Hashtags #GuerraNoAlemão und #SOSCOMPLEXODOALEMAO auf den urbanen Krieg aufmerksam, der in den Favelas des Alemão gerade stattfindet.

Mahnwache für den Jungen (Foto: Kinho Buttered)

Mahnwache für den Jungen (Foto: Kinho Buttered)

#Ostern in der Favela

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Auf Twitter, Facebook und per WhatsApp sammeln Favelabewohner Spenden für noch bedürftigere Bewohner ein: Nach den Überschwemmungen im vergangenen Jahr haben Freiwillige aus der Favela im Complexo do Alemão Lebensmittel, Möbel und Schlafplätze für betroffene Familien organisiert, jetzt zur Osterzeit sollen Kinder aus ärmeren Familien mit Schoko-Boxen und Schokoladeneiern beschenkt werden.

Im Complexo do Alemão sammeln Jugendliche aus der Favela seit 2011 Oster-Spenden ein. Bei der Aktion “Pazcoa no Alemão” kamen 2014 mehr als 6000 Geschenke zusammen. In diesem Jahr fürchten die Organisatoren, dass die ständigen Schießereien im Complexo die Verteilaktion stören oder unmöglich machen könnten. Auch in der Rocinha organisiert das Team von “Rocinha em Foco” inzwischen eine Osteraktion. Wir haben auch Schokolade eingekauft und sie mit dem Mototaxi bis hoch auf den Berg gefahren.

Abgegeben werden können die Schoko-Boxen auch in den Läden Loja Shark (Trav Oliveira n20), Loja Net Rocinha (Estr. Da Gávea n463) oder Loja Capemisa (Caminho do Boiadeiro, ao lado da Ortobom). Am kommenden Freitag verteilen das Team von “Rocinha em Foco” und Freiwillige die Schokoladen-Boxen dann an Kids aus der Rocinha.

Despite the ongoing shootout and violence, chocolate counts: If you`re currently in Rio de Janeiro go get some chocolate boxes for Favela Kids and donate it to Rocinha em Foco or A Voz da Comunidade – you can bring the boxes to Pickup points inside and outside the Favela.

PICKUP POINTS FOR ROCINHA`S KIDS (before Friday!!):

  • In Favela Rocinha: Loja Shark (Trav Oliveira n20), Loja Net Rocinha (Estr. Da Gávea n463) or Loja Capemisa (Caminho do Boiadeiro, ao lado da Ortobom)
  • Outside of the Favela: STUDIO TRAMITE, Rua J.J. Seabra, n14 / c4, Jardim Botânico – Rio de Janeiro, Open: Seg. a Sex. 7am-8pm

PICKUP POINTS FOR KIDS FROM COMPLEXO DO ALEMAO (before Friday!!):

  • Shopping Nova América – Espano Cliente (praça de alimentação 1• piso)
  • Redação Voz da Comunidade – Rua Além Paraíba, 785 – Higienópolis (Próximo ao supermercado Prezunic). Aos cuidados de Tiago Bastos ou Geisa Pires. Tel: (21) 3586-2383
  • Região Metropolitana – São Gonçalo, atrás do Boullevard Shopping, nº 150 – Aos cuidados de Roberta Meireles. Tel: (021) 98133-8753.

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Mögliches WhatsApp-Ende schockiert Brasilien

Wenig hat in Brasilien eine vergleichbare Panik ausgelöst wie die Ankündigung, den Messenger WhatsApp zu blockieren. Zur Freude alternativer Angebote: Konkurrenzprogramme wie „Telegram“ oder „Viber“ boomten mit Millionendownloads.

Bei den kommunikationsfreudigen Brasilianern schlug die Nachricht über die potentielle Schließung des Nachrichtendienstes WhatsApp ein wie eine digitale Bombe. Auf sozialen Netzwerken überschlugen sich Entsetzen, Chaos und die Kommentare, wie man seine Hunderten Kontakte, Nachrichten und Bilder sichern sollte, wie schnell ein solches Verbot eintreten könnte.

