Die Neuvermessung der Stadt: Favelas auf der Karte

Mapa Riotur: Grüne Hügel statt Favelas (Screenshot)

Mapa Riotur: Grüne Hügel statt Favelas (Screenshot)

Auf Stadtkarten unterschlagen, von Google Maps gelöscht: Immer wieder werden die Favelas von Rio de Janeiro unsichtbar gemacht. Mit digitalen Karten und anderen kollaborativen Projekten verschaffen Favelabewohner den Armenvierteln online eine neue Präsenz.

Rio de Janeiro, weichgezeichnet für Touristen: Dort, wo eigentlich Hunderttausende Menschen leben, sind in der Stadtkarte von Riotur, der Tourismusbehörde, nur grüne Hügel zu sehen, mehrere Favelas sind einfach verschwunden. “Zwei Millionen von Menschen einfach ausgelöscht”, kritisiert Michele Silva, die in Rios größter Favela Rocinha lebt. “Die Karte repräsentiert Rio nicht.” Es ist nicht das erste Mal, dass Favelas in der Stadt mit den mehr als 1000 Favelas nicht auf offiziellen Karten auftauchen – was Silva als “Hygienepolitik” anprangert. Zusammen mit ihrem Bruder Michel und einem Team von Jugendlichen aus der Favela hat sie eine eigene Karte der Rocinha entwickelt, die auch mehr als 100 kulturelle Punkte enthält, die Mapa Cultural da Rocinha.

Mapa Cultural da Rocinha (Screenshot)

Mapa Cultural da Rocinha (Screenshot)

Da die offizielle Vermessung der Stadt Favelas bis heute oft ausschließt, erobern sich die Bewohner selbst die Sichtbarkeit zurück: „Stell dir vor, du lebst in einer Siedlung mit mehr als 20.000 Menschen, aber sie erscheint auf keiner Karte“, so die NGO AfroReggae. „Im Fall von Parada de Lucas war es lange genau so – mit Hilfe der Bewohner ändert sich das jetzt.” Die Favela Parada de Lucas liegt im ärmlichen Norden der Strandmetropole Rio de Janeiro, dort, wo sich zahlreiche Wohnviertel der unteren Mittelschicht erstrecken und Armenviertel aus Hunderttausenden Ziegelhäusern, wohin sich kaum ein Tourist oder wohlhabender Brasilianer verirrt.

Mit der Initiative „Tá no mapa“, „Es ist auf der Karte“ von AfroReggae haben junge Favelabewohner eine virtuelle Karte ihres Viertels erstellt, die auf Läden, Restaurants, Plätze, Kirchen oder Sehenswürdigkeiten aufmerksam macht. „Eine Karte ist mehr als eine Karte – sie ist auch ein Existenzbeweis“, so AfroReggae.

Im Internet verschaffen Favelabewohner ihren Vierteln mehr Sichtbarkeit, berichten in Blogs und sozialen Netzwerken über das Geschehen in den Favelas oder vermessen die Stadt mit kollaborativen Online-Karten wie „Tá no mapa“ neu, um auch die positiven Seiten der Armenviertel zu zeigen.

Wie Legosteine aufeinandergestapelte Ziegelhäuschen, Labyrinthe aus schmalen Gassen, Straßen ohne Namen, Territorien, in denen Drogenbanden mit Maschinengewehren patrouillieren, Städte in der Stadt: Jahrzehntelang waren die brasilianischen Favelas unzugängliche Siedlungen, in denen eigene Gesetze herrschen.  Synonyme für Armut, Gewalt und Kriminalität – manche Favelas nur ein paar Schritte von den Vierteln der Wohlhabenden entfernt, viele so abgelegen, dass sich ihre Existenz verdrängen lässt. Als Schandflecken wurden die Siedlungen, in denen mehr als ein Viertel der Bewohner Rios lebt, von den offiziellen Stadtkarten verbannt, sogar von Google Maps.

VON GOOGLE MAPS GELÖSCHT

Als Google die Armenviertel im Internet anzeigte, war das für viele Brasilianer ein Schock: Auf der virtuellen Karte von Rio de Janeiro poppten überall Favelas auf, sie lenkten optisch von den etablierten Stadtvierteln und Sehenswürdigkeiten wie der Christusstatue oder dem Zuckerhut ab. Seit 2009 betrieben der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, und die städtische Tourismusagentur Riotur deshalb Lobbyarbeit – und setzten tatsächlich durch, dass der Begriff „Favela“ in Rio größtenteils von Google Maps gelöscht wird.