WhatsApp vor dem Aus? (Screenshot WhatsApp)

WhatsApp vor dem Aus? (Screenshot WhatsApp)

Grund für dieses digitale Lauffeuer ist die Ankündigung des brasilianischen Richters Luiz de Moura Correia, WhatsApp in Brasilien zu blockieren. Der Richter aus dem Nordosten Brasiliens war mit dem Dienst unzufrieden. Wiederholt hatten die Behörden im Bundesstaat Piauí Kooperation bei Verfahren gegen Kriminelle gefordert. WhatsApp hatte aber auf die Anfragen nicht zufriedenstellend reagiert und das geforderte Beweismaterial nicht zugänglich gemacht. Weil das Unternehmen keinen Sitz in Brasilien habe, sehe es sich nicht dazu verpflichtet, mit der Polizei zu kooperieren, so der Richter.

 Zurück zum “Telegram”

Bei den Nutzern schlug die Panik bald in Humor um: „Telegram“ wurde zum neuen Codewort. Denn der Messenger profitierte von der WhatsApp-Angst: Innerhalb von 24 Stunden stieg der Download des Dienstes in Brasilien auf 2, 5 Millionen. Dieser Boom führte zeitweise zu einem kleinen Kollaps des Systems.

Leichter hatte es „Viber“, ein Nachrichtendienst, der in Brasilien schon zahlreiche Nutzer hat. Er konnte „Telegram“ mit 3,5 Millionen Downloads noch toppen  Continue reading

Favela Rocinha als App

Favela-News für unterwegs: Die Bewohner der Favela Rocinha können sich ab sofort mit einer App über das informieren, was in der Favela geschieht. Die App des Bürgermediums “Viva Rocinha” steht im Google Play Store zum Download bereit.

Das Nachrichtenportal “Viva Rocinha” wird von dem 21-jährigen Favelareporter Michel Silva betrieben, den wir für das E + Z Magazin über seine Arbeit als Bürgerreporter interviewt hatten.

News aus der Favela – Bürgerreporter Michel Silva (Foto: Michel Silva)

News aus der Favela – Bürgerreporter Michel Silva (Foto: Michel Silva)

 

Schüler entdecken das Mac-Pad

Eine brasilianische Schule in Minas Gerais wollte damit werben, wie digital und fortschrittlich sie ist: mit Anzeigen, die Schüler zeigen, die ein Macbook in der Hand halten. Allerdings scheinen sie noch digitale Nachhilfe zu brauchen: Sie haben da wohl etwas verwechselt – und halten das Macbook wie ein Tablet in der Hand.

Nun ist die Anzeige in ganz Brasilien viral gegangen, im Netz hagelt es bissige Kommentare und zahlreiche Künstler haben Anzeigen entworfen, auf denen die beiden Schülerinnen nun nicht mehr auf ein Mac-Pad starren, sondern auf einen alten Röhrenfernseher oder ein Tamagotchi.

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Die Schule hat wohl nochmal gegoogelt – und schnell eine Anzeige nachgeschoben, auf der nun tatsächlich ein Mädchen mit Tablet zu sehen ist. Ein Kommentar dazu: “Awwwww – sie haben ein iPad bestellt”.

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Eine Uni für die Favela

Kunst auf dem Kopf: So sehen Haartattoos eigentlich aus (Foto: BuzzingCities)

Neue Chance für die junge Generation: Eine Uni in der Favela (Foto: BuzzingCities)

Mit einer ePetition fordern Bewohner des Complexo do Alemão, dass sie endlich eine eigene Universität erhalten. Eine Niederlassung des Instituto Federal do Estado do Rio de Janeiro (IFRJ) sollte mitten in die Favelasiedlungen des Complexo, in denen Hunderttausende Menschen leben, gebaut werden – und der jungen Favela-Generation einen direkteren Zugang zur Hochschulbildung eröffnen.

Schon 2011 war das Vorhaben zwischen Bildungsministerium und dem Institut mit einem Vertrag besiegelt worden. Resultat: „Jetzt ist schon 2015 und bis jetzt, nichts“, so die Petition. „Obwohl die Stadtverwaltung anfangs zugesagt hat, dass sie die Initiative unterstützt, ist sie in der Praxis das größte Hindernis für die Einrichtung des IFRJ im Alemão.“

Seit 2011 geplant: die Favela-Uni (Screenshot)

Seit 2011 geplant: die Favela-Uni (Screenshot)

Der Vorwurf: Die Stadtverwaltung gebe das Gebiet nicht frei, auf dem die Errichtung des Favela-Campus geplant war. Stattdessen werde das Gebiet von der Befriedungspolizei genutzt. Da die vertraglich festgelegte Zeitspanne für den Uni-Bau aber bald abläuft, könnte das gesamte Projekt dadurch scheitern.

SMS-Alarm bei Erdrutsch und Überschwemmungen

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Überschwemmte Wohnzimmer, Häuser, die den Hang hinunter rutschen, Wege, die sich in Springfluten verwandeln: Zur Sommerregenzeit zwischen Dezember und März  sind die Favelas besonders gefährdet. Im vergangenen Jahr hatten Überschwemmungen etwa im Complexo do Alemão zahlreiche Familien obdachlos gemacht.

Rio de Janeiro will Favelabewohner mit einem Frühwarnsystem bei potentiellen Risikosituationen alarmieren und Tote vermeiden. Überschreitet das Regenwasser in bestimmten Gebieten ein gewisses Volumen, wird das Notfallsystem ausgelöst.

In zehn Favelas wurde am 15. Januar für den Ernstfall geprobt. Eine Notfallsirene alarmierte die Bewohner mittags, SMS-Nachrichten wurden an bestimmte Favelabewohner geschickt, die auch andere über die drohenden Gefahren informieren sollten und sie anwiesen, in sicherere Gebiete zu flüchten. Mit Trainings waren 7000 Favelabewohner im Vorfeld darauf vorbereitet worden, als Nothelfer zu fungieren – damit sie die Informationsweitergabe und die Situation managen können, bis professionelle Teams der Stadtverwaltung eintreffen.

Bisher sind in 103 besonders von Erdrutsch gefährdeten Favelas (bei mehr als 1000 Favelas in Rio) 165 Sirenen und 194 Notfallzentren eingerichtet worden. Das Alarmsystem wurde 2011 eingerichtet, seitdem sollen in den aufgerüsteten 103 Favelas keine Menschen mehr bei Überschwemmungen und Erdrutsch ums Leben gekommen sein.

Live aus der Favela: Best of 2014

Fußball, Proteste, Schießereien, Wahlen: Beste, schönste und schwierigste Momente aus den Favelas von Rio de Janeiro im Jahr der Fußball-WM.

Der beste Moment

Fast hätten wir das WM-Finale verpasst. Rund um das Maracanã-Stadion war die ganze Stadt gesperrt und wir steckten stundenlang im Verkehr fest, und konnten das Jubeln und Gröhlen im Stadion nur im Radio verfolgen. Irgendwie haben wir es doch noch in die Favela Mangueira geschafft, und mit den Favelabewohnern gefeiert – mit Blick von oben auf das Maracanã-Stadion.

(Fotos: BuzzingCities)

WM-Finale: Feiern mit den Bewohnern der Favela Mangueira (Fotos: BuzzingCities)

Der Tiefpunkt

Ein loses Rohr, zuviel zu Tragen, ein falscher Tritt, und schon kann alles vorbei sein. Julia ist in Brasilien gestürzt und musste sich dann erstmal zwei Monate im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem irgendwie positiv: Der Perspektivenwechsel, durch den wir verdammt viel lernen konnten – auch wie weit es noch bis zur Barrierefreiheit ist.

Most scary moment

Marode Stromleitungen als explosive Mischung: Auf einmal brannten die Stromknäuel auf der Straße, die zu unserer Wohnung hinaufführt, und brachen auf die Straße hinunter. Auch Mülltonnen schmolzen im Feuer – und niemand wusste, wie weit sich das Feuer über die Leitungen ausbreiten würde.

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Kabelbrand in der Rocinha: 1001 Gründe für Feuer in Favelas (Foto: BuzzingCities)

Wenn es in der Favela brennt, muss die Feuerwehr sich aber erst durch den Stau auf der Hauptstraße schlängeln – immerhin wurde dann der Kabelsalat an der Brandstelle Stunden später von Elektrikern notdürftig zusammengeflickt. Verletzt wurde niemand, nur ein WM-Spiel verpassten die Bewohner von Laboriaux oben auf dem Berg bei dem Stromausfall.