Die meisten Favelas werden nur noch mit ihrem Namen angezeigt, oder mit dem Begriff „Morro“ davor, Hügel – ein brasilianisches Synonym für Favela, das aber kaum ein Ausländer versteht. Und viele sind nur Farbkleckse auf Google Maps, weil online höchstens Hauptstraßen angezeigt werden. Die kleineren Straßen und Gassen, die in Favelas vorherrschen, bleiben unsichtbar.

In einem Google-Forum beschwert sich ein Nutzer namens  “Boctok” darüber, dass die Armenviertel in anderen brasilianischen Städten wie Recife, Fortaleza, Maceió oder João Pessoa immer noch explizit gekennzeichnet werden. Er wünscht sich, dass die Armenviertel von der Karte verschwinden – wie in Rio de Janeiro.

„Die virtuelle Löschung ist Teil des städtischen Projekts, das Armut und die Armen verstecken soll – sowohl virtuell als auch real, wie mit Zwangsumsiedelungen”, kritisiert dagegen das Comite Popular von Rio, eine Vereinigung von NGOs und Sozialaktivisten.

MIT DEM MOBILTELEFON DIE FAVELA KARTIEREN

Auch die 23-jährige Suellen Casticini aus der Favela Morro Agudo findet, dass es ein Grundrecht ist, auf einer Karte verzeichnet zu sein. Sie hat 2013 bei der Initiative „Wikimapa“ gearbeitet – und mit dem Mobiltelefon Orte in der Favela fotografiert und auf eine virtuelle Karte  hochgeladen. In den Medien werde höchstens von Kriminalität in den an die Favela Morro Agudo angrenzenden Vierteln berichtet, sagt sie. Niemand wisse, dass es in der Favela auch Schönes gebe, wie Wasserfälle oder Feste.

Die Wikimapa-Karten verschaffen einen Überblick über Sehenswürdigkeiten, Kirchen, Krankenhäuser, Schulen, Sportzentren, Organisationen, Restaurants, Bars, Bushaltestellen, Läden und Straßen in Favelasiedlungen wie Complexo da Maré, Cidade de Deus, Santa Marta, Pavão Pavãozinho und Complexo do Alemão in Rio – und ständig fügen die Reporter neue Favelas hinzu.

Hinter dem Projekt „Wikimapa“ steht die NGO Rede Jovem, die seit dem Jahr 2000 versucht, den Wandel der Favelas mit Internet und Mobiltechnologie voranzutreiben. 16 feste Wikireporter und Freiwillige haben inzwischen an der virtuellen Verortung der Favelas mitgearbeitet.

VIRTUELLE KARTEN

Die Wikireporter sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, internetaffine Jugendliche und junge Erwachsene, die in einer Favela leben und sich dort gut auskennen. Nach einem dreitägigen Workshop lernen sie mit dem Handy Fotos aufzunehmen und Videos zu produzieren, mit der Wikimapa-Webseite und der App umzugehen, mit der sie Fotos und Informationen verorten.

Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken vieles, was sie selbst noch nicht kannten – und manche Geschäftsinhaber hoffen, dass der Eintrag kostenlose Werbung für sie ist.

„Ich glaube, dass solche Initiativen helfen, Vorurteile zu brechen“, so Wikireporterin Casticini. Mit der Internetpräsenz allein werden sich die Favelas zwar nicht in normale Stadtviertel mit ausreichender Infrastruktur verwandeln. Aber die virtuelle Sichtbarkeit kann dazu beitragen, dass auch abgelegene Favelas wie Morro Agudo oder Parada de Lucas als Teil von Rio de Janeiro wahrgenommen werden, stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

 

Eine Fassung des Beitrags erschien bei VOCER, die Version wurde um ein Update erweitert

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Digitale Kontrolle: Illegale Handy-Checks in Favelas

Auf Verdacht: Immer wieder fordern Polizisten Favelabewohner auf bei Personenkontrollen ihre Whatsapp-Konten oder Fotos und Videos zu zeigen – obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gibt.

Polizisten durchsuchen bei Kontrollen in Favelas mitunter auch die Handys von Personen, um Fotos oder Messenger-Nachrichten durchzustöbern – doch das Vorgehen ist illegal. So forderten Sicherheitskräfte etwa bei Jugendlichen, die sie des Drogenhandels verdächtigten, die Smartphones, um Zugriff auf Whatsapp-Nachrichten und Kontakte zu erhalten. In einigen Fällen mussten Brasilianer auch Handys zeigen, nachdem sie Polizeioperationen oder den Gewaltmissbrauch von Polizisten dokumentiert hatten – innerhalb und außerhalb von Favelas.

Nicht alle Brasilianer wissen um ihre Rechte, so wie ein filmender Passant, der sich zur Wehr setzte, als Polizisten ihm weismachen wollten, sie hätten das Recht sein Handy für sechs Monate zu beschlagnahmen. Gerade in Favelas, in denen die Polizei zum Teil brutal durchgreift, trauen sich viele Bewohner nicht, sich gegen ungerechte Behandlungen zu wehren.

Bei Recherchen wurden auch wir bereits von Polizisten aufgefordert, Handyaufnahmen zu zeigen. Die fehlende rechtliche Grundlage gleichen manche Sicherheitskräfte in Rio aus, indem sie einen schärferen Ton anschlagen und etwa drohen, die Angelegenheit auf der nächsten Polizeistation zu klären.

Proteste Complexo do Alemão (Credit: Julia Jaroschewski)

Letzten Endes schaden die digitalen Kontrollen ohne begründeten Verdacht der Strafverfolgung: Denn selbst wenn Polizisten  komprimierende Aufnahmen auf Smartphones entdecken würden, landen sie damit im „friendly fire“. Vor Gericht würden diese Beweise nicht gelten, weil sie nicht auf rechtmäßige Weise erlangt worden sind – und torpedieren damit den gesamten Prozess.

re:publica17: Wired Drug War

Drohnen für Drogentransporte, soziale Netzwerke als Schauplatz im Drogenkrieg: Bei der größten Digitalkonferenz Europas re:publica haben wir einen Vortrag über den “Wired Drug War” gehalten – und wie Gangs und Kartelle Internet und High Tech nutzen.

Wie verändert Technologie den Drogenkrieg? Welche Plattformen und welche Technologien werden von kriminellen Organisationen genutzt? Wie kann man prüfen, ob hinter Social Media-Profilen tatsächlich Kriminelle stecken? Wie bewege ich mich sicher im Netz und erstelle mir ein unauffälliges Fake-Profil für die Recherche? Welche Tools eignen sich zur Visualisierung von Netzwerken und Recherchen?

Polizei als Zielscheibe: Die Drohungen der Drogengangs

Waffen, die auf Polizisten zielen: Auch soziale Netzwerke sind Schauplatz des Drogenkriegs. Auf Whatsapp, Facebook & Twitter narren die brasilianischen Gangs die Polizei. 

Waffen im Anschlag, gerichtet auf die Rücken von zwei Polizisten, die auf Motorrädern an einer roten Ampel stehen: Auf Whatsapp und Facebook zirkuliert ein Foto, auf dem drei Kriminelle ihre Macht demonstrieren. Es ist nur ein Symbolbild, doch es zeigt, wie verletzlich die Sicherheitskräfte in Rio de Janeiro jederzeit sind. Aufgenommen wurde das Foto in der Straße Rua Estácio de Sáo, in der Nähe einer Favela, im Norden von Rio.

Der Drogenkrieg ist längst auch digital, soziale Netzwerke machen die Gewalt der Gangs in Brasilien sichtbar, wie Julia auch für Spiegel Online analysiert hatte:

“Es sind grauenvolle Szenen, die aus Brasilien durch die sozialen Netzwerke zirkulieren. Bilder von Mord und Totschlag, die alltägliche Realität sind in den Armenvierteln, dort, wo Drogenbanden herrschen und ein eigenes Rechtssystem geschaffen haben. Lange galt: Was in der Favela geschieht, bleibt in der Favela. Doch dank Handys und sozialen Medien wird jetzt sichtbar, welche Gewaltherrschaft die Drogengangs ausüben.”

Immer wieder machen sich die Gangs über die Hilflosigkeit der Polizei lustig: Nehmen Fotos auf, in denen sie patrouillierenden Sicherheitskräften den Mittelfinger zeigen. Im Februar diesen Jahres filmten sich junge Männer dabei, wie sie bewaffnet in einem Auto an einem Quartier der Militärpolizei vorbeifuhren und dabei Beleidigungen brüllen, die Waffen zeigen. “Du wirst eine Kugel abbekommen, Scheisspolizist”, ruft einer der Jugendlichen in die Kamera. “Du wirst sterben, Hurensohn.”

Den Drohungen folgen Taten. In Rio de Janeiro sind allein in diesem Jahr mehr als 50 Polizisten gestorben, immer wieder werden Sicherheitskräfte angeschossen.