Der stressigste Moment

Noch nie war eine Wahl selbst bis kurz vor Ende so knapp wie in diesem Herbst bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen. Erst stürzte der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat mit dem Flugzeug ab und kam ums Leben, die hochgejubelte Kandidatin Marina Silva, der einige Medien sogar Erfolgschancen auf das Amt vorausgesagt hatten, schied schon bei den Vorwahlen aus. Und das folgende überraschende Duell zwischen Dilma Rousseff und Aecio Neves spaltete das ganze Land, begleitet von Schlammschlachten und extremen Populismus und Gerüchten auf allen Seiten – und blieb bis zum Schluss nervenaufreibend unentschieden.

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Persönlichkeit des Jahres

Das Jahr der Fußball-WM war auch ein erfolgreiches Jahr für Suélen – sie hat einen Jiu-Jitsu-Pokal nach dem anderen abgeräumt. Als die Befriedungspolizei UPP vor der Fußball-WM die Favelas besetzte, begann sie im Sportprogramm der Polizei zu trainieren, gerade sie, die aus einer Familie kommt, für die die Polizei früher der Feind war. Inzwischen trainiert sie selbst jüngere Kinder – und kann sich vorstellen, Profisportlerin zu werden. Rock on!

Soundtrack des Jahres

Mit seinem Knast-Tattoo, einer Träne am Auge, und Videoclips, in denen er Yachten, schnelle Autos und BlingBling feiert, ist MC Guimê nicht gerade das ideale Vorbild für die Favelajugend und umstrittener Protagonist des Funk Ostentação. Mit seinem sanften Hit “País do Futebol” (Land des Fußballs), in dem es auch um die Bedeutung von Fußball in der Favela geht, hat er aber 2014 einen inoffiziellen WM-Sound geliefert, der innerhalb von 24 Stunden mehr als eine Million Mal auf Youtube geklickt wurde und zu den zehn meistverkauften iTunes-Hits in Brasilien aufstieg.

Das beste Foto

Sie konnten es nicht lassen: In Brasilien haben Tausende Wähler beim diesjährigen Wahlmarathon ihre Entscheidung auch fotografisch dokumentiert: mit Selfies von der (in Brasilien elektronischen) Wahlurne. Das ist illegal – aber hat zu viel Wahlbegeisterung in den sozialen Netzwerken geführt und politische Debatten angeregt.

Selfie bei der Wahl - eigentlich verboten

Selfie bei der Wahl – eigentlich verboten

Film des Jahres

Kirchliche Hetze gegen Homosexualität, brasilianisches Machotum: In Brasilien LGBT zu sein und sich dazu bekennen, kann schwierig, immer wieder auch lebensgefährlich sein – in Favelas wie an anderen Orten auch. Der Dokumentarfilm “Favela Gay” begleitet elf queere Favelabewohner. Den Filmemacher Rodrigo Felha haben wir kennengelernt – bei der Party auf einem Wagen der riesigen Gay-Parade des Complexo do Alemao.

Auf der LGBT-Parade (Foto: Buzzingcities)

Auf der LGBT-Parade im Complexo do Alemao (Foto: Buzzingcities)

 

Bestes Projekt

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Skateboards, lange Accessoires der wohlhabenderen urbanen Elite, haben inzwischen auch die Favelas von Rio eingenommen. Schon die Kleinsten skaten mit waghalsigen Stunt alles, was am entferntesten an ein Skateboard erinnert. Im Complexo da Maré skaten Favelabewohner zusammen in der Gruppe „Maré Longboard“ und veranstalten Wettbewerbe in der Favela. Zusammen erobern sie auch die Stadt – und versuchen sich mit den Hipstern vom „Asfalto“ in den Skateparks von Rio an neuen Tricks. Oder skaten wie alle anderen Stadtbewohner sonntags an der Strandpromenade von Ipanema entlang.

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Das schlafloseste Wochenende

Keine Zeit, den Jetlag wegzuschlafen: Rio, Brasilia, Paris, Berlin, mit dem Zug nach Hamburg und kaum aus dem Zug gestiegen, begann der Dreh mit dem ARD-Nachtmagazin. Dann ein Wochenende voller Talks und Diskussionen bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche – wir haben über die Digitalisierung der Favelas gesprochen und wie Gangs und Kartelle soziale Netzwerke nutzen. Zurück nach Rio, zur Fußball-WM.

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Social Media-Kampagne des Jahres

Hilfeschrei aus der Favela: Kurz nach der WM explodierte die Gewalt im Complexo do Alemao erneut – Drogengangs und Polizei bekämpften sich wieder offensiv, zahlreiche Menschen starben im Kreuzfeuer. Mit einer Social Media-Kampagne haben die Bewohner des Complexo darauf aufmerksam gemacht, was passiert.

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Beste Idee

Bücher sind in den Favelas von Rio seltener als Mobiltelefone. Inzwischen gibt es mit der neuen Bibliothek in der Rocinha endlich einen Raum für Bücher und ein bisschen Ruhe, um sie zu lesen – und ganz oben bei uns auf dem Berg steht seit neuestem eine Straßen-Bibliothek. Wir wollten schon länger eine Give-Box in der Favela einrichten, jetzt wurde zumindest eine Buch-Box in Laboriaux etabliert. Bücher bringen, leihen, tauschen, im Vorbeigehen.

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Favelakultur im VW-Bus

Es muss ja nicht immer ein Onlineprojekt sein. Mit einem betagten, knallbunt bemalten VW-Bus wollen Eddu Grau aus dem Complexo do Alemão und seine Freundin Ellen Sluis die Kluft zwischen Favelas und dem Rest der Stadt überbrücken. Der “Kombi 55” soll die mobile Ergänzung zum Kulturzentrum “Barraco 55” im Complexo do Alemão sein – und Kultur, Kunst und Menschen aus den Favelas in andere Stadtteile transportieren.

Kombi 55 (Foto: Eddu Grau)

#Kombi 55 (Foto: Eddu Grau)

Die Idee wurde jetzt mit einem brasilianischen Kreativpreis, dem Prêmio Brasil Criativo, ausgezeichnet. Und eine Facebookseite und sogar einen Hashtag besitzt das Projekt natürlich auch.

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Schulfrei bei Schießereien

Aus dem Complexo da Maré im Norden von Rio twitterten vor ein paar Monaten 10-jährige Schüler Fotos von sich, wie sie sich im Klassenzimmer auf den Boden drängten – während sich Drogengangs und Polizei draußen vor der Schule ein Gefecht lieferten.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen beeinflussen die Bildungschancen in Rios Favelas – deren Schulen sowieso bereits an schlechter Ausstattung und Lehrermangel leiden. Schüler in Rios Favelas haben immer wieder schulfrei. Der Unterricht fällt bei Schießereien häufig aus, weil die Schüler ins Kreuzfeuer geraten könnten oder Lehrer nicht zu den Schulen gelangen.

Haartattoo

Aufgrund einer Attacke von Mitgliedern einer Drogengang auf die Befriedungspolizei UPP mussten in der vergangenen Woche mindestens vier Schulen, ein Kindergarten und ein Kinderbetreuungszentrum in der Favela Morro dos Macacos in Vila Isabel schließen. Etwa 1.173 Schüler waren betroffen. Von den Konflikten sind besonders häufig Favelas mit Polizeipräsenz der UPP betroffen, da Drogengangs und Polizei sich dort immer wieder beschießen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Lernatmosphäre nicht gerade förderlich für gute Noten ist – Joanna Monteiro von der Getulio Vargas Stiftung und Rudi Rocha haben am Beispiel von Matheprüfungen erstmals wissenschaftlich erforscht, wie sich Gewalt in den brasilianischen Favelas und in deren Nähe auf den Schulerfolg auswirkt. „Die Wirkung von Gewalt steigt mit der Intensität, Dauer und der Nähe zum Prüfungsdatum“, so das Fazit. „Sie nimmt mit zunehmender Distanz zwischen Schule und dem Ort des Konflikts ab.“ Schüler aus Konfliktgebieten schneiden bei Prüfungen signifikant schlechter ab als in ruhigen Gebieten – allerdings ist es auch in einer Favela ohne Schießerei schwierig zu lernen, weil Familien oft dichtgedrängt auf engem Raum leben, es kaum Privatsphäre und Ruhe gibt, überall dröhnt Musik, Kinderschreien, Hundegebell.