Memória Rocinha: Das digitale Gedächtnis der Favela

Vergessene Geschichte: Das Multimedia-Projekt Memória Rocinha gibt online einen Einblick in die Historie der Favela Rocinha, die von einer Handvoll selbstgebauten Hütten zu einem eigenen Stadtteil gewachsen ist und mittlerweile einen ganzen Berghang bedeckt. Die Entwicklung der informellen Siedlung, die die Bürgerjournalisten und Historiker erforscht haben, reicht von 1860 bis heute. Die wichtigsten Meilensteine, Fotos sowie Video-Interviews mit Zeitzeugen, eine Karte, prägende Favela-Institutionen und Geschichten werden auf der Plattform Memória Rocinha präsentiert, an der auch unser Favelareporter Michel Silva mitgewirkt hat.

Michel Silva auf der Spur der Geschichte (Screenshot: Memória Rocinha)

Michel Silva auf der Spur der Geschichte (Screenshot: Memória Rocinha)

Rio 2016: Was bleibt

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Impeachment und Politskandale, Wirtschaftskrise, Olympische Spiele, Proteste, Drogenkrieg und digitale Black Power: Trends und Ereignisse, die Brasilien 2016 verändert haben – und wie es weitergeht.

#1 Die Spiele

Mit den Olympischen Spielen ist in Brasilien eine Ära zu Ende gegangen – die hoffnungsvolle Aufbruchstimmung ist Vergangenheit. Immerhin: Viele Infrastrukturprojekte wie der Metro- und Straßenausbau, die Renovierung des Hafengeländes, aber auch Projekte in Rios Favelas wären ohne die Megaevents gar nicht realisiert worden, oder zumindest nicht so schnell (auch wenn viele Millionen an den falschen Stellen versickert sind).

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Die Spiele selbst waren trotz Terrorangst ein organisatorischer Erfolg, auch wenn wie immer viel improvisiert wurde. Bis zuletzt wurde an Stadien und Straßen gebaut, die zum Teil kurz vor den Spielen wieder eingestürzt sind, wie der Fahrradweg am Meer. Unsere Bilanz der Olympischen Spiele im Interview mit Das Filter.

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#2 Gold für die Favela

Die Goldmedaille für die Judo-Kämpferin Rafaela Silva – als schwarze, junge Frau aus einer Favela in dreifacher Hinsicht eine Ausnahme – aus der Cidade de Deus (City of God) hat immerhin sogar viele Favelabewohner kurzzeitig für die Spiele begeistert. Grundsätzlich hat die Kritik an den Megaevents und den versenkten öffentlichen Geldern aber dominiert.


#3 Die Rechnung 

Nach der Party: ein Trümmerhaufen. Denn die Stadt Rio de Janeiro ist pleite. Schon für die Durchführung der Spiele und Sicherheit musste der Bundeshaushalt zusätzliche Mittel bereitstellen. Auch unter der 2016 abgesetzten Ex-Präsidentin Dilma Rousseff wurde bereits radikal der Rotstift angesetzt, doch der neue Präsident Temer will das Land jetzt mit einem noch radikaleren Sparkurs sanieren. Die Haushaltssanierung geht dabei zu Lasten von zentralen Bereichen wie Gesundheit und Soziales – und trifft vor allem die, die auf öffentliche Dienstleistungen angewiesen sind. Angestellte des Öffentlichen Dienstes werden schon seit Oktober nicht mehr bezahlt.

Neue Bündnisse haben sich gebildet, die etwa gegen die eingefrorenen Gehälter, den Stellenabbau und die Kürzungen im Kulturbereich protestieren und neue Initiativen vorantreiben wollen. Julia hat etwa für den Deutschlandfunk über den Künstler-Protest berichtet. 


#4 Politisches Chaos

Ist Dilma Rousseffs Amtsenthebung ein Putsch? Ist Nachfolgepräsident Michel Temer ein legitimes Regierungsoberhaupt? Wer ist im brasilianischen Parlament nicht in ein Korruptionsverfahren verwickelt? Wird der umstrittene Richter Sergio Moro irgendwann fallen? House of Cards made in Brazil: Nichts war so dramatisch wie die politische Lage, nichts so intrigant und wendungsreich wie die politische Schlammschlacht zwischen Parteien und Politikern, aber auch Justiz. Fast täglich änderten sich in 2016 Vorsitzende von Ausschüssen, Parteien, politische Funktionen – und ebenso die Schuldzuweisungen für die katastrophale Lage im Land.

Nachdem Dilma Rousseff, die vermeintlich kriminelle Präsidentin, abgesetzt wurde, werden fast täglich neue Prozesse gegen Parlamentarier, Sprecher und sonstige Politiker eröffnet. Es war länger bekannt, dass die Baufirma Odebrecht in den Korruptionsskandal verwickelt ist – doch nach und nach werden die Ausmaße des Korruptionssumpfes öffentlich. “Würden die Verantwortlichen sprechen, könnte das ganze Land fallen”, kommentierte ein Odebrecht-Mitarbeiter das Ausmaß des landesweiten Korruptionsskandals, allerdings im Off-the-Record-Gespräch.

Inzwischen brachten seine Schwarzgeldkonten den Ex-Parlamentsvorsitzenden Eduardo Cunha zu Fall – der seinerseits das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff ins Rollen gebracht hatte. Im November 2016 wurden sogar Rio de Janeiros prominenter Ex-Gouverneur Sergio Cabral und dessen Frau verhaftet. Er soll mindestens 60 Millionen Euro Schmiergelder für die Vergabe von Bauprojekten für WM und Olympische Spiele kassiert haben.

#5 Drogenkrieg und Gewalt

Vor acht Jahren hat die UPP, Rios Befriedungspolizei, mit der Dona Marta in Botafogo die erste Favela besetzt, um die Stadt vor den Megaevents sicherer zu machen. Der Ansatz, Rios von Drogengangs beherrschte Armenviertel mit einer neuen Polizeistrategie und sozialen Maßnahmen in die Stadt zu integrieren, war sinnvoll – ist aber gescheitert. Strategische Fehler, Rio`s Policing-Historie, mangelnde Ressourcen, Korruption, aber auch das Sicherheitsrisiko durch neue Konflikte zwischen Drogengangs und Polizei haben die Gewalt zum Teil noch befördert. Auch der Drogenkrieg zwischen organisierten Banden und deren Territorialkämpfe haben die Stadt in den vergangenen Monaten erschüttert. Die Sicherheitslage und das Erbe der UPP in Rios Favelas haben wir in unserem Interview mit Jung & Naiv diskutiert – live aus der Favela Rocinha.


#6 Digitale Black Power

Mit Smartphones und digitalen Medien ist der Rassismus in Rio sichtbarer geworden. Die Polizei tötet vor allem junge, schwarze Männer aus den Favelas, die generalverdächtigt werden zu den Drogengangs zu gehören. Todesumstände werden oft nicht näher untersucht, die Polizisten gehen meistens straflos aus. Julia hat für die taz über die Morde berichtet – und darüber, wie digitale Initiativen gegen die Polizeigewalt kämpfen. 

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2017 wird das Jahr der digitalen Black Power-Bewegung: Mit Twitter, Facebookseiten, Plattformen, aber auch schwarzen Youtubestars werden POC-Stimmen, selbst aus den Favelas, sichtbarer – und sie vernetzen sich zunehmend global.

#7 Überwachung und Militarisierung

Polizei und Militär setzen auf Provokateure, ein Undercover-Agent spähte sogar Aktivisten bei Tinder aus: Die Überwachung von Bürgern nimmt in Brasilien zu, die Polizei geht brutal gegen Protestierende vor.

Mit den Megaevents wurden Kamerasysteme und die Überwachung aus der Luft, aber auch das Monitoring in Favelas massiv ausgebaut – eine Infrastruktur, die auch nach den Spielen erhalten bleibt.

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Raus aus der Favela

In keinem Land der Welt gibt es so viele Hausmädchen wie in Brasilien – seit Kolonialzeiten schuften Arme in den Häusern der Reichen. Doch jetzt durchbricht eine neue Generation aus den Favelas den Kreislauf.

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Unten rasen Motorradtaxis auf der steilen Straße entlang, vor der Terrasse wachsen die Ziegelhütten von Rio de Janeiros größter Favela Rocinha den Berg hinauf. Michel Silva tippt konzentriert in sein Macbook. Seine Mutter blickt ihm dabei über die Schulter, einen Computer hat sie noch nie benutzt: “Ich gehe lieber in die Kirche”, sagt Dona Jô.

Die 63-Jährige kann kaum schreiben und lesen, ist nur ein paar Jahre zur Schule gegangen. Sie hat ihr Leben lang für wenig Geld geschuftet. Für Favelabewohner gab es bisher kaum Aufstiegschancen – doch ihre Kinder haben andere Pläne.

Die Geschichte von Dona Jô und ihren drei Kindern ist auch die Geschichte eines krisengeschüttelten Landes im Umbruch, in dem immer mehr Favelakinder nicht mehr als billige Arbeitskräfte für die Wohlhabenden arbeiten wollen – und stattdessen von Universität und Karriere träumen. Sie nehmen die tiefe Spaltung des Landes in Arm und Reich nicht mehr einfach hin.

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